PTA-Forum online
Magersucht

Leben zwischen Waage und Spiegel

18.02.2011  15:03 Uhr

Von Hildegard Tischer / Im November 2010 starb Isabelle Caro, die durch überlebensgroße Nacktfotos bekannt geworden war. Mit den Fotos wollte das magersüchtige Model junge Frauen vor der Sucht warnen. Auch wenn Caro nicht unmittelbar an ihrer Essstörung starb, rückte ihr Tod einmal mehr die Tatsache ins öffentliche Bewusstsein, dass Magersucht eine sehr ernstzunehmende Krankheit ist.

Seit einigen Jahren berichten die Medien immer wieder von Models, die an Magersucht oder deren Folgen gestorben sind, beispielsweise Ana Carolina Reston aus Brasilien und Luisel Ramos aus Uruguay sowie ihre Schwester Eliana. Bei beiden Schwestern versagte irgendwann das Herz. Die Französin Isabelle Caro ist der bisher jüngste und bekannteste Fall. Sie starb zwar an einer Lungenentzündung, das jahrelange Fasten wird aber erheblich zu ihrer Schwächung beigetragen haben. Caro war seit ihrem 13. Lebensjahr magersüchtig, gestorben ist sie mit 28.

»Die Anorexia ist kein Phänomen des 20. oder 21. Jahrhunderts. Das ist eher die Bulimie. Die Symptomatik der Magersucht wurde schon im frühen 19. Jahrhundert beschrieben«, sagt Professor Dr. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS). Auch täusche der Eindruck, dass die Krankheit in den vergangenen Jahren häufiger auftritt. »Es wird nur mehr berichtet«, so die Medizinerin. Die Zahl der Erkrankten ist in etwa gleich geblieben.

Nach Angaben der DGESS sind circa 0,5 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Anorexia nervosa erkrankt, an Bulimie dagegen 1 bis 2 Prozent. »Magersucht ist die seltenste, aber die gefährlichste Essstörung«, stellt de Zwaan fest. Wie viele Frauen da­ran sterben, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gibt den Prozentsatz mit 4 bis 5 an, andere Quellen nennen 10 bis 15 Prozent.

Doch ganz unabhängig von der Zahl der Fälle, einen deutlichen Unterschied gibt es im Vergleich zu früher: Das Alter, in dem junge Mädchen Essprobleme bekommen, ist in den vergangenen Jahren gesunken, möglicherweise weil die Pubertät früher einsetzt. Laut BZgA entwickeln schon Elfjährige, und zwar Mädchen wie Jungen, Auffälligkeiten im Essverhalten. Allerdings sinkt bei den Jungen das Risiko, eine massive Essstörung zu entwickeln, je älter sie werden, wohingegen es bei den Mädchen mit dem Alter steigt.

Magersucht ist eine typische Frauenkrankheit, unter Männern kommt sie zwar vor, aber sehr viel seltener. Laut DGESS liegt das Verhältnis zwischen Frauen und Männern etwa bei 15 zu 1. Am häufigsten beginne die Essstörung bei Mädchen mit dem Eintritt in die Pubertät, informiert de Zwaan. Erfahrungsgemäß sei noch einmal eine Zunahme der Fälle um das 18. Lebensjahr herum festzustellen. Doch es kommt auch vor, dass ältere Frauen, manche sogar schon über 40 Jahre alt, eine Magersucht ent­wickeln oder bei denen eine latente Ess­störung wieder akut wird.

Experten vermuten, die Mädchen wollen mit dem Hungern verhindern, dass sich ihr Körper in der Pubertät verändert, vor allem weibliche Rundungen entstehen. Mädchen, die durch die aufkeimenden sexuellen Gefühle verunsichert sind, versuchen diese zu stoppen und Kind zu bleiben. Doch das ist nur ein Faktor von vielen, die zur Krankheitsentstehung beitragen. Möglicherweise spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle: In manchen Familien erkranken auffällig viele Frauen an Magersucht. Hingegen ließ sich keine typische Familienkonstellation ermitteln, die Essstörungen begünstigt: Die Zahl der betroffenen Mädchen ist in Familien mit intakten Beziehungen ebenso groß wie in Familien mit problematischen Verhältnissen.

