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Säuglingsernährung

Vom Fläschchen zur Familienkost

05.04.2009
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Säuglingsernährung

Vom Fläschchen zur Familienkost

Von Ursula Sellerberg

Kein Hersteller von Säuglingsnahrung erreicht mit seinen Produkten die Qualität der Muttermilch. Doch nicht alle Frauen wollen oder können stillen. Spätestens nach dem 7. Lebensmonat müssen alle Eltern lernen, Fläschchen oder Breie zuzubereiten.

Im ersten Lebensjahr verändert sich der Organismus des Säuglings extrem: In dieser Zeit wächst das Gehirn um etwa 40 Prozent und der Körper um 20 Prozent. Eine Fehlernährung hat deshalb für die geistige und körperliche Entwicklung lebenslange Folgen, denn Säuglinge haben einen besonders hohen Bedarf an essenziellen Nährstoffen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) nennt zum Beispiel die Referenzwerte für alle Vitamine und Mineralstoffe unter www.dge.de (Stichwort Wissenschaft, weiter unter Referenzwerte, zweiter Punkt Referenzwerttabellen). Sie unterscheidet dabei die Phase bis zum vierten Lebensmonat und die Phase danach bis zum zwölften Lebensmonat (siehe Tabelle).

Vitamine K und D 

Der Mangel an Vitamin K kann zu Blutungen im Gehirn führen, besonders innerhalb der ersten Lebenswochen. Neugeborenen fehlt zudem die Darmflora, die bei Erwachsenen zur Vitamin-K-Versorgung beiträgt. Deshalb erhalten Neugeborene unmittelbar nach der Geburt oral  Vitamin K und zusätzlich eine zweite Dosis einige Wochen später während der U2- oder U3-Untersuchung beim Kinderarzt.

Weiterhin sollten Säuglinge zur Rachitisprophylaxe ab der zweiten Lebenswoche für das gesamte erste Lebensjahr und während des Winters des zweiten Lebensjahres täglich 400 bis 500 I. E. Vitamin D bekommen. 

Über die Kariesprophylaxe mittels Fluoridtabletten stritten sich seit Jahren die zahnärztlichen Fachgesellschaften und Institute mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Inzwischen empfehlen sie in einer gemeinsamen Leitlinie die Fluorideinnahme nur als Alternative zum Zähneputzen mit Fluoridzahnpasta und nach einer Anamnese. Der Kinder- oder Zahnarzt fragt daher die Eltern, ob sie zum Beispiel zur Herstellung von Flaschennahrung fluoridreiches Mineralwasser verwenden, zur Breizubereitung fluoridiertes Kochsalz oder mit fluoridierter Zahnpaste die ersten Milchzähne putzen. Falls die Fluoridkonzentration im lokalen Trinkwasser zu niedrig ist und die Eltern auch sonst keine fluoridierten Wässer oder Produkte verwenden, verordnet der Kinderarzt Fluoridtabletten. In ihren Referenzwerttabellen unter dem Stichpunkt Fluorid macht die DGE auch Angaben zur praktischen Umsetzung einer Nahrungsergänzung in Abhängigkeit vom Trinkwasserfluoridgehalt.

Nährstoffbedarf von Säuglingen

Alter Bis Anfang 4. Lebensmonat Ab 4. bis 12. Lebensmonat
Energie (kcal) 500 (Junge), 450 (Mädchen) 700
Vitamin D (µg) 10 10
Vitamin K (µg) 4 10
Folat (mg) 60 80
Calcium (mg) 220 400
Eisen (mg) 0,5 8
Magnesium (mg) 24 60
Iod (µg) 40 80
Zink (mg) 1 2

