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Phytotherapie

Pflanzenkraft gegen Übelkeit

16.01.2017  10:38 Uhr

Von Carolin Gieck / Ein Glas Sekt zu viel, fettiges Essen oder Stress, der auf den Magen schlägt – Gründe für Übelkeit und Erbrechen gibt es viele. Oft lassen sich die Symptome schnell und neben- wirkungsarm mit Phytopharmaka oder naturheilkundlichen Präparaten lindern.

Übelkeit ist ein Symptom, mit dem wohl jeder schon einmal zu kämpfen hatte. Gerüche verstärken meist das flaue Gefühl im Magen. Wenn dann der Schweiß ausbricht und Speichel im Mund zusammenfließt, dauert es bis zum Erbrechen oft nicht mehr lange. Die vegetativen Symptome sind ebenso wie Blässe klassische Vorboten der Emesis. Der Brechreflex ist primär ein Schutzreflex, der den Körper vor schädlicher Nahrung, Stoffen und Erregern behütet. Ausgelöst wird er durch das Brechzentrum im Hirnstamm. Vom Großhirn ausgehende Reize wie Ge­rüche oder Ekel, aber auch Reize des Gleichgewichtsorgans sowie des Magen-Darm-Traktes werden hier koordiniert. Über Chemorezeptoren in der sogenannten Area postrema erkennt das Brechzentrum außerdem toxische Stoffe im Blut.

Für Übelkeit und Erbrechen kommen unzählige Ursachen infrage. So reicht die Liste von harmlosen Verdauungsstörungen oder Migräne über ­Meningitis bis hin zu Tumoren oder Arzneimittelnebenwirkungen. Im Alltag sind meist Reiseübelkeit, über­mäßiger Alkoholgenuss und eine Schwangerschaft Aus­löser. Auch eine Überlastung des Magens nach üppigen Mahlzeiten oder ein Reizmagen kann sich in Erbrechen äußern. In der Offizin sollten PTA oder Apotheker gezielt nach dem Verlauf der Beschwerden (plötzlich, ein­malig oder wiederkehrend) sowie bestehenden Vorerkrankungen fragen. Grundsätzlich sollte Übelkeit und Erbrechen bei Kindern unter sechs Jahren und Schwangeren ärztlich abgeklärt werden.

Gerade funktionelle Störungen können regelmäßige oder gar dauerhafte ­Beschwerden hervorrufen. Von »funktionellen Störungen« spricht der Arzt, wenn bei Untersuchungen keine or­ganische oder biochemische Ursache gefunden werden kann – eine Ausschlussdiagnose. Die Symptomatik korreliert bei Magen-Darm-Beschwerden übrigens nicht immer mit der Schwere des Krankheitsbildes: Magenblutungen können fast unbemerkt verlaufen, während trotz intakter Schleimhaut massive Beschwerden möglich sind. Patienten sollten sich einem Mediziner vorstellen, wenn nach einer Woche ­keine Besserung eintritt. Neben Blutungen sind insbesondere eine un­gewollte Gewichtsabnahme, Fieber sowie ein schweres Krankheitsgefühl Alarmsignale.

Auf Flüssigkeit achten

Bei starkem Erbrechen können der Wasser- und Elektrolythaushalt aus dem Gleichgewicht geraten. Daher ist es wichtig, rechtzeitig den Flüssigkeitsverlust durch Trinken auszugleichen. Hierfür eignet sich besonders gesüßter Kamillen- oder Pfefferminztee. Die ­darin enthaltenen ätherischen Öle und Flavonoide beruhigen zusätzlich den Magen und wirken krampflösend. Falls weder Tee noch Wasser im Magen ­bleiben, klappt es meistens doch mit diesem Hinweis: geduldig alle zwei ­Minuten nur einen Teelöffel Flüssigkeit trinken. Wird dies toleriert, kann die Menge anschließend langsam ge­steigert und der Zeitabstand ver­längert werden. Für schwere Fälle und für Kinder gibt es außerdem Pulver zur ­Herstellung einer oralen Rehydratationslösung (wie Elotrans®, Oralpädon®).

Deutet nichts auf eine ernste Erkrankung hin, können pflanzliche Extrakte oder homöopathische Mittel die Beschwerden oft schnell lindern. Meist werden Drogen mit ätherischen Ölen (Aromatica wie Pfefferminze, Kümmel, Melisse), Scharfstoffen (Aromatica ­acria wie Ingwer) oder Bitterstoffen (Aromatica amara wie Angelikawurzel, Schaf­garbe) eingesetzt. Viele dieser Phytopharmaka sind prinzipiell nicht in ihrer Anwendungsdauer begrenzt. So können nicht nur akute, sondern grundsätzlich auch chronische, funktionelle sowie psychosomatisch bedingte Magenerkrankungen begleitend therapiert werden.

