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Historisches

Der Schwarze Tod in Europa

20.02.2012  14:52 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Als im Oktober des Jahres 1347 genuesische Handelsschiffe von der Krim kommend im Hafen von Messina auf Sizilien anlegten, hatten sie einen blinden Passagier an Bord: die Pest. Von Italien breitete sich die Seuche im Eiltempo über ganz Europa aus und kostete in den folgenden fünf Jahren rund 25 Millionen Menschen das Leben. Das war damals jeder dritte Europäer.

Noch mehr als 300 Jahre lang mussten die Menschen in Europa mit der ständigen Angst vor dem »Schwarzen Tod« leben, denn die Seuche trat in einzelnen Ländern beziehungsweise Regionen immer wieder auf. In den Jahren 1720 und 1721 suchte die Pest noch einmal die Provence heim, dann verschwand sie aus West- und Mitteleuropa. Über die Ankunft der Pest in Messina berichtete der Franziskanermönch Michele da Piazza: »Sie (die Seeleute) trugen in ihren Gebeinen eingeschlossen eine solche Krankheit, dass, wer nur mit ihnen sprach, von einem tödlichen Leiden ergriffen wurde und dem Tode auf keine Weise entfliehen konnte.« Doch wie kam die Krankheit auf das Schiff? In der mittelalterlichen Seefahrt gab es ein Problem, das man nicht in den Griff bekam: die Ratten. Diese wiederum hatten Flöhe und die waren im Jahr 1347 auf den genuesischen Schiffen mit dem Pesterreger, dem Bakte­rium Yersinia pestis, infiziert. Durch Flohbisse wurde das hochinfektiöse Bakterium auf die Seeleute übertragen – das kam einem Todesurteil gleich. Mit den Schiffsladungen gelangten die Ratten in die Stadt und dann begann dort das »große Sterben«. Nach sechs Wochen war die Hälfte der Einwohner von Messina entweder gestorben oder geflohen.

Ein Arzt, der die Epidemie auf Sizilien erlebt hat, beschrieb die Symptome folgender­maßen: Die Pest sei »mit Blutspeien, großer Hitze und heftigem Fieber« einhergegangen und die Befallenen wären am vierten, selten am siebenten Tag gestorben. Typische Anzeichen seien großer Durst, Angst und Herzschmerzen, raues Atmen, Husten und heftiger Auswurf, außerdem »gallige, stinkende Stuhlgänge, Brandbeulen und hässliche Drüsenbeulen«. Manche hatten Durchfälle, Geschwüre am ganzen Körper, »fressende Geschwüre der Lippen und der Nase, Brand der Füße und weitere furchtbare Leiden«.

Im Bericht schilderte der Arzt die typischen Symptome der Lungen- und der Beulenpest, die beide in Europa auftraten. Am gefährlichsten war die Lungenpest, die mit hohem Fieber, starkem Hustenreiz, Atemnot und blutigem Auswurf verbunden war. Sie wurde durch Einatmen der Erreger von Mensch zu Mensch (Tröpfcheninfektion) übertragen. Die Lungenpest endete nach zwei bis drei Tagen, manchmal auch schon nach Stunden mit dem Tod.

Häufiger grassierte die Beulenpest, die durch schmerzhafte Schwellungen (Pestbeulen, Bubonen) am Hals, in den Achselhöhlen und der Leistenbeuge gekennzeichnet war. Hinzu kamen noch allgemeine Beschwerden wie Fieber mit Schüttelfrost, Kopfschmerzen sowie Schwindel, Erbrechen und Benommenheit. Die Beulenpest war unter Umständen heilbar.

Bei einer dritten Pestform, der Hautpest, zeigten sich neben den Allgemeinsymptomen der Beulenpest noch Pestpusteln, Pestkarbunkel und Hautgeschwüre, die sich an den Stellen der Flohbisse bildeten. Bei allen drei Pestarten entstehen durch kapillare Blutungen große, fast schwarze Blutergüsse unter der Haut. Daher auch der Name »Schwarzer Tod«.

