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Selbstmedikation

Prophylaxe und Hilfe bei Heuschnupfen

23.03.2010  21:11 Uhr

Selbstmedikation

Prophylaxe und Hilfe bei Heuschnupfen 

von Daniela Schierhorn

Sobald die ersten Pollen von Hasel oder Erle durch die Luft fliegen, beginnt für Heuschnupfen-Patienten eine Zeit des Leidens. Die Nase juckt und läuft oder ist verstopft, die Augen röten sich und tränen. In akuten Phasen ist das Allgemeinbefinden der Patienten oft derart eingeschränkt, dass sie tagsüber kaum die gewohnten Aktivitäten bewältigen und auch nachts schlecht schlafen.

Heuschnupfen ist die volkstümliche Bezeichnung für die pollenbedingte allergische Rhinitis. In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl der Heuschnupfenkranken etwa um das Zehnfache zugenommen. Mittlerweile leiden in Deutschland rund 16 Prozent der Bevölkerung alljährlich unter Heuschnupfen. Damit steht die saisonale allergische Rhinitis bei den allergischen Erkrankungen auf Platz 1.

Die Betroffenen reagieren überempfindlich auf harmlose Proteine bestimmter Pollen, die von Gräsern, Bäumen, Sträuchern, Getreide oder Kräutern stammen. Beim ersten Kontakt mit diesen Pollenproteinen bildet der Körper IgE-Antikörper, das heißt, der Patient ist entsprechend sensibilisiert, ohne es zu bemerken. Kommt er dann im nächsten Jahr erneut mit dem Pollenprotein in Kontakt, reagieren die Schleimhäute von Nase, Augen und Atemwegen allergisch. In einer Reaktion vom Soforttyp binden die Pollenproteine an die IgE-Antikörper, die sich zuvor auf die Oberfläche von Mastzellen gesetzt haben. Das aktiviert die Mastzellen, die Entzündungsstoffe wie Histamin und Leukotriene ausschütten. Diese Botenstoffe sind maßgeblich mitverantwortlich für die typischen Symptome einer Pollenallergie. 

Heuschnupfen ist keine Bagatelle, sondern muss immer adäquat therapiert werden. Sonst droht unter anderem der sogenannte »Etagenwechsel«: Unbehandelt entwickeln etwa 30 bis 40 Prozent der Betroffenen nach einigen Jahren ein Asthma bronchiale. Andere häufige Folgeerkrankungen sind Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen. In einigen Fällen entsteht aus einem Heuschnupfen eine Kreuzallergie zu bestimmten Nahrungsmitteln. Dann könnte beispielsweise ein Birkenpollenallergiker schlimmstenfalls sogar in einen anaphylaktischen Schock fallen.

Fragen Patienten mit Heuschnupfen-Symptomen in der Apotheke nach einem Antiallergikum, sollten PTA oder Apotheker sich zunächst nach der Dauer und Häufigkeit der Beschwerden sowie dem genauen Beschwerdebild erkundigen. Typische Symptome des Heuschnupfens sind Juckreiz in Nase, Gaumen, Rachen oder Gehörgang, heftiges Niesen, wässriges Nasensekret und geschwollene Nasenschleimhäute. In einigen Fällen ist die Konjunktivitis das alleinige Symptom. Besteht der Verdacht auf allergisches Asthma (anfallsweise Husten und Atemnot) oder Augen- und Atemwegsinfektionen, sollte der Patient einen Arzt aufsuchen. Dasselbe gilt für Schwangere, Stillende und Kinder unter 6 Jahren.

Des Weiteren sollten PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch fragen, ob ein Arzt den Heuschnupfen diagnostiziert hat und ob der Patient schon Erfahrungen mit Arzneimitteln gemacht hat. 