Quelle: D-A-CH Referenzwerte der DGE, ÖGE, SGE/SVE

Industrielle Säuglingsnahrung

Die Zusammensetzung industriell hergestellter Säuglingsmilch ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Die Eltern sollten die Dosierungsempfehlungen auf der Verpackung unbedingt einhalten, denn sowohl zu konzentrierte als auch zu verdünnte Milch schadet der Gesundheit des Säuglings. Säuglingsmilchnahrungen werden aus Kuhmilch hergestellt. Die Silbe »Pre«- oder die Nummer »1« kennzeichnen die Anfangsnahrungen, die für die ausschließliche Ernährung während der ersten Lebensmonate bestimmt sind. Sie können aber auch das gesamte erste -Lebensjahr getrunken werden. »Pre«-Nahrungen enthalten als einziges Kohlenhydrat Lactose. Ihre Konsistenz ähnelt der Muttermilch. Bei »1«-Nahrungen ist ein Teil der Lactose durch Stärke ersetzt, sie sind etwas sämiger.

Folgenahrungen tragen die Nummer »2« oder »3« im Namen. Sie eignen sich ab dem vierten bis sechsten Monat und ergänzen als Trinknahrung eine Breikost. Sie basieren meist auf Magermilch und enthalten neben Lactose und Stärke noch andere Kohlenhydrate.

HA-Nahrungen (hypoallergene Nahrung) sind für Säuglinge mit einem familiär bedingten hohen Allergierisiko gedacht. In diesen Produkten ist das Eiweiß teilweise hydrolysiert, damit es weniger allergen wirkt. HA-Nahrungen werden als Anfangs- und Folgenahrung angeboten. Für Kinder mit einer nachgewiesenen Kuhmilchallergie sind sie nicht geeignet. 

Reagiert ein Kind auf Kuhmilch allergisch, ist Säuglingsnahrung aus Soja ein Ersatz; allerdings ist die Verwendung von Soja umstrittten, weil die enthaltenen Isoflavone möglicherweise östrogenartig und Sojaeiweiße wiederum allergen wirken können. Daher gibt es für Kuhmilch-Allergiker auch Spezialnahrungen aus stark hydrolysiertem Molkepulver. Sensitivnahrung enthält weniger Lactose und ein leicht verdauliches allergenarmes Eiweiß. Bei Heilnahrung ist auch der Lactosegehalt reduziert. Sensitiv- und Heilnahrung eignen sich für die Ernährung nach Durchfall und bei Blähungen. Frühgeborenen-Nahrung ist eine Spezialnahrung, die an den Bedarf von Frühgeburten angepasst ist. 

Einige industriell hergestellte Säug-lingsmilchnahrungen enthalten langkettige ungesättigte Fettsäuren (Kurzbezeichnung auf der Verpackung: LCL, LC-PUFA, engl. = long chain polyunsaturated fatty acids) oder Probiotika, die entweder die Gehirnentwicklung oder die Darmflora positiv beeinflussen sollen.

Zeit für die Beikost

Üblicherweise stillen Mütter ihre Säuglinge vier bis sechs Monate lang ausschließlich oder füttern die industriellen Pre-Nahrungen. Spätestens ab dem siebten Monat reicht die Mutter- oder Pre-Milch alleine nicht mehr aus, um den Energie- und Nährstoffbedarf des Säuglings zu decken. Dann ergänzen die Eltern die sogenannte Beikost.

Stillende können zusätzlich so lange weiterstillen, wie sie es wünschen. Es gibt keine Empfehlung, wann abgestillt werden muss. Studien zeigten, dass Stillen bis zum sechsten Lebensmonat das Allergie- und möglicherweise auch Zöliakierisiko verringert, darüber hinaus hat Stillen anscheinend keinen Einfluss mehr. 

Die Beikost enthält vor allem komplexe Kohlenhydrate, die die Eigenbewegung des Darms anregen. Dadurch verändert sich meist rasch die Stuhlhäufigkeit und -menge des Kindes. Die Beikost enthält aber auch wichtige Nährstoffe wie Vitamin B6, Eisen, Zink und Calcium in hohen Konzentrationen.

