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Chronische Verstopfung

Neuzugang bei den Laxanzien

18.02.2011  15:31 Uhr

Von Gudrun Heyn, Berlin / Fast die Hälfte aller Menschen mit chronischer Obstipation ist mit der Behandlung ihrer Erkrankung unzufrieden. Für Frauen, die auf die konventionellen Arzneimittel nicht ausreichend ansprechen, gibt es seit über einem Jahr mit dem selektiven Serotonin-Rezeptoragonisten Prucaloprid eine neue Therapieoption.

Einer US-amerikanischen Studie zufolge beklagen 82 Prozent der Menschen mit chronischer Verstopfung, dass ihre Arzneimittel nicht ausreichend wirken. 16 Prozent befürchten sogar, die Langzeittherapie könnte ihnen schaden. »Noch schlechter fällt das Urteil der behandelnden Mediziner aus«, sagte Professor Dr. Thomas Frieling vom Helios-Klinikum, Krefeld, auf einer von der Firma Shire unterstützten Veranstaltung in Berlin.

So hatten 80 Prozent der befragten Mediziner in der gleichen Umfrage das Gefühl, ihre Patienten nicht richtig behandeln zu können. Doch in Zukunft könnte der neue Arzneistoff Prucaloprid die Situation verbessern, glaubt Frieling.

Weit verbreitet

Menschen mit chronischer Obstipation haben seltener als dreimal in der Woche Stuhlgang. »Vielleicht gehen manche täglich zur Toilette, aber der Stuhl ist so hart, dass sie ihn nicht los werden«, sagte Dr. Jutta Keller vom Hamburger Israeliten Krankenhaus. In der Folge quälen kurz anhaltende, aber wiederkehrende Bauchschmerzen und Schmerzen beim Pressen die Betroffenen. Aber auch Übelkeit und manchmal sogar ein unwillkür­licher Stuhlabgang (Überlaufinkontinenz) gehören zu den Symptomen. Oft leiden die Patienten jahrelang unter den Beschwerden. Von chronischer Verstopfung sprechen Ärzte erst, wenn die Probleme mindestens zwei Monate lang bestehen.

In den Industrieländern ist schätzungsweise jeder Zehnte von chronischer Verstopfung betroffen. Da die Lebensbedingungen der Europäer, US-Amerikaner und Kanadier sich sehr ähneln, machen Wissenschaftler unter anderem den Lebensstil für die Obstipation verantwortlich. Vor allem eine ballaststoffarme Ernährung und Bewegungsmangel werden als Gründe für die Entstehung eines krankhaft veränderten Verdauungsprozesses diskutiert. So ergab beispielsweise eine chinesische Studie mit 400 Grundschülern, dass zwar 7 Prozent der 8- bis 10-Jährigen unter chronischer Verstopfung litten. Doch darunter waren die Kinder, die gerne und viel Obst und Gemüse aßen, deutlich weniger betroffen. Weitere Untersuchungen belegen, dass Bewegung und eine aufrechte Körperhaltung der Verstopfung entgegenwirken. »Ältere, bettlägerige Patienten leiden häufig unter Obstipation«, informierte Keller. Ein besonders hohes Erkrankungsrisiko hätten zudem Menschen, die künstlich ernährt würden.

Doch der westliche Lebensstil kann nicht die alleinige Ursache sein: Daten aus Sri Lanka zeigen ebenfalls, dass dort 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. In Brasilien leiden 27 Prozent der ländlichen Bevölkerung, in Nigeria 25 Prozent unter der lästigen Erkrankung.

Keine Befindlichkeitsstörung

Bei vielen Patienten ist Obstipation ein Dauerproblem, das ihren Alltag beherrscht und ihre Lebensqualität stark einschränkt. Möglicherweise beeinflusst chronische Verstopfung sogar die Lebensdauer. Darauf weist eine Untersuchung der Mayo-Klinik in Minnesota hin: 4000 US-Bürgern wurden im Abstand von 15 Jahren zweimal von Experten befragt. Dabei zeigte sich, dass unter den Patienten mit chronischer Obstipation mehr Menschen gestorben waren als in der restlichen Bevölkerung. Dieses Ergebnis überraschte die Wissenschaftler. »Sie fordern daher weitere Untersuchungen«, informierte Keller.

