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HPV-Impfung

Heiße Diskussion um Nutzen und Risiken

29.03.2008  09:03 Uhr

HPV-Impfung

Heiße Diskussion um Nutzen und Risiken

Brigitte M. Gensthaler, München

Seit Oktober 2006 können Ärzte gegen Gebärmutterhalskrebs impfen. Empfohlen wird die Impfung für Mädchen und Teenager zwischen 12 und 17 Jahren. Seit bekannt wurde, dass zwei junge Frauen in zeitlicher Nähe zu einer Impfung starben, diskutieren Experten heftig über deren Sicherheit. Was ist dran an der Kritik?

Gebärmutterhalskrebs ist weltweit der zweithäufigste Krebs der Frau. In Deutschland erkranken jährlich etwa 6500 Frauen und 1700 sterben jedes Jahr daran. In Entwicklungsländern sind die Erkrankungszahlen noch viel höher. Wichtig: Krebs am Gebärmutterhals (Zervix) wird fast immer von Viren, genauer von humanen Papillomaviren (HPV), ausgelöst. 

Die HP-Viren werden bei direktem Haut- und Schleimhautkontakt, meist beim Geschlechtsverkehr, übertragen. Experten schätzen, dass sich 70 bis 90 Prozent der sexuell aktiven Frauen im Lauf ihres Lebens mit HPV infizieren: 24 Monate nach Beginn der sexuellen Aktivität sind es etwa 35 bis 40 Prozent der Teenager, nach 56 Monaten circa 70 Prozent. Die Infektion an sich ist nicht problematisch, denn meistens eliminiert das körpereigene Immunsystem die Viren nach einigen Monaten ohne Folgen. 

Bei wenigen Frauen überdauern die Viren aber im Gewebe, was Fachleute als Persistenz bezeichnen. Für das Krebsrisiko ist entscheidend, welche Virustypen sich im Gewebe einnisten. Bislang kennt man etwa 130 verschiedene HPV-Typen, von denen man circa 100 auf der Haut finden kann. Etwa 30 Virustypen können den Genitaltrakt besiedeln und Genitalwarzen oder Störungen im Gewebewachstum, sogenannte zervikale intraepitheliale Neoplasien (CIN), auslösen. CIN gelten als Vorstufen des Zervixkarzinoms. Die Weltgesundheitsorganisation hat etliche Virustypen als kanzerogen eingestuft; neben anderen gehören HPV-16 und -18 zur Hochrisikogruppe. »Niedrigrisiko«-Subtypen wie HPV-6 und -11 lösen Genitalwarzen aus. Persistieren kanzerogene Virustypen im Schleimhautgewebe, steigt das Risiko einer bösartigen Wucherung. HPV-16 und -18 sind bei etwa 70 Prozent der Zervixkarzinome nachweisbar. 

Bei der Früherkennungsuntersuchung auf Zervixkrebs achtet der Frauenarzt auf Veränderungen der Schleimhaut in der Scheide, am Muttermund und Gebärmutterhals. Zusätzlich zur Betrachtung mit dem bloßen Auge entnimmt er einen Abstrich von Schleimhautzellen, die nach Anfärbung im Labor untersucht werden (»Pap-Test«). Die HPV-Impfung kann die »Vorsorge« keinesfalls ersetzen. 

Zwei Impfstoffe zugelassen

Im Oktober 2006 und 2007 wurden zwei Impfstoffe gegen HPV zugelassen: ein tetravalenter Impfstoff, der vor den Typen 6, 11, 16 und 18 schützt (Gardasil®), und ein bivalenter, der nur die Viren 16 und 18 erfasst (Cervarix®). Beide Präparate enthalten keine »echten« Viren, sondern Virus-ähnliche Partikel, die nicht ansteckend sind, das Immunsystem aber zur Abwehr anregen. Beide Impfstoffe sind adsorbiert an Aluminiumhydroxid, der bivalente enthält zusätzlich Monophosphoryl-Lipid A, das die Immunantwort des Körpers verstärkt. Die STIKO empfiehlt jungen Frauen von 12 bis 17 Jahren jeweils drei Impfungen innerhalb von sechs Monaten möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr.  

Todesfälle in Nähe zur Impfung

Die Nachricht vom Tod zweier junger Frauen nach einer Impfung hat viele Mädchen und junge Frauen verunsichert. Im Sommer 2007 starb in Deutschland eine 17-Jährige am Tag nach der zweiten Gardasil®-Spritze an einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Sie war vorher völlig gesund und hatte die erste Impfung problemlos vertragen. Im Oktober starb eine 19-Jährige in Österreich etwa drei Wochen nach der Impfung. Alkohol- oder Drogenmissbrauch oder eine Vergiftung waren nicht nachweisbar. Trotz sehr gründlicher Untersuchungen konnten die Ärzte keine eindeutige Todesursache feststellen. In seiner Bewertung schreibt das Paul-Ehrlich-Institut: »Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in beiden Fällen bei den bisherigen Untersuchungen die Ursache(n) des Todes nicht zu klären war(en). Anhaltspunkte für einen ursächlichen Zusammenhang des Todes mit der vorausgegangenen Impfung fanden sich nicht.« Auch die europäische Arzneimittelbehörde EMEA und das Bundesgesundheits-ministerium schließen einen ursächlichen Zusammenhang aus. 

Langzeitnutzen noch unklar

Die Impfung ist relativ gut verträglich. Am häufigsten kommt es zu Rötung, Schwellung oder Schmerzen an der Injektionsstelle. Dem deutschen Paul-Ehrlich-Institut liegen bis jetzt etwa 190 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen vor. In den USA und Australien wurden auch schwere Nebenwirkungen gemeldet.

Wie der langfristige Nutzen zu bewerten ist, bleibt derzeit unbeantwortet. Nachweislich schützt die dreimalige Impfung praktisch alle Impflinge vor einer Infektion mit den Virustypen, gegen die die Vakzine gerichtet ist. Ob sich andere Subtypen dann leichter ausbreiten und die »Lücke« schließen können, ist nicht bekannt. Ist die Frau bereits infiziert, kann die Impfung den Verlauf nicht beeinflussen. Sie eignet sich also nicht zur Therapie einer HPV-Infektion.

Die Dreijahres-Ergebnisse der beiden Gardasil®-Zulassungsstudien waren eher bescheiden: Die Ärzte fanden auch bei geimpften Frauen CIN, allerdings seltener als bei nicht geimpften. Vor allem die frühen CIN-Formen, die ohnehin meist von selbst verschwinden, waren reduziert. 

Unbekannt ist auch, wie lange die Vakzine schützt. Experten gehen von fünf bis zehn Jahren aus. Da ein Zervixkarzinom langsam wächst, wird sich erst in etlichen Jahren zeigen, ob die Impfung die Krebsrate wirklich senken kann. Anlass zur Sorglosigkeit besteht jedenfalls nicht. Zwei Dinge können PTA und Apotheker allen Mädchen und Frauen raten: 

  • bei Zweifeln und Sorgen den Frauenarzt um Rat fragen, 
  • auf gar keinen Fall die regelmäßigen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen beim Frauenarzt versäumen.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de