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Schnarchen

Atemlos in der Nacht

09.01.2015
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Von Annett Zündorf / Es faucht, zischt und knarrt in der Nacht: Schnarchen nervt, vor allem den Bettpartner. Nicht immer steckt ein harmloses Ärgernis dahinter: Treten beim Schnarchen Atemaussetzer auf, weist das unter anderem auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall hin.

Etwa ein Drittel der Deutschen schnarcht. Je älter und adipöser, desto wahrscheinlicher ist, dass Schnarchen auftritt. Die unliebsamen Geräusche entstehen, wenn die Muskulatur zwischen Nase und Kehlkopf während des Schlafes erschlafft. Der Weg für die Luft wird enger, Zäpfchen und Gaumensegel vibrieren im Luftstrom und produzieren dabei knarzende Geräusche. Theoretisch ist das kein Problem und nicht gesundheitsschädlich.

Neben diesem harmlosen Schnarchen gibt es aber auch ein gefährliches Schnarchen. Dabei erschlafft das Gewebe im Rachen komplett und verengt den Luftweg nicht nur, sondern verschließt die Atemwege ganz. Es strömt keine Luft in die Lunge, immer weniger Sauerstoff kreist im Blut. Dadurch wacht der Schlafende kurz auf, die Muskeln straffen sich, frische Luft dringt in die Lunge. Er sinkt wieder in einen tieferen Schlaf und das ganze Spiel beginnt von vorn. »Solche Atempausen können 20 oder auch 50 Sekunden dauern«, erklärt Dr. Wolfgang Galetke, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Allergologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin am Krankenhaus der Augustinnerinnen in Köln.

Probleme am Tag

Wer unter solch langen Atempausen – einer sogenannten obstruktiven Schlafapnoe – leidet, wacht am nächsten Tag auf und fühlt sich wie gerädert. An die vielen kleinen Aufwachperioden erinnert sich der Betroffene nicht. Aber der Kopf schmerzt, er ist müde, kann sich schlecht konzentrieren. »Diese Patienten sind morgens völlig verschwitzt vom Atmen gegen einen Widerstand«, sagt Dr. Michael Herzog. Der leitende Oberarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsklinikums Halle behandelt viele Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe. »Diese Menschen haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie bekommen häufiger als andere einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt.« Bei manchen lässt sich ein erhöhter Blutdruck nicht mit Medikamenten einstellen. Sogar das Auftreten von Diabetes könnte mit den Atemaussetzern zusammenhängen.

Wer sich trotz ausreichender Schlafdauer morgens nicht fit fühlt, sollte auf jeden Fall testen, ob nächtliche Atemaussetzer dafür verantwortlich sind. Einen ersten Hinweis kann häufig der Partner geben. Klingt das Schnarchen regelmäßig, handelt es sich oft um harmlose Geräusche. Wird es dagegen laut, dann leiser, setzt aus und beginnt wieder, könnte dies ein Hinweis auf Atemaussetzer sein. »Stille und unregelmäßiges Schnarchen sind verdächtig«, sagt Schlafexperte Galetke. HNO-Ärzte und Schlafmediziner sind dann die richtigen Ansprechpartner für Schnarcher.

Da sich Schnarchen im Wachzustand schlecht untersuchen lässt, nutzen Ärzte zwei verschiedene Wege. Mit einem Endoskop untersuchen sie, ob anatomische Probleme vorliegen. »Manche Menschen haben große Mandeln oder ein großes flatterndes Zäpfchen, bei anderen fällt im Schlaf die Zunge nach hinten und verschließt den Atemweg. Wir versetzen den Patient in eine leichte Narkose, schieben einen dünnen Endoskopschlauch durch die Nase und schauen uns genau an, wo es vibriert und wo Gewebe zusammenfällt«, erklärt Herzog. »Eine solche Schlafendoskopie ist zur genauen Diagnose sehr wichtig.«

Ebenso wichtig ist die sogenannte Polygrafie. Der Schnarcher wird verkabelt und schläft normal zu Hause. Während der Nacht zeichnet das Gerät auf, wie schnell, regelmäßig und mit welchem Druck er atmet und wie viel Sauerstoff im Blut kreist. »Die Analyse der Daten zeigt, ob sich der Verdacht einer obstruktiven Schlafapnoe bestätigt«, sagt Galetke. Fallen die Messungen nicht eindeutig aus, zieht der Schnarcher für eine Nacht ins Schlaflabor. Bei der Polysomnografie zeichnen die Schlafmediziner nicht nur Atembewegungen und Sauerstoffgehalt auf. Zusätzlich werden Augenbewegungen und Gehirnströme registriert. Sie geben Auskunft, wie tief der Patient schläft und verzeichnen jedes Aufwachen.

