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Klimakterium

Mit sibirischem Rhabarber durch die Menopause

29.03.2008  08:27 Uhr

Klimakterium

Mit sibirischem Rhabarber durch die Menopause 

Ernst-Albert Meyer, Lippstadt

PTA kennen die Situation aus ihrem Berufsalltag: Frauen mit Wechseljahresbeschwerden fragen in der Apotheke nach Alternativen zur Hormonersatztherapie, weil sie diese ablehnen. Der sibirische Rhabarber ist als Behandlungsmöglichkeit kaum bekannt.

Der sibirische Rhabarber oder auch Rhapontik-Rhabarber (Rheum rhaponticum) ist eine traditionelle asiatische Heilpflanze und mit dem offizinellen Rhabarber (Rheum palmatum) verwandt. Rheum rhaponticum gehört zu den Polygonaceae, den Knöterichgewächsen. Von der bis 2m hohen, kräftigen Staude erntet man den Wurzelstock. Dieser enthält als wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoff mit circa 5 Prozent das Phyto-SERM Rhaponticin, ein Stilbenderivat.

SERM (Selektiver Estrogen Rezeptor Modulator) ist der wissenschaftlich exakte Ausdruck für die früher übliche Bezeichnung »Phyto-Östrogene«. Diese Naturstoffe binden zwar im Körper an Estrogen-Rezeptoren und entwickeln auch teilweise Estrogen-ähnliche Wirkungen, besitzen jedoch chemisch keine Ähnlichkeit mit den Estrogenen. Interessant ist, dass es im menschlichen Organismus zwei Estrogenrezeptor-Typen gibt: den alfa-Rezeptor und den beta-Rezeptor. SERMs binden stärker an die beta- als an die alfa-Form. So sollen SERMs bei einem postmenopausalen Estrogenmangel positiv beeinflussen:

  • das ZNS,
  • den Knochenstoffwechsel,
  • das Vaginalepithel,
  • das Herz und die Gefäße,
  • das Urogenitalsystem. 

Im Unterschied zu den Estrogenen sollen SERMs das Brustgewebe und die Gebärmutterschleimhaut nicht verändern.

Die Heilpflanze aus der Kälte 

Aus der Droge wird der hochkonzentrierte und Rhaponticin-reiche Spezialextrakt ERr 731®-Trockenextrakt gewonnen, der selektiv an den Estrogen-beta- und nicht den alfa-Rezeptoren angreift. Während des Extraktionsverfahrens werden die in der Wurzel enthaltenen laxierenden und den Verdauungstrakt reizenden Anthrachinone entfernt.

Durch die selektive Bindung an den Estrogen-Rezeptor entwickelt der Spezielextrakt Estrogen-analoge Effekte und lindert die klimakterischen Beschwerden deutlich. Eine Vielzahl von Untersuchungen haben gezeigt, dass der Extrakt den alfa-Rezeptor nicht aktiviert.

Zu den häufigsten Beschwerden in den Wechseljahren zählen Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen. Diese Beschwerden sind auf eine neuroendokrine Dysregulation zurückzuführen, die aus stark schwankenden beziehungsweise abnehmenden Estrogenspiegeln resultiert. Hier besserte der Spezialextrakt die Beschwerden signifikant. 

In klinischen Studien gut wirksam

In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie wurden 109 Frauen in neun Zentren wegen klimakterischer Beschwerden 12 Wochen lang mit dem Spezialextrakt ERr 731® (Phyto-Strol Loges) behandelt. Die Tagesdosis lag bei 4 mg Extrakt. Vor Studienbeginn und am Studienende wurden die Beschwerden der Patientinnen mit der Menopause-Rating-Scale(MRS)-II (Kasten) dokumentiert. Dabei bewerteten die Ärzte die typischen Wechseljahresbeschwerden entsprechend ihrer Intensität nach einem Beschwerden-Score mit 0 bis 5 Punkten. 

Menopause-Rating-Scale

Nach dieser Skala werden die Wechseljahresbeschwerden beurteilt. Jedes einzelne Symptom erhält entsprechend der Stärke 0 bis 5 Punkte. Insgesamt können sich 55 Punkte ergeben. Je kleiner die Punktzahl, desto geringer und weniger Beschwerden sind vorhanden.

  • Hitzewallungen, Schwitzen
  • Herzbeschwerden
  • Schlafstörungen
  • Depressive Verstimmung
  • Reizbarkeit
  • Ängstlichkeit
  • Körperliche und geistige Erschöpfung
  • Sexualprobleme
  • Trockenheit der Scheide
  • Harnwegsbeschwerden
  • Gelenk- und Muskelbeschwerden

Nach 12 Wochen hatte sich in der Verum-Gruppe der MRS-II-Gesamt-Score der Beschwerden signifikant verringert: durch ERr 731® um durchschnittlich minus 20,5 Punkte (= 60 Prozent), durch Placebo im Durchschnitt um minus 4,7 Punkte (= 15 Prozent). Dabei besserten sich alle charakteristischen Wechseljahresbeschwerden signifikant. 

Der Effekt auf die Hitzewallungen trat verhältnismäßig schnell ein und entsprach nach 12 Wochen in der Wirkstärke in etwa einer niedrig dosierten Hormonersatztherapie. Das Phytopharmakon minderte außerdem deutlich psychische Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Nervosität und Aggressivität. 

Diese Ergebnisse konnten auch in Langzeitstudien über einen Zeitraum von 48 bezeihungsweise 96 Wochen bestätigt werden. So nahmen die Beschwerden in einer Beobachtungsstudie über 48 Wochen anhand der Menopause-Rating-Scale um durchschnittlich 24,6 Punkte ab. Dabei besserten sich alle Einzelsymptome sowie der Gesundheitszustand und das Wohlbefinden der Frauen deutlich.

Das Phytopharmakon wird als gut verträglich eingestuft und erhielt aufgrund der Ergebnisse der klinischen Studien die Zulassung als Arzneimittel. Während der gesamten Behandlung traten keine unerwünschten Wirkungen auf. Auch unter längerfristiger Einnahme kam es zu keinen Blutungen; Blutdruck, Körpergewicht und Leberwerte blieben unbeeinflusst. Brustgewebe und Endometrium veränderten sich nicht.

Breites Spektrum an Indikationen

Das Phytopharmakon ist für folgende Indikationen zugelassen: Klimakterische Beschwerden als Folge des natürlichen oder therapeutischen Eintritts der Menopause wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Reizbarkeit, Ängstlichkeit, körperliche und geistige Erschöpfung, Sexualprobleme und Harnwegsbeschwerden. Professor Dr. Heinz Schilcher beurteilt in seinem Fachbuch »Leitfaden Phytotherapie« den Rhapontik-Rhabarber als positiv und empfiehlt den Spezialextrakt ERr 731® bei klimakterischen Beschwerden.

Die Einnahme von täglich einer Tablette ermöglicht eine gute Compliance. Dabei sollte die Frau die Tablette mit viel Flüssigkeit zusammen mit einer Mahlzeit und nach Möglichkeit immer zur gleichen Tageszeit einnehmen. 

Als verschreibungsfreies Arzneimittel ist das Phytopharmakon eine gut verträgliche Empfehlung für Patientinnen, die ihre Wechseljahresbeschwerden mit einem pflanzlichen Präparat behandeln möchten.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de