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Schlaf aus dem Rhythmus

09.01.2015
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Von Maria Pues, Köln / Wenn die innere Uhr nicht mehr richtig tickt, verändert sich Schlafdeuer und/oder Schlafqualität. Dafür kann es verschieden Ursachen geben. Drei Beispiele, die auch in der Apotheke häufig eine rolle spielen.

Nicht einschlafen zu können oder während der Nacht einmal oder gar öfter aufzuwachen, sind Beschwerden, über die Apothekenkunden häufig klagen. Nicht erholsamem Schlaf beziehungsweise Schlafstörungen können ganz unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen. Das wurde auch auf der 22. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) deutlich, die im Dezember vergangenen Jahres unter dem Titel »Schlaf und Rhythmus« in Köln stattfand. Auf dem Programm standen unter anderem das Schichtarbeitersyndrom, Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter und Schlafstörungen im Lebenszyklus der Frau. Auch für die Beratung in der Apotheke ist es wichtig, mögliche Hintergründe der Schlafstörungen zu kennen. »Wann zum Arzt?«, ist dabei eine der zentralen Fragen in der Beratung.

Mediziner verwenden bevorzugt die Bezeichnung »nicht erholsamer Schlaf«, da sie die Problematik treffender beschreibt als andere Begriffe. So schließt der Begriff nicht nur Schlaflosigkeit (Insomnien, zu denen Ein- und Durchschlafstörungen gehören) ein, sondern auch die Tagesschläfrigkeit (Hypersomnie), unter der viele Patienten leiden. Insomnien können dabei als eigenständige Störung auftreten. Sie werden dann als primäre Insomnien bezeichnet. Von sekundären oder komorbiden Insomnien sprechen Experten, wenn diese als Folge einer anderen Erkrankung auftreten. Hier ist die Liste der infrage kommenden Krankheiten lang: psychische Erkrankungen wie Depressionen gehören dazu, aber auch organische Erkrankungen wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder neurologische Erkrankungen wie das Restless-legs-Syndrom. Auch Arzneimittel, etwa eine hoch dosierte Cortisontherapie, können zu Schlafstörungen führen. Entsprechend häufig treten sie auf. Rund 10 Prozent der Bevölkerung sind Schätzungen zufolge betroffen.

Schlafmenge und Schlafqualität sind zwei zentrale Faktoren, die bestimmen, wie erholt wir am Morgen aufwachen. Für die Betroffenen ist häufig schwer zu unterscheiden, ob sie zu wenig oder zu schlecht geschlafen haben. Die Ergebnisse fühlen sich für sie praktisch gleich an: Beim Aufwachen fühlen sie sich wie gerädert, am Tag kommen sie nicht in Schwung. Die Suche nach den Ursachen, vor allem bei anhaltenden und dadurch quälenden Beschwerden, ist aber häufig schwierig, da die Beschwerdebilder denen anderer Erkrankungen gleichen können. Es kommen daher meist kombinierte Diagnoseverfahren zum Einsatz. Zu ihnen gehören Schlaftagebücher, die Bestimmung der Schlafarchitektur (Polysomnographie; siehe auch Titelbeitrag Gesunde Nachtruhe: richtig schlafen lernen) oder die Messung von Bewegungen im Schlaf (Aktimetrie).

Der Griff zu Schlafmitteln liegt für viele Betroffene nahe; sie helfen jedoch oft nur kurzzeitig. Die Schlafstörungen aber, die auch Ausdruck einer zugrundeliegenden Erkrankung sein können, bleiben bestehen, wenn mögliche Ursachen nicht geklärt werden. In manchen Fällen sind Hypnotika sogar fehl am Platze, etwa bei schlafbezogenen Atmungsstörungen wie Apnoen. Sie können die ohnehin unzureichende Atemleistung und damit die Sauerstoffversorgung während der Nacht und die Erholsamkeit des Schlafes weiter verschlechtern.

Albträume im Kindes- und Jugendalter

Ängstigende Träume, die den Nachtschlaf jäh unterbrechen, spielen bei Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter eine wichtige Rolle. Je nach Altersgruppe treten bei bis zu 5 Prozent der Kinder belastende Albträume auf, erläuterte Professor Dr. Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim beim Kongress in Köln. Aber nicht alles, was danach aussehe, sei auch ein Albtraum oder gar eine Albtraumstörung, erläuterte er weiter. Von einer Albtraumstörung spricht man, wenn Albträume häufig (einmal pro Woche) auftreten und sich auf die Tagesstimmung auswirken. Kinder können dann auch Angst vor dem Einschlafen entwickeln. Vom Albtraum zu unterscheiden ist der sogenannte Nachtschreck, Pavor nocturnus. Wichtigster Unterschied: Wenn die Kinder nicht wissen, was sie geträumt haben und sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern, dass sie in der Nacht aufgeschreckt sind, war es kein Albtraum. Weitere Unterschiede zeigt die Tabelle.

