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Kolumne

Oscarreife Träume

09.01.2015
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Von Claudia Herwig / Ich schlafe für mein Leben gern und träume dabei die fantastischsten Geschichten. Leider kann ich mich nach dem Aufwachen nicht immer an meinen Traum erinnern – sonst würde ich schon längst Bestseller schreiben oder wäre Oscar- prämierte Drehbuchautorin.

Neulich erzählte ich einer Freundin bei einem Glas Wein – vielleicht waren es auch zwei – von einem Film, den ich gesehen hatte. Dieser spielte auf einem weit von der Zivilisation entfernten Hof, auf dem ein heruntergekommenes Bauernhaus samt Scheune stand. Außerdem gehörte zu dem Gelände ein dunkles Waldstück und ein kleiner See, der ein äußerst mörderisches Geheimnis in sich trug. (Ach, ich liebe Krimis!) Die Hauptdarsteller waren ein furchteinflößender Mann, seine beiden Töchter und ein junger Bursche aus der Stadt, der sich unfreiwillig auf den Hof verirrt hatte und – wie es sich für einen guten Krimi eben gehört – dort genauso unfreiwillig festsaß. Als meine Freundin mich schließlich fragte, welche Schauspieler in den Hauptrollen zu sehen gewesen waren, wurde mir auf einmal klar, dass ich den Film gar nicht gesehen hatte. Ich hatte nur ein Buch gelesen. Ich hatte in meiner Fantasie einen – wie ich finde – oscarreifen Film in meinem Kopf erzeugt. Notiz an mich selbst: Vielleicht sollte ich mal über eine Zweitkarriere als Drehbuchautorin nachdenken …

Bevor ich mir jetzt vorstelle, wie ich in einer bodenlangen Glitzerrobe die Treppen zur Oscar-Bühne hinaufstolpere, komme ich noch einmal zurück zu meiner ausgezeichneten Vorstellungskraft. Die habe ich nicht nur, wenn ich Bücher lese oder mir Geschichten ausdenke. Auch wenn ich schlafe, verfüge ich über ein unerschöpfliches Repertoire an fantastischen Bild- und Gefühlswelten – dagegen erscheinen die Lügengeschichten von Baron Münchhausen wie ein mittelmäßiges Märchen. Mitunter träume ich im Schlaf so heftig, dass ich mich kurz nach dem Aufwachen in einem Stadium großer Verwirrtheit befinde. Dann habe ich das Gefühl, dass ich immer noch falle, obwohl ich auf meiner Matratze liege, sehe den Hai noch vor mir, der im Traum gerade auf mich zu geschwommen ist oder ich schmecke noch einen Hauch der Schokoladentorte, die ich mir im Schlaf genüsslich zwischen die Kiemen geschoben habe. Ich weiß natürlich, dass das alles Quatsch ist und dass Haie in der Regel nicht durch mein Zimmer schwimmen. Aber in den ersten Sekunden nach dem Aufwachen führt mein Gehirn ein Eigenleben.

Kennen Sie den US-amerikanischen Science-Fiction-Film Inception? Wenn nicht: Schauen Sie sich ihn unbedingt an! Er hat im Jahr 2011 vier Oscars eingeheimst. Grob erläutert geht es in Inception (zu Deutsch: Einpflanzung) um die Manipulation von Träumen. Leonardo DiCaprio spielt darin die Rolle des Dominick Cobb, der mit Hilfe ausgeklügelter Technik in die Gedanken von Schlafenden eindringt, um geheime Informationen aus ihnen herauszupressen. Ein Zitat, das mir aus dem Film besonders in Erinnerung geblieben ist: »Während man träumt, fühlt sich alles real an. Dass irgendetwas merkwürdig war, erkennen wir erst, wenn wir wieder aufgewacht sind.« Leonardo DiCaprio ist im Film also nicht nur ein Traummann im doppelten Sinn, sondern spricht mir mit diesen Worten geradezu aus der Seele. Im Traum ist nämlich alles möglich!