Doch selbst wenn sich die Daten aus Minnesota nicht erhärten lassen, ist die chronische Obstipation keine einfache Befindlichkeitsstörung. So zeigt eine große vergleichende Studie (Meta-Analyse), dass die Lebensqualität der Patienten mit chronischer Verstopfung nicht besser ist als die von Menschen mit chronischer Allergie oder Colitis ulcerosa. Bei den Patienten, die wegen der Verstopfung stationär behandelt wurden, entsprach die Lebensqualität der von Menschen mit rheumatoider Ar­thritis. Mental ging es den Patienten so­gar schlechter als Dialyse-Patienten.

Am stärksten betroffen sind Patienten mit der Diagnose slow transit conctipation (Darmlähmung). Bei diesen Menschen ist das darmeigene Nervensystem erkrankt oder arbeitet aus anderen Gründen nicht mehr richtig. Von dieser schwersten Form sind fast immer junge Frauen betroffen. »Häufig ist bei ihnen die Störung des Transits durch den Dickdarm so ausgeprägt, dass sie auf keine konventionelle Therapie mit Laxanzien mehr ansprechen«, sagte Keller. Unter schwerer Obstipation leiden oft auch Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Diabetes mellitus. Meist ist bei ihnen gleichzeitig die Darmpassage gestört und die Muskulatur des Beckenbodens beeinträchtigt. Die dritte Gruppe der besonders schwer Betroffenen besteht aus Patienten, die Morphin-haltige Arzneimittel einnehmen müssen.

Die Behandlung jeder Verstopfung erfolgt nach einem Stufenkonzept. Zu den Basismaßnahmen gehört die Umstellung der Ess- und Trinkgewohnheiten: Die Betroffenen sollen sich ballaststoffreicher mit mehr Obst und Gemüse ernähren, weiterhin auf obstipierende Lebensmittel oder Süßigkeiten wie Schokolade verzichten und mehr trinken. »Heute gelten Trinkmengen von einem bis anderthalb Litern als ausreichend«, sagte Dr. Andreas Leodolter vom Sana-Klinikum, Remscheid. Der Internist und Gastroenterologe empfahl, morgens direkt einen kühlen Fruchtsaft zu trinken, da dieser die Verdauung ankurbelt. Auch Flohsamenpräparate aus der Apotheke könnten helfen, denn die enthaltenen löslichen Ballaststoffe binden Wasser. So vergrößern sie die Stuhlmenge, was den Transit stimuliert. Außerdem kurbeln sie die Stoffwechseltätigkeit der natürlichen Darmbakterien an, da sie diesen als Nahrung dienen. Von Nachteil sei die dadurch bedingte starke Gasbildung. Eine weitere Basismaßnahme ist erhöhte körperliche Aktivität. Mit der Bewegung des ganzen Körpers nimmt auch die Dickdarmmotilität zu. Leodolter riet Patienten mit Verdauungsproblemen außerdem, sich für jeden Toilettengang ausreichend Zeit zu nehmen, sich entspannt hinzusetzen und möglichst nicht zu pressen.

Konventionelle Therapien

Bringen diese Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg, werden im nächsten Schritt Laxanzien eingesetzt, vor allem die osmotisch wirkenden. Zu ihnen gehören das Disaccharid Lactulose (zum Beispiel Bifiteral®, Lactuflor®) und Macrogol, ein Polyethylenglykol (zum Beispiel Dulcolax® M Balance Beutel, Laxofalk®). Lactulose wirkt als Quellstoff und stimuliert die Wasseraufnahme in den Darm. Zudem wird die Substanz von der Darmflora zu Säuren verstoffwechselt, die die Darmbewegung anregen sollen. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis die Wirkung eintritt. Als Nebenwirkung belasten vor allem Blähungen die Patienten sehr. »Sie limitieren den Einsatz der Lactulose deutlich«, sagte Leodolter.

