PTA-Forum online
Faszientraining

Dehnen, rollen, federn

16.01.2017
Datenschutz

Von Judith Schmitz / Faszien-Yoga, Faszien-Krafttraining, Faszien-Tanz, Faszien-Ernährung – die Bandbreite dessen, was derzeit mit dem Zusatz »Faszie« vermarktet wird, ist schier grenzenlos. Was es mit dem Bindegewebe-Netzwerk und seinem Training auf sich hat.

Dass Menschen sich mit Faszien beschäftigen und Wissenschaftler da­rüber forschen, ist nicht neu. Seit einigen Jahren fokussieren sich jedoch zahlreiche ganzheitliche und therapeutische Ansätze auf das Faszien-Netzwerk. Schon der Begründer der Osteopathie, der Arzt Andrew Taylor Still, sah die Faszien Ende des 19. Jahrhunderts als hilfreich »auf der Suche nach der ­Ursache von Krankheiten« an.

Faszienforscher wie Professor Carla Stecco von der Universität Padua in ­Italien und Dr. Robert Schleip von der Universität Ulm definieren den Begriff ­Faszie allerdings neu: Sie bezeichnen nicht nur die seit jeher in der Literatur beschriebenen flächigen festen Bindegewebsschichten wie die Plantarfaszie an der Fußsohle als Faszien, sondern alle kollagenen faserigen Bindegewebe unseres Körpers, also unterschiedliche Bindegewebsarten mit verschiedenen Funktionen. Dieses Fasziensystem durchziehe den Körper von Kopf bis Fuß wie ein Netz. Die Faszien stützen und umhüllen dabei Muskeln, Muskel­bündel und einzelne Muskelfasern genauso wie Gelenke und Organe. Die Übergänge zu diesen Strukturen sind laut Stecco fließend, wo Bindegewebe ende und ein Organ anfange, könnten Anatomen oft nicht unterscheiden.

Das faserige Bindegewebe besteht aus bis zu 70 Prozent Wasser, das von ­Zucker-Eiweiß-Verbindungen der Gewebegrundsubstanz gebunden wird. Außerdem enthält es kollagenhaltige und elastische Fasern. Erstere sorgen für Zugfestigkeit, Letztere für Elasti­zität. Im Bindegewebe finden sich ­neben Immun- und Fettzellen Fibroblasten, die alte Ansammlungen von Kollagen abtragen, Fasern und Bestandteile der Grundsubstanz des Gewebes neu aufbauen. Die jeweiligen Anteile sind abhängig von Beschaffenheit und Form des Faszientyps. Da sich die Funktionen der Faszientypen unterscheiden, sei es wichtig, diese nicht ­automatisch von einem auf den anderen Faszientyp zu übertragen, wie der Bewegungsforscher Dr. Freddy Sichting von der Technischen Universität in Chemnitz betont. Als Beispiel nennt er parallelfaseriges straffes Bindegewebe wie die Achillessehne und das lockere Bindegewebe.

Gleitschicht und Stützskelett

An vielen Stellen wirkten Faszien als Gleitschicht. Organe könnten sich so ohne Reibung gegeneinander verschieben, erklärt Sichting. Sie stützen, geben dem Körper Form, verbinden die Muskeln mit dem Skelett. Bei Bewegung sorgen sie für eine Kräfteübertragung. Die Beinfaszien etwa bauen elastische Energie durch Vorspannung auf, speichern sie und lassen diese im geeigneten Moment als Bewegungsenergie los, die sich im Sprung äußert (Katapulteffekt).

Diese Erkenntnis macht ­einen Teil des Faszientrainings aus. Möglicherweise tragen Faszien auch zur Körperwahrnehmung bei, im Bindegewebe finden sich Bewegungssensoren. Auch helfen sie beim Abfluss von Abfallprodukten über die Lymphe, deren Gefäße die Faszien wie auch Blutgefäße und Nerven durchziehen.

