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Phytotherapie

Die richtige Mischung für den Magen

25.03.2010  10:12 Uhr

Phytotherapie

Die richtige Mischung für den Magen

von Ernst-Albert Meyer

Tees gehören zu den ältesten Arzneizubereitungen und haben auch in der modernen Medizin ihre Existenzberechtigung. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und klinische Studien bestätigen die traditionellen Indikationen vieler Heilpflanzen. Eine bewährte, bei Bedarf individuell angefertigte Teemischung können PTA oder Apotheker oft auch in Kombination mit anderen Medikamenten empfehlen.

Viele Dinge scheinen den Deutschen »auf den Magen zu schlagen«: Etwa 25 Prozent leiden fast täglich oder mehrmals wöchentlich unter Magenbeschwerden, und bei einem weiteren Viertel »meldet« sich der Magen zwei- bis viermal im Monat. Ungefähr die Hälfte der Betroffenen klagt über Blähungen, Sodbrennen und Völlegefühl nach dem Essen. Circa einem Drittel machen Magenschmerzen, allgemeine Oberbauchbeschwerden, saures Aufstoßen und Übelkeit zu schaffen. 

Volkskrankheit Reizmagen

Beim sogenannten Reizmagen, auch funktionelle Dyspepsie oder funktionelle Oberbauchbeschwerden genannt, liegt eine Funktionsstörung des Magens vor. Nach internationaler Übereinkunft gilt die Diagnose »Reizmagen« erst dann als gesichert, wenn die Symptome mindestens drei Monate anhalten oder wiederholt tage- oder wochenlang auftreten und wenn ein Arzt eine organische Magenerkrankung wie ein Ulcus ventriculi ausgeschlossen hat. Die typischen Beschwerden der Patienten fasst die Tabelle zusammen.

Charakteristischerweise sind Reizmagen-Patienten extrem ehrgeizig und besonders empfindlich gegenüber seelischen Belastungen. Etwa 30 Prozent der Menschen reagieren auf Hektik, Stress, starke Emotionen wie Ärger oder Angst, Konflikte in Beruf oder Familie mit Störungen der normalen Verdauungsbewegungen des Magens, Frauen zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Auch ein zu hoher Nikotin- und Alkoholkonsum kommen als Auslöser in Frage. Durch die gestörte Magen-Darm-Motilität verweilen die Speisen zu lange im Magen. Deshalb liegt den Betroffenen die Nahrung »wie ein Stein im Magen« und verursacht die typischen Beschwerden. Hinzu kommt, dass bei Patienten mit funktioneller Dyspepsie die Reizschwelle für Empfindungen im Magen-Darm-Bereich vermindert ist. Nach jedem Essen verspüren die Betroffenen Schmerzen alleine aufgrund der Magenwanddehnung.

Symptome des Reizmagens

Magenbeschwerden

  • Magenschmerzen, Druckgefühl
  • frühe Sättigung
  • Aufstoßen
  • Sodbrennen (selten)
  • Blähbauch
  • Übelkeit
  • Brechreiz, Erbrechen
  • Appetitlosigkeit
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten

 

Vegetatibe Beschwerden

  • Neigung zu migräneartigen Kopfschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Neigung zu Schweißausbrüchen
  • Leistungsschwäche
  • Allgemeine Müdigkeit
  • Schwindel
  • Druckgefühl über dem Herzen

Amara oder Drogen mit ätherischem Öl

Teemischungen mit Bitterstoffdrogen oder karminativ wirkende Drogen bewähren sich immer wieder zur Therapie des Reizmagens. Auch ein reiner Melissentee hilft gegen die typischen Symptome. Als Anwendungsgebiet für Melisse nannte die Kommission E unter anderem funktionelle Magen- und Darmbeschwerden (Reizmagen und Reizdarm). Ebenso beurteilte die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapie) 1996 für Melisse die Indikation »symptomatische Behandlung von Verdauungsstörungen wie leichten Krämpfen« als positiv. Die Inhaltsstoffe der Melisse wirken beruhigend und karminativ, spasmolytisch und antibakteriell. Diese Wirkkompenten ergänzen sich bei Reizmagen therapeutisch sinnvoll. Zur Bereitung des Tees werden 2 bis 4 Teelöffel getrocknete Melissenblätter mit einer Tasse siedendem Wasser übergossen und daraufhin 5 bis 10 Minuten lang ziehen gelassen. Der Betroffene soll über den Tag verteilt drei bis vier Tassen Tee trinken. 