Im Gegensatz dazu wirkt Macrogol allein über seine Fähigkeit, Wasser zu binden. Dadurch nimmt die Darmflüssigkeit an Volumen zu, der Stuhl wird weicher und der Transit angekurbelt. Macrogol-haltige Präparate wirken bereits nach 24 Stunden. Macrogol ist gut verträglich und auch die gefürchteten Blähungen bleiben aus. »Dennoch macht die Substanz bei der Daueranwendung Probleme«, sagte Leodolter. Viele Patienten fänden den Geschmack der Trinklösungen so unangenehm, dass ihre Compliance leidet. Trotz der Einführung verschiedener Geschmacksrichtungen in den Markt sei das Problem bis heute nicht behoben. »Dennoch setzen wir Macrogol inzwischen häufiger ein, da Studien eine bessere Wirksamkeit gegenüber Lactulose belegen«, so Leodolter.

Als Alternativen stehen die seit etwa 60 Jahren eingesetzten Wirkstoffe Bisacodyl (zum Beispiel Dulcolax®, Laxans AL®, Pyrilax® Abführdragees) und Natriumpicosulfat (zum Beispiel Laxoberal® Abführperlen, Regulax® Picosulfat) zur Verfügung. Diese Laxanzien fördern die die Darmbeweglichkeit, indem sie die Resorption von Wasser hemmen und die Wassersekretion in den Dickdarm steigern. Ihre Wirkung tritt in weniger als 12 Stunden ein. Daher sollen die Patienten die Dragees am Abend einnehmen. »Sie irritieren jedoch die Darmschleimhaut und stören damit die normale Darmfunktion«, sagte Leodolter.

Neue Therapieoption

Knapp die Hälfte der Patienten mit Verstopfung sind mit der Wirkung der Ballaststoffe oder Laxanzien zufrieden. Seit Mitte Januar 2010 steht nur Frauen ein neues verschreibungspflichtiges Laxans zur Verfügung: der selektive, hochaffine Serotonin(5HT4)-Rezeptoragonist Prucaloprid (Resolor® Filmtabletten, Movetis NV). Der Wirkstoff erhielt die Zulassung zur Behandlung von Frauen mit chronischer Verstopfung, denen andere Laxanzien nicht ausreichend helfen. Sobald Prucaloprid an 5HT4-Rezeptoren bindet, wird das darmeigene Nervensystem stimuliert. Die Darmbewegungen nehmen zu, was den Transit beschleunigt und die Entleerung verbessert.

Das Prokinetikum erwies seine Wirksamkeit in drei Studien mit mehr als 1200 Teilnehmern. Bei rund 50 Prozent der Patienten besserte sich unter der Gabe von 2 oder 4 mg Prucaloprid pro Tag die Stuhlentleerung signifikant. Selbst 40 bis 60 Prozent der Patienten mit einer Opioid-induzierten Obstipation sprachen auf die Therapie an. »Da in den Studien nur Patienten mit schwerer Obstipation eingeschlossen wurden, die nicht auf eine konventionelle Therapie ansprechen oder nicht befriedigend behandelt werden konnten, ist dies ein gutes Ergebnis«, sagte Frieling. Auch die Lebensqualität der Patienten nahm unter der Gabe von Prucaloprid deutlich zu.

Nebenwirkungen waren in allen Studien nicht signifikant. Am häufigsten klagten die Patienten über Kopf- und Bauchschmerzen. »In der Regel gehen sie nach zwei Tagen spontan zurück«, sagte Frieling. Da in den Studien überwiegend Frauen behandelt wurden, ist die Substanz in den Ländern der EU nur für Patientinnen zugelassen, in der Schweiz jedoch auch für Männer. In Deutschland übernehmen die Krankenkassen die Therapiekosten. /

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