Dr. Rainer Stange, Leitender Arzt der Abteilung Naturheilkunde des Immanuel Krankenhauses Berlin, bestätigt aus seiner praktischen Arbeit mit Fibromyalgiepatienten, dass Faszien »fürchterlich schmerzen können«, vermutlich, weil sie sich subtil entzünden können. Dann würden sonst nicht spürbare Schmerzfühler aktiviert. Beim Begriff der Faszientherapie müsse differenziert werden, so Stange. »Faszien sind seit Jahrhunderten in der Anatomie bekannt und kommen seit jeher in der Ausbildung zum Physiotherapeuten vor. Ihre besondere Beachtung durch neue physiotherapeutische Techniken muss sich aber erst noch gegen das Bewährte durchsetzen. Wir sind gespannt.« Außerdem müsse man immer unterscheiden, ob den Patienten ein umschriebener oder ein sogenannter systemischer Schmerz quäle.

Im ersten Fall sei eine fokussierte Physiotherapie sinnvoll, im zweiten eher nicht. Seiner Meinung nach seien leider viele Fragen derzeit ungeklärt, etwa ob Faszien untereinander kommunizierten. Der Mediziner setzt je nach Erkrankung auf Wärme- beziehungsweise Kältethera­pie: »Die Hyperthermie ist eine der wirkungsvollsten Therapien, mit der alle Faszien erreicht werden.« Wer etwas für sein Bindegewebe tun möchte, dem empfiehlt Stange ein lockeres Bewe­gungs­training, zum Beispiel Schwimmen.

Einige Forscher glauben, dass Fas­zien ihre Gleitfähigkeit und Elastizität durch Überlastung oder Bewegungsmangel verlieren. Letzterer führe zu ­einer Überproduktion der Fasern, zu Verfilzungen, die sich etwa durch Massage lösen lassen (siehe auch Kasten). Bücher zum Faszientraining propagieren, dass man sich »mit regelmäßig trainierten Faszien am besten vor Verspannungen, Verletzungen und Überlastungsschäden schützen« könne und »das Bindegewebe jung halte«.

Schutz durch Training?

Der Sportwissenschaftler Dietmar Schmidtbleicher, emeritierter Professor des Fachgebiets Bewegungs- und Trainingswissenschaften der Universität Frankfurt am Main, hält dagegen. Solche Faszienverdickungen als Ursache für Schmerz und Bewegungseinschränkung treten seiner Ansicht nach nur nach einer Entzündung oder nach einer Operation auf, nicht aber durch Bewegungsmangel. Dass Faszien mit den Jahren an Struktur verlieren, begründet er mit dem Alterungsprozess, der alle Körperfunktionen verlangsamt. Außerdem gebe es bisher keine Studie, die eine Schutzfunktion des Faszien­trainings zeige. Es sei nur logisch, dass ein trainiertes System, egal ob Muskel oder Faszie, weniger anfällig sei, weil durch das Training eine höhere Toleranzschwelle, quasi ein besseres Schutzpolster, aufgebaut werde. Wer Sport treibt, trainiere automatisch seine Faszien mit. »Dazu braucht es kein separates Faszientraining.« Die derzeitige Vermarktungswelle hält er für »höchst unseriös«.

Prinzipien des Faszientrainings

  • Vordehnung, um den Katapult-Effekt zu erzielen
  • Fließende, weiche, geschmeidige Bewegungen ausführen
  • Dehnen: Sich federnd in die dynamische Dehnung bringen. Der Körper gewinne hierdurch an Gewebestabilität und Schnellkraft. Langsame, gehaltene Dehnungen sollen das Körperbewusstsein schulen.
  • Feinregulierung: Durch unterschiedliche Ausgangspositionen oder Winkelstellungen der Gelenke sowie Abwechslung im Übungstempo sollen neue Reize gesetzt werden.
  • Lösen und Dynamisieren: etwa durch Selbstmassage mit einem Tennisball oder einer Schaumstoffrolle (sogenannte Faszienrolle oder »Blackroll«). Durch Ausrollen soll die Struktur der Faszien von außen beeinflusst werden. Verdickungen der Faszien sollen sich lösen, der Fluss der Gewebeflüssigkeit außerhalb und zwischen den Faszien angeregt werden. Zu Beginn kann das Rollentraining allerdings schmerzen. Einige Experten kritisieren, dass bei häufiger Nutzung in Eigenregie Bindegewebe und Muskelfasern zerstört werden könnten. Bei Problemen mit den Blutgefäßen oder Entzündungen soll die Rolle nicht angewendet werden.
  • Geduld und Kontinuität: Zwei- bis dreimal wöchentlich eine Viertelstunde üben. Körperliche Umbauprozesse und eine Erneuerung der Kollagene in den Faszien brauchen Zeit.


