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Reizdarmsyndrom

Darm macht Stress

25.01.2016
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Von Kornelija Franzen / Völlegefühl und Blähungen, Durchfall oder Verstopfung und schmerzhafte Bauchkrämpfe – die Palette möglicher Beschwerden beim Reizdarmsyndrom (RDS) ist groß. Die vorherrschenden Symptome und deren Intensität sind variabel und individuell. In der Beratung heißt es für PTA und Apotheker vor allem: gezielt nachfragen und genau zuhören.

Wissenschaftlich wird der Begriff Reizdarmsyndrom (engl. Irritable Bowel Syndrome, IBS) unter anderem als »funktionelle Darmstörung ohne nachweisbare biochemische oder strukturelle Normabweichung« charakterisiert. Für Betroffene bedeutet dies: Im Rahmen einer Ausschlussdiagnostik haben weder eine gründliche Anamnese noch Labordiagnostik oder körper­liche Untersuchungen Hinweise auf eine organbedingte Erkrankung ergeben – Parasiten, Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen oder gar ein bösartiger Tumor scheiden damit als Ursache aus. Doch die Freude über die gute Nachricht währt nicht lange: Ohne klaren, klinischen Befund kann keine standardisierte Therapie erfolgen. Aufgrund der Mannigfaltigkeit der Beschwerden gestaltet sich die ­Suche nach einem effektiven Behandlungsansatz aber oft kompliziert.

Leitlinie schafft Klarheit

Struktur in das Wirrwarr aus Symptomen und damit verbundenen Therapieoptionen bringt die aktuelle S3-Leitlinie zur Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Reizdarmsyndroms, nachzulesen auf www.dgsv.de. Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und die Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) haben die Leitlinie gemeinsam erstellt. Die Diagnose RDS kann demnach nur gestellt werden, wenn die Symptome über mindestens drei Monate fortbestehen und damit einen chronischen Charakter haben. Definitionsgemäß ist die Lebensqualität des Patienten bei RDS stark eingeschränkt. Vereinfacht unterscheidet man Diarrhö- und Obstipations-dominante Formen beziehungsweise einen Mischtyp, bei dem sich Durchfall und Verstopfung abwechseln. Bei einem weiteren Patientenkollektiv stehen Schmerzen, ausgelöst durch Blähungen sowie Bauch- und Darmkrämpfe, im Vordergrund.

Auch wenn die Ursachen des RDS noch weitgehend unbekannt sind und eine einheitliche Pathophysiologie fehlt, treten gewisse Merkmale oder Veränderungen in einer statistisch signifikanten Häufigkeit auf. Die S3-Leit­linie nennt eine veränderte Darmflora (Mikrobiota), intestinale Entzündungsprozesse, erhöhte Durchlässigkeit der Darmwände und Motilitätsstörungen. Auswertungen von Patientendaten zeigen außerdem, dass ein RDS häufig im Anschluss an einen gastrointestinalen Infekt auftritt. Ebenso sind bestimmte Erbfaktoren mit einer erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit assoziiert. Im Vergleich zu Gesunden treten gewisse Genvarianten (Polymorphismen) vermehrt auf. Betroffen sind Gene, die für wichtige Proteine der Magen-Darm-Funktion codieren. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen erkranken häufiger. Gründe für diese Prävalenz fehlen bisher.

Hypersensibel

Vielfach ist der Darm von RDS-Patienten besonders schmerzempfindlich, man spricht von einer viszeralen Hypersensitivität. Bereits kleinste Dehnungsreize – verursacht durch geringe Stuhlmengen oder Blähungen – werden als schmerzhaft empfunden. ­Auffällig ist, dass das RDS oft gemeinsam mit einer weiteren somatoformen ­Störung (körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursachen, etwa funktionelle Dyspepsie oder chronisches Erschöpfungssyndrom) oder psychischen Erkrankungen (wie Angststörungen, Depressionen) einhergeht. Werden parallel auftretende psychische Erkrankungen medikamentös behandelt, bessert sich meist auch die RDS-Symptomatik.

Führt man sich vor Augen, dass der Darm ein dichtes, nahezu eigenständiges enterisches Nervensystem besitzt – oft als »Bauchhirn« bezeichnet (lesen Sie dazu auch ab Seite 42) –, erscheint die enge Verknüpfung von Psyche und Darm nicht weiter verwunderlich. Im Tiermodell verändern akuter sowie chronischer Stress gastrointestinale Funktionen. Zahlreiche Daten belegen, dass sich die Symptomatik bessert, wenn die Betroffenen Stress vermeiden. PTA und Apotheker können daher im Beratungsgespräch zu mehr Ruhephasen im Alltag raten.

Situationen, die individuell als Stress empfunden werden, sollten so weit wie möglich vermieden werden. Entspannungstechniken wie Yoga oder ein psychotherapeutisches Verfahren sowie eine ­kognitive Verhaltenstherapie sind vielfach hilfreich. Wohlgemerkt: Stress oder psychische Erkrankungen lösen kein RDS aus, beeinflussen aber dessen Verlauf ungünstig.

Verändertes Mikrobiom

Auf jede menschliche Zelle in unserem Körper kommen etwa zehn Bakterien. Gemeinsam bilden sie ein funktionierendes Miteinander, eine Symbiose. Ein Großteil dieser körpereigenen Mikroorganismen bewohnt den Dickdarm und wird als Mikrobiom bezeichnet. Wie genau dieses Mikrobiom aussieht, welchen Einfluss es über den Darm auf unseren Körper ausübt und wie sich das Keimspektrum über die Ernährung beeinflussen lässt, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten. Fest steht, dass das Mikrobiom eines RDS-Patienten sich von dem eines Gesunden unterscheidet. So weisen Stuhlproben Betroffener eine erniedrigte Anzahl an Bifidobakterien auf. Vor diesem Hintergrund kann der Einsatz von Probiotika sinnvoll sein, zum Beispiel Kijimea Reizdarm® (Bifidobakterien), Omniflora®N (Bifidobakterien, Lactobazillen).

