PTA-Forum online
Borreliose

Chamäleonkrankheit

23.03.2010  21:42 Uhr

Borreliose

Chamäleonkrankheit

von Regina Thomas

Endlich wieder schneefreie Wege, wärmendeSonnenstrahlen und erstes frisches Grün. Nach dem langen Winter genießen Mensch und Hund die ersten Frühlingstage in der Natur. Doch auch die Zecken sind aus ihrer Winterstarre erwacht. Höchste Zeit, sich
mit dem Thema Borreliose, der häufigsten durch Zecken übertragenen Krankheit bei Mensch und Tier, genauer zu beschäftigen.

Verlässliche Zahlen zur Borreliose gibt es nicht. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass in Deutschland jährlich mehr als 60 000 Menschen neu an Borreliose erkranken. Patientenorganisationen sprechen sogar von 750 000 Neuerkrankungen pro Jahr und mehreren hunderttausend chronischen Fällen. 

Bei der Borreliose des Menschen werden drei Krankheitsstadien unterschieden. Das Stadium I kennzeichnet die ersten Tage bis Wochen nach der Infektion: Bei etwa 60 Prozent der Erkrankten bildet sich die charakteristische »Wanderröte«, eine entzündliche Rötung der Haut, rund um den Zeckenstich. Die anderen 40 Prozent sind in dieser Phase entweder beschwerdefrei oder leiden unter unspezifischen, grippeähnlichen Symptomen. Das Stadium II entwickelt sich Wochen bis Monate später und ist durch eine breite Symptomvielfalt gekennzeichnet: Je nach Organmanifestation treten Entzündungen der Hirnhaut, Nerven, Gelenke, des Herzmuskels und großflächige Hautentzündungen auf. Im chronischen Stadium III, Monate bis Jahre nach der Infektion, können Gelenkentzündungen, die Bildung von »Pergamenthaut« oder neurologische Störungen ständig wiederkehren. Diese Vielgestaltigkeit hat der Borreliose die Bezeichnung »Chamä­leonkrankheit« eingebracht.

Bei Hunden treten klinische Symptome in der Regel zwei bis fünf Monate nach der Infektion auf. Typisch sind Entzündungen eines oder mehrerer Gelenke mit Schmerzen und Lahmheiten. Die Lahmheiten können milde und vorübergehend sein und sich nur auf ein Bein beschränken, aber auch lang anhalten oder immer wiederkehren und zur völligen Bewegungsunfähigkeit führen. Muskelschmerzen, Fieber, Lymphknotenschwellungen und Störungen des Allgemeinbefindens treten ebenfalls auf. 

Infiziert heißt nicht krank

Da Hunde gerne durch Buschwerk und hohes Gras laufen, werden sie oft von Zecken befallen. Entsprechend häufig übertragen die kleinen Blutsauger die Erreger der Borreliose auf die Tiere. Untersuchungen haben gezeigt: Je nach Region lassen sich bei zwischen 5 und 20 Prozent aller Hunde Antikörper gegen Borrelien im Blut nachweisen, das Indiz für eine Infektion. Allerdings entwickeln nur 5 Prozent aller infizierten Hunde Krankheitssymptome.

Im Vergleich zum Hund bricht die Krankheit beim Menschen nach einer Infektion mit Borrelien viel häufiger aus. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts führt etwa jeder zwanzigste Stich des Gemeinen Holzbocks (Ixodes ricinius) zu einer Infektion mit dem Bakterium Borrelia burgdorferi, etwa jeder hundertste zur Borreliose-Erkrankung. 

Da das Vorhandensein von Antikörpern im Blut gegen Borrelien nicht zwingend bedeutet, dass Mensch oder Hund an Borreliose erkrankt sind oder erkranken werden, ist ihr Nachweis kein aussagefähiges diagnostisches Mittel. Normalerweise sollte der Verdacht auf Borreliose deshalb anhand eines Zeckenstichs und der entsprechenden Krankheitssymptomatik gestellt und gegebenenfalls durch Laboruntersuchungen untermauert werden. Die Therapie mit Antibiotika erfolgt in der Regel über mehrere Wochen.

Mehr als ein Erreger

Wer die Eigenarten der Krankheit besser verstehen und sich vor ihr schützen möchte, sollte mehr über den Krankheitserreger und den -überträger wissen. Borrelien sind sogenannte Schraubenbakterien. 1981 gelang es dem Schweizer Biologen Willy Burgdorfer, die dann nach ihm benannte Bakterienart Borrelia burgdorferi in Zecken sowie in erkrankten Personen nachzuweisen. Während in Nordamerika nur eine einzige Unterart (Borrelia burgdorferi sensu stricto) eine Rolle spielt, konnten in Europa bisher zwölf Subspezies identifiziert werden. Drei dieser Unterarten, Borrelia burgdorferi sensu stricto, Borrelia afzelii und Borrelia garinii, sind für den Menschen nachweislich pathogen. Die Symptomvielfalt der Borreliose beim Menschen wird offenbar durch die unterschiedlichen Borreliensubspezies verursacht. 