Spur des »Schwarzen Todes«

Zuerst wütete die Pest in Italien und entvölkerte die dicht besiedelten Städte. Ein Chronist aus Siena hinterließ erschütternde Zeilen: »Sie sterben zu Hunderten, bei Tag und Nacht, und alle wurden… in Gruben geworfen und mit Erde bedeckt. Sobald die Gruben voll waren, wurden neue ausgehoben. Und ich, Agnolo von Tura…, habe meine fünf Kinder mit eigenen Händen begraben…Und es sind so viele gestorben, dass alle glaubten, es sei das Ende der Welt.« Allein in Siena starben 80 000 Menschen. Rund 130 000 Opfer der Seuche wurden in Neapel, Pisa und Genua gezählt. Bologna verlor 30 000 Menschen und Venedig 40 000. Der Dichter Giovanni Boccaccio (1313 bis 1375) schrieb in seiner Einleitung zum »Decamerone«: »So groß waren die Härte des Himmels und die Grausamkeit der Menschen, dass vom März (1348) bis zum darauffolgenden Juli, teils durch die Bösartigkeit der Pest, teils weil viele Kranke schlecht gepflegt und aus Furcht von den Gesunden in ihrer Not verlassen wurden, schätzungsweise über hunderttausend Menschen in den Mauern der Stadt Florenz ums Leben kamen.« Danach erreichte die Pest Mitteleuropa. In Marseille starb jeder zweite Einwohner. In England verlieren 2 000 000 Menschen – die Hälfte der Bevölkerung – ihr Leben. Besonders verheerend wütete der Schwarze Tod in London. In Wien starben 40 000 Menschen. Spanien, Skandinavien und der Balkan blieben ebenfalls nicht verschont. Auch vor den Weiten Russlands machte die Seuche nicht Halt. Im russischen Smolensk sollen von 35 000 Einwohnern nur 5 überlebt haben.

In Deutschland trat die Pest später als in Süd- und Westeuropa auf. Besonders betroffen war Norddeutschland. Berichte über das Pestjahr 1350 sind unter anderem aus Bielefeld, Paderborn, Münster, Osnabrück, Minden, Hamburg, Braunschweig, Lüneburg, Bremen und Lübeck erhalten. In Erfurt wurden im Jahr 1350 in elf großen Gruben circa 12 000 Tote beerdigt. Nach Schätzungen verlor Deutschland in diesen Pestjahren um die Mitte des 14. Jahrhunderts etwa 1,2 Millionen Einwohner.

Chaos und religiöser Wahn

Der Schrecken der Pest erschütterte die Moral und das Weltbild der Menschen. Weltuntergangsstimmung kam auf. In den von der Seuche heimgesuchten Städten herrschten Rechts- und Sittenlosigkeit, »weil die Verweser und Vollstrecker (der göttlichen und menschlichen Gesetze) entweder tot oder krank waren oder es ihnen so an Gehilfen gebrach, dass keine Amtshandlung mehr vorgenommen werden konnte«. Die staatliche und geistliche Führungsschicht flüchtete meist beim Auftreten der ersten Pestfälle aus den Städten. Einbruch, Diebstahl, Mord, Vergewaltigung und Brandschatzung waren an der Tagesordnung und wurden nicht geahndet. Viele nutzten ihre vermeintlich letzten Tage für Vergnügungen sowie für alkoholische und sexuelle Ausschweifungen.

