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Mineralstoffe

Viel hilft nicht immer viel

24.01.2014  11:06 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Zink und Selen sind lebensnotwendig und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Je nach Erkrankung profitieren Patienten von einer Supplementation. Vor allzu freizügiger Einnahme sollten PTA und Apotheker jedoch warnen.

Viele Menschen möchten mit einem Mineralstoffpräparat ihr Wohlbefinden steigern. Wie sinnvoll es ist, Mineralstoffe zu supplementieren, hängt unter anderem davon ab, ob es sich dabei um ein sogenanntes Mengen- oder ein Spurenelement handelt. Mengen­elemente wie Calcium oder Magnesium sind im Körper normalerweise mit mehr als 50 Milligramm pro Kilogramm enthalten und erst in hohen Konzentrationen toxisch.

Der Anteil der Spurenelemente wie Selen oder Zink hingegen beträgt meist weniger als 1 µg pro Kilogramm. Die therapeutische Breite dieser Substanzen ist vergleichsweise gering, und es kommt schnell zu Vergiftungserscheinungen. Ernährungswissenschaftler betonen, dass eine Supplementation vor allem in Ausnahmesituationen sinnvoll ist, zum Beispiel bei nachgewiesenem Mangel, bei Krankheiten, nach Operationen, in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Leistungssportlern. Gesunde Menschen, die sich ausgewogen ernähren, benötigen keine zusätzlichen Gaben.

Calcium ist das häufigste Mineral im menschlichen Körper. Mehr als 99 Prozent liegen chemisch gebunden als Hydroxylapatit vor. Diese Verbindung stabilisiert Knochen und Zähne.

Erwachsene sollten laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) pro Tag etwa 1000 Milligramm Calcium aufnehmen (siehe Kasten auf Seite 19). Besonders viel Calcium ist in Nüssen und Samen (Mohn: 2500 Milligramm, Sesam: 850 Milligramm, Mandeln und Haselnüsse: 250 Milligramm pro 100 Gramm), Milchprodukten (Joghurt: 150 Milligramm, Hartkäse: 1300 Milli­gramm pro 100 Gramm) und Salatsorten (Rucola: 200 Milligramm) enthalten. Wer Mineralwasser trinkt oder in Regionen mit »hartem« Leitungswasser lebt, nimmt noch weitere Mengen des Minerals auf.

Von Magnesium-Präparaten profitieren Frauen ab der Menopause, deren Osteoporoserisiko hoch ist. Ihr Körper baut durch Osteoklasten mehr Knochenmasse ab, als durch Osteoblasten gebildet werden kann. Schließlich sinkt die Knochendichte, und die Frauen erleiden häufig Frakturen. Zur Prävention reicht in diesen Fällen 1000 Milligramm Calcium pro Tag aus. Als Basistherapie kommen 800 bis 2000 I.E. Vitamin D3 oral hinzu.

Bei Zähnen läuft die Entmineralisierung anders ab: Bakterien verstoffwechseln Kohlenhydrate zu organischen Säuren. Diese greifen den Zahnschmelz oberflächlich an und lösen Calciumphosphat heraus. Im Laufe der Zeit werden die Läsionen immer tiefer und erreichen schließlich das Dentin. In diesen Fällen lässt sich durch Einnahme hochdosierter Calcium-Präparate das Calciumphosphat nicht wieder in den Schmelz einbauen. Hier sind Prophylaxe-Maßnahmen sinnvoll. Dazu sollte jeder seine Zähne täglich zweimal gründlich reinigen und in größeren Abständen vom Zahnarzt fluoridieren lassen. So wird der Zahnschmelz widerstandsfähiger gegen Säuren.

Calcium ist auch an der Muskelkontraktion und der Blutgerinnung beteiligt. Bei Gesunden liegt der Blutplasmaspiegel zwischen 2,1 bis 2,6 mmol/l. Dieser wird durch Calcitonin, Calcitriol und durch das Parathormon gesteuert.

