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Ernährung

Für die Kleinsten nur das Beste

09.01.2015  14:21 Uhr

Von Ulrike Becker / Keksbrei zum Trinken, Fruchtpüree im Quetschbeutel oder Minifruchtdesserts: Für die Zielgruppe der Ein- bis Dreijährigen kommen immer neue Produkte auf den Markt. Dabei braucht kein gesundes Kind Speziallebensmittel. Eine bessere Aufklärung der Eltern über bedarfsgerechte Kinderernährung ist dringend nötig.

Der Begriff Kinderlebensmittel bezeichnet in der Regel Produkte, die sich durch ihre Vermarktung direkt an Kinder wenden. Um die jungen Konsumenten werben die Hersteller mit Süßigkeiten zahlreichen Milchprodukten, Fruchtsäften, Wurstwaren und sogar Tütensuppen. Besonders die Kartons von Cornflakes strotzen vor Zeichentrick-Helden, Bastelanleitungen oder Spielfiguren. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch untersuchte bei einem Marktcheck über 1500 verschiedene Produkte speziell für Kinder. Bei rund 75 Prozent handelte es sich um Süßigkeiten oder ungesunde Snacks. Das Fatale: Die Kinder werden dabei schon von klein auf an den Geschmack von Fertiglebensmitteln gewöhnt, die als eher ungünstig zu bewerten sind. Das erschwert es den Eltern, Kinder für natürliche Lebensmittel zu begeistern.

Im Gegensatz zu Kinderlebensmitteln existieren für Säuglings- und Kleinkind­nahrung sehr präzise Vorschriften. Produkte für diese Zielgruppen fallen unter die gesetzlichen Bestimmungen der Diät-Verordnung. Per Definition sind Säuglinge Kinder unter zwölf Monaten, als Kleinkinder gelten die Ein- bis Dreijährigen. Die Verordnung regelt genau, welche Nährstoffe oder Zusatzstoffe in welchen Konzen­trationen enthalten sein müssen oder zugesetzt werden dürfen. So gibt es Vorschriften zum Vitamin- und Mineralstoffgehalt ebenso wie strenge Grenzwerte für Pestizide oder Nitrat. Diätetische Lebensmittel für die Kleinsten sind beispielsweise die als Beikost gefütterten Getreide- und Milchbreie zum Anrühren, Gläschenkost mit Obst- oder Gemüse-(Fleisch-)brei, Babymenüs, Kinderteller oder Babykekse. Die vorgeschriebenen Mindestmengen an Vitaminen oder Mineral­stoffen führen beispielsweise dazu, dass selbst Vollkornbreie oder Kekse aus Vollkorn mit zusätzlichem Vitamin B1 angereichert werden müssen, da der natürlicherweise vorhandene Vitamingehalt den Vorgaben nicht genügt.

Gesetzlich geregelt

Unter die Diät-Verordnung fallen auch Produkte, die sich mit einem extra Hinweis speziell an Ein- bis Dreijährige richten. Dazu zählen unter anderem Milch- und Quarkcreme, Pudding, Müsliriegel, Fruchtpüree oder Kindersaft mit entsprechender Altersangabe. Diese Lebensmittel müssen besonders niedrige Werte bei den Rückständen einhalten. Allerdings können die Produkte recht wahllos mit Nährstoffen angereichert sein. Voraussetzung ist, dass sie der Health-Claims-Verordnung entsprechen, die Aussagen zu Nährwerten und gesundheitlichen Vorteilen gesetzlich regelt. Der bisher verabschiedete Artikel, der die Entwicklung und Gesundheit von Kindern betrifft, listet neun Nährstoffe auf: DHA (Docosahexaensäure), Alpha-Linolensäure und Linolsäure zusammen, Calcium und Vitamin D zusammen sowie einzeln, Phospor, Jod, Eisen sowie Eiweiß. Lebensmittel, die die vorgeschriebenen Mindestwerte erfüllen, dürfen auf ihre Verpackungen drucken, dass sie für normales kindliches Wachstum und die Entwicklung von Kindern notwendig sind. Wie sollten Eltern da nicht denken, dass ihr Kind solche Produkte für ein gesundes Großwerden braucht? Und die Botschaft kommt an: Bei einer Befragung sagten immerhin 40 Prozent der Eltern, dass sie davon ausgehen, dass Kinderlebensmittel den Bedürfnissen der Altersgruppe entsprechen.

