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Neue Arzneistoffe

Ein Trio Mitte Januar

16.01.2017  10:39 Uhr

Von Sven Siebenand / Nachdem bereits Anfang Januar zwei neue Wirkstoffe auf den Markt kamen, folgten Mitte des Monats drei weitere. Mit insgesamt fünf Neueinführungen in den ersten vier Wochen ist der Jahresstart also geglückt. Die Indikationen der ­besprochenen Neulinge lauten multiples Myelom, schweres eosinophiles Asthma und primäre biliäre Cholangitis.

Die primäre biliäre Cholangitis ist eine seltene Lebererkrankung, bei der die kleinen Gallengänge in der Leber beschädigt werden. Infolgedessen staut sich Gallensekret in der Leber an, was dazu führt, dass das Gewebe des Organs angegriffen wird. Schließlich kann es zum Leberversagen kommen. Zudem haben die Patienten ein erhöhtes Risiko für Leberkrebs.

Neues Orphan Drug

Seit vielen Jahren können Ärzte die ­Erkrankung mit Ursodesoxycholsäure therapieren. Allerdings sprechen nicht alle Patienten darauf an. Mit Obeticholsäure (Ocaliva® Filmtabletten, Intercept Pharma) ist nun eine neue Therapieoption auf den deutschen Markt gekommen. Zum Einsatz kommt das Orphan Drug in Kombination mit Ursodesoxycholsäure, wenn Patienten unzureichend auf Ursodesoxycholsäure alleine ansprechen, oder als Monotherapie, wenn Ursodesoxycholsäure nicht vertragen wird. Bei einem totalen Gallengangsverschluss ist das neue Präparat kontraindiziert.

Obeticholsäure ist der erste Vertreter einer neuen Wirkstoffklasse, der selektiven Agonisten des Farnesoid-X-Rezeptors. Dieser Rezeptor wird in hohen Konzentrationen in Leber und Darm exprimiert und spielt eine wichtige Rolle in der Regulation der Gallensäure-, Entzündungs-, Fibrose- und Stoffwechselwege. Eine Aktivierung senkt die Konzentration der Gallen­säuren in der Leber. So verhindert Obeticholsäure, dass sich Gallensekret ­anhäuft und dass das Lebergewebe geschädigt wird.

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 5 mg einmal täglich. Verträgt der Patient das Medikament, kann der Arzt die tägliche Dosis nach sechs Monaten auf 10 mg erhöhen. Bei Patienten, die unter Therapie einen unerträglichen Juckreiz entwickeln, muss die Dosis gesenkt oder Obeticholsäure abgesetzt werden. In Studien trat bei mehr als 60 Prozent der Patienten Pruritus auf. In den meisten beobachteten Fällen geschah dies innerhalb des ersten Behandlungsmonats und klang tendenziell im Laufe der weiteren Behandlung ab. Weitere sehr häufige Nebenwirkungen von Obeticholsäure sind Müdigkeit sowie Schmerzen und Beschwerden im Bauch.

Gallensäure-bindende Harze wie Colestyramin, Colestipol oder Colesevelam können die Wirksamkeit von Obeticholsäure reduzieren. Bei gleichzeitiger Verabreichung muss die Einnahme von Obeticholsäure deshalb mit einem Abstand von mindestens vier bis sechs Stunden vor beziehungsweise nach der Einnahme des Gallensäure-bindenden Harzes zu erfolgen.

Schwangere sollten als Vorsichtsmaßnahme kein Ocaliva einnehmen. In der Stillzeit ist zu entscheiden, ob auf das Stillen oder die Einnahme von Obeticholsäure verzichtet wird. Dabei sind der Nutzen des Stillens für das Kind sowie der Nutzen der Therapie für die Mutter zu berücksichtigen.

Bei schwerem Asthma

Eosinophiles Asthma ist durch einen Überschuss einer bestimmten Art von weißen Blutkörperchen charakterisiert, die sogenannten Eosinophilen. Deren Anzahl korreliert mit der Schwere des Asthmas: Patienten mit erhöhter Anzahl an Eosinophilen im Blut haben im Vergleich zu Patienten ohne erhöhte Anzahl mehr Asthma-Exazerbationen pro Jahr und eine schlechtere Lebensqualität.

Für erwachsene Patienten mit schwerem Asthma und erhöhten Eosinophilen-Zahlen im Blut, die trotz hoch dosierter inhalativer Corticosteroide plus einem anderen Arzneimittel zur Erhaltungstherapie keine ausreichende Symptomkontrolle erfahren, steht mit Reslizumab (Cinqaero® Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Teva) eine neue zusätzlich gegebene Therapieoption zur Verfügung. Wichtig ist, dass Cinqaero nicht zur Behandlung von akuten Asthma-Exazerbationen vorgesehen ist.

Wie der bereits im vergangenen Jahr eingeführte Antikörper Mepolizumab (Nucala®) bindet auch Reslizumab an die körpereigene Substanz Interleukin-5 (IL-5). Diese spielt eine Schlüsselrolle beim Einstrom von Eosinophilen in die Lunge. Indem der Antikörper an IL-5 bindet, hemmt er dessen Wirkung und reduziert so die Zahl an Eosinophilen in der Lunge. Dadurch wird die Entzündung gelindert, was zu einer Reduzierung der Asthma-Anfälle und zu einer Besserung der weiteren Symptome führt. Bevor eine Therapie mit Reslizumab oder Mepolizumab startet, sollte eine etwaige Wurminfektion behandelt werden, da die Eosinophilen an der parasitären Abwehr beteiligt sind.