Besonders interessant im Hinblick auf eine zukünftige Therapieoption des RDS ist der Ansatz, Darmbakterien eines Gesunden mittels Stuhltransplantation in den Dickdarm eines Erkrankten zu übertragen. Rezidivierende Infektionen, verursacht durch das Bakterium Clostridium difficile, konnten auf diese Weise bereits erfolgreich behandelt werden. Ganz neu und seit Kurzem auch an der Universitätsklinik Köln etabliert, ist die Übertragung der Darmflora mittels Stuhlkapseln, die komplizierte endoskopische Verfahren überflüssig machen könnte.

Mehr Ballaststoffe

Kein Reizdarm gleicht dem anderen: Um Beschwerden effektiv zu lindern, muss der Patient zunächst seine individuellen Krankheitsauslöser aufspüren. Gängige Trigger sind neben Stress vor allem Schlaf- und Bewegungsmangel sowie eine ungenügende Flüssigkeitsaufnahme. Zudem scheinen gewisse Nahrungsmittel potente Auslöser zu sein. Eine australische Studie konnte zeigen, dass sich Beschwerden durch eine FODMAP-reduzierte-Diät (Abkürzung für fermentable Oligo-, Di- and Monosaccharides and Polyole) bessern. FODMAPs – darunter kurzkettige Kohlenhydrate wie Fructane, Fructose, Lactose und Galactose sowie die Zuckeraustauschstoffe Maltit, Sorbit und Xylit – gelangen nahezu unverändert in den Dickdarm.

Hier werden sie mikrobiell vergoren, wobei blähungstreibende Gase entstehen. Besonders reich an FODMAPs sind Obstsorten wie Äpfel, Birnen und Trauben. Beim Gemüse sollten Brokkoli, Mais, Tomaten und Zwiebeln möglichst selten ­gegessen werden. Ebenso sind Trockenfrüchte, Milch und Honig vom Speiseteller zu verbannen.

Eine Metaanalyse aus 17 Studien konnte zeigen, dass sich die Symptomatik des RDS unter ballaststoffreicher Kost (30 g Ballaststoffe/Tag) insgesamt bessert. Am meisten profitieren hiervon Patienten mit einem verstopfungsdominanten RDS. Bei der Wahl der Ballaststoffe sind wasserlösliche Gelbildner, darunter in erster Linie Flohsamenschalen (zum Beispiel in Agiocur®, Mucofalk®, Metamucil®), zu bevorzugen. Unlösliche Ballaststoffe wie Weizenkleie können die Problematik im Einzelfall sogar intensivieren.

Symptomorientierte Therapie

Gegen quälende Blähungen und damit verbundene Schmerzen können im Rahmen der Selbstmedikation das spasmolytisch wirksame Butylscopol­amin allein (Buscopan® und andere) oder in Kombination mit Paracetamol (Buscopan® plus) sowie pflanzliche Carminativa – insbesondere Zubereitungen mit Pfefferminz- und Kümmelöl (Chiana®, Carmenthin®) – angewendet werden. Alternativ können PTA und Apotheker entschäumende Substanzen wie Simeticon und Dimeticon (zum Beispiel Lefax®, Sab-simplex®, Imogas®) empfehlen. Bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik werden zuweilen trizyklische Antidepressiva oder ­selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verschrieben. Aufgrund der obstipierenden Nebenwirkungen eignen sich trizyklische Antidepressiva nicht für die Behandlung eines schmerz­haften verstopfungsdominanten RDS.

Präparate für die Selbstmedikation (Beispiele)
Antidiarrhoika Lopedium®, Imodium®akut
Laxanzien Movicol®, Laxatan®, Bifiteral®
Spasmolytika Buscopan®, Buscopan®plus
Entschäumer Sab-simplex®, Lefax®, Imogas®
pflanzliche Carminativa Carmenthin®, Iberogast®
lösliche Ballaststoffe Agiocur®, Mucofalk®
Probiotika Kijimea Reizdarm®, Omniflora®N

Leidet der RDS-Patient in erster ­Linie unter Verstopfung, ist Macrogol (zum Beispiel Movicol®, Dulcolax® M Balance, Laxatan®) das Mittel der Wahl. Ebenfalls geeignet ist Lactulose (wie in Bifiteral®). Für den kurzfristigen Einsatz bei RDS-bedingter Diarrhö ­können PTA und Apotheker erwachsenen Patienten zur Einnahme von ­Loperamid (zum Beispiel Lopedium®, Imodium®akut) raten.

In den USA sind seit 2015 der Opioid-Rezeptor-Modulator Eluxadolin sowie das Antibiotikum Rifaximin zur Behandlung von Durchfall beim RDS zugelassen. Während Eluxadolin im Vergleich zum wirkverwandten Loperamid weniger obstipierende Nebenwirkungen zeigt, scheint sich Rifaximin regulierend auf die Darmflora auszuwirken. Vielversprechend sind auch neue Studienergebnisse zum Einsatz des Anti­emetikums Ondansetron bei durchfalldominantem RDS: Die Beschwerdelast (Blähungen, Drangsymptomatik Stuhlfrequenz) besserte sich bei zwei Dritteln der Patienten. /