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Gehirnerschütterung

Ereignis mit Langzeitwirkung

18.02.2011  15:11 Uhr

Von Elke Wolf / Selbst leichte Gehirnerschütterungen heilen nicht in jedem Fall folgenlos aus, wie Mediziner bislang glaubten. Noch sechs Jahre nach dem Trauma lassen sich bei den Betroffenen Einbußen bezüglich ihrer Gedächtnisleistungen und Lernfähigkeit nachweisen, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden.

Vermutlich betrifft es Tag für Tag hunderte Menschen in Deutschland: Ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, wie eine Gehirnerschütterung auch genannt wird, kann nach relativ geringen Erschütterungen auftreten, im Sport, im Haushalt, nach Auffahrunfällen oder Stürzen. Durch das plötzliche Beschleunigen oder Abbremsen des Kop­fes prallt das weiche Gehirn gegen die harte Schädeldecke. Dabei werden die Hirnhäute gedehnt. Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit bis hin zu Erbrechen zeugen von der Erschütterung. Auch Erinnerungslücken rund um das Ereignis sind keine Seltenheit.

Mitunter wird das Hirn so stark gestaucht, dass der Betroffene bis zu 30 Minuten bewusstlos bleibt. Schildert ein Kunde in der Apotheke Symptome, die auf ein Schädel-Hirn-Trauma schließen lassen, sollten PTA und Apotheker ihn auffordern, eine Klinik aufzusuchen (siehe Kasten).

Leichte Gehirnerschütterungen sind eine Sache von wenigen Tagen – die Funktionen des Gehirns normalisieren sich in kurzer Zeit von selbst. Deshalb empfehlen Ärzte den Betroffenen lediglich, dass sie sich im Bett Ruhe gönnen. Doch diese Auffassung muss möglicherweise korrigiert werden.

Das zeigt zumindest eine Studie von Medizinern und Psychologen der Universitäten Münster und Marburg. Dazu untersuchten die Wissenschaftler um Privat­dozent Dr. Carsten Konrad 33 Betroffene psychiatrisch, neuropsychologisch sowie mittels Magnetresonanztomographie. Alle 33 hatten in den letzten Jahren ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Die gleichen Tests machten die Wissenschaftler auch bei einer 33-köpfigen Vergleichsgruppe, die keine Gehirnerschütterung in der Vergangenheit hatte.

Unkonzentriert und unsicher

Das Ergebnis der Wissenschaftler: Bei fast der Hälfte der Teilnehmer (rund 40 Prozent), die sich vor rund sechs Jahren ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen hatten, zeigten die Untersuchungen deutliche Einbußen in verschiedenen Bereichen wie Lernen, Gedächtnis oder Aufmerksamkeit, aber auch in den sogenannten Exekutivfunktionen, wie Pläne schmieden, sich Ziele setzen oder Entscheidungen treffen. »Die Defizite waren deutlich.

Die Ergebnisse wichen erheblich von denen Gesunder ab«, erklärt Konrad. Im Übrigen hätten die Betroffenen ihre Defizite im Alltag selbst bemerkt. In den Fragebögen hatten sie angegeben, es falle ihnen schwer, sich zu konzentrieren oder neue Sachverhalte zu lernen. Dennoch gingen sie ihrem Berufsalltag wie gewohnt nach.

Häufig depressiv

Auch waren die Studienteilnehmer mit dem Schädel-Hirn-Trauma deutlich häufiger depressiv, ergab die Studie. Probanden, die keine Gehirnerschütterung erlitten hatten, zeigten keine derartigen Beschwerden. Die beobachteten Beeinträchtigungen seien allerdings nicht durch krankhafte Depressionen oder unterdurchschnittliches Leistungsverhalten zu erklären, so Konrad.

Wodurch die Funktionen des Gehirns eingeschränkt werden, darüber können die Wissenschaftler nur Vermutungen anstellen. Es ist bekannt, dass bei schweren Schädel-Hirn-Verletzungen Nervenverbindungen zerreißen oder angerissen werden. Bei einer leichten Gehirnerschütterung war das bislang schwer nachweisbar, doch dürfte der Mechanismus ähnlich sein, spekuliert der Leiter der Studie.

Langer Weg bis zur Anerkennung

Bislang haben es Betroffene sehr schwer, Ansprüche gegenüber Versicherungen oder Unfallgegnern geltend zu machen, auch wenn sie nach einer Gehirnerschütterung merken, dass ihre kognitiven Leistungen beeinträchtigt sind. Bisher galt ja auch: Langzeitfolgen seien nicht zu erwarten. Das könnte sich jetzt aber ändern, denkt Konrad: »Die Studie ist relevant für Ärzte, die Gutachten erstellen müssen.« Doch er fügt hinzu, dass die Folgen einer Gehirnerschütterung noch intensiver erforscht werden müssen, bevor die gängige Lehrmeinung revidiert werden kann. /

Bewusstlosigkeit ernst nehmen

Auch wenn zunächst keine oder kaum Beschwerden zu verspüren sind: Bei Kopfverletzungen mit vorübergehender Bewusstlosigkeit ist in jedem Fall ein Arzt oder eine Klinik aufzusuchen. Auch schwerere Gehirnverletzungen äußern sich mitunter zunächst nur in unauffälligen Beschwerden.

Im Krankenhaus erfolgt neben der klinischen und neurologischen Untersuchung auch eine Computertomographie oder eine Magnetresonanztomographie. Nur so können die Ärzte eine Einblutung in das Gehirn oder ein Hirnödem rechtzeitig erkennen und entsprechend behandeln.

Liegen keine ernsten Verletzungen vor, beschränkt sich die Therapie der Gehirnerschütterung auf die Linderung der Symptome. Neben Bettruhe können die Patienten bei Bedarf Arzneimittel gegen Kopfschmerzen oder Übelkeit einnehmen.

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