Meist beginnen die Eltern mit reinem Gemüsepüree, zum Beispiel aus Karotten. Sie ergänzen dann bald Kartoffeln und Fleisch. Fleisch ist vor allem wichtig wegen seines Gehalts an Zink und Eisen. Dem Fleischbrei können die Eltern etwas Obstsaft zusetzen, denn das enthaltene Vitamin C erleichtert die Aufnahme von Eisen. Außerdem empfiehlt sich ein Zusatz von Rapsöl mit einem günstigen Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren. Außerdem sorgt das Öl für eine bessere Aufnahme der fettlöslichen Vitamine. Einen Monat später erhält das Kind eine zweite Brei-Mahlzeit täglich: den Milch-Getreide-Brei mit einem hohen Gehalt an Eiweiß und Calcium. Wieder einen Monat später ersetzen die Eltern auch die letzte Milch-Mahlzeit durch einen Getreide-Obst-Brei mit einem relativ geringen Eiweiß-Anteil, um eine Überlastung der Nieren zu vermeiden. Die unterschiedlichen Nährstoffprofile der drei Mahlzeiten ergänzen sich so insgesamt gut.

Ab diesem Zeitpunkt bieten die Eltern ihren Kindern auch kleine Getränkemengen an, zum Beispiel Mineralwasser, ungesüßten Kräuter- oder Früchtetee. Da die Nieren der Kleinen noch nicht voll leistungsfähig sind, sollten sie nicht zu viel trinken. Beim Trinkwasser sollten die Eltern auf den Nitratgehalt achten. Nitratreiches Trinkwasser sollten sie nicht zum Teekochen verwenden, sondern stattdessen nur Mineralwasser mit der Aufschrift »Für die Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet«.

Nahrungsmittelallergien erkennen

Etwa 6 bis 8 Prozent der Kinder unter zwei Jahren reagieren auf ein Nahrungsmittel allergisch, oft auf ein Eiweiß aus der Kuhmilch. Bestätigt der Kinderarzt oder Allergologe diese Allergie durch eine Diagnose, bezahlen die Krankenkassen die Spezialnahrung. Wenn die Eltern selbst Atopiker sind, verzichten sie prophylaktisch während des gesamten ersten Lebensjahres auf Kuhmilch zur Ernährung des Kindes und bereiten den Milch-Getreide-Brei mit HA-Nahrung zu. Außerdem geben sie ihrem Nachwuchs im ersten Lebensjahr kein Hühnerei, keinen Fisch und keine Nüsse zu essen. Wichtig: Vorbeugend sollten die Eltern von Woche zu Woche nur ein neues Nahrungsmittel in den Speiseplan ihres Kindes aufnehmen. So können sie prüfen, ob das Baby das Nahrungsmittel gut verträgt oder darauf mit Hautausschlägen oder Erbrechen reagiert.

Selbst kochen oder Gläschen kaufen

Manche Eltern bereiten den Brei für ihr Kind lieber selbst zu, statt Fertigprodukte zu kaufen. Was sollten sie bei der Breizubereitung unbedingt beachten? Wegen ihres niedrigen oder mittleren Nitratgehalts eignen sich als Gemüse-Anteil Karotten, Zucchini, Blumenkohl, Brokkoli und Spargel. Kartoffeln können durch Vollkornnudeln oder -reis ersetzt werden. Beim Fleischeinkauf sollten die Eltern da-rauf achten, dass das Rind-, Schweine-, Lamm- oder Geflügelfleisch mager ist. Auf Süßungsmittel oder Zucker sollten die Eltern verzichten.

Frisches Obst sollten sie kurz dünsten. Gut eignen sich Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Nektarinen oder Aprikosen. Auch wenn sich Bananen leicht verarbeiten lassen, sollten Eltern die relativ zuckerreichen Früchte nicht täglich anbieten. Gegen kleine Mengen Milch in der Beikost bestehen keine Bedenken; zusätzlich Quark, Joghurt und Käse sollten Kleinkinder nicht essen, da sie sonst zu viel Eiweiß erhalten. Eine zu hohe Eiweißzufuhr belastet ihre Nieren zu sehr und scheint das Risiko für Fettleibigkeit im Erwachsenenalter zu erhöhen. 