Ehrgeizig und strebsam

Ein wichtiger Faktor ist erwiesenermaßen die Persönlichkeitsstruktur des Mädchens. Magersüchtige waren als Kinder oft sehr angepasst und unauffällig. Typischerweise wollen sie es jedem recht machen und fühlen sich stark verantwortlich für jüngere Geschwister, die Harmonie in der Familie, Ordnung und die Einhaltung von Prinzi­pien. Zugleich fehlt ihnen Selbstbewusstsein, sie glauben, mehr leisten zu müssen, um geliebt zu werden. Meist sind Magersüchtige sehr ehrgeizig, in der Schule erzielen sie gute Noten und zählen zu den Besten. De Zwaan beschreibt den Typus als »junge Frauen, die sehr perfektionistisch sind, sehr genau, vielleicht ein bisschen zwanghaft«. Diese Merkmale seien eindeutig Risikofaktoren für die Entwicklung einer Essstörung, vor allem einer Anorexie.

Nach Ansicht der Expertin wird die Modebranche zu Unrecht beschuldigt, mit retuschierten Fotos und immer dürreren Models auf den Laufstegen eine Steilvorlage zur Magersucht zu liefern. »Der Einfluss wird übertrieben. Alle jungen Frauen sind diesem Einfluss ausgesetzt, und nur ein kleiner Teil entwickelt eine Essstörung.« Fast keine Frau entspreche dem Schönheitsideal der Fotomodelle. Das erzeuge Druck bei allen. Möglicherweise könne hilfreich sein, einen superschlanken Körper nicht mehr als erstrebenswert darzustellen. Anorektischen Frauen gehe es weniger um die Schönheit, sondern darum, etwas zu erreichen, was andere nicht schaffen. »Wenn ein Mädchen 30, 35 Kilo wiegt, dann entspricht das nicht mehr unserem Schönheitsideal«, so die Medizinerin.

Absolute Kontrolle

Die treibende Kraft bei der Entwicklung einer Magersucht ist weniger das Streben nach der Idealfigur als der Wille, die Kon­trolle über sich selbst zu behalten. Dieser Kontrollwunsch konzentriert sich auf den Trieb »Hunger«. Ihm darf die Magersüchtige auf keinen Fall nachgeben. Essen interpretiert sie als Versagen und Verrat an den eigenen Grundsätzen. Sie betrachtet den Körper mit seinen Bedürfnissen als Feind, den sie bezwingen muss. In der Regel gönnen sich Mädchen mit Anorexia nervosa auch keine Phasen der Entspannung und Ruhe. Dies halten sie ebenfalls für ein Zeichen von Schwäche. Vielmehr treiben sie oft übermäßig viel Sport, um ihren Körper zusätzlich zu kasteien.

Eine anonyme Teilnehmerin* in einem Internet-Forum für Magersüchtige, die eine Therapie hinter sich hat, beschreibt den Kontrollwunsch sinngemäß so: »Das wirklich Schlimme ist, dass ich mir meine Magersucht zurück wünsche. Ich hasse es, wenn mir alle Komplimente machen und sagen, ich wäre so schlank. Ich will nicht schlank sein, ich will dünn sein. Ich hab nun wohl auch die letzte Kontrolle in meinem Leben verloren.« Martina de Zwaan kennt dieses Unbehagen auch von ihren Patientinnen: »Die große Angst ist nicht nur die Gewichtszunahme oder hässlich zu werden, sondern die Kontrolle zu verlieren, haltlos zu werden.«

Der Suchtcharakter der Dauerdiät wird in dem Beitrag einer anderen Teilnehmerin deutlich: »Warum mache ich nur das Gegenteil von dem, was ich eigentlich will? Warum nur? Ich will es doch gar nicht.« Eine andere versucht eine Erklärung: »Ich denke, wir machen das, um uns von wichtigeren Problemen abzulenken. Es ist doch viel einfacher, sich den ganzen Tag damit zu beschäftigen, wie fett oder hässlich man ist und was man essen darf und was nicht, als sich mit den wirklichen Problemen auseinanderzusetzen.«

Magersüchtige gehen Situationen, die mit Essen zusammenhängen, nicht aus dem Weg, ganz im Gegenteil, sie machen sich häufig in der Küche zu schaffen und kochen sehr gerne für andere. Dies mag ein Ersatz für die eigene, verweigerte Mahlzeit sein, aber auch eine zusätzliche Herausforderung an die Willensstärke. Sich mit Essen zu beschäftigen und trotzdem nicht zuzugreifen, verlangt einige Widerstandskraft, und dementsprechend groß ist das Erfolgserlebnis, wenn der Verzicht gelungen ist.