Bedenkliche Zusätze

Das Beispiel Kindermilch zeigt, wie weit das Angebot der Lebensmittelindustrie von den tatsächlichen Bedürfnissen der Heranwachsenden entfernt ist. Die von verschiedenen Firmen erhältliche synthetische Milch wirbt mit den angeblich besonderen Ernährungsbedürfnissen von Kleinkindern ab einem Jahr und macht Eltern glauben, dass die Kindermilch besser auf die Nährstoffversorgung von Kleinkindern abgestimmt ist als herkömmliche Trinkmilch. Das Kunstprodukt, das sowohl abgepackt als auch in Pulverform erhältlich ist, enthält beispiels­weise Zusätze an Eisen, Jod, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren, aber weniger Eiweiß und Calcium als das Original. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnte Anfang 2014 in einer Stellungnahme, dass angesichts der überwiegend ausreichenden Nährstoffversorgung von Kleinkindern beim Konsum von Kindermilch die Gefahr besteht, dass es zur unnötigen oder sogar unerwünscht hohen Aufnahme an Nährstoffen und Energie kommt. Nicht zuletzt wird durch den Konsum von Kindermilch, die aus Pulver angerührt wird, die Nutzung der Säuglingsflasche unnötig verlängert. In anderen Worten: Diese Produkte sind nicht nur völlig überflüssig, sondern können den Kleinen auch schaden.

Unnötig angereichert

Experten der Verbraucherzentralen haben sich weitere Lebensmittel für Kleinkinder genauer angeschaut und zeigten sich wenig begeistert: Trinkbreie, Milchdesserts und verzehrfertige Müslis, Smoothies oder Fruchtpürees, Früchte- und Getreideriegel sowie Menüs für Babys und Kleinkinder entsprechen zwar weitestgehend den gesetzlichen Vorschriften. Doch viele Produkte sind zu süß sowie aromatisiert und unnötigerweise mit Vitaminen, Mineralstoffen oder Omega-3-Fettsäuren angereichert. So enthält beispielsweise ein Müsliriegel speziell für Ein- bis Dreijährige nicht nur 12 g Zucker, sondern auch eine »extra Portion Eisen«. Auf dem Produkt zu lesen ist dann: »Eisen ist wichtig für die geistige Entwicklung.«

Eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Eisen kann aber durchaus problematisch sein, darauf machen die Experten des BfR schon seit Jahren aufmerksam. Denn Eisen wird zahlreichen Produkten zugesetzt, zum Beispiel Frühstückscerealien oder der beschriebenen Kindermilch. Daher können sich leicht bedenkliche Mengen auf­summieren. Eine Berechnung des Bundesinstituts zeigt, dass über den Verzehr von nur einer Portion Müsli mit Kindermilch der Referenzwert für Eisen schon fast erreicht wird.

Bestimmte Säfte, die sich traditionell an Kinder richten, werben ebenfalls mit ihrem hohen Gehalt an bestimmten Nährstoffen. Eisen (2,1 mg/100 ml) ist hier auch mit von der Partie und soll zur Konzentrationsfähigkeit beitragen. Die Anreicherung mit Calcium und Vitamin D3 soll den Knochenaufbau stärken, Zusätze von Zink und Vitamin C bewirbt der Hersteller mit der Stärkung des Immunsystems. Zink stuft das BfR jedoch generell als ungeeignet für Kinderlebensmittel ein. Der Saft einer bekannten Marke enthält dennoch 10,45 mg Zinkgluconat in 100 ml, die empfohlene Zufuhr für Kleinkinder von 3 mg Zink am Tag wird damit schnell erreicht.

Zu viel Zucker

Besonders Milchdesserts, Quarkspeisen und Pudding kommen zuckersüß und künstlich aromatisiert daher. Schon eine Portion eines viel verkauften Kinderpuddings liefert pro 125 g satte 16 g Zucker, das entspricht fünf Würfelzuckern. Ärgerlich ist auch Kinderfruchtquark, der nur eine Himbeere oder ein Fünftel Banane enthält und den Fruchtgeschmack mit Aromastoffen nachbessert. Da die Geschmacksentwicklung schon im frühen Kindesalter stattfindet, kann der frühe Konsum von übersüßen oder aromatisierten Produkten spätere Vorlieben beeinflussen und das natürliche Geschmacksempfinden stören. Hinzu kommt, dass zusätzliche Milch und Milchprodukte im ersten Lebensjahr die Eiweißzufuhr unnötig erhöhen, was die Leber und Nieren des Säuglings belastet und vermutlich das Risiko für Übergewicht steigert.

Grießbrei Vanille, Milchbrei Stracciatella oder Keksbrei für die Flasche gelten als besonders problematisch. Solche Trinkbreie liefern häufig zu viel Energie und können Übergewicht fördern, warnt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Das Nuckeln an der Flasche erhöht zudem die Gefahr für Karies an den Frontzähnen. Die Ernährungskommission der Kinderärzte hält die Vermarktung von Trinkbreien für unverantwortlich und forderte die Hersteller daher auf, solche Produkte vom Markt zu nehmen.