Leidet ein Familienmitglied an Zöliakie, sollte das Baby vorbeugend und unbedingt in der Zeit, in der die Mutter noch stillt, also zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat regelmäßig kleine Mengen glutenhaltigen Breis essen. In Studien konnte dadurch der Ausbruch der Krankheit mindestens bis zum zweiten Lebensjahr hinausgezögert werden. Glutenfrei sind Breie aus Hirse, Reis und Mais, glutenhaltig dagegen Breie aus Weizen, Roggen, Hafer und Gerste. 

Ein Nachteil der selbstgekochten Breie: Sie enthalten oft sehr wenig Iod, weil den Vollkornflocken für die Zubereitung von Getreide-Breien kein Iod zugesetzt wird. Dieses Manko lässt sich derzeit kaum ausgleichen.

Falls die Eltern fertige Gläschen kaufen, sollten sie diese möglichst anhand der obigen Empfehlungen aussuchen. Nicht vergessen: Fertigbreie und Gläschenkost sind für den Bedarf der Säuglinge hergestellt! Weil die Eltern aber oft probieren, setzen manche Hersteller der Fertigkost zu viel Zucker und Salz zu, dafür zu wenig Fett. Die Zutatenliste auf den Packungen oder Gläschen hilft, das zu überprüfen. Generell sollten Gläschen nur wenige und einfache Zutaten enthalten und keine Zusatzstoffe oder potenziellen Allergene, zum Beispiel Nüsse, Schokolade, Aromen und Gewürze. Getreidebreie sollten immer aus Vollkornflocken hergestellt sein und einen Iod-Zusatz aufweisen. Ein Getreide-Obst-Fertigbrei sollte keine Milch enthalten, damit das Eisen gut bioverfügbar bleibt. Das Calcium aus der Milch würde die Resorption des Eisens im Darm verringern.

Wenn der Säugling nach einer Mahlzeit spuckt, ist dies meist kein Grund zur Sorge. Das Magenvolumen ist noch winzig, und der Ringmuskel, der dafür sorgt, dass kein Mageninhalt nach oben in die Speiseröhre aufsteigt, schließt noch nicht fest genug. Das Baby sollte nach jeder Mahlzeit »sein Bäuerchen« machen können. Also halten es die Eltern so lange in einer aufrechten Position. Bedenklich wird es erst, wenn das Kind kräftig erbricht oder nach der Mahlzeit schreit. Dann sollten die Eltern unbedingt den Kinderarzt um Rat fragen. 

Endlich Familienkost

Sind die Kleinen neun bis zehn Monate alt, können die Eltern sie Schritt für Schritt an den Mahlzeiten der Familie teilhaben lassen. In einer ersten Stufe sollte das Kind statt einer Milchmahlzeit oder des Milch-Getreide-Breies eine kalte Hauptmahlzeit probieren, zum Beispiel aus Obst, Rohkost, Milch, Brot oder Getreideflocken. Später ersetzt die Mutter den Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei durch eine kleine Portion der warmen Hauptmahlzeit der Familie. Wie die anderen Familienmitglieder sollte auch der kleine Nachwuchs dreimal pro Woche eine kleine Portion Fleisch und einmal Fisch essen.

Wenn Kinder in diesem Alter aus der Tasse trinken möchten, ist Vollmilch mit 3,5 Prozent Fett morgens und abends die beste Wahl. Trinken sie nicht genug Milch, können Milchprodukte diese ersetzen. Ganze Nüsse, Beeren oder harte Karottenstücke sind für Kleinkinder gefährlich, denn sie können sich daran verschlucken. An schwer verdauliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte sollte das Kind erst in kleinen Mengen gewöhnt werden, damit es nicht unter Bauchkrämpfen oder Blähungen leiden muss. Ab etwa einem Jahr können die meisten Kinder gemeinsam mit der Familie essen – ein wichtiger Schritt ins Leben.

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