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Demenz

Kommunikation jenseits der Worte

03.04.2008  11:04 Uhr

Demenz

Kommunikation jenseits der Worte 

Sabine Laerum, Frankfurt am Main

In Deutschland leiden etwa 1,2 Millionen Menschen an einer Demenz. Der damit verbundene Gedächtnisverlust zerstört nicht nur die Erinnerungen der Betroffenen, sondern auch ihre Sprache. Die Kommunikation gelingt trotzdemnoch,wenn ihre Mitmenschen lernen, sich auf die kognitiven, sprachlichen und emotionalen Besonderheiten demenzkranker Menschen einzustellen.

Das Risiko für eine Demenz steigt mit dem Alter. Bei den 65- bis 69-Jährigen ist jeder Zwanzigste davon betroffen, zwischen 80 und 90 Jahren ereilt die Krankheit schon fast jeden Dritten. Experten rechnen für das Jahr 2030 mit 2,5 Millionen Demenzkranken in Deutschland.

Etwa hundert verschiedene Krankheitsursachen können eine Demenz auslösen, doch bei etwa 60 Prozent aller Betroffenen steckt die Alzheimer-Erkrankung hinter dem schleichenden Gedächtnisverlust. Die fortschreitende Hirnatrophie lässt sich zurückführen auf Fehler im Proteinabbau. Dabei bleiben sogenannte Beta-Amyloid-Plaques übrig, die sich an den Synapsen der Nervenzellen anlagern und diese verkleben. Dieser Vorgang gehört zwar in gewissem Maße zum normalen Alterungsprozess, er nimmt jedoch bei der Alzheimer-Krankheit ein solches Ausmaß an, dass das Gehirn nicht mehr richtig funktioniert.

Informationsfluss im Gehirn

Jedes Mal, wenn ein Gesunder eine Information aus seinem Gehirn abruft, arbeiten mehr als 100 Milliarden Nervenzellen zusammen. Sie sind mit Tausenden weiteren Neuronen zu einem gigantischen Netz verknüpft, das insgesamt mehrere hunderttausend Kilometer lang ist. Bei gesunden Menschen stimuliert ein ankommender Impuls, also ein Gedanke oder auch ein Gefühl, in Bruchteilen von Millisekunden das Aktionspotential eines Neurons. Diese Zelle schüttet daraufhin verschiedene Botenstoffe aus, unter anderem Glutamat, Noradrenalin, Acetylcholin, Dopamin und Serotonin. Über den synaptischen Spalt als Verknüpfungspunkt zweier Neurone veranlassen diese Botenstoffe die benachbarte Nervenzelle, den Impuls wiederum an das nächste Neuron weiterzugeben.

Dieses Zusammenspiel klappt bei einem Menschen mit Alzheimer zunehmend schlechter, weil die Zellen ihre Funktionsfähigkeit einbüßen. Sie können keine Neurotransmitter produzieren und diese auch nicht mehr ausschütten. Schließlich sterben die Zellen sogar ganz ab.

Doch nicht immer verursachen neurodegenerative Prozesse eine Demenz. Bei etwa 20 Prozent der dementen Patienten lösen vaskuläre, also gefäßbedingte Probleme die Krankheit aus: Bei diesen Patienten hat das Gehirn aufgrund von kleinen Schlaganfällen oder Durchblutungsstörungen Schaden genommen. 10 bis 15 Prozent aller Dementen leiden an einer Mischform aus der vaskulären und der Alzheimer-Demenz.
Selten entsteht eine Demenz aufgrund von Morbus Parkinson oder traumatischen Ereignissen, wie das bei der Boxer-Demenz der Fall ist. Auch eine durch Herpesviren bedingte Gehirnentzündung kann die Krankheit auslösen.

Trotz der unterschiedlichen Ursachen haben alle Demenzformen große Gemeinsamkeiten: Die Betroffenen verlieren die Fähigkeit, im Gehirn Informationen abzuspeichern oder bereits gespeicherte Informationen abzurufen.

Zunächst fallen fast alle Demenzerkrankten dadurch auf, dass ihr Kurzzeitgedächtnis nachlässt. Beispielsweise erinnern sie sich nicht mehr an Verabredungen oder vergessen, den Herd nach dem Kochen abzustellen. Doch früher oder später setzt immer auch der Verlust der Sprache ein.

Worte und Bedeutungen schwinden

Schon in der Anfangsphase sind einige Worte aus ihrem Gedächtnis getilgt. Das liegt entweder daran, dass der Abrufprozess für Worte nicht mehr reibungslos klappt oder die Sprachzentren bereits geschädigt sind. »Eine Weile kaschieren die Kranken dieses Handicap, indem sie statt der fehlenden Worte sinnverwandte benutzen, zum Beispiel Buch statt Zeitung. Oft überspielen sie ihre Wissenslücke auch durch Füllwörter wie »Dings« oder setzen mit einem »du weißt schon, was ich meine« auf die Phantasie ihres Gesprächpartners«, beschreibt Dr. Klaus Maria Perrar, Psychiater und Oberarzt an der Gerontopsychiatrie der Rheinischen Kliniken, Düren, das Verhalten der Patienten. Mit der Zeit ist die Verbindung zwischen den Sprachzentren und den Arealen des Gehirns, in denen Gedächtnisinhalte abgespeichert sind, so sehr beeinträchtigt, dass Menschen mit Demenz auch die Bedeutung von Worten nicht mehr begreifen können.

Im Spätstadium der Krankheit schließlich ist das Gehirn so sehr geschädigt, dass die Sätze verwirrter Menschen für Außenstehende keinen Sinn mehr ergeben. Auch Fragen beantworten sie nur noch unverständlich und scheinbar zusammenhanglos. »Es kommt darauf an, dass wir uns kreativ auf die Suche nach dem Sinn des Gesagten begeben«, sagt Perrar. Denn sobald ein Mensch durch Demenz seine Sprache verliert, entsteht eine große Kluft zwischen ihm und seinen gesunden Mitmenschen. Diese zu überbrücken, ist nicht leicht, aber möglich und kann aus Büchern oder in speziellen Seminaren erlernt werden, wie das Interview: Die Kunst der kurzen Sätze zeigt.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
laerum(at)web.de