Therapie mit Maske

»Hat der Patient mehr als fünf Atem­aus­setzer in der Stunde, schnarcht er regelmäßig und fühlt er sich erschöpft, dann sollte man umgehend mit der Therapie beginnen«, sagt Galetke. Als wirksamste Therapie gilt die CPAP-Maske (Continuous Positive Airway Pressure). Diese Atemmaske wird während der Nacht aufgesetzt. Ein kleiner Kompressor saugt Raumluft an und presst sie mit erhöhtem Druck in Mund und Nase. Dadurch bleiben die Atemwege offen, die Luft strömt ungehindert ein und aus. »Die Maske wirkt wie eine Schiene aus Luft«, erklärt HNO-Arzt Herzog. Allerdings hilft die Maske nur, wenn sie getragen wird. Sobald sie abgesetzt wird, treten auch wieder Atemaussetzer auf.

Aber nicht jeder eignet sich für diese Therapieform. »Der ideale Patient ist ein älterer Herr mit Übergewicht und Bluthochdruck«, sagt Herzog. »Solch ein Patient wacht nach der ersten Nacht mit Maske erholt auf und kann es gar nicht fassen. Diese Patienten wollen ihre Maske nie wieder hergeben.« Anders sieht es bei jüngeren Menschen aus. Sie tragen die Maske meist nicht dauerhaft, weil sie zu stark sozial einschränkt – wer möchte schon seine Partnerin mit einer Atemmaske erschrecken.

Gerade bei Patienten, die einer Maske skeptisch gegenüberstehen, ist eine Schlafendoskopie besonders wichtig, um das Problem lokalisieren zu können. Sind anatomische Veränderungen die Ursache von Schnarchen und Atemaussetzern, können Ärzte auch auf andere Weise helfen. Fällt beispielsweise die Zunge beim Schlaf nach hinten, dann zieht eine Protrusionsschiene Unterkiefer und Zunge nach vorn. Diese Schiene wird nach Abformung der Zähne speziell angepasst und nur nachts getragen. Vergrößerte Mandeln und große Gaumensegel können HNO-Ärzte operativ verkleinern oder straffen. »Wir haben auch gute Erfahrung mit einer Methode gemacht, bei der eine kleine Elektrode eingepflanzt wird, die den Zungennerv stimuliert«, sagt Herzog. Das Gerät schickt permanent Impulse an den Zungennerv. Die Zungenmuskulatur bleibt daher angespannt, sodass die Zunge im Schlaf nicht in den Rachen fällt.

Wenn Kinder schnarchen

… sind meist vergrößerte Rachenmandeln schuld. In 90 Prozent der Fälle können diese operativ verkleinert werden. Dies ist sehr wichtig, denn betroffene Kinder hören oft schlecht, weil die Eustachische Röhre – die Verbindung vom Ohr zum Rachen – zuschwillt. Und wer nicht gut hört, spricht meist auch schlecht. Sogar ein kindliches Schlafapnoe-Syndrom kann auftreten. Dann sind die Kleinen während des Tages chronisch müde und gereizt. »Schnarchende Kinder erbringen deutlich schlechtere Schulleistungen«, sagt Galetke. Eltern sollten ihren Kinderarzt um Rat fragen, wenn der Nachwuchs während des Tages den Mund immer geöffnet hat und über den Mund atmet, oder wenn er nachts schnarcht oder röchelt. Manchmal klingt das Schnarchen eher nach Röcheln, weil Kinder normalerweise mit geschlossenem Mund schlafen und dann nicht die klassischen vibrierenden Schlafgeräusche auftreten.

Gesund leben beugt vor

Die beschriebenen Methoden können auch Menschen helfen, die schnarchen, aber (noch) keine Atemaussetzer haben. »Gerade wird erforscht, ob Schnarchen durch die permanenten Vibrationen Schäden im Gewebe verursacht, sodass es später zu einer Schlafapnoe kommt«, sagt Galetke. Deshalb lohnt es sich für jeden, etwas gegen das Schnarchen zu tun. Ganz wichtig für Schnarcher ist, das Körpergewicht zu reduzieren. Denn Fett lagert sich nicht nur im Bauchraum, sondern auch im Rachengewebe ab und drückt auf die Atemwege. Auch Alkohol sollte der Betroffene besser meiden – er entspannt die Muskulatur und das Gewebe erschlafft mehr als sonst. Zigaretten lassen die Schleimhäute anschwellen und verengen die Atemwege zusätzlich.

Spezielle Medikamente, Nasenflügelspreizer und Schnarchöle schätzen Schlafexperten als nicht wirksam ein. Einen Tipp aber hat Herzog: Ein Tennisball in den Rücken des Schlafanzuges genäht, verhindert die Rückenlage. Und hilft damit zumindest Schnarchern, die nur Geräusche produzieren, wenn sie auf dem Rücken schlafen. /