Die Unterschiede von Albtraum und Nachtschreck

Albtraum Nachtschreck
Aufwachzeitpunkt vorw. zweite Nachthälfte vorw. erste Nachthälfte
Schlafstadium REM-Schlaf Tiefschlaf
Angstreaktion moderat sehr stark
Trauminhalt detaillierter Traum fast kein Inhalt, evtl. ein bedrohliches Bild
Orientierung nach Erwachen häufig voll orientiert, auch wenn Traumangst bleibt kaum orientiert, nicht ansprechbar
Erinnerung am Morgen Inhalte werden gut erinnert keine Erinnerung an den nächtlichen Vorfall
Häufigstes Alter 6–10 Jahre 3–7 Jahre

Verfolgt zu werden, steht bei den Albtraumthemen mit großem Abstand an erster Stelle. Es folgen das Gefühl von Bedrohung, der Tod anderer Menschen sowie der eigene Tod. Auf Platz fünf rangieren Träume, in denen die Betroffenen aus großer Höhe fallen. Prüfungen werden von betroffenen Kindern und Jugendlichen eher selten genannt, berichtete Schredl. Einen Zusammenhang zwischen Schulstress und Albtraumstörungen konnten Schlafforscher nicht nachweisen.

Warum manche Kinder und Jugendliche überhaupt eine Albtraumstörung entwickeln, versuchen Modelle wie das Veranlagungs-Stress-Modell zu erklären. Danach begünstigen genetische Faktoren und die Persönlichkeit (»Dünnhäutigkeit«), aber auch ein ängstlicher Charakter und Stress sowie Traumata die Entstehung von Albträumen. Aber auch sie zu ignorieren statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen könnte dazu beitragen, dass sich eine Albtraumstörung verfestigt, warnte Schredl.

Um eine Albtraumstörung zu behandeln, gibt es eine einfache und wirkungsvolle Therapie, die Imagery Rehearsel Therapy, so Schredl. Dabei vergegenwärtigen sich betroffene Kinder ihren Traum, indem sie ihn beispielsweise auf Band sprechen. Dann überlegen sie sich einen anderen, harmlosen Ausgang. Kinder mit einer Albtraumstörung zu behandeln, könne möglicherweise auch späteren Schlafstörungen vorbeugen, sagte der Referent abschließend. So berichtete rund die Hälfte der Erwachsenen mit einer Albstraumstörung, bereits als Kinder unter belastenden Albträumen gelitten zu haben.

Schlafstörungen bei Frauen

In den Lebensabschnitten einer Frau sind es vor allem die Wechseljahre, in denen es vermehrt zu Schlafstörungen kommt. Hitzewallungen und Schweißausbrüche, die so stark sind, dass Betroffene nachts mehrfach Nacht- und Bettwäsche wechseln müssen, sind ein extremer Ausdruck der körperlichen Veränderungen, die während dieser Zeit ablaufen. Dass sie eine Nachtruhe ohne Unterbrechungen unmöglich machen, ist leicht nachvollziehbar. Aber auch ohne so stark ausgeprägte Beschwerden können die hormonellen Veränderungen einen erholsamen Schlaf beeinträchtigen, erläuterte Professor Dr. Ludwig Wildt von der Universitätsklinik für endokrinologische Gynäkologie und Reproduktionsmedizin, Department Frauenheilkunde, Innsbruck (Österreich).

Dreh- und Angelpunkt von Schlafstörungen während der Wechseljahre ist demnach eine Veränderung des inneren Messfühlers für die Körperkerntemperatur. Dieser ist hormonell bedingt nach unten reguliert, sodass die normale Körpertemperatur als zu warm empfunden wird. Der Körper versucht dann, sich durch Schweißabgabe auf den Sollwert herunterzukühlen. Die Körpertemperatur spielt aber auch für den Schlaf eine wichtige Rolle. Während der aktiven Tageszeit liegt die »Betriebstemperatur« höher, am Abend beginnt sie langsam zu fallen. Wir werden müde. Ihren tiefsten Punkt erreicht sie in den frühen Morgenstunden. Beginnt sie wieder zu steigen, meldet die innere Uhr: Bereit machen zum Wecken. Die Veränderung betrifft zudem verschiedene Botenstoffe.

Schlaf während der Wechseljahre zeichnet sich durch kürzere Perioden hoher Schlaftiefe aus. REM-Schlafphasen, in denen man träumt, werden zudem unterdrückt. Darüber hinaus wacht man häufiger auf. In der Summe ist der Schlaf weniger erholsam als man es vor Beginn der Wechseljahre gewohnt war. Auch ohne ausgeprägte klimakterische Beschwerden vermindert sich die Schlafdauer einer Studie zufolge um durchschnittlich eine Stunde, die Wachepisoden summieren sich auf rund eine Stunde. Mit postmenopausalen Beschwerden reduzierte sich die Schlafdauer sogar um drei Stunden, und die Wachepisoden addierten sich auf drei Stunden.