Für Teemischungen gegen Reizmagen werden diejenigen Heilpflanzen kombiniert, deren Wirkungen sich ideal ergänzen. Bitterstoffhaltige Amara regen die Magen-Darm-Motorik an und stimulieren die Produktion von Magensalzsäure. So lindern sie Oberbauchschmerzen, Magenkrämpfe, Völlegefühl und Meteorismus. Bekannte Bitterstoffdrogen sind Enzianwurzel, Schafgarbenkraut und -blüten, Tausendgüldenkraut, Wermutkraut, Löwenzahnwurzel und -kraut, Bitterkleeblätter und Teufelskrallenwurzel. Weitere wichtige Heilpflanzen für die Indikation Reizmagen enthalten ätherische Öle, die karminativ wirken und die Magen-Darm-Peristaltik anregen. Bekannte Vertreter dieser Gruppe sind Anis-, Fenchel- und Kümmelfrüchte, Pfefferminzblätter, Ingwerwurzelstock, Kamillenblüten, Kardamomfrüchte, Korianderfrüchte, Curcumawurzelstock und die bereits erwähnten Melissenblätter. Damit das Öl nicht sofort verdunstet, sollte der Tee direkt nach der Zubereitung schluckweise getrunken werden. Rezepturen für geeignete Teemischungen stehen im Kasten.

Tee-Rezepturen

Wenn nichts anderes erwähnt ist, zur Teezubereitung jeweils 2 Teelöffel Tee (beim Roemheld-Syndrom 1 bis 2 Teelöffel) mit einer Tasse siedendem Wasser übergießen und abgedeckt 5 bis 10 Minuten ziehen lassen.

Bei Völlegefühl und Blähungen 

Enzianwurzel 10 g
Tausendgüldenkraut 10 g
Kümmelfrüchte, zerstoßen 20 g
Fenchelfrüchte, zerstoßen 20 g
Melissenblätter 20 g
Dosierung: Nach dem Essen eine halbe bis eine Tasse Tee schluckweise trinken.

Bei Übelkeit und Brechreiz mit und ohne Magenschmerzen

Anisfrüchte, zerstoßen 10 g
Fenchelfrüchte, zerstoßen 10 g
Kamillenblüten 10 g
Melissenblätter 10 g
Pfefferminzblätter 30 g
Dosierung: Bei akuten Beschwerden eine Tasse Tee schluckweise trinken.

Bei plötzlichen Magenkrämpfen

Schafgarbenkraut 15 g
Kamillenblüten 30 g
Pfefferminzblätter 30 g
Enzianwurzel 5 g
Dosierung: Bei akuten Beschwerden eine bis zwei Tassen schluckweise trinken.

Zur Beruhigung des Reizmagens 

Baldrianwurzel 20 g
Melissenblätter 20 g
Johanniskraut 10 g
Hopfenzapfen 10 g
Kamillenblüten 20 g
Fenchelfrüchte, zerstoßen 10 g
Dosierung: Morgens und mittags eine Tasse Tee, abends vor dem Schlafengehen zwei Tassen trinken.

Beim Roemheld-Syndrom 

Kalmuswurzel 5 g
Wermutkraut 5 g
Kardamomfrüchte, zerstoßen 20 g
Kümmelfrüchte, zerstoßen 20 g
Fenchelfrüchte, zerstoßen 10 g
Dosierung: Bei Beschwerden eine bis zwei Tassen schluckweise bis zur Besserung trinken. 