Wichtig für die Nerven

Chemisch eng mit Calcium verwandt ist Magnesium. Je nach Härtegrad enthält das Trinkwasser in deutschen Haushalten unterschiedliche Mengen an Magnesiumsalzen. Pflanzen binden Magnesium unter anderem in Form von Chlorophyll, dem Blattgrün. Daher dienen pflanzliche Nahrungsmittel auch als Magnesiumlieferanten.

Zur ausreichenden Versorgung mit dem Mineral genügen laut Experten etwa 300 Milligramm Magnesium pro Tag. Bei Gesunden liegt der Serumspiegel zwischen 0,8 und 1,1 mmol/l. Mangelerkrankungen treten bei Menschen mit chronischen Darm- und Nierenerkrankungen, bei Diabetikern und bei Alkoholabhängigen auf. Außerdem ist der Magnesiumbedarf bei Schwangeren und Stillenden erhöht. Das gilt auch für Profisportler, die durch starkes Schwitzen Elektrolyte verlieren.

Magnesium ist nicht nur als Coenzym an zahlreichen Enzymreaktionen beteiligt, sondern beeinflusst auch das Ruhepotenzial von Muskel- und Nervenzellen. Daher eignet sich das Mineral auch zum Einsatz gegen Wadenkrämpfe, denn hinter den meist nachts auftretenden, heftigen Schmerzen kann sich ein Magnesiummangel verbergen. Den Betroffenen können PTA und Apotheker empfehlen, täglich 400 Milligramm Mag­nesium zu supplementieren. Das Mineral vermindert den Einstrom von Calciumionen in Muskelzellen.

Zur Prophylaxe

Bei werdenden Müttern sollen Magnesium-haltige Präparate helfen, eine Eklampsie zu vermeiden. Diese seltene Erkrankung trifft vor allem Erstgebärende im letzten Drittel der Schwangerschaft und geht mit Krämpfen einher. Zweimal täglich 300 Milligramm Magnesium sollen zudem prophylaktisch gegen Migräne wirken. Aufgrund der schlechten Datenlage bescheinigt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie der Substanz jedoch nur eine geringe Evidenz in dieser Indikation. Das Mineral ist nur Mittel der zweiten Wahl, um Migräneattacken vorzubeugen.

Wer zu schnell zu hohe Dosen an Magnesiumsalzen einnimmt, kann damit Durchfälle auslösen. Kein Wunder, denn das bekannte »Bittersalz« Magnesiumsulfat wurde lange Zeit als Abführmittel verwendet. Patienten mit wiederkehrenden Verdauungsproblemen sollten besser Präparate auf Basis von Quellstoffen oder Zuckeralkoholen einnehmen.

Das Stoffwechselmineral

Zink-haltige Enzyme spielen eine Rolle bei wichtigen Stoffwechselprozessen. Darüber hinaus moduliert das Spurenelement das Immunsystem und hilft, überschießende Reaktionen zu vermeiden. Als Tagesdosis empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO 5 Milli­gramm für Säuglinge, 10 Milligramm für Kinder, 12 Milligramm für Frauen und 15 Milligramm für Männer. Diese Menge nimmt jeder im Idealfall über die Nahrung auf.

Besonders viel Zink enthalten Austern (bis zu 160 Milli­gramm pro 100 Gramm), Leber (bis zu 6,3 Milligramm pro 100 Gramm) und verschiedene Weichkäsesorten (bis zu 4,6 Milli­gramm pro 100 Gramm).

In bestimmten Situationen, beispielsweise nach Verletzungen oder Operationen, ist der Zinkbedarf erhöht, sodass eine Supplementation des Spurenelements angebracht ist. Ansonsten sind Zinkpräparate nur sinnvoll, wenn tatsächlich ein Mangel nachgewiesen wurde.

Bessere Gedächtnisleistung

Wissenschaftler beschäftigt nach wie vor die physiologische Bedeutung des Spurenelements, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen. Eine amerikanische Studie zum Lernverhalten von Kindern ergab folgendes: Erhielten die Kinder pro Tag 20 Milligramm Zink, verbesserte sich ihre Gedächtnisleistung deutlich im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Supplementation. Nebenwirkungen wurden nicht erfasst.

Eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration bescheinigt, dass Erkältungserkrankungen unter der Einnahme von Zink kürzer und milder verlaufen – allerdings muss es innerhalb der ersten 24 Stunden nach Einsetzen der Symptome eingenommen werden. Bei Diarrhö raten Ärzte dazu, zur WHO-Trinklösung (Oral Rehydratation Solution, ORS) zusätzlich Zink einzunehmen.

Nicht zuletzt profitieren Patienten mit Morbus Wilson, einer seltenen erblichen Speichererkrankung des Elements Kupfer, von einer Zink-Supplementation. Unbehandelt reichert sich bei diesen Patienten Kupfer in der Leber, im zentralen Nervensystem und in den Augen an. Zinksalze beeinflussen den Stoffwechsel von Darmzellen, sodass per se weniger Kupfer resorbiert wird. Andererseits nimmt der Körper weniger Zink auf, wenn die Calciummengen im Darm hoch sind. Hinweis für die Patienten: Zinkpräparate nicht zusammen mit Milch einnehmen!

Enzymbestandteil

Selen fängt als wichtiges Spurenelement im menschlichen Organismus freie Radikale ab und wird dabei selbst oxidiert. In zahlreichen Enzymen kommt Selen gebunden an die Aminosäure Cystein als Selenocystein vor. Anstelle des Schwefels im Cystein enthält die Aminosäure das chemisch verwandte Selen.

Bei gesunden Erwachsenen liegt die Selenkonzentration im Blut zwischen 60 und 80 µG/l. Werte unter 50 µg/l gelten als kritisch, da wichtige Enzyme nicht mehr richtig arbeiten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät Erwachsenen, pro Tag 30 bis 70 Mikrogramm Selen aufzunehmen.

Besonders große Mengen des Spurenelements sind in Fisch, Fleisch, Eiern, Getreide und Milchprodukten enthalten. Untersuchungen ergaben, dass Männer in Deutschland durchschnittlich 47 Mikrogramm aufnehmen, Frauen 38 Mikrogramm. Diese Werte liegen zwar im unteren Bereich der DGE-Empfehlung, rechtfertigen aber noch keine Supplementation. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Selengaben nur bei Patienten mit nachgewiesenem Selenmangel von Vorteil sind.

Als Arzneistoff kommt Natriumselenit zum Einsatz. Nahrungsergänzungsmittel enthalten häufig Selenhefen, also Hefestämme, die auf selenreichen Nährmedien angezüchtet worden sind.

Effekte auf Schilddrüse

Da das Enzym Thyroxin-5‹-Deiodase die Bildung von Triiodthyronin aus Thyroxin katalysiert, entsteht bei Selenmangel weniger Triiodthyronin, und es kommt zu einer Schilddrüsenunterfunktion. Daher erhalten Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis, einer Autoimmunerkrankung mit Entzündung der Schilddrüse, das Spurenelement. Darüber hinaus steuern selenhaltige Enzyme die Reifung von Samenzellen.

Inwieweit sich das Spurenelement zur Prävention von Krebserkrankungen eignet, ist umstritten. Es gibt Hinweise, dass Selengaben bei Menschen mit niedrigen Selenkonzentrationen im Blut das Risiko für eine Tumorerkrankung senken. Die SELECT-Studie («Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial«) hat jedoch gezeigt, dass es bei Männern mit Prostatakarzinom keinen Mehrwert bringt.

Bei Patienten mit HIV-Infektion kann Selen die Viruslast verringern und in Absprache mit dem behandelnden Arzt die antiretrovirale Therapie unterstützen. Laut einer Analyse der Cochrane Collaboration schützt Selen nicht vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Natriumselenit sollten Patienten nicht mit Frucht- oder Gemüsesäften einnehmen und auch nicht gemeinsam mit Ascorbinsäure. Diese reduzieren das elementare Selen, sodass der Körper es nicht mehr aufnehmen kann.

