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Blutbild

Was die Blutzellen verraten

24.01.2014  11:06 Uhr

Von Peter Findeisen / Die Bestimmung des Blutbildes gehört zu den häufigsten Laboruntersuchungen. Früher strichen Ärzte einen Tropfen Blut auf einem kleinen Glasstreifen aus, färbten ihn an und betrachteten dann das Bild unter dem Mikroskop – daher die Bezeichnung »Blutbild«. Moderne Laboranalysatoren erstellen Blutbilder weitestgehend automatisiert. Bei Auffälligkeiten schaut sich der Arzt aber auch heute noch das Blut unter dem Mikroskop an.

Beim sogenannten kleinen Blutbild werden die drei Zellarten des Blutes gezählt: rote Blutkörperchen (Erythrozyten), weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten). Darüber hinaus wird der Gehalt an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) gemessen. Schließlich errechnen Labormediziner noch den prozentualen Anteil der Blutzellen am Blutvolumen (Hämatokrit-Wert), das mittlere Volumen sowie die mittlere Hämoglobinkonzentration der Erythrozyten. Diese Parameter werden auch als Erythrozyten-Indices bezeichnet: MCV = mittleres corpuskuläres Volumen, MCH = mittleres corpuskuläres Hämoglobin und MCHC = mittlere corpuskuläre Hämoglobin Concentration.

Ist das kleine Blutbild auffällig, wird meist noch ein »großes Blutbild« gemacht, damit der Arzt die Ursache der Erkrankung weiter eingrenzen kann. Das große Blutbild umfasst zusätzlich die Differenzierung der verschiedenen Typen der weißen Blutkörperchen in Lymphozyten, Granulozyten und Monozyten.

Anhand der Veränderungen der Erythro-, Leuko- und Thrombozyten kann der Arzt akute Infektionen und Entzündungen sowie Krankheitsbilder wie Anämie und Blutkrebs (Leukämie) erkennen.

Erythrozyten dominieren

Das Blut besteht aus einer flüssigen Komponente (Plasma) sowie den Blutzellen, die Mediziner auch als korpus­kuläre Elemente bezeichnen. Durch Zentrifugieren oder auch einfach längeres Stehenlassen der Blutprobe lassen sich die Blutzellen vom Plasma abtrennen. Die dominierende Zellsorte im Blut sind die Erythrozyten: Sie bilden 99 Prozent des Gesamtvolumens der Blutzellen. Die Erythrozyten werden im Knochenmark gebildet und zirkulieren im Blutgefäßsystem, wo sie den Sauerstoff von der Lunge in die Gewebe transportieren. Auch Leukozyten und Thrombozyten werden im Knochenmark gebildet. Leukozyten können die Blutbahn verlassen und in den verschiedenen Geweben des Organismus »patrouillieren«. Denn ihre Aufgabe besteht vornehmlich in der Abwehr von Infektionserregern. Dabei sind die verschiedenen Leukozytenarten auf unterschiedliche Erreger spezialisiert. So bekämpfen Monozyten und neutro­phile Granulozyten eher Bakterien, während Lymphozyten eingedrungene Viren eliminieren.

Referenzwerte

Kleines Blutbild Männer Frauen
Erythrozyten: 4,5–5,9 x 1012/l 4,1–5,1 x 1012/l
MCV 81–100 fl
MCH 27–34 pg
MCHC 32–36 g/dl
Hämatokrit 40–49 % 33–43 %
Hämoglobin 13,6–17,2 g/dl 12,0–15,0 g/dl
Leukozyten 4–10 x 109/l
Thrombozyten 150–400 x 109/l
MCV = mittleres corpuskuläres Volumen, MCH = mittleres corpuskuläres Hämoglobin, MCHC = mittlere corpuskuläre Hämoglobin Concentration 1 fl = 1 Femtoliter = 10-15 Liter, 1 pg = 1 Picogramm = 10-12 g

Anhand der Veränderungen der verschiedenen Zellarten lässt sich der zeitliche Verlauf einer Infektion ablesen. So bildet das Knochenmark bei einer bakteriellen Infektion zunächst vermehrt neutrophile Granulozyten inklusive deren Vorstufen. Diese Vorstufen haben einen noch stabförmigen Kern, während bei älteren, reiferen Granulozyten der Kern deutlich in einzelne Segmente aufgeteilt ist.

Die Thrombozyten schließlich haben Bedeutung bei der Blutgerinnung und sind an der Bildung von Gefäßverstopfungen (Thromben) beteiligt.

Zu wenig Blutzellen

Bei allen drei Zellreihen des Blutes führt eine Verminderung der Zellzahl zu entsprechenden Funktionsstörungen. Ärzte sprechen dann von einer »…-penie«, zum Beispiel Leukopenie (Mangel an Leukozyten) oder Thrombopenie (Mangel an Thrombozyten). Dabei wird die jeweilige Zellreihe entweder vermindert im Knochenmark gebildet oder durch Verkürzung der Lebensdauer schneller verbraucht.

Eine Schädigung des Knochenmarks – etwa als toxische Nebenwirkung von Chemotherapeutika – führt zu einer Verarmung an weißen (Leukopenie) und roten Blutzellen (Anämie) sowie an Thrombozyten. In der Folge sind die Patienten sehr anfällig für Infekte, sie fühlen sich müde und wenig leistungsfähig. Hinzu kommt eine erhöhte Blutungsneigung. Während einer Chemotherapie verordnen Onkologen den Patienten daher gegebenenfalls Erythrozyten- oder Thrombozytenkonzentrate sowie Maßnahmen, um sie vor einer Infektion zu schützen, beispielsweise die Isolation auf einer Intensivstation.