Bei Appetitlosigkeit 

Hagebuttenfrüchte, getrocknet 10 g
Pomeranzenschalen 20 g
Tausendgüldenkraut 5 g
Melissenblätter 5 g
Dosierung: Erwachsene trinken eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten eine Tasse Tee warm und ungesüßt. Kinder trinken eine halbe Tasse Tee vor den Mahlzeiten (bei Bedarf mit etwas Honig süßen).

Bei Maldigestion

Tausendgüldenkraut 20 g
Pfefferminzblätter 20 g
Kümmelfrüchte, zerstoßen 10 g
Schafgarbenkraut 10 g
Thymiankraut 30 g
Dosierung: Eine Tasse Tee vor jeder Hauptmahlzeit trinken.

Das Roemheld-Syndrom

Relativ oft suchen Menschen besorgt den Arzt auf oder rufen den Notarzt, weil ihnen ein Druckschmerz in der Herzgegend, Angina pectoris ähnliche Beschwerden, Herzrhythmusstörungen, Atemnot, Blutdruckabfall und Schweißausbrüche Angst machen. Zeigen sich dann im EKG keine oder nur geringfügige Veränderungen, ist die Ursache für die belastenden Beschwerden meist eine übermäßige Gasansammlung (Meteorismus) im Magen-Darm-Trakt. Die Blähungen treiben das Zwerchfell hoch, das aufs Herz drückt. Die Verlagerung des Herzens löst dann die Beschwerden aus. Die geeignete Teerezeptur siehe Kasten.

Appetitlosigkeit kann dadurch bedingt sein, dass der Magen zu wenig Salzsäure produziert. Außerdem lässt die Produktion der Verdauungssäfte mit zunehmendem Alter nach. Die Folge ist eine Verdauungsschwäche, auch Maldigestion genannt. Dann gelangen vermehrt unverdaute Nahrungsbestandteile in den Dickdarm und dienen dort Darmbakterien als Nahrung. Dadurch entstehen verstärkt Darmgase, die die dyspeptischen Beschwerden verursachen. Eine Teemischung, die sich sowohl für Kinder als auch für Erwachsene eignet, steht im Kasten.

Zu Unrecht wird Thymian meist nur als Hustendroge eingesetzt und kaum in Magentees. Thymiankraut löst hervorragend Krämpfe und regt die Magensaftsekretion an. Hinzu kommt eine antibakterielle Wirkung, die Gärungsprozessen im Magen-Darm-Bereich vorbeugt beziehungsweise diese beseitigt. Eine Teerezeptur mit Thymian siehe Kasten. 

Meteorismus bei Säuglingen

Die meisten Mütter kennen die Beschwerden. Nach der Nahrungszufuhr weint oder schreit ihr Säugling, weil ihn Blähungen plagen. Der Grund: Im Magen-Darm-Trakt sammelt sich Gas an, der Bauch wird hart und schmerzt. Als Teemischung hat sich die Kombination aus gleichen Teilen Anis-, Fenchel- und Kümmelfrüchten bewährt. 

Wichtig ist, dass die Mutter die Früchte erst unmittelbar vor der Teezubereitung mit einem Löffel zerquetscht, damit das ätherische Öl freigesetzt wird und besser extrahiert werden kann. 1 Teelöffel der Mischung mit einer Tasse siedendem Wasser übergießen und 5 Minuten bedeckt ziehen lassen. Dosierung: Ein bis zwei Tassen Tee über den Tag verteilt dem Säugling beziehungsweise dem Kleinkind geben. Mit dem Tee kann die Mutter auch Milch oder Breinahrung zubereiten.

Gastritis und Geschwüre

Selbstverständlich müssen Patienten bei Verdacht auf eine Magenschleimhautentzündung oder ein Ulkus den Arzt aufsuchen, damit dieser die Ursache der Beschwerden abklärt. Zur Therapie der akuten Gastritis sowie von Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren haben sich H2-Rezeptorantagonisten und Protonenpumpenhemmer bewährt. Doch hat nach wie vor die unterstützende Behandlung mit einem Tee, zum Beispiel als Rollkur, ihren therapeutischen Wert. 