Estrogene, aber auch Arzneistoffe, die die Aktivierung der betreffenden Botenstoffe regulieren, können diese Vorgänge normalisieren, schloss der Referent. So ließen sich die Hitzewallungen reduzieren und die Schlafqualität verbessern.

Ob bei einer Patientin eine Hormontherapie angezeigt ist, muss eine ärztliche Untersuchung klären. PTA und Apotheker können betroffene Apothekenkundinnen über die möglichen Hintergründe ihrer Beschwerden aufklären und so die zuweilen langwierige Suche nach einer geeigneten Ein- und Durchschlafhilfe verkürzen.

Schlaflos nach der Schicht

Wer im Schichtbetrieb arbeitet, muss zu Zeiten schlafen, die der Biorhythmus dafür eigentlich nicht vorsieht. Die Zahl derer, die arbeiten, wenn andere schlafen und schlafen, wenn andere wach sind, ist groß. Rund 17 Millionen Erwerbstätige in Deutschland arbeiten in Schichten, davon 2,5 Millionen mit Nachtschichten. Schlafprobleme scheinen für sie vorprogrammiert. Dennoch gibt es nur sehr wenige Untersuchungen zu der Frage, ob und wie schlecht Schichtarbeiter wirklich schlafen, wo­ran dies möglicherweise liegt und wie man deren Situation verbessern könnte. Ein möglicher Grund für die fehlenden Untersuchungen: Es gibt eine Unzahl von Schichtsystemen: permanente Schichten, Wechselschichten, mit und ohne Nachtschicht, mit und ohne Wochenendarbeit und viele mehr.

Rund 10 Prozent der Schichtarbeiter mit Nacht-/Wechselschicht leiden an einem Schichtarbeitersyndrom (siehe Kasten). Das entspreche etwa 2 bis 5 Prozent der Bevölkerung, berichtete Dr. Jens G. Acker von der Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach. Nicht immer ist die Nachtschicht das Problem. So zitierte Acker eine Untersuchung, wonach Arbeiter mit Schlafstörungen und ausgeprägtem Schlafmangel vor allem in rotierenden Schichten gearbeitet hatten. Auf Platz 2 lagen Arbeiter aus der Tagschicht. Möglicherweise gehen sie nicht früher schlafen oder können nicht früher schlafen, obwohl sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssten. Inklusive Weg zur Arbeit treibt der Wecker manchen Schichtarbeiter bereits um 3 Uhr nachts aus dem Bett. Eine weitere Untersuchung zeigte: Nachtsschicht-Arbeiter verbringen kaum weniger Zeit im Bett als Tagschicht-Arbeiter oder Arbeiter in rotierenden Schichten. Sie schlafen nicht weniger, aber schlechter. Ihr Schlaf ist weniger erholsam, und ihr Risiko, Ein- und Durchschlafstörungen zu entwickeln, liegt erheblich höher als das der anderen Gruppen.

Hauptsymptome des Schichtarbeitersyndroms

  • Müdigkeit
  • Ein- und Durchschlafstörungen (insomnische Beschwerden)
  • Aufwachstörungen
  • Leistungsminderung
  • Konzentrationsstörungen
  • Erschöpfung

Die medikamentösen Möglichkeiten, ein Schichtarbeitersyndrom zu beeinflussen, sind begrenzt. Um den Schlafrhythmus zu verschieben, eignet sich Melatonin (mehr zu Melatonin). Hypnotika können den Schlaf verbessern. Zu diesen gehören Phytopharmaka, aber auch die sogenannten Z-Substanzen. Um in der wachen Zeit die Aufmerksamkeit zu erhöhen, stehe heute nur Coffein zur Verfügung. Arbeitsmediziner versuchen, die Arbeitsbedingungen so zu verändern, dass das Risiko für ein Schichtarbeitersyndrom sinkt. Veränderungen der Beleuchtung können etwa dazu beitragen, dass der Körper den veränderten Rhythmus toleriert, ohne völlig aus dem Takt zu geraten. Ein deutlicher Unterschied zwischen hellen und dunklen Phasen statt Dauerdämmerlicht gehört dazu. Auch wer als Arbeitnehmer seine Schicht – entsprechend seines Schlaftyps – selbst wählen kann, leidet weniger an den Beschwerden. Allerdings ist die Arbeit in Betrieben so kaum zu organisieren. Einen großen Einfluss hat auch das soziale Umfeld von Schichtarbeitern.

Fazit

Vorübergehende Schlafstörungen, für die Patienten einen akuten Anlass nennen können – beispielsweise eine anstehende Prüfung – lassen sich meist gut mit kleinen Änderungen im Alltag und/oder rezeptfreien Arzneimitteln lindern. Es gibt aber eine ganze Reihe von Schlafstörungen, denen andere Erkrankungen zugrunde liegen. Zeigen sich im Beratungsgespräch Anzeichen dafür, sollten PTA und Apotheker Betroffenen eine ärztliche Untersuchung zur Klärung der Ursachen für die Schlafprobleme empfehlen. /