Quelle: Faszientraining für Sport & Fitness, Gräfe und Unzer Verlag

Sichting hingegen freut sich über das Interesse an den Faszien, treibe es doch die Forschung voran. Das Problem: »Bisher gibt es noch zu wenige Hinweise, keine evidenzbasierten Studien, ob Faszientraining etwas bringt oder nicht«, sagt er. Es gebe einige Hypothesen, gerade im Hinblick auf chronische Erkrankungen wie Rückenschmerzen, bislang allerdings nur in der Theorie. Positive Erfahrungswerte gibt es allerdings auch von der praktischen Manualtherapie mit und am Patienten. Außerdem seien die ­Fragen »Wie sieht ein gut trainierter Faszienzustand aus? Und wie soll auf diesen hin trainiert werden?« noch nicht beantwortet.

Einer von Sichtings Forschungsschwerpunkten ist, ob das strukturgebende Element des Bindegewebes gezielt beeinflussbar ist und wie es richtig angesprochen werden kann. Sein Fazit zum Faszientraining: »Auch wenn wir mit der Forschung noch ganz am Anfang stehen, so ist doch ein positiver Nebeneffekt des Dehnens und Rollens, dass sich die Personen wieder mehr bewegen und sich intensiv mit ihrem Körper auseinandersetzen.« Das verbessere auch das Gespräch mit dem Arzt oder Therapeuten. Der Patient könne gezielter sagen, »wo es ihm wehtut«.

Aus der Praxis

Christel Flügge, Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Schmerz- und Triggerpunktmedizin, wendet die manuelle Faszientherapie in ihrer Praxis an. Die Physiotherapeutin erzählt von Frauen, die nach einer Brustamputation über Schmerzen klagen, die bis in die Hüfte ziehen. Für Flügge liegt deren Ursache häufig im Fasziengewebe, das während der Operation eng zusammengenäht wurde und nun durch Narbenbildung zieht. »Wenn ich diese Faszien vorsichtig dehne, bessern sich die Beschwerden«, berichtet Flügge.

Vom derzeitigen Faszien-Hype hält sie dennoch wenig: »Das ist keine Weltanschauung. Man muss nur das Grundprinzip verstanden haben: Faszien verlaufen schräg. Tanzen, Yoga oder rhythmische Gymnastik sind prima. Hier wird über die Diagonale gedehnt, ohne den Einsatz von Gewichten. Dazu kommen rhythmische Übungen und Schwünge. Aber auch Schwimmen eignet sich.« Auch im Alter könne man noch etwas für seine Faszienbeweglichkeit tun, indem man sich festhielte und ein wenig wippe und leicht hüpfe. Aber nicht jedes Training spreche automatisch die Faszien an, etwa Krafttraining.

Das sogenannte Rolfing, eine Mischung von tiefgreifender Faszienmassage und Haltungstraining, soll ebenfalls verklebte Faszien lösen. Die Bewegungstherapeutin Carina Trippelsdorf wendet es bei ihren Patienten an, »mit guten Erfolgen«, wie sie sagt. Dabei lindere sie keine Schmerzen, die Therapie sei vielmehr ganzheitlich ausge­richtet, sodass sich der Körper neu ­orientieren, die Grundstruktur auf Faszienebene neu ausbalancieren könne. Oftmals gingen Schmerzen dann automatisch weg. Zur Therapie wendet sie langsame Druck-Schiebe-Bewegungen an und kombiniert dies mit einem in­dividuell zusammengestellten Training, um die Faszien zu stimulieren. Wichtig sei, dass der Patient mitmache, sein Verhalten ändere und sich auch nach der Therapie fasziengerecht bewege. Das Prinzip des Faszientrainings sei nicht neu: »Schon früher wippte man dynamisch, federte nach und sprang.« /

Buchtipps

Daniel Weiss, Siegbert Tempelhof, Anna Cavelius: Faszientraining: Mehr Beweglichkeit, Gesundheit und Dynamik. 128 Seiten, Klappenbroschur, 4. Auflage, Gräfe und Unzer Verlag. ISBN: 978-3833844584, 12,99 Euro.

Marcel Andrä, Dr. Lutz Graumann, Dr. Torsten Pfitzer: Funktionelles Faszientraining mit der Blackroll. 144 Seiten, Softcover. 1. Auflage, Riva-Verlag 2015. ISBN 978-3868836943, 14,99 Euro.