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Syphilis und Gonorrhö

Wieder bedrohlich

22.01.2018  12:06 Uhr

Von Verena Arzbach, Köln / Geschlechtskrankheiten wie die ­Syphilis und Gonorrhö befanden sich lange Zeit auf dem Rückzug. Doch seit einigen Jahren steigen die Fallzahlen wieder. Dazu gibt es Probleme mit Antibiotikaresistenzen.

Mehr als eine Million sexuell übertragbare Infektionen (Sexually transmitted infections, STI) werden weltweit jeden Tag neu erworben. Als Erreger kommen mehr als 30 verschiedene Bakterien, Viren und Pilze in Betracht, wie Professor Dr. Helmut Schöfer von der Universitätshautklinik Frankfurt am Main bei einer Fortbildungsveranstaltung der Apothekerkammer Nordrhein in Köln berichtete. Sämtliche Erreger hätten gemein, dass sie auf den Menschen sowie auf die Genitoanalregion spezialisiert seien. »Für die Infektion sind ein direkter Kontakt und ein feuchtwarmes Milieu der Schleimhäute erforderlich. Zur Übertragung der Syphilis muss etwa der Erreger regelrecht einmassiert werden«, erklärte der Dermatologe. Eine Übertragung erfolgt daher fast ausschließlich beim Geschlechtsverkehr: vaginal, aber auch orogenital und anal. Oft würden bei einem einzigen Sexualkontakt verschiedene Erreger gleichzeitig übertragen, so Schöfer.

Die Syphilis ist eine schon lange bekannte, »alte« Geschlechtskrankheit: Die ersten Fälle wurden Ende des 15. Jahrhunderts in Europa dokumentiert. Eine Theorie besagt, dass Christoph Kolumbus den Erreger, das Bakterium Treponema pallidum, aus Amerika eingeschleppt haben soll. »Die Syphilis war zur damaligen Zeit ein sehr schweres Krankheitsbild. Für mehr als 400 Jahre war sie nicht behandelbar«, berichtete Schöfer. Patienten verstarben damals nicht nur an der Erkrankung, sondern zum Teil auch an Therapieversuchen mit hochtoxischen Substanzen wie Quecksilber, Arsen und Thallium. »Die Erkrankung galt damals als Strafe Gottes für unzüchtiges Verhalten, die Betroffenen wurden moralisch verurteilt – ähnlich wie bei den ersten Aids-Fällen zu Beginn der 1980er-Jahre«, so Schöfer.

Nach der Entdeckung des Penicillins und damit einer kausalen Therapie gingen die Erkrankungszahlen ab Mitte der 1940er-Jahre stark zurück. Seit 2001 steigt die Inzidenz nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Deutschland aber wieder an: 2010 wurden dem RKI rund 4000 Fälle gemeldet, 2016 steckten sich schon mehr als 7000 Menschen in Deutschland neu mit Syphilis an. Besonders hoch ist die Inzidenz in städtischen Ballungszentren wie Berlin, Köln, Frankfurt und München. Betroffen sind überwiegend Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) – und das nicht nur in jungem Alter. »Wir sehen auch einen Anstieg der Inzidenz bei Über-70-Jährigen«, sagte Schöfer. Nicht nur die Betroffenen selbst – nur 3 Prozent der Senioren nutzen Kondome –, sondern auch viele Ärzte unterschätzten die Häufigkeit der STI im Alter. Entsprechende Symptome würden dann falsch eingeschätzt und anderen Erkrankungen zugeordnet.