Auf Gefahren hinweisen

In manchen Fällen müssen PTA oder Apotheker Patienten darauf hinweisen, dass Mineralstoffe auch schaden können. Nehmen Patienten beispielsweise über längere Zeit hoch dosierte Calcium-Präparate ein, lagert sich das Mineral mitunter in den Nierengefäßen ab (Nephrokalzinose) oder es bilden sich Calciumnierensteine. Ein weiteres Problem: Schwedische und US-amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Frauen, die mehr als 1400 Milli­gramm Calcium pro Tag aufgenommen hatten, mehr als doppelt so häufig an ischämischen Herzerkrankungen starben als eine Kontrollgruppe mit täglich nur 600 bis 1000 Milligramm. Die Wissenschaftler berücksichtigten nicht nur Supplementationen, sondern auch Calcium aus Nahrungsmitteln.

Kurz darauf belegte eine weitere Arbeit, dass dieselben Effekte auch bei Männern auftraten, allerdings war die tägliche Dosis entscheidend: Mehr als 1500 und weniger als 500 Milligramm Calcium täglich erhöhten die Sterblichkeit der Männer. Wer 1000 Milligramm einnahm, profitierte hingegen von schützenden Effekten. Ihre Ergebnisse interpretierten die Autoren beider Publikationen lediglich als Hinweis, aber nicht als Beweis. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um das Phänomen abzusichern.

Höchstgrenzen beachten

PTA und Apotheker sollten Patienten, die Mineralstoffpräparate einnehmen möchten, dennoch auf mögliche Gefahren hinweisen. Besonders häufig greifen Senioren zu Supplementen, berichten Wissenschaftler aus München. Jede fünfte Frau und jeder dritte Mann achtet beim Kauf von Magnesiumpräparaten nicht auf Höchstgrenzen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Auch Präparate mit Spurenelementen bergen Gefahren. Nehmen Gesunde Selen ein, gibt es Hinweise, dass sich dadurch ihr Risiko erhöht, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Entsprechende Veröffentlichungen enthalten zwar methodische Schwächen, sollten aber nicht ignoriert werden.

Empfohlene Calciumzufuhr der DGE

Alter / Lebenssituation Calciumzufuhr pro Tag
Säuglinge bis zum 4. Monat 220 Milligramm
Säuglinge ab dem 4. bis zum 12. Monat 330 Milligramm
Kleinkinder ab dem 1. bis zum 4. Lebensjahr 600 Milligramm
Kinder ab dem 4. bis zum 7. Lebensjahr 750 Milligramm
Kinder ab dem 7. bis zum 10. Lebensjahr 900 Milligramm
Kinder ab dem 10. bis zum 13. Lebensjahr 1100 Milligramm
Jugendliche ab dem 13. bis zum 19. Lebensjahr 1200 Milligramm
Erwachsene 1000 Milligramm
Schwangere beziehungsweise Stillende = 19 Jahre 1200 Milligramm
Schwangere beziehungsweise Stillende = 19 Jahre 1000 Milligramm

Verordnung auf Rezept

Manche Kunden fragen PTA oder Apotheker, ob ihre Krankenkasse die Supplementation übernimmt. Ärzte können Calciumverbindungen mit mindestens 300 Milligramm pro Dosiereinheit plus Vitamin D bei mehreren Krankheiten auf Kassenrezept verordnen, beispielsweise bei Osteoporose zusätzlich zur Bisphosphonat-Behandlung. »Gemäß Angabe in der jeweiligen Fachinformation bei zwingender Notwendigkeit«, heißt es im Regelwerk.

Müssen Patienten sechs Monate oder länger mindestens 7,5 Milligramm Prednisolonäquivalent pro Tag einnehmen, hat der Arzt ebenfalls die Möglichkeit, Calcium zusammen mit dem Steroid auf Kassenrezept zu verordnen. Auch bei Patienten mit einer Unterfunktion der Nebenschilddrüsen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Calcium-Monopräparate.

Magnesiumpräparate sind bei angeborenem beziehungsweise nachgewiesenem Magnesiummangel und bei hohem Eklampsierisiko in der Schwangerschaft erstattungsfähig. Die Kosten für Zink-Präparate übernehmen die Kassen wiederum zur Behandlung der enteropathischen Akrodermatitis, einer erblichen Stoffwechselerkrankung, bei Dialysepatienten und bei Morbus Wilson. /

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