Schön wie Dornröschen

Halten wir also fest: Ich schlafe für mein Leben gern – und träume dabei wie ein Weltmeister. Trotzdem schlafe ich wie ein Stein: Ich bewege mich kaum im Schlaf. Ich werde auch nur selten wach. Ich schaffe es sogar, genau in der Position aufzuwachen, in der ich eingeschlafen bin. Außerdem schlafe ich in der Regel acht bis neun Stunden. Würde ich all die Stunden, die ich in meinem Leben bisher verschlafen habe, nach dem Prinzip Schönheitsschlaf aufrechnen, ich würde aussehen wie die noch makellosere Form von Dornröschen. Samt Goldglitzer im Haar. Eines habe ich Dornröschen allerdings voraus: Ich brauche nicht den Stich einer Spindel, um sofort in Tiefschlaf zu fallen. Mir reicht ein Müdigkeitsanfall von zehn Sekunden. In unserer Familie halte ich damit den Rekord. Gleich nach meinem Vater. Meine von Schlafstörungen geplagte Mutter sagte früher immer zu mir: »Des mit dem tiefe Schlaf haste von deinem Vadder.« (Wir kommen aus Hessen). »Danke, Babba! Haste prima vererbbt!«

Warum wir Menschen träumen, ist bis heute übrigens nicht eindeutig geklärt. Es gibt Theorien, die besagen, dass wir träumen, um im Schlaf Dinge zu verarbeiten, die wir tagsüber erlebt oder gelernt haben. Weitere Forschungen lassen vermuten, dass uns das Träumen auf bestimmte Lebenssituationen vorbereitet und unsere praktischen Fähigkeiten trainiert. Wohingegen andere Forscher davon ausgehen, dass wir im Traum lernen, mit Angstsituationen umzugehen. Manche Menschen glauben übrigens, dass sie grundsätzlich nicht träumen. Stimmt aber nicht. Es ist wissenschaftlich belegt, dass jeder Mensch im Schlaf träumt. Es kann sich nur nicht jeder daran erinnern. Was mich am Träumen übrigens am meisten ärgert, ist, wenn ich mich nach dem Aufwachen an einen bestimmten Traum erinnern will, aber davon nur noch ein paar winzige Fetzen geblieben sind. Ich sage Ihnen: Könnte ich mich immer an alles ganz genau erinnern, ich hätte schon Besteller verfasst, Filmgeschichte geschrieben und mit der ein oder anderen Idee die Welt gerettet. Aber Träume – so real sie auch erscheinen – sind eben meistens doch nur Schäume.

Meine Liebe zum Schlaf hat allerdings nicht nur Vorteile. Die Nachteile bekomme ich jeden Morgen zu spüren, denn morgens habe ich regelmäßig Probleme, mich aus dem Bett zu schälen. Da helfen auch vier gestellte Wecker nicht. Besonders unangenehm wird es, wenn mich der schrille Ton meines Weckers mitten aus meinen schönsten Träumen reißt. »Rrrr! Rrrrrr! Rrrrrr! Rrrrrrrr!« Zack werde ich unsanft zurück in die Realität geschleudert. Ich hasse es aufzuwachen, obwohl mein Körper noch nicht bereit dazu ist. Deswegen habe ich mir Hilfe geholt. In Form einer Schlaf-App. Und mittlerweile sind wir zwei – die App und ich – ein wahres Dreamteam!

Sanfte App

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Partner, der Sie abends sanft in den Schlaf singt, nachts darauf aufpasst, wie gut Sie schlafen und Sie morgens ganz sanft weckt. Und dann fragt er Sie nach dem Aufwachen noch: »Wie fühlst du dich heute, mein Schatz?« So – na ja, so ähnlich – ist das mit meiner Schlaf-App auch. Das Einzige was ich tun muss: die Uhrzeit einstellen, den Weckton wählen und Einschlafen. Meine App weckt mich morgens innerhalb einer von mir vorgegeben Zeitspanne in den Minuten, in denen ich mich gerade sowieso in einer Leichtschlafphase befinde. Das weiß meine App, weil sie die ganze Nacht über meine Schlafaktivität und meine Bewegungen wacht. Wenn ich dann wach bin – und das bin ich, seit ich meine App benutze, sofort – kann ich noch angeben, in welcher morgendlichen Stimmung ich mich befinde und dann noch meinen Herzschlag messen lassen. Wer braucht da noch den schnöden Prinzen aus Dornröschen, um wachgeküsst zu werden? Den Märchenkuss erträume ich mir dann lieber. Wenigstens sieht mein Prinz dann aus wie Leonardo DiCaprio. Am Wochenende hat meine App übrigens Sendepause. Jeder braucht schließlich mal Ruhe. /

Die Autorin

Claudia Herwig arbeitete nach ihrer Ausbildung zur PTA sieben Jahre in einer Apotheke in Frankfurt am Main. Nach ihrem Kunstpädagogik-Studium wechselte sie zur Online-Redaktion des Magazins »Glamour« in München und ist dort heute als Redakteurin verantwortlich für die Ressorts Liebe und Lifestyle.