Vier Stadien

Der Verlauf der Syphilis gliedert sich in vier Stadien. Symptome im ersten Stadium sind Ulzera am Infektionsort, die nicht schmerzen, sowie eine regionale Lymphknotenschwellung. Beide heilen auch bei unbehandelten Patienten spontan wieder ab. Im zweiten Stadium, etwa sieben bis zwölf Wochen nach der Infektion, könnten unter anderem Müdigkeit, Fieber, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen und eine generalisierte Lymphknotenschwellung auftreten, sagte der Mediziner. Auch Sehstörungen und Hörverlust sind möglich. Dazu könne am ganzen Körper ein nicht juckender Ausschlag mit nässenden Papeln kommen, von dem auch Handinnenflächen und Fußsohlen betroffen sind. Bei etwa 25 Prozent dieser Patienten geht die Syphilis nach einer jahre- bis jahrzehntelangen Latenzphase in das dritte und vierte Stadium mit schweren kardiovaskulären, neurologischen und psychiatrischen Schäden über. Die sogenannte Neurosyphilis tritt besonders häufig bei HIV-Infizierten auf.

Behandelt wird die Syphilis standardmäßig mit Benzathin-Benzylpenicillin, einem Depot­penicillin. Für die Therapie der Frühsyphilis reicht die einmalige intramuskuläre Gabe von 2,4 Millionen I.E. Bei Penicillin-Allergie können Ceftriaxon, Doxycyclin oder Ery­thromycin zum Einsatz kommen. In späteren Stadien wird die Gabe an Tag 8 und 15 wiederholt. Bei einer Neuro­syphilis wird hoch dosiert wässriges Penicillin G verabreicht. HIV-Patienten mit Syphilis würden ebenfalls mit der Standardtherapie behandelt, bei ihnen dauere eine erfolgreiche Therapie allerdings meist länger, so Schöfer. Wichtig sei, dass der Erfolg der Therapie etwa nach einem Vierteljahr nachkontrolliert wird, betonte Schöfer.

Auch die Gonorrhö, umgangssprachlich als Tripper bezeichnet, ist nach Schätzung des RKI wieder auf dem Vormarsch. Für das gesamte Bundesgebiet stehen keine aktuellen Daten zur Verfügung, da es seit 2001 außer in Sachsen keine Meldepflicht mehr für Gonorrhö gibt. Die Zahlen aus Sachsen zeigen aber eine starke Zunahme: Dort erhöhte sich die Inzidenz von 1,8 gemeldeten Fällen pro 100 000 Einwohner im Jahr 2001 auf 21,3 Gonokokken-Infektionen pro 100 000 Einwohner 2016. Betroffen sind vorzugsweise junge Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Laut RKI ist auch bei MSM von einer erhöhten Inzidenz auszugehen.

Die Inkubationszeit beträgt 1 bis 14 Tage. Symptome an der Eintrittspforte sind Ausfluss und Eiter­sekretion. Die Infektion kann vor allem bei Frauen auch symptomlos verlaufen, die Betroffenen geben die Erreger dann unbewusst weiter. Die Infektion der Schleimhaut kann lokale Komplikationen hervorrufen und zu aufsteigenden Infektionen führen. Beim Mann können dann Entzündungen von Prostata, Samenblasen und -strang sowie Nebenhoden auftreten. Bei der Frau sind chronische Entzündungen im kleinen Becken möglich, die zu Unfruchtbarkeit führen können.

Sorge bereite Medizinern vor allem die Resistenzsituation bei der Gonorrhö, wie Dr. Heinrich Rasokat von der Universitätsklinik Köln berichtete. Es gibt Resistenzentwicklungen gegen alle eingesetzten Antibiotika. Aktuell wird die Infektion dual mit zwei Antibiotika gleichzeitig behandelt: 1 bis 2 g Ceftriaxon intravenös und 1,5 g Azithromycin peroral. Der Infizierte selbst, aber auch alle Sexualpartner der vergangenen zwei Monate müssen therapiert werden. Mediziner fürchten, dass diese Doppeltherapie bald nicht mehr wirksam sein könnte, denn europaweit sind bereits etwa 7 Prozent der Gonokokken resistent gegenüber Azithromycin. Hoffnungen setzen sie auf ein neues Antibiotikum: Solithromycin befindet sich derzeit in Phase III der klinischen Untersuchungen. Die Zulassung ist bisher zwar nur für Atemwegsinfekte beantragt, Studien hätten aber auch vielversprechende Effekte bei der Gonorrhö gezeigt, hieß es während der Fortbildung in Köln. /