Bezeichnend für die Krankheit sind Rituale beim Essen, wie jeden Biss extrem lange zu kauen oder das Essen minutenlang auf dem Teller hin- und herzuschieben, ohne letzten Endes etwas anzurühren. Manche Betroffene berichten, dass sie das Essen immer verschieben: Jetzt noch nicht, erst in einer Stunde. Das ermöglicht ihnen, den Hunger quasi »auszukosten« und sich zu beweisen, dass ihr Wille stärker ist als ihr Trieb. Andere essen nur, wenn sie allein sind, sei es, weil sie essen als etwas sehr Intimes empfinden, sei es, weil sie sich schämen.

Gestörtes Körperbild

Obwohl sie letztlich jede Nahrung ablehnen, dreht sich ihr ganzes Leben ums Essen – und um Waage und Spiegel. Magersüchtige sind wie besessen vom Zeiger auf der Waage und ihrem Spiegelbild, oft überprüfen sie ihr Gewicht mehrmals am Tag. So schreibt beispielsweise eine Teilnehmerin im Online-Forum: »Manchmal betrachte ich mich im Spiegel und bin total zufrieden mit meiner Figur und stolz auf mich. Manchmal fühle ich mich unwohl dabei, vor allem nach dem Essen. Deswegen habe ich mir abgewöhnt, nach dem Essen in den Spiegel zu schauen, da werde ich richtig depressiv.«

Diese Aussage macht gleichzeitig deutlich, dass mit der Krankheit ein gestörtes Körperbild einhergeht, denn niemand würde der Betreffenden ansehen, ob sie gerade gegessen hat oder nicht. Manche Magersüchtige reduzieren sogar Getränke, weil sie sich nach dem Trinken dick finden.

Ständiges Erbrechen

Nach Angaben der BZgA leiden 60 Prozent der Frauen am bulimischen Typ der Anorexia nervosa, das heißt, sie essen zwischendurch handfeste Portionen, um anderen Normalität vorzutäuschen oder aus Heißhunger. Anschließend bringen sie sich zum Erbrechen oder nehmen Abführmittel mit dem Ziel, die Darmpassage der Nahrung zu verkürzen und nur »bloß keine Kalorien« aufzunehmen. Doch auch Menschen mit einer sogenannten restriktiven Anorexia nervosa, die allein durch Fasten ihr Gewicht reduzieren, zwingen sich manchmal zum Erbrechen oder missbrauchen Laxantien, obwohl sie praktisch nichts gegessen haben. Einige gehen so weit, Watte zu essen, um den Magen zu beschwichtigen.

Bulimisches Verhalten verstärkt noch die gesundheitlichen Schäden. Starke und lang anhaltende Unterernährung verursacht Herz-Kreislauf-Störungen, Blutdruck und Körpertemperatur sinken. Bilden sich Ödeme, sind diese im Herzen und im Gehirn lebensbedrohend. Das Untergewicht und das zusätzliche Erbrechen führen zu Elektrolytentgleisungen und damit zu Herzrhythmusstörungen und Herztod, so de Zwaan. Aufgrund des Mangels an Calcium und Vitamin D kommt es zur Osteoporose. Das hat vor allem bei sehr jungen Magersüchtigen gravierende Folgen, denn gerade vor und während der Pubertät baut der Körper über die Hälfte seiner Knochenmasse auf. Zudem gerät der Hormonhaushalt durcheinander, was zum Knochenabbau beiträgt.

Häufig bleibt auch die Menstruation aus. Durch den Nährstoffmangel werden Haare und Nägel brüchig, die Haut trocken und schuppig. Verbreitet sind auch Magen- und Darmbeschwerden. Der Stoffwechsel verändert sich, Nieren, Leber und Gehirn werden in Mitleidenschaft gezogen. Beim Erbrechen greift die Magensäure den Zahnschmelz an, sodass Probleme mit den Zähnen noch hinzukommen. Psychische Folgen des Hungerns und Fastens sind leichte Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Ängste, Zwangsstörungen und Depressionen. Antidepressiva eignen sich aber laut de Zwaan nicht zur Therapie der Magersucht. Die einzige anerkannte Behandlungsform ist die Psychotherapie, vor allem die Verhaltenstherapie sei gut evaluiert, berichtet die Expertin.