Andere wandten sich verstärkt der Religion zu, da sie glaubten, die Pest sei die Strafe Gottes für ihre Sünden. Im Angesicht des Todes riefen die Gläubigen besonders die Jungfrau Maria um Hilfe an. Als Pestheilige wurden Sebastian und Rochus verehrt. In den Kirchen versammelten sich die Menschen zu inbrünstigen Gebeten. Die verstärkte Hinwendung zu Gott führte zu fanatischen Auswüchsen. Besonders bekannt geworden sind die Geißler- oder Flagellantenbewegung. In den Gruppen der Geißler, die in den Pestjahren durch die Länder zogen, vereinigten sich Hunderte, manchmal Tausende Männer und Frauen. Sie wandten sich enttäuscht von der Kirche ab, weil sie diese für egoistisch und verderbt hielten, und wollten durch Askese und Selbstgeißelung den Ausbruch der Pest verhindern und Gottes Zorn besänftigen.

Auf den Marktplätzen entblößten die Flagellanten ihren Oberkörper, sangen, liefen im Kreis und geißelten sich rhythmisch Brust und Rücken mit einer dreisträngigen Geißel, an deren verknoteten Enden scharfe Eisenspitzen befestigt waren. Bei der Geißelung feuerten zahlreiche Zuschauer die Büßer an, sodass die blutige Veranstaltung meist in allgemeiner Ekstase endete. Der Papst erkannte die Geißlerbewegung als Vorwurf gegen die Kirche und verbot diese im Jahr 1349, was jedoch in den Pestjahren wirkungslos blieb.

Ein anderes Massenphänomen dieser Zeit war die Tanzwut. Vermutlich, um den immensen psychischen Druck im Angesicht des drohenden Todes auszuhalten und die Spannung abzubauen, tanzten die Menschen in Gruppen meist bis zur völligen Erschöpfung. Berichte über die Tanzwut sind aus Deutschland, England und Frankreich erhalten. Auf Sizilien erhielt die Tanzkrankheit den Namen »Tarantella«.

Die Judenverfolgungen

Immer wieder fragten sich die Menschen damals, was die Pest verursacht haben könnte und wie sie sie überleben könnten. Weil ihnen niemand vernünftige Antworten geben konnte, konzentrierte sich der Volkszorn auf eine Minderheit, die Juden. Diese waren jedoch schon geächtet, mussten in Ghettos leben, ihre Kleidung kennzeichnen und durften nur Geldgeschäfte tätigen. Es kam zu ersten Pogromen, als sich Gerüchte verbreiteten, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und damit die Pest ausgelöst. Unter Folter erzwungene Geständnisse von Juden galten als Beweis.

In der Provence kam es zu Massakern an Juden. Auch in Spanien, England, Burgund und Deutschland waren die Juden ihres Lebens nicht mehr sicher. In England und in der Provence rühmte man sich, dass es keinen Juden mehr im Land gäbe. Einen Höhepunkt erreichten die Judenpogrome im Jahr 1349 in Deutschland. In Mainz wurden 12 000 Juden zusammengetrieben und vor dem Dom verbrannt. Das Feuer war so gewaltig, dass das Fensterblei des Doms und die Glocken zu schmelzen begannen. In Speyer steckte man die toten Juden in Weinfässer und warf sie in den Rhein.

Oft lösten auch die Geißlerzüge in ihrem religiösen Wahn die Judenverfolgungen aus. Manchmal kam es zum »Judenbrennen«, bevor überhaupt die Pest die Städte erreichte. Meist sahen die Verantwortlichen der Stadt tatenlos zu, wie der Mob die Juden ermordete. Viele waren bei jüdischen Geldverleihern verschuldet, und so löste sich ihr Problem der Rückzahlung.

Papst Clemens VI. setzte sich 1348 für die Juden ein und erklärte die Juden als Brunnenvergifter oder Verursacher der Pest für unschuldig. Wer Juden verfolge, müsse mit der Exkommunikation rechnen – ohne Erfolg. Erst 1356, als Kaiser Karl IV. in der »Goldenen Bulle« den Städten und Fürsten ausdrücklich empfahl, sich »Juden zu halten«, flauten die Verfolgungen ab. Denn die Städte und Landesfürsten benötigten tüchtige Geldverleiher und Kaufleute, um das Leben in den Städten wieder aufzubauen. /

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