Die eingesetzten Heilpflanzen zeichnen sich durch ein breites Wirkungsspektrum aus, das von entzündungshemmenden, schmerzlindernden und beruhigend wirkenden bis zu Schleimhaut schützenden Eigenschaften reicht. Wegen ihrer guten Verträglichkeit eignen sie sich außerdem für eine Langzeitbehandlung.

Die wichtigste Einzeldroge bei Gastritis sind die Kamillenblüten. Ihr ätherisches Öl wirkt antiphlogistisch, spasmolytisch, hemmt die Pepsinbildung (ulkusprotektiv) und fördert die Wundheilung. Die Kommission E nennt als Anwendungsgebiete »gastrointestinale Spasmen und entzündliche Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts.«

Teezubereitung: 1 Esslöffel Kamillenblüten mit einer Tasse siedendem Wasser übergießen und 5 Minuten ziehen lassen. Bei entzündlichen Erkrankungen im Magen-Darm-Bereich sollen die Patienten täglich drei bis vier Tassen frisch bereiteten Tee ungesüßt zwischen den Mahlzeiten trinken.

Rollkur: Von dem frisch zubereiteten Kamillentee müssen die Betroffenen morgens nüchtern zwei Tassen Tee trinken und dann jeweils 2 Minuten auf dem Rücken, dann auf der rechten und linken Seite und abschließend 2 Minuten auf dem Bauch liegen bleiben. Auf diese Weise benetzt der Tee die gesamte Magenwand. Die Rollkur sollten die Patienten zwei Wochen lang täglich durchführen.

Leinsamen

Leinsamen gehört zu den Schleimdrogen. Die Schleimstoffe überziehen schichtartig die entzündete Magenschleimhaut, schützen diese so vor Magensalzsäure und Pepsin und erleichtern das Abheilen von Läsionen. Die Kommission E nennt als Anwendungsgebiete für Semen Lini »Gastritis und Enteritis«. 

Dosierung: Zwei- bis dreimal täglich 1 Esslöffel geschroteten oder ungeschroteten Leinsamen mit mindestens einem Glas Wasser einnehmen. Wichtig: Leinsamen quillt nur in einer ausreichenden Menge Wasser.

Auch eine Rollkur mit Leinsamen – morgens und abends nüchtern – gilt als bewährtes Hausmittel bei Reizzuständen des Magens und bei Gastritis. Dazu muss der Patient zunächst einen Kaltwasserauszug herstellen: 4 Esslöffel geschroteter Leinsamen werden mit drei Tassen kaltem Wasser übergossen und unter wiederholtem Umrühren zwei bis drei Stunden ziehen gelassen. Die Rollkur mit Leinsamenschleim wird wie die Kamillenrollkur durchgeführt.

Süßholzwurzel

Die Inhaltsstoffe der Süßholzwurzel hemmen Entzündungen, fördern die Wundheilung, schützen die Schleimhaut und hemmen in vitro Keime wie den Helicobacter pylori. Die Kommission E nennt als Anwendungsgebiete »Ulcus ventriculi, Ulcus duodeni«. Dazu einen halben Teelöffel der zerkleinerten Wurzel in einer Tasse mit siedendem Wasser übergießen und 5 bis 10 Minuten ziehen lassen. Täglich drei bis fünf Tassen Tee zwischen den Mahlzeiten trinken.

Hinweis: Wegen der Gefahr einer Hypokaliämie sollten die Patienten den Tee ohne ärztlichen Rat nicht länger als vier bis sechs Wochen anwenden! Patienten mit cholestatischen Lebererkrankungen, Leberzirrhose, arterieller Hypertonie, Hypokaliämie, schwerer Niereninsuffizienz und Schwangere dürfen den Tee hingegen nicht anwenden.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de