Borrelien vermehren sich sehr langsam. Ihr Generationszyklus beträgt zwischen 12 und 24 Stunden. Aus dem Blut schrauben sie sich meist schnell in das umliegende Gewebe. Beide Eigenschaften, ihr relativ langsamer Stoffwechsel und ihr bevorzugter Aufenthalt in wenig durchbluteten Geweben, machen sie für Antibiotika schlecht angreifbar. Im Vergleich zu anderen bakteriellen Erkrankungen sind deshalb längere Behandlungszeiten erforderlich. 

Gefahr in Frühjahr und Herbst

Zum Arterhalt und zu ihrer Verbreitung trägt auch die Wirtsvielfalt der Borrelien bei. Zwischen den unterschiedlichsten Wirtstieren werden sie immer von blutsaugenden Zecken übertragen. In Europa verbreitet der Gemeine Holzbock die Borreliose. Er findet sich im Wald ebenso wie in Wiesen, auf Weiden, in Parkanlagen und Vorgärten. Seine Entwicklung verläuft vom Ei über ein Larven- und ein Nymphenstadium zur erwachsenen, geschlechtsreifen Zecke. Jedes Entwicklungsstadium braucht jeweils vor der Häutung zum nächsten Stadium ein Blutmahl. Dieses Blut stammt in der Regel von verschiedenen Tierarten. Zeckenlarven bevorzugen kleine Säugetiere wie Mäuse, Zeckennymphen etwas größere Tiere wie Katzen, Igel und Kaninchen – aber auch den Menschen! Geschlechtsreife Holzböcke befallen Hunde, Pferde, Rehwild und Schwarzwild. 

Je nach Region beträgt die Durchseuchungsrate der Holzböcke mit Borrelien 10 bis 20 Prozent (Nymphen) beziehungsweise bis zu 40 Prozent (Adultzecken). Im Frühjahr sind Holzböcke am aktivsten, wenn sie bei Temperaturen um 10 Grad Celsius wieder aus ihrem Winterquartier krabbeln. Trockene Sommerhitze meidet diese Zeckenart. Aktiv bleibt sie im Hochsommer nur in schattigen, feuchten Waldgebieten. Ein zweites Aktivitätsmaximum gibt es dann im Herbst.

Hat der Holzbock die Borrelien mit einer Blutmahlzeit aufgenommen, wandern die Erreger in den Zeckendarm. Sobald die Zecke sich an der Haut des Wirtstieres festgebissen hat und sie zu saugen beginnt, wandern die Bakterien vom Zeckendarm in Richtung Speicheldrüse. Mit dem Speichel gelangen die Erreger in den Wirt. Zur Übertragung von Borrelien auf den Menschen werden mindestens 6Stunden angegeben, bei Hunden 17 bis 24 Stunden.

Vorbeugung ist möglich

Zeckenkontrolle und Zeckenschutz sind für Mensch und Tier deshalb die besten Vorsorgemaßnahmen vor Borreliose. Insbesondere während der Hauptzeckensaison im Frühjahr und Herbst sollte man

  • Zeckengebiete möglichst meiden,
  • helle, möglichst dicht abschließende Kleidung in Zeckengebieten tragen,
  • sich selbst und seinen Hund nach einem Spaziergang nach Zecken absuchen und diese schnellstmöglich entfernen,
  • ein zuverlässiges Zeckenschutzpräparat einsetzen.

 

Für den Menschen gibt es Mittel, die Zecken davon abhalten, einen Wirt zu befallen (Repellenzien). Gebräuchliche Wirkstoffe im Humanbereich sind Diethyltoluamid und Icaridin, die den Ortungsvorgang der Zecke stören. Sie wirken allerdings nur wenige Stunden und sind deshalb für die Anwendung am Tier ungeeignet. 

In der Veterinärmedizin werden im Wesentlichen Pyrethroide wie Deltamethrin und Permethrin als Wirkstoffe eingesetzt, die Zecken abwehren (repellieren) und töten. Ihr Repellent-Effekt wird bei Kontakt der Zecke mit der Körperoberfläche des Wirts wirksam. Sofort werden die Nerven in den Gliedmaßen der Zecke massiv gereizt, sodass diese die Wirtstieroberfläche – als wäre sie eine heiße Herdplatte – möglichst schnell verlässt (»Hot Feet Effect«). Da selbst der nur kurze Kontakt mit dem Wirkstoff Nerven und Muskeln der Parasiten stark schädigt, sterben diese innerhalb der nächsten zwei bis vier Stunden. Die meisten pyrethroidhaltigen Präparate sind nur für Hunde zugelassen, da hochkonzentrierte Pyrethroide für Katzen toxisch sind.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
thomas.regina(at)gmx.de