Ein Arztbesuch ist außerdem immer dann anzuraten, wenn die Symptome mäßig bis schwer ausgeprägt sind und längere Zeit andauern: Laut einer Klassifikation der WHO gilt als persistierende (anhaltende) Symptomatik, wenn die Beschwerden an mehr als 4 Tagen pro Woche und über einen Zeitraum von über 4 Wochen bestehen. Trifft dies nicht zu, stuft die WHO die Symptomatik als periodisch und intermittierend ein. Können die Patienten normal schlafen, sind die Symptome nicht beschwerlich, sodass sie weder in den täglichen Aktivitäten, noch beim Sport beeinträchtigt sind, spricht die WHO von einer geringen Symptomatik. 

Abhängig vom Schweregrad

Die Therapie des Heuschnupfens richtet sich nach dem Schweregrad und der Dauer der Erkrankung. Die Arzneimittel werden sowohl topisch als auch systemisch angewendet. Die systemische Behandlung ist erst dann angezeigt, wenn die topische nicht ausreichend wirkt.

Bei gering ausgeprägten und nur periodischen Symptomen sind H1-Antihistaminika in Form von Nasensprays oder als Tabletten Mittel der ersten Wahl. Wenn diese nicht ausreichend helfen, können die Patienten zusätzlich ein abschwellendes Nasenpräparat anwenden. 

Sind die Beschwerden leicht, aber persistierend oder sind sie mäßig bis schwer, treten allerdings nur periodisch auf, eignet sich ein Glucocorticoid zur nasalen Anwendung, weil die antientzündliche Komponente dann für eine bessere Langzeitwirkung sorgt. Grundsätzlich gilt: Bessern sich die Symptome nicht innerhalb von ein bis zwei Wochen, muss der Patient einen Arzt aufsuchen. 

Mittel der ersten Wahl

H1-Antihistaminika blockieren die peripheren H1-Rezeptoren, an denen der Botenstoff Histamin andocken würde, nachdem die Mastzellen ihn freigesetzt haben. Die Arzneisubstanzen sind für die lokale Therapie an Auge oder Nase und auch für die orale Applikation im Handel. Die Arzneimittel wirken gut, wenn Augen und Nase gleichzeitig betroffenen sind und stark tränen oder laufen. Sie helfen jedoch weniger, wenn die Nase nur fest verstopft ist.

Für die topische Anwendung an Nase und Augen eignen sich die Zubereitungen mit Azelastin oder Levocabastatin, deren Wirkung innerhalb von 15 Minuten eintritt. Idealerweise sollten die Patienten die Tropfen daher etwa eine Viertelstunde vor der zu erwartenden Allergenbelastung applizieren. Dann besetzen die Arzneistoffe die H1-Rezeptoren, bevor körpereigenes Histamin ausgeschüttet wird. Zubereitungen mit Levocabastatin sind für Kinder ab einem Jahr zugelassen, Azelastin ab 12 Jahren. Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen sind nicht bekannt. Bei zweimal täglicher Gabe sind beide Wirkstoffe gut verträglich, nur in Einzelfällen traten Mattigkeit, Schwindel oder Erschöpfung auf.

Vor allem bei der Abgabe von Augentropfen sollten PTA oder Apotheker die Patienten über die begrenzte Haltbarkeit nach Anbruch und die richtige Applikation informieren. Für die Handhabung gilt: Den Kopf leicht zurücklegen, das Unterlid etwas abziehen und die Tropfen vorsichtig in den Bindehautsack geben. Dabei das Auge selbst nicht berühren. 

Für die systemische Anwendung stehen Antihistaminika der ersten und zweiten Generation zur Verfügung. Zu den älteren Wirkstoffen der ersten Generation gehören Clemastin, Ketotifen, Dimenhydrinat und Dimetinden. Diese Substanzen überwinden die Blut-Hirn-Schranke und machen müde. 

Die weniger lipophilen Antihistaminika der zweiten Generation gelangen kaum ins zentrale Nervensystem und wirken daher nicht oder kaum sedierend. Außerdem sind sie rezeptorspezifischer und müssen in der Regel nur einmal täglich eingenommen werden. Zu den Antihistaminika der zweiten Generation zählen die Wirkstoffe Cetirizin, Levocetirizin, Fexofenadin, Loratidin und Desloratidin.

