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Selbstmedikation bei Schlafstörungen

Wenn Schafe zählen nicht hilft

28.03.2007  11:09 Uhr

Selbstmedikation bei

Wenn Schafe zählen nicht hilft

von Nina Griese, Berlin

Etwa jeder fünfte bis dritte Deutsche schläft schlecht. Damit gehören Schlafstörungen zu den häufigen Beschwerden. Meist wenden sich die Betroffenen zuerst an PTA oder Apotheker und bitten um Rat. Welche medikamentösen und nicht medikamentösen Therapien helfen und wann der Kunde unbedingt zum Arzt gehen sollte, klären PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch.

Jeder Mensch verschläft etwa ein Drittel seines Lebens; das sind im Jahr ungefähr 3000 Stunden. Der Schlaf ist allerdings kein passiver Zustand, sondern eine aktive Leistung des Organismus. Schlafmangel schadet langfristig der Gesundheit und beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Während der gesamten Nacht durchlebt der Schlafende unterschiedliche Phasen. Vom Einschlafstadium bis zum ersten Tiefschlaf steigt er quasi eine Treppe hinab. Den Tiefschlaf nennen Mediziner auch Non-REM-Schlaf, dem die Phase der schnellen Augenbewegungen, der sogenannte REM-Schlaf (englisch: rapid eye movement) folgt.

In der REM-Phase bewegen sich die Augen des Schlafenden unter den geschlossenen Lidern sehr schnell hin und her, und das Gehirn ist genauso aktiv wie im Wachzustand. Währenddessen träumt der Mensch besonders lebhaft und verarbeitet in diesen Träumen die Eindrücke des Tages. Der REM-Schlaf wird meist vom Tiefschlaf über ein bis mehrere mitteltiefe Schlafstadien erreicht. Danach beginnt ein neuer Schlafzyklus aus Non-REM- und REM-Schlaf, wobei der Schläfer in einer normalen Nacht vier bis sechs Schlafzyklen durchläuft. Wie wichtig ein guter Schlaf für die Gesundheit und das Wohlbefinden ist, merkt man meist erst dann, wenn die Schlafqualität gestört ist. Die möglichen Ursachen hierfür sind vielfältig und müssen im Beratungsgespräch erfragt werden.

Eine für die Apotheke typische Situation ist die folgende: Ein etwa 75-jähriger Mann betritt nach langer Zeit wieder die Apotheke. Früher zählte er zu den regelmäßigen Kunden, denn er löste während der langjährigen Erkrankung seiner Frau ihre Rezepte in der Apotheke ein. Nach dem Tod seiner Frau kam er kaum noch vorbei, nun bittet er um ein Schlafmittel. In einem kurzen Gespräch klärt die PTA, ob wirklich eine Schlafstörung vorliegt. Geeignete Fragen sind zum Beispiel:

  • Wie viele Stunden schlafen Sie?
  • Wie viele Stunden möchten Sie schlafen?
  • Seit wann haben Sie die Schlafprobleme?
  • Haben Sie Schwierigkeiten einzuschlafen oder wachen Sie nachts aufund liegen dann wach?
  • Nehmen Sie zurzeit Arzneimittel ein?
  • Haben Sie mit Ihrem Arzt schon über Ihre Schlafprobleme gesprochen?
  • Haben Sie bereits ein Schlafmittel ausprobiert?
  • Könnten äußere Umstände Ihre Schwierigkeiten verursachen?

Die medikamentöse ebenso wie die nicht medikamentöse Therapie sind nur dann angebracht, wenn der Schlaf des Mannes tatsächlich gestört ist. In vielen Fällen haben Menschen nur subjektiv das Gefühl, schlecht zu schlafen. Dann liegt das Problem bei der individuellen Bewertung der Schlafqualität. Jeder weiß, dass der Schlafbedarf vom Alter abhängt: Neugeborene brauchen etwa 16 Stunden und Kleinkinder rund 12 Stunden. Bei Erwachsenen variiert der Bedarf zwischen 4 und 10 Stunden. Ältere Menschen benötigen durchschnittlich nur 5,5 bis 7 Stunden Schlafzeit.

Das Nickerchen am Mittag muss zur Gesamtschlafzeit dazugerechnet werden, wodurch einige Ältere mehr schlafen als in jüngeren Jahren. Daher sollten PTA oder Apotheker im Gespräch zunächst die Erwartungshaltung des Patienten an ihren Schlaf thematisieren.
Auf Nachfrage erzählt der ältere Mann, dass er jeden Abend zwischen 20 und 21 Uhr ins Bett geht und dann oft stundenlang wach liegt. Wenn er endlich eingeschlafen sei, wache er jeden Morgen um 6 Uhr auf. Weil er »kaum ein Auge zugetan« habe, gönne er sich mindestens 1,5 Stunden, manchmal auch zwei Stunden Mittagsschlaf.

Ein Problem von Frauen und Älteren

Etwa 15 bis 35 Prozent der deutschen Bevölkerung sind von leichten bis schweren Schlafstörungen betroffen, abhängig vom Alter (je älter, desto häufiger), vom Geschlecht (Frauen mehr als Männer) und vom Gesundheitszustand. Schlafprobleme äußern sich ganz unterschiedlich. Die meisten Menschen leiden unter einer so genannten Insomnie, das heißt mangelhaftem oder ungenügend erholsamem Schlaf. Insomnien werden verursacht durch Ein- und Durchschlafstörungen oder zu frühes Erwachen und haben in der Regel mehrere Ursachen. Sie können umgebungsbedingt, auf Krankheiten oder die Psyche zurückzuführen sein. Des Weiteren können auch Medikamente wie Schilddrüsenhormone, Betablocker, Diuretika (abends), Appetitzügler oder Theophyllin den Schlaf beeinträchtigen.

Eine Einschlafstörung liegt vor, wenn der Betroffene abends länger als eine halbe Stunde zum Einschlafen benötigt. Menschen mit Einschlafstörungen können häufig schlecht abschalten, im Bett jagt ein Gedanke den anderen. Dagegen bieten sich nicht medikamentöse Schlafhilfen wie Entspannungsübungen oder Einschlafrituale an. Menschen mit Durchschlafstörungen fallen zwar meist direkt in den Schlaf, wachen aber nachts auf und können dann nicht wieder einschlafen.

Kein Fall für die Selbstmedikation sind Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen, krankheitsbedingte Schlafstörungen und Schlafstörungen, die länger als drei Wochen anhalten. Zu den krankheitsbedingten Schlafstörungen zählen unter anderem nächtliche Atemprobleme, Schlafapnoe genannt, das Restless-legs-Syndrom (Bewegungsdrang begleitet von Missempfindungen in den Beinen), psychiatrische Erkrankungen und chronische Schmerzen, zum Beispiel bei Rheuma.

Um die Situation des Kunden besser beurteilen zu können, erkundigt sich die PTA nach seinen Lebensumständen und fragt ihn, ob er bereits etwas gegen seine Schlafprobleme unternommen hat.

»Seit einem dreiviertel Jahr kann ich nicht mehr richtig schlafen«, erzählt der ältere Mann. »Seit meine Frau vor einem Jahr verstorben ist, versorgt mich meine Schwiegertochter, die in der Nachbarschaft wohnt.« Ab und zu gehe er mit dem Hund seines Sohnes spazieren, ansonsten verbringe er den Tag zu Hause mit Fernsehen und Lesen. Bei schönem Wetter setze er sich manchmal in den Garten. Abends esse er mit der Familie seines Sohnes ausgiebig zu Abend. Bisher habe er, abgesehen von den paar restlichen Schlaftabletten seiner Frau, nichts eingenommen. Die Tabletten hätten geholfen, aber er erinnere sich nicht mehr an deren Namen. Auf Nachfrage klagt der Mann zusätzlich über Probleme beim »Wasserlassen«, er müsse jedoch nachts nicht wegen Harndrang aufstehen.

Nachdem sie dem Kunden aufmerksam zugehört hat, schätzt die PTA das Problem des Kunden als Einschlafstörung ein. Da der Mann möglicherweise sogar ausreichend schläft, wenn man den Mittagsschlaf mit berücksichtigt, entscheidet sich die PTA, dass er seine Schlafstörung selbst behandeln kann, obwohl die Probleme schon länger als drei Wochen andauern.

Die pharmakotherapeutischen Möglichkeiten für die Selbstmedikation zur Behandlung von Schlafstörungen und Nervosität sind relativ begrenzt. Zur symptomatischen medikamentösen Therapie von innerer Unruhe und Nervosität werden Sedativa, bei Ein- und Durchschlafproblemen hingegen Hypnotika eingesetzt. Der Übergang zwischen beiden Substanzgruppen ist fließend, Sedativa werden jedoch vorwiegend tagsüber eingenommen.