Unter den Scharfstoffdrogen wird bei Übelkeit und Erbrechen bevorzugt Ingwer (Zingiber offiicinale) ein­gesetzt. Als wirksame Bestandteile werden neben ätherischen Ölen ins­besondere Gingerole und Shogaole ­angesehen. Sie sollen am Magen direkt antiemetisch wirken, aber auch ein Antagonismus am Serotoninrezeptor wird diskutiert. Allerdings kann ein Einfluss auf die Blutgerinnung nicht sicher ausgeschlossen werden. Daher ist ­Ingwer bei zeitgleicher Einnahme von Phenprocoumon oder Warfarin kontraindiziert und auch vor Operationen sollte Ingwer abgesetzt werden. In der Schwangerschaft ist die Anwendung laut Embryotox in üblicher Dosierung sicher. Von Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Sodbrennen wurde ­jedoch häufig berichtet. Neben Tee sind in der Apotheke sowohl Kapseln (wie Zintona®) als auch Tropfen ­(wie Ingwer Pure, Ingwertropfen Dr. Muches) erhältlich. Allerdings sind Zintona-Kapseln in Deutschland nur zur Prophylaxe der Reisekrankheit zugelassen. Die Dosierung beträgt hierbei zwei Kapseln alle vier Stunden, bis zu zehn Kapseln täglich. Ingwer-Tropfen werden üblicherweise zwei bis vier Mal täglich mit 15 Tropfen dosiert. Falls der Geschmack oder die Schärfe als unan­genehm empfunden wird, können sie auch in Saft oder Joghurt eingerührt werden.

Schlägt dem Kunden Stress oder Ärger auf den Magen, kann Melisse helfen. Seine Inhaltsstoffe beruhigen nicht nur Verdauungsbeschwerden, sondern ebenso nervöse Unruhe­zuständen (wie Gastrovegetalin®). Durch die drei Mal tägliche Einnahme soll das vegetative Nervensystem vor einer Reizüber­flutung geschützt werden.

Kombiniert ans Ziel

Oft werden zur Therapie mehrere Heilpflanzen miteinander kombiniert. ­Verschiedene Inhaltsstoffe sprechen so unterschiedliche Bereiche des Verdauungssystems an, womit ein umfassendes Wirkspektrum ermöglicht wird. Man spricht auch von einem Multi-­Target-Prinzip. Häufig verwendet werden dabei Bitterstoffe, etwa aus ­Enzian. Denn sie regen die Verdauungssäfte an und unterstützen nicht nur die Verdauung, sondern wirken auch leicht appetitsteigernd, spasmolytisch und prokinetisch (zum Beispiel Amara ­Pascoe®, Amara-Tropfen von Weleda). Damit sie optimal wirken können, sollten sie 15 Minuten vor der Mahlzeit – gerne verdünnt – eingenommen werden.

Die Sechsfach-Kombination Gasteo® enthält Wermut- und Benediktenkraut, Angelikawurzel, Kamille, Gänsefingerkraut und Süßholzwurzel. Deren Triterpensaponine wie Glycyrrhizin hemmen im Magen direkt die Entzündung, ­außerdem werden Krämpfe beruhigt. Auch die Abheilung eines Geschwürs kann so unterstützt werden. Noch mehr Heilpflanzen umfasst Iberogast®. Insgesamt neun pflanzliche Extrakte sind enthalten, darunter die der Süßholzwurzel und der Bitteren Schleifenblume (Iberis amara, lesen Sie dazu auch Arzneipflanzen-Porträt: Bittere Schleifenblume). Das Präparat ist sowohl bei ­Reizdarm als auch Reizmagen sowie Gastritis zugelassen und darf ab drei Jahren angewendet werden. Erwachsene und Jugendliche ab 13 Jahren nehmen üblicherweise drei Mal täglich 20 Tropfen, Kinder je nach Alter 10 oder 15 Tropfen als Einzeldosis.

Apomorphin und Brechnuss

Wie man deutlich schmecken kann, setzen die Gentiana Magenglobuli von Wala ebenfalls auf Bitterstoffe. Die Kombination aus Enzian, Wermutkraut, Löwenzahn und Brechnuss wird alkoholfrei her­gestellt, sodass laut Her­steller auch ein Einsatz bei Säuglingen und Schwangeren möglich ist. Kinder unter sechs Jahren nehmen drei Mal täglich drei bis fünf Globuli ein, ab sechs Jahren werden drei Mal täglich fünf bis zehn Globuli empfohlen. ­Neben der Symptomlinderung soll auch eine Regulierung der Verdauung bei stressbedingten Magen-Darm-­Beschwerden möglich sein.

Apomorphin ist ein starkes Emetikum. Deutlich verdünnt wird es von der Firma Pflüger in Kombination mit fünf weiteren homöopathischen Stoffen im Produkt Vomistop® eingesetzt. Im Akutfall kann halbstündlich bis stündlich eine Tablette eingenommen werden, allerdings maximal sechs Tabletten täglich. Bei chronischen Verläufen wird die Dosis auf eine bis drei Tabletten reduziert. Die Anwendung in der Selbstmedikation ist auf eine Woche beschränkt.

Möchte man speziell der Reiseübelkeit vorbeugen, bietet Weleda mit Nausyn® ebenfalls ein homöopathisches Mittel an. Neben Ipecacuanha (Brechwurzel) und Brechnuss enthält es drei weitere Inhaltsstoffe. Zur optimalen Wirkung sollte bereits zwei bis drei Tage vor der Reise mit der drei Mal täglichen Einnahme je einer Tablette begonnen werden. /