Nur ein Glucocorticoid rezeptfrei

Eine wichtige Rolle in der antiallergischen Therapie spielen die Glucocorticoide. Topisch appliziert sind sie Mittel der ersten Wahl bei mäßiger bis schwerer Heuschnupfen-Symptomatik oder bei länger andauernden Problemen. Sie wirken stärker als die oralen Antihistaminika und reduzieren alle nasalen Symptome einschließlich der verstopften Nase. PTA und Apotheker sollten Patienten, die ein Corticoid-Nasenspray erhalten, über den verzögerten Wirkeintritt informieren. Andernfalls könnten sie das Präparat vorzeitig absetzen, weil sie glauben, es wirke nicht. Damit das Wirkmaximum nach einigen Tagen erreicht wird, ist die kontinuierliche Anwendung unbedingte Voraussetzung. Ein Gebrauch nur »bei Bedarf« ist unwirksam. Um die Compliance des Patienten zu verbessern, empfiehlt es sich, in den ersten Behandlungstagen zusätzlich abschwellende Nasentropfen oder ein orales Antihistaminikum einzunehmen. 

Fast alle Glucocorticoid-Präparate sind verschreibungspflichtig. Für die Selbstmedikation stehen lediglich Nasensprays mit Beclometasondipropionat zur Verfügung. Voraussetzung für die Empfehlung ist die ärztliche Diagnose des Heuschnupfens.

Cromone zur Mastzellstabilisierung

Cromone spielen eine eher untergeordnete Rolle in der Heuschnupfen-Therapie. Sie wirken deutlich schwächer als die Antihistaminika und topischen Corticoide. Cromoglicinsäure und Nedocromil stabilisieren die Membran der Mastzellen und hemmen damit die Histaminfreisetzung. Wichtig: Die Patienten müssen die Applikation an Nase und Augen alle 4 bis 6 Stunden wiederholen. Wer Cromoglicinsäure-haltige Arzneimittel anwendet, muss beachten, dass die Präparate keinen Soforteffekt haben, sondern sich ihre Wirkung erst über einige Tage langsam aufbaut. Cromoglicinsäure ist auch als Inhalationslösung und Dosieraerosol zur Prophylaxe eines Asthmas im Handel, eignet sich aber nicht für den akuten Asthmaanfall. Wegen der viermal täglichen Gabe und der geringeren Wirksamkeit sollten PTA oder Apotheker diese Präparate in der Selbstmedikation nur empfehlen, wenn für die anderen Präparate Kontraindikationen bestehen.

Abschwellende Nasensprays, -tropfen oder -gele mit α-Sympathomimetika eignen sich zur Heuschnupfen-Behandlung lediglich für die Initialphase bei stark verstopfter Nase und maximal 10 Tage. 

Spezifische Immuntherapie

Die spezifische Immuntherapie, auch als Hyposensibilisierung bekannt, ist eine verschreibungspflichtige Behandlungsoption, vor allem bei schwerer Symptomatik. Allergologen empfehlen eine Therapiedauer von mindestens drei Jahren. Als Standard gilt die subkutane spezifische Immuntherapie (SCIT), bei der die Allergenextrakte subkutan, vorzugsweise in den Oberarm, appliziert werden. Ein Allergenextrakt kann verschiedene Allergene enthalten. Allerdings ist die Gabe einzelner Allergene wirksamer. 

Die spezifische Immuntherapie gilt als einzige kausale Therapie IgE-vermittelter ,allergischer Erkrankungen. Allergologen setzen sie nicht nur bei der Behandlung des Heuschnupfens, sondern auch bei Patienten mit Insektenstich- oder Hausstauballergien ein sowie zur Therapie des Asthma bronchiale. Ziel ist es, durch steigende Allergengaben eine über die Therapiedauer hinaus anhaltende immunologische Toleranz zu erreichen. Dies kann sowohl dem »Etagenwechsel« als auch der Entwicklung neuer Sensibilisierungen positiv entgegenwirken.

