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Pflanzliche Sedativa

Ruhekissen aus der Natur

09.01.2015
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Von Elke Wolf / Rund jeder dritte Deutsche wartet nachts von Zeit zu Zeit umsonst auf den Sandmann. Schätzungen zufolge ist das Problem bei etwa jedem zehnten Erwachsenen chronischer Natur und behandlungsbedürftig. Sind die Schlafstörungen leicht bis moderat, empfehlen sich Phytopharmaka. Hier ein Überblick, was die Natur für Schlaf und Nerven zu bieten hat.

Experten kennen an die 100 verschiedenen Gründe, weshalb der Sandmann fernbleibt. Was die Häufigkeit betrifft, stehen Ein- und Durchschlafstörungen, auch Insomnien genannt, ganz oben auf der Liste. Dass Betroffene abends nicht einschlafen können, sich nachts von einer Seite auf die andere wälzen oder morgens viel zu früh aufwachen, liegt oft an einer enormen inneren Anspannung. Überforderung, Zeitdruck, Ängste und Stress lassen die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen. Nervöse Unruhe am Tag hat nicht selten Schlafstörungen in der Nacht zur Folge. Der Berg unerledigter Aufgaben scheint im Schlafzimmer noch zu wachsen, die Gedankenmühle rattert des Nachts unaufhörlich. Die Sorge, nicht genug Schlaf zu bekommen, erschwert das Einschlafen zusätzlich.

Grundlage jeder Therapie ist deshalb, den Tagesablauf, besonders am Abend, zu überdenken. Das Erlernen von Regeln der Schlafhygiene ist essenziell (siehe Kasten im Beitrag: Gesunde Nachtruhe: Richtig schlafen lernen). Reicht das nicht aus, kann es sinnvoll sein, den Teufelskreis aus nervöser Anspannung und Schlaflosigkeit medikamentös zu durchbrechen. Häufig werden hierzu chemisch-synthetische Präparate wie Benzodiazepine eingesetzt. Diese bergen allerdings ein Abhängigkeitspotenzial und können zum Hang-over am nächsten Tag führen. Sind die Schlafstörungen leichter bis moderater Natur und nicht organisch bedingt, bieten verschiedene Phytopharmaka eine Perspektive. Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) der europäischen Arzneimittelzulassungsbehörde EMA sieht die Wirkung für die im Folgenden jeweils genannten Indikationen als gesichert. Häufig werden Kombinationen verschiedener Extrakte eingesetzt, da sich die Wirkung der einzelnen Bestandteile potenziert oder ergänzt.

Klassiker Baldrian

Baldrian gilt als die am besten untersuchte schlafanstoßend wirkende Heilpflanze. Baldrianextrakte, gewonnen aus Valeriana officinalis, wurden von der ESCOP für die Indikationen Einschlafschwierigkeiten, Nervosität, Rastlosigkeit und Erregbarkeit positiv bewertet. Der Extrakt enthält sowohl den hemmenden Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) als auch Stoffe, die die Freisetzung von GABA in den synaptischen Spalt fördern und die Wiederaufnahme hemmen. Das Flavon 6-Methylapigenin zum Beispiel bindet hochaffin an die Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-Rezeptors. Dadurch wird die Reizleitung in überaktiven Nervenzellen gehemmt, was Nervosität und Einschlafprobleme lindert. Studien zeigen eine den Benzodiazepinen vergleichbare angstlösende Wirkung.

Andere Studien legen nahe, dass Baldrianextrakt auch über den Adenosinrezeptor wirken könnte. So beruht die Wirkung methanolischer Baldrianextrakte vor allem auf den darin enthaltenen Lignanen. Sie binden am Adenosinrezeptor des Subtyps A1 und vermitteln damit eine Adenosin-ähnliche Wirkung. Vor allem ein in methanolischem Baldrianextrakt gefundenes Olivil-Derivat zeigte eine hohe Affinität zum A1-Rezeptor.

Adenosin dämpft das aktivierende System im Vorderhirn, indem es die Ausschüttung aktivierender Transmitter hemmt. Hohe Konzentrationen an Adenosin sorgen so für einen hohen Schlafdruck, der sich im Laufe des Tages aufbaut – ein Prozess, den die Bal­drianlignane durch die adenosinerge Wirkung direkt unterstützen.