Reslizumab wird einmal alle vier ­Wochen intravenös verabreicht. Die empfohlene Dosierung richtet sich nach dem Körpergewicht und beträgt 3 mg/kg Körpergewicht. Wird eine Infusion versäumt, sollte sie schnellstmöglich nachgeholt werden. Es darf jedoch keine doppelte Dosis infundiert werden, um eine vergessene Gabe nachzuholen.

Gelegentlich kommt es unter Reslizumab zu Muskelschmerzen oder anaphylaktischen Reaktionen. Aus Sicherheitsgründen sollte der Antikörper bei Schwangeren vermieden werden. In den ersten Tagen nach der Geburt können Antikörper über die Muttermilch auf das Neugeborene übergehen. In diesem Zeitraum kann ein Risiko für ein gestilltes Kind nicht ausgeschlossen werden. Danach kann Cinqaero während der Stillzeit bei Bedarf angewendet werden.

Bei multiplem Myelom

Das multiple Myelom ist eine Krebserkrankung, die von Plasmazellen im Knochenmark ausgeht. Im Verlauf entwickeln sich Vorläuferzellen nicht zu regulär Antikörper-produzierenden Plasmazellen, sondern zu bösartigen Krebszellen, den Myelomzellen. Jedes Jahr kommt es in Deutschland zu etwa 6000 Neuerkrankungen. Mit Ixazomib (Ninlaro® Hartkapseln, Takeda) ist in Europa erstmals ein sogenannter Proteasom-Inhibitor für die Behandlung des multiplen Myeloms auf dem Markt, der oral verfügbar ist.

Wie andere Vertreter dieser Wirkstoffklasse, etwa Bortezomib oder Carfilzomib, verhindert Ixazomib den Abbau von Proteinen zu Fragmenten durch das Proteasom, ­einen Proteinkomplex im Zytoplasma und im Zellkern. ­Dadurch akkumulieren Proteine, die Zelle »vermüllt« sozusagen. Das führt zu einem Stillstand im Zellzyklus und zum Zelltod. Krebszellen sind für diesen Mechanismus anfälliger als normale Zellen, weil sie einen hohen Eiweißumsatz haben.

Ixazomib ist in Kombination mit Lenalidomid und Dexamethason, die ebenfalls oral gegeben werden können, für die Behandlung des multiplen Myeloms bei erwachsenen Patienten zugelassen, die mindestens eine vorausgegangene Therapie erhalten haben. Die empfohlene Ixazomib-Dosis beträgt 4mg einmal wöchentlich (immer am gleichen Wochentag) über drei aufeinanderfolgende Wochen, auf die eine Woche ohne Ixazomib-Einnahme folgt. Diesen vierwöchigen Behandlungszyklus sollten die Patienten solange wiederholen, bis sich die Erkrankung verschlechtert oder die Nebenwirkungen inakzeptabel werden. PTA und Apotheker können dazu raten, die Kapseln mindestens eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit zu schlucken. Für den Fall, dass eine Dosis nicht rechtzeitig eingenommen oder vergessen wurde, sollte diese nur dann nachgeholt werden, wenn der Zeitraum bis zur nächsten geplanten Einnahme noch mehr als 72 Stunden beträgt. Wenn ein Patient nach der Einnahme einer Dosis erbricht, sollte er keine weitere Kapsel schlucken, sondern die Einnahme erst zum nächsten geplanten Zeitpunkt fortführen.

Wechselwirkungen

Patienten müssen die Behandlung möglicherweise vorübergehend unterbrechen oder die Dosis reduzieren, wenn bestimmte Nebenwirkungen auftreten. Eine Dosisreduzierung wird auch bei mittelschwerer bis schwerer Leberfunktionsstörung sowie bei schwerer Nierenfunktionsstörung empfohlen. Der Arzt kann zudem eine virostatische Prophylaxe in Betracht ziehen, um das Risiko einer Herpes-zoster-Reaktivierung unter Ixazomib-Therapie zu reduzieren. In Sachen Wechselwirkungen ist zu bedenken, dass starke CYP3A-Induktoren wie Car­bamazepin, Phenytoin, Rifampicin und Johanniskraut die Wirksamkeit von Ixazomib reduzieren können. Sie sollten daher vermieden werden.

Sehr häufig traten bei Patienten, die Ixazomib erhielten, zum Beispiel Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Rückenschmerzen, Ödeme, Thrombozytopenien und periphere Neuropathien auf. Die Anwendung von Ixazomib in der Schwangerschaft und Stillzeit wird nicht empfohlen. Zudem sollten Frauen während der Behandlung mit dem neuen Wirkstoff nicht schwanger werden. Da Ixazomib immer unter anderem mit Lenalidomid kombiniert wird, müssen gebärfähige Frauen ohnehin die Vorgaben des Programms zur Schwangerschaftsverhütung für Lenalidomid einhalten. /

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