Die neueste Variante dieser Methode ist die sublinguale spezifische Immuntherapie (SLIT), auch als »Schluckimpfung« gegen Pollen bekannt. Hier nehmen die Patienten die Allergene in Form von Tropfen oder Tabletten ein. Die SLIT erfordert eine verlässliche Mitarbeit des Patienten. Außerdem muss er häufiger lokale Nebenwirkungen ertragen wie Juckreiz im Mund (bei etwa 50 Prozent), Reizungen des Nasen- und Rachenraums (bei bis zu 30 Prozent) bis hin zu Juckreiz in den Ohren und Augen. Die SLIT mit Pollenallergenen kommt bei Erwachsenen mit allergischer Rhinokonjunktivitis zum Einsatz, wenn die Patienten zum Beispiel eine SCIT wegen Terminproblemen zeitlich nicht bewältigen können. Auch Kinder und Jugendliche dürfen solche SLIT-Präparate anwenden, für die eine klinische Wirksamkeit in dieser Altersgruppe dokumentiert ist.

Viele Patienten äußern den Wunsch nach weiteren, alternativen Behandlungsmöglichkeiten ihres Heuschnupfens. Als sinnvolle Ergänzung können PTA oder Apotheker diesen Patienten ein- bis zweimal tägliche Nasenspülungen mit Solelösung empfehlen. Der Effekt dieser Maßnahme ist im Gegensatz zu vielen anderen alternativen Methoden gut belegt: In einer Studie verringerten Nasenspülungen mit isoosmotischer Emser-Salz-Lösung die Symptomatik und den Verbrauch antiallergischer Arzneimittel um mehr als 30 Prozent.

Pollenbelastung verringern

Heuschnupfen-Patienten sollten möglichst viele Maßnahmen ergreifen, um den Kontakt mit Pollen zu reduzieren. Mithilfe von Pollenflug-Kalendern aus dem Internet oder der Tageszeitung können sie schon im Voraus abschätzen, wann die Konzentration bestimmter Pollen in der Luft ansteigen wird. Wenn sie folgende praktische Tipps beachten, können Pollenallergiker die Pollenbelastung in Innenräumen erheblich senken: 

  • Wohnung bei starkem Pollenflug nur kurz und nur zu bestimmten Zeiten lüften. In ländlichen Gebieten ist die Pollenbelastung der Luft in den frühen Morgenstunden zwischen 4 und 6 Uhr am höchsten. Dann sollten die Fenster unbedingt geschlossen bleiben. Die beste Zeit zum Lüften ist abends zwischen 19 und 24 Uhr. In städtischen Gebieten verhält es sich genau umgekehrt: Hier sinkt die Pollenkonzentration der Luft gerade in den Abendstunden ab, sodass sich diese Zeit zum Lüften eignet.
  • Nach dem Aufenthalt im Freien abends die Haare waschen. Andernfalls setzen sich Pollen aus den Haaren im Kopfkissen fest und werden über Nacht eingeatmet. 
  • Im Freien getragene Kleidung nicht im Schlafzimmer ablegen. 
  • Die Räume täglich saugen (Gerät mit Hepa-Filter), um Pollen auf Teppichen und Möbeln zu entfernen.
  • Im Auto die Fenster geschlossen halten. Für viele Autos gibt es spezielle Pollenfilter für die Lüftungsanlage. Nur ein Fahrzeughersteller wählt alle Materialien für den Innenraum des PKW gezielt danach aus, dass das Allergierisiko auf ein Minimum gesenkt wird, und bekam dafür von TÜV das Prüfsigel »allergiegetesteter Innenraum« verliehen.

Informationen zum Pollenflug

  • www.pollenstiftung.de
    Der Pollenflugkalender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) zeigt das jährliche Auftreten der wichtigsten Pollen-Allergene für den gesamtdeutschen Raum unterteilt nach vier Großregionen (nord-, west-, süddeutscher Raum sowie mittel- und ostdeutscher Raum). 
  • www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=pollen
    Die Pollenflug-Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes.