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Interview

Die Kunst der kurzen Sätze

29.03.2008  08:13 Uhr

Interview

Die Kunst der kurzen Sätze

Sabine Laerum, Frankfurt am Main

Die Linguistin Dr. Svenja Sachweh ist Kommunikationstrainerin und -forscherin. Sie gründete vor sieben Jahren das Bochumer Institut »Talkcare« und vermittelt seither vor allem Pflegekräften, wie diese auf die kognitiven, sprachlichen und emotionalen Besonderheiten von Menschen mit Demenz eingehen und gut mit ihnen kommunizieren können.

PTA-Forum:Eine demente Dame steht mitten im Speisezimmer des Seniorenheimes, streckt ihre Arme von sich und stößt angeekelt Töne aus. An ihren Händen klebt Marmelade. Wie sollten sich die Pflegekräfte in dieser Situation verhalten?
Sachweh: Am besten bieten sie ihr an, sich sofort die Hände zu waschen. Idealerweise drücken sie dabei aus, dass sie sich in ihre Lage versetzen können und bieten eine Lösung des Problems an, zum Beispiel: Das klebt, nicht? Ich kann verstehen, dass Sie das eklig finden. Kommen Sie mal mit zum Waschbecken. Da können Sie die Marmelade abwaschen. Sie sollten nicht sagen, dass das doch nicht so schlimm ist.

PTA-Forum:Die Demenz ist bei dieser Dame schon so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr sprechen kann. Versteht sie die Sätze trotzdem?
Sachweh: Das kann sein. Zur Sicherheit sollte die Pflegekraft mit ihrer Körpersprache unterstreichen, was sie meint, zum Beispiel auf das Waschbecken zeigen und das Händewaschen pantomimisch vormachen. 

PTA-Forum:Kann die alte Dame mit entscheiden, wo sie sich die Hände waschen möchte? Ob in ihrem Zimmer oder im Speisesaal?
Sachweh: Entweder-Oder-Fragen verstehen schwer demente Menschen meist nicht mehr. Diese rufen höchstens Unsicherheit hervor. Dann erntet man häufig eine Gegenfrage wie »Was ist denn richtig?« oder ein wütendes »Ist mir doch egal.« Besser ist es, Vorschläge zu machen, zum Beispiel: »Wollen Sie sich die Hände in Ihrem Zimmer waschen?« 

PTA-Forum:Welche besonderen Sprachregeln gelten noch für Demenzkranke?
Sachweh: Durch ihr schlechtes Kurzzeitgedächtnis können sie langen Sätzen nicht folgen. Darum sollte man sich möglichst kurz ausdrücken und deutliche Pausen zwischen einzelnen Sätzen machen. Manchen hilft es, wenn man etwa langsamer redet. Außerdem nehmen sie Sprache immer häufiger wörtlich. Formulierungen wie »ins Gras beißen«, »sich schwarz ärgern« oder »in die Luft gehen« verstehen sie nicht so, wie sie gemeint sind. Hätte die Pflegekraft der Dame vorgeschlagen, die Hände im WC zu waschen, hätte es passieren können, dass sie das für bare Münze nimmt und sich tatsächlich in der Toilettenschüssel die Hände sauber macht.

PTA-Forum:Dann verstehen Demenzkranke vermutlich auch keine Witze?
Sachweh: Im fortgeschrittenen Stadium kaum noch. Lachen können sie jedoch über nonverbalen Humor, wie etwa über Sketche von Dick und Doof oder Mister Bean. 

PTA-Forum:Welche Strategien entwickeln Demente, um sich trotz ihrer Sprachprobleme verständlich zu machen?
Sachweh: Sie nutzen zum Beispiel inhaltlich ähnliche Begriffe, wenn ihnen ein Wort nicht mehr einfällt: Sie sagen »Mutter« und meinen »Tochter«, sie sagen »Hund« und meinen »Katze«. In einem späten Krankheitsstadium verwechseln sie ähnlich klingende Wörter und sagen zum Beispiel »strafen gehen« statt »schlafen gehen«. 

PTA-Forum:Was ist der deutlichste Unterschied zwischen der Kommunikation mit dementen Menschen und mit Gesunden?
Sachweh: Gesunde Menschen achten viel mehr auf Worte, Demenzkranke immer mehr auf die Körpersprache. Im Gegensatz zu Gesunden können sich Demenzkranke immer nur auf eine Sache konzentrieren, das heißt beispielsweise, nicht gleichzeitig essen und reden. Und je weiter die Krankheit fortschreitet, umso ehrlicher werden demenzkranke Menschen, weil sie die Regeln für Anstand und Höflichkeit vergessen haben. Wenn ein Betroffener sich von Ihnen falsch behandelt fühlt, zeigt er das sehr deutlich. Er dreht sich vielleicht einfach um und geht oder sagt unverblümt: »Halt’ die Klappe.«

PTA-Forum:Wie nehme ich danach wieder Kontakt zu ihm auf?
Sachweh: Man sollte die Abfuhr akzeptieren, etwas Zeit vergehen lassen, und es nach einigen Minuten noch einmal versuchen. Normalerweise hat der Demenzkranke seinen Unmut schon vergessen.

PTA-Forum:Bleibt bei ihm kein ablehnendes Gefühl zurück?
Sachweh: Wenn Sie ihm nicht vertraut sind, erinnert er sich nicht mehr an Sie. Sein Kurzzeitgedächtnis speichert Sie nicht ab. Kennt er Sie länger und Sie hatten häufiger Probleme miteinander, kann ein diffuses Gefühl bleiben. Wenn Sie durch Ihre Körpersprache jedoch ehrliches Interesse und Freude an einem Kontakt mit ihm vermitteln, wird er sich trotzdem auf Sie einlassen. 

PTA-Forum:Sollte man seine Körpersprache so bewusst einsetzen?
Sachweh: Ja, im Umgang mit demenzkranken Menschen sollte jeder sogar unbedingt lernen, seine Körpersprache zu kontrollieren. Fürchten Sie, dass im gemeinsamen Tun etwas schief geht, und es bildet sich eine Sorgenfalte auf Ihrer Stirn, wird der Demenzkranke verunsichert oder ablehnend auf Sie reagieren. Das kann Sie viel Zeit kosten. Wer dagegen gelernt hat, Dementen mit einem entspannten Gesichtsausdruck und offener Körperhaltung gegenüber zu treten, hat es leichter. 

PTA-Forum:Heißt das, Gefühle bleiben länger als das Sprachvermögen erhalten?
Sachweh: Demente Menschen reagieren zum Teil sogar immer emotionaler, weil die Krankheit ihnen ihre kognitiven Filter nimmt. Gerade bei der Alzheimer Krankheit bleibt die rechte Gehirnhälfte, die bei den meisten Rechtshändern schwerpunktmäßig für Emotionen zuständig ist, länger funktionsfähig. Die linke Hirnhälfte hingegen, in der sich die Sprachzentren befinden, stellt schneller ihre Dienste ein. Einer Theorie zufolge liegt das daran, dass sich durch Unterschiede im Stoffwechsel in der linken Hirnhälfte eher und mehr Amyloid-Plaques bilden.

PTA-Forum:Welche Rolle spielen Berührungen für demente Menschen?
Sachweh: Sehr demente Menschen berühren häufig von sich aus diejenigen, die sie mögen. Entsprechend genießen sie es auch, von anderen berührt zu werden. Aber grundsätzlich gilt wie bei Gesunden: Nicht jeder mag Körperkontakt.