PTA-Forum online
Pflege der Dritten

Die eigenen Zähne perfekt ersetzt

29.03.2008  08:36 Uhr

Pflege der Dritten

Die eigenen Zähne perfekt ersetzt 

Christiane Eickhoff, Berlin

Jeder zweite Deutsche über 60 Jahre trägt eine Teil- oder Vollprothese. Die eigenen Zähne zu verlieren und auf ein künstliches Gebiss angewiesen zu sein, ist für die meisten Menschen ein einschneidendes Erlebnis. Obwohl viele Senioren betroffen sind und sie sich in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt fühlen, ist das Thema nach wie vor ein Tabu. Die Beratung in der Apotheke erfordert daher Einfühlungsvermögen und Diskretion.

Der Begriff Dritte Zähne steht ganz allgemein für jegliche Art von Zahnersatz, das heißt außer für Teil- und Vollprothesen auch für Implantate sowie Brücken, Inlays und Kronen. Da herausnehmbare Prothesen den Trägern die meisten Probleme bereiten, spielen diese für die Beratung in der Apotheke die größte Rolle. 

In der Anfangszeit braucht jeder neue Prothesenträger viel Geduld. Er empfindet das künstliche Gebiss als Fremdkörper. Lippen, Zunge und Schleimhaut müssen sich erst einmal an das neue Gefühl gewöhnen. In der ersten Zeit trauen sich viele nicht mehr, unbeschwert zu lachen, sprechen nur langsam und leise, und das Essen im Kreise Fremder erscheint ihnen unmöglich. Aber das geht vorbei. Die Eingewöhnungszeit ist individuell sehr verscheiden, bei manchen dauert es wenige Wochen, bei anderen Monate. Drückt die Prothese oder hat sich die Schleimhaut entzündet, ist selbstverständlich der Zahnarzt der erste Ansprechpartner der Betroffenen. Durch Korrekturen kann er den Sitz der Prothese oft verbessern. 

PTA oder Apotheker können Kunden einen Tipp zur schnelleren Gewöhnung an den Fremdkörper geben: Zu Anfang die Dritten möglichst auch über Nacht tragen und nicht immer wieder stundenweise aus dem Mund nehmen. 

Erfahrungsgemäß bereiten vor allem S- und Zischlaute vielen Betroffenen Schwierigkeiten. Diesen Kunden können PTA oder Apotheker empfehlen, vor dem Spiegel Texte laut zu lesen oder Sprechübungen zu machen, zum Beispiel mit dem Wort »Mississippi« oder mit Zungenbrechern wie »Fischers Fritze fischt frische Fische«. Das nimmt die Unsicherheit. 

Auch das Essen mit den Dritten Zähnen will gelernt sein. Folgende Tipps helfen: 

  • Zunächst weiche Speisen essen oder klein geschnittene Bissen kauen. 
  • Vor dem Spiegel das Essen üben. 
  • Beim Kauen die Zähne beidseitig belasten, so dass die Prothese gleichmäßig angedrückt wird. 

Bei manchen Gebissträgern verändert die Prothese das Geschmacksempfinden. Die Prothese deckt zum Teil die Geschmacksnerven ab, die vor allem auf der Zunge, aber auch auf dem Gaumen liegen. Der Geschmackssinn stellt sich aber bald auf die neue Situation ein. 

Die Dritten gut pflegen

Wie bei den eigenen Zähnen ist auch bei den Dritten die sorgfältige Pflege das A und O. Nicht nur die Prothese, sondern auch der Mundraum muss gründlich gereinigt und gepflegt werden, da sonst Entzündungen und Mundgeruch entstehen. 

Träger von Teilprothesen sollten besonders auf Speisereste an den Verbindungsstellen zwischen den eigenen Zähnen und der Prothese achten. Um die Haltezähne für die Teilprothesen möglichst lange zu erhalten, müssen diese regelmäßig und gründlich gereinigt werden. 

Prothesenträger sollten ihre künstlichen Zähne nach jedem Essen unter fließendem Wasser abspülen und zweimal am Tag mit Zahnpasta und Bürste reinigen. Dafür können sie normale Zahnbürs-ten, spezielle Prothesenbürsten oder sogar Nagelbürsten verwenden. Zur gründlicheren Reinigung eignen sich desinfizierende Tabletten. Es reicht völlig aus, die herausnehmbaren Zähne ein- bis zweimal pro Woche in eine solche Reinigungslösung zu legen. Wichtig ist außerdem die regelmäßige Untersuchung der Prothese beim Zahnarzt ein- bis zweimal pro Jahr. 

Druckstellen vermeiden

Gerade zu Anfang treten Druckstellen häufig auf. Das ist kein Anlass zur Sorge. Sollten sich die Beschwerden allerdings nach einer Woche nicht bessern, muss der Zahnarzt helfen. Wendet sich der Betroffene zunächst an PTA oder Apotheker, sollten diese ihm empfehlen, die Prothese vor dem Zahnarztbesuch mehrere Stunden zu tragen, damit die Druckstellen gut sichtbar werden. 

Die natürliche Selbstreinigung der Mundschleimhaut durch den Speichel und die Zunge ist bei Gebissträgern behindert. Da die Prothese die Schleimhaut an Kiefer und Gaumen zum Teil ständig bedeckt, wird sie anfälliger für Entzündungen. Um die Durchblutung zu fördern und wunden Stellen vorzubeugen, sollten die Betroffenen die Schleimhaut von Gaumen und Kiefer jeden Tag mit einer weichen Zahnbürste einige Minuten vorsichtig massieren.  

