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Reizdarmsyndrom

Hilfe bei Beschwerden

16.01.2017  10:38 Uhr

Von Maria Pues, München / Gibt es ein vielgestaltigeres Krankheits­bild als das Reizdarmsyndrom (RDS)? Eine ganze Reihe möglicher Verursacher und Auslöser kommt hier infrage. Zudem können die Beschwerden der Betroffenen stark variieren. Daran muss sich die jeweilige Behandlung orientieren.

Was es bei der Beratung von RDS-Patienten zu beachten gilt, erläuterte Gas­troenterologe Professor Dr. Martin Storr, Gesundheitszentrum Starnberger See, auf der Pharma-World der Fachmesse Expopharm 2016 in München. Dabei wurde deutlich: So unterschiedlich sich ein RDS auswirken kann, alle Patienten benötigen Empathie und Verständnis für ihre Sorgen und Beschwerden.

Die Patienten leiden unter Bauchschmerzen und -krämpfen, vermehrten Luftansammlungen im Bauchraum und Blähungen, Verdauungsstörungen wie Durchfall und/oder Verstopfung (auch im Wechsel) sowie Veränderungen der Stuhltextur und/oder einem Gefühl, dass ein Stuhlgang nicht zur vollständigen Darmentleerung führt. Die Beschwerden können von Patient zu Patient stark variieren, und auch ein einzelner Patient kann unter wechselnden Beschwerden leiden.

Eine große Vielfalt besteht auch bei den Mechanismen, die einem RDS zugrunde liegen können. So kann dieses durch eine Infektion aktiviert werden, wobei die Darmflora in Mitleidenschaft gezogen wird und/oder sich die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut verändert. Aber auch eine Aktivierung von Mastzellen oder des Darm-Immunsystems kann dazu führen. Dabei kommt es zu einer Aktivierung des Darm­nervensystems. Sowohl die neuronale Aktivierung als auch die Ausschüttung von Mediatoren können die Darmbewegungen stören (beschleunigen oder verlangsamen), die Resorption von Flüssigkeit aus dem Darm verschlechtern oder die (Schmerz-)Empfindlichkeit des Darms erhöhen.

Ein RDS stellt eine Ausschlussdiagnose dar. Patienten empfinden dies meist als »haufenweise Untersuchungen und nichts dabei herausgekommen«. Dass dies auch ein beruhigender Befund sein kann, bedarf zuweilen der Erläuterung. Im Rahmen der Diagnostik können sich aber auch Hinweise auf mögliche Auslöser der Beschwerden ergeben, zum Beispiel auf Unverträglichkeiten von Lebensmitteln. Beides ist wichtig, um sich an die Linderung der Beschwerden, die ja auch im Rahmen ernster organischer Erkrankungen auftreten können, zu machen.

Tipps zum Essverhalten

  • Kleine Mahlzeiten: nicht zu große Portionen auf einmal essen
  • Achtsam essen: langsam essen, bewusst kauen, keine Ablenkung
  • Flüssigkeit: ausreichend trinken
  • Alkohol, Tee, Kaffee: reduzieren
  • Mild essen: stark gewürzte, sehr salzige, süße, scharfe oder fettige Speisen meiden

Wie häufig ein RDS auftritt, ist unklar. Bekannt ist, dass es bei Frauen häufiger ist als bei Männern. Der Unterschied ist bei Altersklassen unter 50 Jahren ausgeprägter als bei älteren Menschen. Die Erkrankung wird nicht vererbt, es findet sich jedoch eine familiäre Häufung: In den Familien von Patienten gibt es oft weitere Personen mit Beschwerden. Ein RDS kann sich spontan wieder zurückentwickeln, aber auch chronisch verlaufen. Hierbei kann Stress einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung haben und die Chancen auf eine Besserung erheblich ­verschlechtern. Manche Patienten befürchten, dass andere Erkrankungen des Gastrointestinal (GI-)Traktes vor­liegen könnten. Dies ist laut Leitlinie jedoch bei ihnen nicht häufiger der Fall als bei Menschen ohne RDS. Allerdings treten bei RDS-Patienten häufiger andere schwerwiegende Erkrankungen außerhalb des GI-Traktes auf, zum Beispiel Depressionen.

Verschiedene Faktoren können und sollten bei der Wahl der Therapie berücksichtigt werden. Mediziner folgten einem dreidimensionalen Behandlungsansatz aus konsequenter Dia­g­no­se­sicherung, allgemeinen Maßnahmen (siehe Kasten) und spezifischen (medikamentösen) Maßnahmen, er­läuterte Storr. Ziel der Therapie sei, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Alle Symptome vollständig zu beseitigen, könne meist nicht gelingen. Auch dies müsse dem Patienten verständlich gemacht werden. Zunächst gelte es, die wichtigsten Beschwerden zu identifizieren und die Behandlung danach auszurichten.

Wurden im Rahmen der Untersuchungen Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Lebensmitteln festgestellt, helfen Ernährungsempfehlungen weiter. Dabei müssen diese Lebensmittel meist nicht vollständig gemieden werden. So vertragen Patienten mit einer erworbenen Lactose-Intoleranz bestimmte Mengen an Milchzucker, und nicht alles, was aus Milch hergestellt wurde, enthält große Mengen Lactose.