Nicht immer gehen die Blutkörperchen insgesamt zurück, in manchen Fällen nehmen auch einzelne Zellreihen ab. Die »Blutarmut« (Anämie) ist Folge einer zu geringen Erythrozytenzahl. Die häufigste Form der Anämie ist die Eisenmangelanämie. Den Betroffenen fehlt Eisen als Strukturelement des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin), sodass die Bildung von Erythrozyten im Knochenmark entsprechend vermindert ist. Auch bei Patienten mit einer chronischen Nierenschädigung (Niereninsuffizienz) kommt es zu einer Anämie. Denn die Nieren sind für die Bildung des Hormons Erythropoetin zuständig, das ein starker Wachstumsfaktor für die roten Blutzellen ist. Durch fehlendes Erythropoetin werden daher bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz nur vermindert Erythrozyten gebildet. Andere Anämieformen beruhen auf einem erhöhten Verbrauch beziehungsweise einer verkürzten Lebensdauer von Erythrozyten. So ist beispielsweise die Malaria der Prototyp einer sogenannten hämolytischen Anämie. Hier befallen die Malariaerreger die Erythrozyten, und verursachen schließlich deren Zerfall (Hämolyse).

Überproduktion

Auch eine Erhöhung der Zellzahl (…-zytose) kann zu Funktionsstörungen führen. Unter anderem vermehren sich bei einigen Leukämieformen die weißen Blutzellen pathologisch (Leukozytose). Bei einer solchen Tumorerkrankung überschwemmen bösartige Zellklone das Blut massenhaft mit Leukozyten. Diese Leukozyten sind allerdings funktionslos und nicht mehr in der Lage, Infektionserreger abzuwehren. Daher sind die Patienten trotz erhöhter Leukozytenzahl besonders infektanfällig. Da sich die Tumorzellen auch im Knochenmark ausbreiten, wird zunehmend die Bildung von Erythrozyten und Thrombozyten beeinträchtigt; Anämie und Thrombopenie sind die Folgen.

Großes Blutbild

mit Differenzierung der Leukozyten

neutrophile Granulozyten: segmentkernige 45–75 %

stabkernige 3–5 %

eosinophile Granulozyten=7 %

basophile Granulozyten=1 %

Lymphozyten18–45 %

Monozyten1–12 %

Die Prozentangaben beziehen sich auf die Absolutzahl der Gesamtleukozyten aus dem kleinen Blutbild.

Zudem können angeborene, strukturelle Veränderungen bestimmter Proteine die jeweilige Zellfunktion beeinflussen. Hierzu gehört etwa die Sichelzell­anämie, bei der das Hämoglobin-Gen mutiert ist und eine defekte Hämoglobin-Variante gebildet wird. Auch bei dem von-Willebrand-Syndrom kann es nach leichten Verletzungen trotz normaler Thrombozytenzahl immer wieder zu Blutungen kommen. Bei den Erkrankten wird der von-Willebrand-Faktor, der für die Thrombozytenfunktion wesentlich ist, nur unzureichend oder als defekte Variante gebildet.

Zu wenig Plasma

Der Hämatokrit-Wert lässt auch Rückschlüsse auf den Wasserhaushalt des Patienten zu. Bei länger anhaltenden Durstzuständen (Exsikkose) sinkt der flüssige Blutanteil, das Plasma, ab. Da die zellulären Komponenten konstant bleiben, nimmt der Hämatokrit-Wert entsprechend zu. Steigt er sehr stark, erhöht sich auch die Blutviskosität, und die Mikrozirkulation in den Gewebekapillaren ist beeinträchtigt.

Bei Leistungssportlern kann ein erhöhter Hämatokrit-Wert auf die Gabe von Erythropoetin hinweisen. Erythropoetin wird eingesetzt, um über die vermehrte Bildung von Erythrozyten eine erhöhten Sauerstofftransport zu erreichen und damit die Leistungsfähigkeit des Sportlers zu steigern.

Mit Hilfe der Erythrocytenindices MCH und MCV lassen sich einige Anämieformen gegeneinander abgrenzen. Bei der Eisenmangelanämie sind die Erythrozyten typischerweise blass und klein (hypochrom und microzytär). Im Gegensatz dazu entstehen bei der Vitamin-B12-Mangelanämie gut mit Hämoglobin gefüllte, große (hyperchrome, makrozytäre) Erythrozyten.

Häufig geht eine Allergie oder eine Infektion mit Parasiten, zum Beispiel Darmwürmern, mit einer Erhöhung der eosinophilen Granulozyten (Eosinophilie) einher.

Blutverlust durch Tumoren

Eine Anämie bei älteren Patienten kann auf eine Tumorerkrankung hinweisen, die der Arzt abklären sollte. So verlieren Patienten mit Tumoren im Magen-Darm-Trakt häufig Blut über den Stuhl. Andere Tumoren können zu einer Störung der Eisenverteilung führen.

Die Leukozytenzahl kann auch stressbedingt ansteigen. Außerdem führen einige Medikamente wie Glucocorticoide zu einer Leukozytose durch Anstieg der neutrophilen Granuloyzten. /

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