Hopfen als Partner

Ein häufiger Partner des Baldrians in Sachen Schlaf ist der Hopfen (Humulus lupus). Klinische Daten zeigen einen schlaffördernden Effekt einer Fixkombination, der der Wirkung der Monotherapie mit Baldrianextrakt überlegen ist. Hopfenextrakt, gewonnen aus den weiblichen Blütenständen, enthält Bitterstoffe wie Humulone und Lupulone sowie als Leitsubstanz das Chalkon Xanthohumol. Aus den Bitterstoffen entsteht bei längerer Lagerzeit und vermutlich auch in vivo 2-Methyl-3-buten-2-ol, das in hohen Dosen im Tierversuch stark sedierend wirkt.

Als Wirkmechanismus diskutiert man vor allem Melatonin-ähnliche Effekte. In-vitro-Untersuchungen zufolge binden methanolisch lösliche Hopfen-Inhaltsstoffe an die Melatoninrezeptoren ML1 und ML2 und steigern dadurch genau wie Melatonin selbst die Schlafbereitschaft. Das Hormon Melatonin ist der zentrale Taktgeber der inneren Uhr. Seine Freisetzung aus der Zirbeldrüse im Gehirn wird bei zunehmender Dunkelheit stimuliert. Durch Tageslicht nimmt seine Sekretion wieder ab. Eine Bindung von Melatonin an die entsprechenden Rezeptoren sorgt für ein Absinken des Blutdrucks, eine leichte Abnahme der Körpertemperatur sowie Müdigkeitsempfinden, und hat dadurch eine schlaffördernde Wirkung. Der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus wird unterstützt.

Melisse gegen Nervosität

Der dritte Kombinationspartner im Bunde der pflanzlichen Sedativa ist die Melisse (Melissa officinalis), von der ESCOP positiv bewertet für die Indikationen Nervosität, Rastlosigkeit und Erregbarkeit. Melissenblätterextrakte vermitteln ihre Effekte über die Beeinflussung des GABA-Stoffwechsels. Sie hemmen das Enzym GABA-Transaminase und verzögern damit den Abbau dieses müde machenden Botenstoffes im Gehirn. In Kombination mit Baldrian, der die Freisetzung von GABA erhöht, ist der Einsatz deshalb besonders sinnvoll.

Zur Behandlung nervöser Unruhezustände sowie Ruhelosigkeit und Reizbarkeit mit Einschlafstörungen empfiehlt die ESCOP das Kraut der Passionsblume (Passiflora incarnata). Es entfaltet seine anxiolytische und beruhigende Wirkung ebenfalls über das GABA-System, wobei Benzoflavone die Wirkung vermitteln dürften. Kleinere randomisierte Doppelblindstudien bestätigen die klinischen Effekte. Weil die Wirkung als relativ mild gilt, kommt die Pflanze mit den schönen Blüten kaum als Einzelmittel, dagegen oft in Kombination mit Baldrian, Melisse und Hopfen zum Einsatz.

Relativ neu ist die Erkenntnis, dass Inhaltsstoffe aus Passionsblumenextrakt die stimmungsaufhellende Wirkung von Johanniskraut verstärken können. Wissenschaftler der Universität Marburg konnten additive und synergistische Effekte jüngst auf molekularer Ebene nachweisen. Eine Kombination beider Extrakte erscheint also sinnvoll.

Depressive schlafen schlecht

Die eigentliche Domäne standardisierter Johanniskrautextrakte ist die Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen, nervöser Unruhe und Angst. 900 mg Extrakt aus den getrockneten Triebspitzen von Hypericum perforatum sind Placebo signifikant überlegen und wirken bei besserer Verträglichkeit genauso effektiv wie synthetische Antidepressiva bei leichten und mittelschweren Depressionen. Da Depressionen häufig mit Schlafstörungen einhergehen, verbessert sich meist auch der Schlaf, wenn die Depression behandelt wird.

Welche Inhaltsstoffe für die Wirkung des Johanniskrauts verantwortlich sind, ist noch nicht definitiv geklärt. Herba hyperici wirkt möglicherweise über die Hemmung der Catechol-O-Methyl-Transferase (COMT) sowie einer Vielzahl weiterer Neurotransmittersysteme stimmungsausgleichend und fördert die Motivation. Daran wesentlich beteiligt sind die beiden Inhaltsstoffe Hyperforin und Hypericin.