Medikamentöse Therapie

Die zwei älteren H1-Antihistaminika Diphenhydramin und Doxylamin sind die einzigen nicht verschreibungspflichtigen Schlafmittel mit mittlerer Wirkintensität. Die sedierende Wirkung kommt über eine Blockade zentraler H1-Rezeptoren zu Stande. Allerdings sprechen die Patienten unterschiedlich gut auf die Substanzen an. Bei wiederholter Anwendung ist mit einer Toleranzbildung zu rechnen. Dies kann schon nach einer drei- bis viertägigen Therapie auftreten. Die meisten Patienten steigern die Dosis, wenn sie mit der Wirkung nicht mehr zufrieden sind.

Außerdem greifen H1-Antihistaminika in das physiologische Schlaf- und Regenerationsgeschehen ein. Daher sollten PTA oder Apotheker mit dem Patienten vereinbaren, dass er nach zwei bis drei Tagen einen Auslassversuch macht. Alternativ bietet sich die Einnahme an jedem zweiten Tag an. Die empfohlene Einzeldosis liegt für Diphenhydramin bei 50 mg und für Doxylamin bei 25 bis 50 mg. Die Arzneisubstanzen eignen sich besonders bei situativen Schlafstörungen, zum Beispiel im Urlaub oder nach einem Ortswechsel. Menschen mit Einschlafstörungen sollten die Tabletten 30 bis 60 Minuten vor dem Zubettgehen einnehmen; bei Durchschlafstörungen empfiehlt es sich, das Präparat unmittelbar davor zu nehmen. Noch ein wichtiger Hinweis für die Patienten: Der Einnahmezeitpunkt sollte etwa acht Stunden vor dem geplanten Aufstehen liegen. So vermeiden sie einen »hangover«-Effekt und eine Beeinträchtigung ihrer Verkehrstüchtigkeit am nächsten Tag. Aus demselben Grund sollten sie nachts nie »nachdosieren«. Wenn sich die Schlafstörung nach zwei bis drei Tagen nicht bessert oder nach Absetzen des Arzneimittels wieder auftritt, muss der Betroffene den Arzt aufsuchen.

Als Nebenwirkungen der H1-Antihistaminika können Obstipation, Blasenentleerungsstörungen (Miktionsstörungen) und Mundtrockenheit auftreten. Sie sind in der Regel durch die anticholinergen Eigenschaften dieser Substanzen bedingt. Kontraindiziert sind beide Substanzen bei Patienten mit Engwinkelglaukom, Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung, bei Epileptikern sowie Schwangeren und Stillenden. Vorsicht ist geboten bei Menschen mit Leberfunktionsstörungen und Magen-Darm-Geschwüren. Andere zentralnervös wirkende Arzneimittel sowie Alkohol verstärken die sedierende Wirkung noch. Alkoholische Getränke sind daher kontraindiziert.

Pflanzliche Alternativen

Leicht sedierend und schlaffördernd wirken außerdem Zubereitungen aus folgenden fünf Arzneidrogen, die die Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt positiv beurteilte: Passionsblumenkraut, Melissenblätter, Baldrianwurzel, Lavendelblüten und Hopfenzapfen.

Pflanzliche Sedativa fördern den Schlaf, sie »erzwingen« ihn jedoch nicht und greifen nicht oder nur wenig in das physiologische Schlaf- und Regenerationsgeschehen ein. Für die genannten Drogen sind keine Neben- und Wechselwirkungen sowie Kontraindikationen bekannt und sie besitzen kein Abhängigkeitspotential.

Am besten belegt ist die Wirkung von Baldrian. Er entfaltet seine volle Wirksamkeit aber erst nach 10 bis 14 Tagen. Alle genannten Phytopharmaka sind nur dann effektiv, wenn sie ausreichend dosiert sind (siehe Tabelle 2). Neben den im Handel befindlichen Fertigarzneimitteln und Teemischungen können PTA oder Apotheker dem Kunden anbieten, die Teedroge in der gewünschten Menge abzufassen oder eine Mischung herzustellen. Dabei können sie auf Standardzulassungen oder auf das Neue Rezept-Formularium (NRF 17.2) zurückgreifen.

Tabelle 1: Indikationen und Dosierungshinweise für pflanzliche Sedativa

Droge Indikation Dosierung für einen Tee
Baldrianwurzel Unruhe, nervöse Einschlafstörungen 1 Teelöffel (2,5 g Droge) pro Tasse
Hopfenzapfen Schlafstörungen 1 - 2 Teelöffel (0,5 g Droge) pro Tasse
Lavendelblüten Einschlafstörungen 1 - 2 Teelöffel (0,8 - 1,6 g Droge) pro Tasse
Melissenblätter nervös bedingte Einschlafstörungen 1 - 3 Teelöffel (1,5 - 4,5 g Droge) pro Tasse
Passionsblumenkraut nervöse Unruhezustände 1 Teelöffel (2 g Droge) pro Tasse

(Einnahme jeweils ein- bis mehrmals täglich.)