Notwendiger Klinikaufenthalt

Da Magersüchtige ihrer Umwelt gegenüber standhaft leugnen, ein gestörtes Verhältnis zu Essen zu haben, dauert es meist lange, bis die Eltern die Notbremse ziehen und auf eine Behandlung drängen. Die meisten Frauen entschlössen sich jedoch freiwillig zur Therapie, berichtet die Medizinerin, zum Beispiel weil sie an eine Grenze gelangt sind, an der sie selbst ihr Verhalten ändern wollen. Zwangseinweisungen und erst recht Zwangsernährungen kämen sehr selten vor. »Wenn die Elektrolyte entgleisen und das Leben gefährdet ist, dann müssen wir zwangseinweisen. Wir würden uns strafbar machen, wenn wir nicht versuchten, Leben zu erhalten.« In der Klinik seien die Patienten durchaus bereit, unter Anleitung und Beobachtung zu essen. Andernfalls müssen sie – als lebenserhaltende Maßnahme – zwangsernährt werden. Diese Extremfälle seien eher selten. Doch auch Frauen, die freiwillig in die Klinik kommen, müssen vor allem eins: essen. »Zu Beginn ist häufig eine stationäre Aufnahme notwendig. Die Patienten sind überfordert, mit einem Therapietermin pro Woche selbstständig zuzunehmen. Ohne professionelle Unterstützung wie in der Klinik fällt ihnen das zu schwer.«

Essplan zur Orientierung

Normalerweise nehmen die Patienten im Krankenhaus gemeinsam mit anderen ihre Mahlzeiten ein. Als Orientierungshilfe zu Menge und Auswahl der Lebensmittel dient ein Essplan, denn sie haben das Essen verlernt. »Mit anwesend ist ein Therapeut, der ganz intensiv über Vor- und Nachteile der Essstörung spricht«, beschreibt de Zwaan. Ziel des Klinikaufenthalts ist es, dass die Patienten ein festgelegtes Gewicht erreichen, bevor sie nach Hause entlassen werden. Nicht immer gelingt das auf Anhieb, manche Magersüchtige brauchen mehrere stationäre Therapien, bis sie alleine wieder einigermaßen normal essen können. Nach dem Klinikaufenthalt folgt in der Regel die Nachsorge durch einen niedergelassenen Psychotherapeuten. Insgesamt dauert die Behandlung durchschnittlich zwei Jahre.

»Bei Kindern und Jugendlichen müssen die Eltern in die Therapie eingeschlossen werden«, betont die Expertin. Auch wenn die Familie nicht für die Entstehung der Sucht verantwortlich ist, so verändere diese doch das Familiengefüge. Also braucht die Familie Unterstützung von außen, um ihre internen Beziehungen wieder zu stabilisieren.

Als Krankheit verstehen

Mit einem Vorurteil räumt die Ärztin auf: Eltern und Freunde könnten kaum etwas gegen die Sucht unternehmen. Ermahnungen nützen nichts, gut gemeinte Ratschläge wie »Kind, du musst doch mehr essen!« stoßen auf taube Ohren. Dennoch müssten Familienmitglieder und Freunde das Problem ansprechen, rät de Zwaan. Nicht vorwurfsvoll oder anklagend, sondern indem sie ihre eigenen Sorgen und Ängste äußern. Wichtig ist, dass die Betreffende merkt, dass Angehörige und Freunde ihre Sucht nicht als freiwillig gewählten Verzicht ansehen, den sie jederzeit beenden kann, sondern als Krankheit. /

*Die Forumsbeiträge wurden von der Redaktion im Wortlaut verändert, um Rückschlüsse auf die Schreiberin auszuschließen.

Informationen im Internet

www.bzga-essstoerungen.de
Die Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) wenden sich mit Beratungsangeboten an Betroffene, Angehörige, Freunde und Lehrer. Mit dem Bodycheck können Jugendliche ihr Essverhalten analysieren lassen, mit dem Online-BMI-Rechner ihr Körpergewicht einordnen. Zu einem weiteren Service der BzgA zählt der Versand von kostenlosen Broschüren.

www.dgess.de
Um Wissenschaft und Forschung und auch deren Anwendung in Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapie von Essstörungen zu fördern und die verschiedenen Fachdisziplinen zu vernetzen wurde die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen gegründet. Die Gesellschaft versteht sich auch als Lobby für die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin

hildegard.tischer(at)arcor.de