Nicht zu unterschätzen ist das Interaktionspotenzial von Johanniskraut-Präparaten; darauf sollten PTA und Apotheker im Beratungsgespräch Wert legen. Extraktbestandteile können Cytochrom-P450-abhängige Enzyme aktivieren, vor allem CYP3A4 und P-Glykoprotein. Dadurch wird die Wirkung von Antikoagulanzien wie Phenprocoumon, oralen Kontrazeptiva, trizyklischen Antidepressiva, Ciclosporin, Theophyllin und Digoxin vermindert. Das Risiko photosensibilisierender Effekte ist dagegen längst nicht so hoch wie bislang angenommen.

1:0 für pflanzliche Sedativa

Pflanzliche Beruhigungsmittel wirken zwar weniger stark als chemisch-synthetische Sedativa oder Antidepressiva, haben aber eine Reihe von Vorteilen:

  • Sie schränken die Leistungsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit nicht ein.
  • Es kommt zu keiner stofflichen Gewöhnung und Abhängigkeit.
  • Sie besitzen bei großer therapeu­tischer Breite ein günstiges Nebenwirkungsprofil.
  • Zwar wirken sie in Tier- und Humanstudien nicht hypnotisch, doch sie vermitteln nachgewiesenermaßen beruhigende, schlafanstoßende und anxiolytische Effekte in ZNS.

Achtung: Phytopharmaka sind kein Fall für die Akuttherapie. Ein Effekt ist erst nach zwei bis vier Wochen zu erwarten. Auf diese Latenzzeit sollten PTA und Apotheker ihre Patienten hinweisen.

Werden Baldrianwurzel und Johanniskraut als Trockenextrakte in Kombination eingesetzt, erzielt man insgesamt eine dreifache Wirkung: beruhigend, spannungslösend und stimmungsaufhellend. Dabei scheinen laut Studien die einzelnen Wirkaspekte zeitversetzt einzutreten. Danach setzt die beruhigende Wirkung bereits nach wenigen Stunden ein. Nach fünf bis sieben Tagen zeigt sich ein spannungslösender, reizabschirmender Effekt. Die stimmungsaufhellende Wirkung entfaltet sich nach etwa zwei Wochen.

Lavendelöl statt -säckchen

Zu Großmutters Zeiten lag noch oft ein kleines Säckchen mit eingenähten Lavendelblüten unter oder neben dem Kissen. Die beruhigende Wirkung des Lavendels macht man sich heute in Form von Lavendelöl-Kapseln zunutze. Bislang veröffentlichte Studienergebnisse lassen den Schluss zu, dass die tägliche Einnahme von 80 mg Lavendelöl in Kapselform über zehn Wochen neben einer beruhigenden Wirkung auch ängstliche Verstimmungen und Unruhezustände günstig beeinflussen kann. In mehreren Studien linderte es Angststörungen deutlich besser als Placebo, ohne dass schwerwiegende Nebenwirkungen auftraten. Lavendelöl soll darüber hinaus auch andere nervlich bedingte Beschwerden wie Reizmagen, nervöse Darmbeschwerden oder Blähungen lindern können.Eine deutsche Arbeitsgruppe konnte als möglichen molekularen Mechanismus eine nicht selektive Hemmung des Calciumeinstroms durch verschiedene spannungsabhängige Calciumkanäle ausmachen.

Stressresistent dank Rosenwurz

Ebenfalls gegen depressive Verstimmungen, Erschöpfung und Leistungsabfall, aber mehr noch zur Stärkung der Nerven und zur Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit empfiehlt sich der Wurzelextrakt der Rosenwurz (Rhodiola rosea). Was Laborversuche ankündigten, bestätigen mittlerweile fünf Doppelblindstudien, die die Wirkung eines schwedischen Rosenwurz-Extraktes untersucht hatten. Dabei kam es zu einer signifikanten Verminderung der stressbedingten Symptome wie Erschöpfung, depressive Verstimmung, Schlafstörungen und Leistungsabfall.

Der Wurzelextrakt enthält ein breites Spektrum an Inhaltsstoffen. Die Wirkmechanismen sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Die Rosenwurz gilt als Adaptogen, also eine pflanzliche Zubereitung, die dem Organismus helfen soll, sich an Stressituationen anzupassen (adaptieren) und einen positiven Effekt bei Stress-induzierten Krankheiten auszuüben. Die adaptogenen Eigenschaften werden dem Einfluss des Extraktes auf die Menge, Aktivität und den Transport von Botenstoffen in Großhirnrinde, Hirnstamm und Hypothalamus zugeordnet. Zudem aktiviert die Rosenwurz die Produktion der körpereigenen Energieträger und soll so für mehr Kraft in Phasen hoher Belastung sorgen. /