Die genannten Arzneipflanzen sind beliebig miteinander kombinierbar. Allerdings sollte die 2er-Kombination mindestens 75 Prozent und die 3er-Kombination mindestens 50 Prozent der jeweiligen Einzeldosis enthalten. Beispiel: Bei einem Kombinationspräparat aus Baldrian und Melisse muss daher pro Einnahme eine Dosis von 1,5 bis 2,3 g Baldrian und 1,1 bis 3,4 g Melisse erreicht werden.

Ein synthetisches Hypnotikum mit einem pflanzlichen Sedativum zu kombinieren, ist wenig sinnvoll, da die pflanzlichen Bestandteile die Wirksamkeit der Synthetika kaum beeinflussen. Zudem vermitteln die Hersteller solcher Präparate in der Werbung häufig den Eindruck, es handle sich um ein Naturprodukt.

Tipps für schlechte Schläfer

Jede medikamentöse Therapie sollte durch nicht medikamentöse Maßnahmen ergänzt werden. Der Kasten fasst allgemeine Empfehlungen für Patienten mit Schlafstörungen zusammen. Diese wirken nur selten sofort und sind auch nicht so effektiv wie eine Schlaftablette. Dafür ist der Patient aber aktiv beteiligt und vor allem langfristig gegen Rückfälle gewappnet. Zudem verringern nicht medikamentöse Maßnahmen seine Angst, den Schlafmitteln »ausgeliefert« zu sein oder abhängig zu werden. Allerdings muss der Patient Geduld haben, denn der Erfolg stellt sich, vor allem bei schon länger bestehenden Schlafstörungen, erst langfristig ein. Dies bespricht die PTA mit dem Patienten.
Sie empfiehlt ihm, später als gewohnt, also erst etwa gegen 22 Uhr, zu Bett zu gehen. Auch sollte er auf den Mittagsschlaf verzichten, das Schlafzimmer gut lüften und nicht zu stark heizen. Sie rät ihm, sich während des Tages mehr zu bewegen und am frühen Abend mit dem Hund spazieren zu gehen. Das üppige Abendessen sollte er auf jeden Fall reduzieren und zum Abschluss keinen Kaffee mehr trinken.

Die PTA vermutet bei dem älteren Mann eine Prostataerkrankung und hat sich daher gegen H1-Antihistaminika entschieden. Sie empfiehlt ihm ein definiertes Baldrianwurzeltrockenextrakt-haltiges Präparat gegen seine Einschlafstörungen. Er soll das Präparat eine Stunde vor dem Zubettgehen einnehmen und bittet ihn, in zwei Wochen wiederzukommen und zu berichten, ob sich die Schlafstörungen durch die Therapie gebessert hätten. Sollte der Mann dann nicht besser schlafen, wird sie ihm den Arztbesuch empfehlen.

Regeln der Schlafhygiene

  • Gehen Sie nur schlafen, wenn Sie wirklich müde sind.
  • Üben Sie kleine, entspannungsfördernde Schlafrituale aus. Geeignet sind zum Beispiel ein warmes Bad, eine leichte Nachtmahlzeit oder eine kurze Lektüre.
  • Treiben Sie regelmäßig Sport. Verlegen Sie körperlich anstrengenden Sport möglichst auf die frühen Morgenstunden oder halten Sie zumindest einen sechsstündigen Abstand zur Schlafenszeit ein. Auch bei körperlich leichter Betätigung wie Streck- und Dehnübungen oder Spazierengehen, sollten Sie einen vierstündigen Abstand zur Schlafenszeit einhalten.
  • Beseitigen Sie äußere Störfaktoren wie grelles Licht und Lärm. Schlafen Sie in gut gelüfteten, etwa 16 bis 18 °C warmen Räumen.
  • Verzichten Sie auf Ihren Mittagsschlaf.
  • Verlassen Sie Ihr Schlafzimmer auch mitten in der Nacht, wenn Sie länger als 20 Minuten wach im Bett liegen.
  • Verzichten Sie nach 17 Uhr auf schwer verdauliche Speisen, auf koffeinhaltige Medikamente oder Getränke.
  • Stellen Sie Ihr Leben in den Punkten um, in denen Sie am weitesten von diesen Empfehlungen abweichen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
n.griese(at)abda.aponet.de

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