Treten trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einmal Druckstellen oder Entzündungen auf, können PTA oder Apotheker Mundspülungen mit entzündungshemmenden Wirkstoffen empfehlen, zum Beispiel mit Chlorhexidin (wie Chlorhexamed®) oder Hexetidin (wie Hexoral®). Gut geeignet sind ebenfalls pflanzliche Extrakte, zum Beispiel aus Salbei (wie Salviathymol®), Thymian, Nelke (Nelkenöl) oder Kamille (zum Beispiel Kamillosan®). Einige Mundspüllösungen enthalten Kombinationen aus synthetischen und pflanzlichen Wirkstoffen.  

Schmerzen die Druckstellen sehr, lindern Salben oder Gele mit lokalanästhetischen Zusätzen wie Lidocain (in Kamistad® und Dynexan®) oder Benzocain (in Dentisat®) die Beschwerden. 

Der Kiefer schrumpft

Eine Prothese belastet den Kiefer ganz anders als die eigenen Zähne. Normalerweise leiten die Zähne den Druck beim Kauen auf die Kieferknochen weiter. Bei einer Prothese wird der Druck dagegen nur indirekt über die Mundschleimhaut auf den Kiefer übertragen. Das hat zur Folge, dass der Kieferknochen langsam abgebaut wird. Deshalb verändert sich der Sitz einer Prothese auch im Laufe der Zeit. 

Je gleichmäßiger der Druck auf die Schleimhaut und den Kiefer verteilt wird, desto langsamer verläuft der Abbau des Knochens. Sitzt die Prothese schlecht, bildet sich der Knochen an den stärker belasteten Stellen schneller zurück, und das Problem verstärkt sich. Deshalb sollte der Zahnarzt im Einzelfall prüfen, ob er die Prothesenränder korrigieren oder die Prothese stärker unterfüttern muss. 

Ob ein Haftmittel der Prothese mehr Halt gibt, hängt von der individuellen Form des Kiefers, dem Sitz der Prothese und der Konsistenz des Speichels ab. Hat der Zahnarzt die Dritten gut angepasst, halten sie oft alleine durch den Hafteffekt des Speichels. Deshalb vertraten viele Zahnärzte noch vor einigen Jahren die Auffassung, ein Haftmittel sei nur als Zwischenlösung oder in der Eingewöhnungszeit notwendig. Mittlerweile sind die meisten anderer Auffassung und betrachten den Dauergebrauch von Haftmitteln als unproblematisch. Die stärkere Haftung erhöht den Tragekomfort der Prothese und damit auch das Gefühl der Sicherheit bei den Prothesenträgern. Ein Haftmittel nimmt vielen Betroffenen die Angst vor »Missgeschicken«. PTA oder Apotheker sollten jedoch darauf achten, dass kein Kunde ohne Rücksprache mit dem Zahnarzt über einen längeren Zeitraum Haftmittel verwendet und dadurch möglicherweise Probleme kaschiert, die behandelt werden müssen. 

Haftmittel geben Sicherheit

Die Auswahl an Präparaten ist groß, im Handel sind Haftpulver, Haftcremes, Pads, Haftstreifen oder Kissen. Laut Statistik verwenden die Deutschen am häufigsten Cremes: Im Jahr 2005 wurden in Deutschland circa 20 Millionen Packungen verkauft. 

Haftmittel enthalten Quellstoffe, zum Beispiel Alginate oder Methylcellulose. Diese bilden zusammen mit dem Speichel eine elastische Masse, dichten die Prothesenränder ab und erzielen so eine Saugwirkung. Das hat auch den Vorteil, dass Speisereste, die Entzündungen verursachen könnten, nicht mehr unter die Prothese gelangen. Außerdem füllt die elastische Masse kleine Zwischenräume zwischen den Dritten und der Mundschleimhaut aus. Es entsteht ein dünnes Polster, das in gewissem Rahmen sogar Druckstellen verhindert. 

Für Senioren mit einer starken Speichelproduktion empfiehlt sich ein Haftpulver. Das saugt die überschüssige Speichelmenge auf. Für Menschen mit normaler oder geringerer Speichelmenge sind Haftcremes geeignet. PTA oder Apotheker sollten die Anwender auf die Unterschiede im Gebrauch hinweisen. Während Haftpulver auf feuchte Prothesen gestreut werden müssen, sind Haftcremes auf trockene Prothesen aufzubringen.

Kleine Hohlräume unter der Prothese, bei denen noch keine Korrektur durch den Zahnarzt erforderlich ist, können durch Haftpolster unterfüttert werden. Haftmittel wirken nach wenigen Minuten und halten meist den ganzen Tag. Verschiedene Faktoren beeinflussen allerdings die Haftdauer, beispielsweise die Konsistenz des Speichels, die Beanspruchung der Prothese und die Zusammensetzung des Haftmittels selbst.

Wenn die Prothese bricht

Immer wieder passiert das Missgeschick: Die Prothese bricht. Meistens hat der Gebissträger sie auf den harten Fußboden fallen lassen. Deshalb der Tipp: Die Prothese immer nur über einem Waschbecken herausnehmen, das entweder mit Wasser gefüllt oder mit einem Handtuch gut ausgelegt ist. 

Keinesfalls sollte der Betroffene die Prothese aus Scham über sein ungeschicktes Verhalten oder aus Kostengründen selbst kleben. Handelsübliche Klebstoffe können das Prothesenmaterial auflösen. Deshalb sollten sie die Reparatur immer einem Fachmann überlassen.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
C.Eickhoff(at)abda.aponet.de