FODMAPs (fermentable Oligo-, Di- and Monosaccharides and Polyols), die als Verursacher einer Weizenun­verträglichkeit diskutiert werden, könnten möglicherweise auch beim RDS eine Rolle spielen. Unverdaut können sie im Dünn- und Dickdarm zu vermehrter Gas- und Wasserbindung führen. Die Folgen: Bauchschmerzen, Blähbauch, weiche Stühle und Durchfälle. Größere Mengen FODMAPs enthalten nicht nur Getreide wie Weizen, Dinkel und Roggen, sondern auch Obst (auch Konserven oder Säfte) wie Äpfel, Birnen oder Pfirsiche und Gemüse wie Blumenkohl, Lauch oder Spargel. Auch in Milchprodukten wie Hüttenkäse, Joghurt oder Milchspeiseeis sind sie enthalten. Für eine FODMAP-arme Ernährung eignen sich Obstsorten wie Bananen, Himbeeren oder Orangen und Gemüsearten wie Bohnen, Kartoffeln oder Tomaten. Bei den Getreiden sind Hafer, Hirse und Reis, bei den Milchprodukten Hartkäse, Feta oder Mozzarella geeignet.

Spezifische Therapie

Unter den sehr belastenden Beschwerden nennen Patienten Blähungen und Luftansammlungen im Gastrointestinaltrakt häufig an erster Stelle. Entschäumer, pflanzliche Arzneimittel und/oder Probiotika können diese ­Symptome häufig lindern. Zwar gibt es laut Leitlinie zu entschäumenden Substanzen wie Dimeticon und Simeticon (wie in Lefax® oder Sab simplex®) keine speziellen Studien zu Blähungen beim RDS. Da sich aber in Studien bei anderen Krankheitsbildern eine Wirksamkeit zeigte, raten die Experten dennoch zu einem Behandlungsversuch.

Diagnose Reizdarm

Drei Kriterien müssen laut der ­S3-Leitlinie (zur Zeit in Überarbeitung) zum Reizdarmsyndrom der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) erfüllt sein, damit der Arzt die Diagnose RDS stellen kann:

1. Der Patient leidet an chronischen, das heißt seit mindestens drei Monaten andauernden, Be­schwerden des Darmes, in der Regel mit Veränderungen des Stuhlgangs.

2. Der Patient sucht wegen dieser Beschwerden Hilfe und wird durch sie in seiner Lebensqualität deutlich beeinträchtigt.

3. Eine andere Erkrankung kann als Ursache für die Beschwerden nicht gefunden werden.

Eine Besserung der Beschwerden konnte auch in einer Studie zur Phytopharmaka-Kombination STW-5 (Iberogast®) beobachtet werden, obwohl ­Blähungen nicht Gegenstand der Unter­suchung waren. Klinische Studien liegen für funktionelle Magen-Darm-Erkrankungen vor. Pharmakologische Untersuchungen zeigten, dass die ­Mischung die erhöhte Schmerzempfindlichkeit im Verdauungstrakt vermindert, krampflösend und ausgleichend auf die angespannte Muskulatur wirkt und eine erhöhte Magensaftproduktion hemmt.

Keine Zulassung speziell bei RDS, aber dennoch eine gute Wirksamkeit bei Blähungsbeschwerden zeige außerdem eine Mischung aus Kümmel- und Pfefferminzöl in magensaftresistenten Kapseln (Carmenthin®), die auch krampflösende Eigenschaften besitzt.

Bei akutem Durchfall im Rahmen eines RDS vom Diarrhö-Typ (RDS-D) kann Loperamid (wie in Immodium®) eingesetzt werden, das die Darmmotilität hemmt und so die Transitzeit verlängert. Auch Ballaststoffe, die Patienten eher zur Behandlung von Obstipation kennen, können hier verwendet werden. Die Leitlinie rät dabei zum Einsatz insbesondere löslicher Ballaststoffe (zum Beispiel Flohsamenschalen wie in Metamucil® oder Mucofalk®).

Ballaststoffe werden ebenfalls bei RDS eingesetzt, das vorwiegend durch Obstipation gekennzeichnet ist. Auch mittels klassischer Abführmittel wie Bisacodyl (wie in Dulcolax®), Natriumpicosulfat (wie in Laxoberal®) oder Macrogol (wie in Movicol®) kann ein regelmäßiger Stuhlgang (der aber nicht täglich erfolgen muss) erreicht werden, wenn Bewegung, Ballaststoffe und ausreichende Trinkmengen keinen Erfolg haben. Stuhlnormalisierend wirke außerdem das bereits genannte STW-5, so Storr.

Probiotika können verschiedene Symptome bessern, indem sie die Darmflora beeinflussen. Allerdings könnten die Ergebnisse von Untersuchungen mit bestimmen Kulturen nicht einfach auf andere Kulturen übertragen werden, so Storr. Beim RDS vom Meteorismustyp eigneten sich vor allem Arzneimittel mit dem E. Coli Stamm Nissle 1917 (Mutaflor®) sowie mit inaktivierten Zellen von E. Coli und Enterococcus faecalis (ProSymbioflor®). Daneben gibt es auch Präparate mit Bifidobakterien (wie in Omniflora® N und Kijimea® Reizdarm). Bei den Lebensmitteln eignet sich ein Joghurt mit einer Bifidobacterium-animalis-Subspezies (Activia®). Mutaflor kann auch von Patienten mit RDS vom Obstipationstyp verwendet werden. Sie können ebenfalls Activia sowie Yakult®, das Lactobacillus casei Shirota enthält, in ihren Speiseplan integrieren. Hin­gegen können bei RDS, das vor allem durch Diarrhö gekennzeichnet ist, ­Lactobacillus acidophillus (Lacteol®) oder die Hefe Saccharomyces boulardii (Perenterol®) helfen. /

Pharma-World-Vorträge der vergangenen Jahre können Interessierte online auf dem Youtube-Kanal der Expopharm ansehen: www.youtube.com/user/expopharm2013.