Kaum Kau-Anreize

Auf ein weiteres Problem weist eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund hin. Sie hat gezeigt, dass ein großer Teil der Kleinkinder noch mit zwölf Monaten industriell gefertigte Gläschenkost als Mahlzeit erhält. Da per Definition die Kleinkindphase bis zum dritten Geburtstag dauert und die Produkte entsprechend für diese Altersspannen angepriesen werden, füttern viele Eltern ihrem Nachwuchs viel länger Breie oder pürierte Kindermenüs als nötig. Kinder sollten mit Beginn der Beikost aber das Löffeln und Kauen lernen. Denn für die Zahnentwicklung, die Mundmotorik und damit auch die Sprachentwicklung ist es enorm wichtig, dass die Kaumuskulatur trainiert wird. Spätestens nach anderthalb Jahren sollte die Umstellung von Breinahrung auf die übliche Familienkost erfolgt sein, meinen die Experten des FKE.

Wie wichtig es ist, Kinder möglichst früh der Breiphase zu entwöhnen, zeigt eine Studie aus Großbritannien. Die Wissenschaftler untersuchten 155 Kinder im Alter von 20 Monaten bis 6,5 Jahren und fragten nach der Ernährung der Kinder beim Abstillen. Dabei praktizierten die Eltern zum einen sogenanntes »babygeführtes Abstillen«, wobei die Kinder neben Muttermilch immer wieder auch feste Nahrung wie zum Beispiel Brotstückchen bekamen und darauf herumkauen durften. Die Vergleichsgruppe erhielt überwiegend Brei und Püree. Die Babys, die neben dem Stillen schon früh auch feste Nahrung probieren durften, entwickelten eine größere Vorliebe für stärkehaltige und damit eher gesunde Lebensmittel und hatten später einen deutlich geringeren Body-Mass-Index als die nur mit Brei gefütterten Babys. Letztere bevorzugten eher Süßes und wurden später häufiger übergewichtig.

Überflüssig und ungesund

Ernährungswissenschaftler sind überzeugt: Spezielle Produkte für gesunde Säuglinge und Kleinkinder – ebenso wie für ältere Kinder – sind überflüssig, abgesehen von Milchersatz, wenn nicht gestillt werden kann, oder Spezialnahrung für kranke Babys. Selbstverständlich schadet der gelegentliche Verzehr einzelner Kinderlebensmittel dem Nachwuchs nicht. Doch klebrige Müsliriegel oder Fruchtmus zum Ausquetschen sind für eine gesunde Entwicklung mehr als überflüssig. Vielmehr wird mit diesen Produkten einer ungünstigen Ernährungsweise Vorschub geleistet. Dass solche Produkte mit Erfolg verkauft werden, zeigt die Verunsicherung der Eltern und fehlende Kenntnisse hinsichtlich einer bedarfsgerechten Kinderernährung.

Natürlich kann man den Eltern die Verantwortung für eine gesunde Ernährung ihrer Kinder nicht völlig absprechen. Doch gegen die ausgeklügelten Marketingstrategien der Unternehmen kommen sachliche Informationen schwer an. Daher sollte der Gesetzgeber der Lebensmittelindustrie genauer auf die Finger schauen, besonders bei Lebensmitteln für die Kleinsten. Wie die Beispiele Kindermilch oder Anreicherungen von Zink und Eisen zeigen, müsste vor bestimmten Produkten eigentlich gewarnt werden. Wichtig sind daher Aufklärungskampagnen und Beratungen für Eltern über die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Kleinen – auch in der Apotheke. /

Tipps für Eltern

  • Brei für die Beikost lässt sich im Handumdrehen selbst herstellen. Das benötigt weder viel Zeit noch viele Zutaten. Hilfe bieten die Internetseiten: www.gesund-ins-leben.de und www.fke-do.de
  • Bei Einkauf von Gläschenkost auf die Zutaten achten. Die Rezepte für selbstzubereiteten Brei geben Orientierung.
  • Auf Vollkorngetreide achten. Es liefert bei den Getreide­breien die meisten Nährstoffe.
  • Zuckerzusätze wie Fructose, Glucose, Glucosesirup, Honig, Maltodextrin, Maltose, Saccharose, Dicksäfte und Sirupe sind in Produkten für Kleinkinder überflüssig. Sie fördern die Entstehung von Karies und die frühzeitige Gewöhnung an den süßen Geschmack.
  • Eltern sollten Produkte ohne Aromastoffe bevorzugen, auch ohne natürliche Aromastoffe. Diese können die natürliche Geschmacks­entwicklung stören.
  • Salz ist für Kleinkinder überflüssig.
  • Brei sollte, mit Ausnahme des Milch-Getreide-Breis, möglichst keine Milch und Milchprodukte enthalten.