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Was ich noch erzählen wollte ...

Es geht auch ohne eine Diät

20.02.2012  15:18 Uhr

Von Annette Behr/ Alle Jahre wieder füllen zu Frühjahrsbeginn neue Strategien zur Gewichtsreduktion die Seiten der Frauenzeitschriften. Dick sein oder sich dick fühlen, sind jedoch zweierlei. Ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln, ist für viele Menschen eine lebenslange Herausforderung. Auf dem Weg könnte manchem eine »Mediendiät« helfen.

»Ich liebe Essen!«, sagt neuerdings meine Tochter. Dabei ist es noch gar nicht lange her, da wollte sie zu Heidi Klums Auserwählten zählen. Zugegeben die meisten Models, die über die Laufstege der Welt stelzen, sind sehr schön in Szene gesetzt. Mit perfektem Make-up, aufwendigen Haarteilen und gefährlich hohen Absätzen präsentieren sie zu emotionsgeladener Musik die neuesten Modeschöpfungen.

Viele der Models kann ich allerdings kaum voneinander unterscheiden, so sehr ähneln sie sich in ihrer äußeren Erscheinung. Die meisten sind extrem dünn. Dafür müssen sie auf üppiges Essen verzichten. »Kleidung ist Disziplinierung. Eine Wespentaille trägt dazu bei, dass man sich beim Essen mäßigt. Was ist daran schlecht?«, meint Karl Lagerfeld. Der Modezar hat einst selbst vor Jahren etliche Kilo abgespeckt und hält seitdem seine drahtige Figur. Prinzipiell ist gegen eine gewisse Disziplinierung in allen Bereichen des Lebens nichts einzuwenden. Doch gerade beim Essen halte ich es für sehr gefährlich, dem Schönheitsideal der mageren Models nachzueifern. War zu früheren Zeiten die Größe 36 ideal, muss es heute schon »Size Zero«, also Größe Null sein. Kindergrößen werden mittlerweile im Mode-Business gefordert.

Außerdem müssen die Models noch weitere Vorgaben erfüllen: unendlich lange Beine und üppiges Haar vorweisen. Doch wer hinter die Kulissen der Glamour-Paraden schaut, entdeckt harte Arbeit und unendlich viel Selbstkasteiung und Verzicht. Das wahre Leben der Laufstegschönheiten wird selten gezeigt.

Schlank ist in

Werbestrategen und Medien warten mit ausgeklügelten Konzepten auf, mit denen sie Fernsehzuschauern oder Magazinlesern ständig den schönen Schein und das erstrebenswerte Ideal präsentieren. Die Botschaft ist eindeutig: »Wer schlank ist, ist in, begehrenswert, erfolgreich und gesellschaftlich anerkannt.« Manche junge Frau, und zunehmend auch Männer, führt dieser hochstilisierte Körperkult in einen Teufelskreis. »Essstörungen sind keine Seltenheit mehr«, bestätigt Professor Dr. Tilman Fürniss, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Münster den Trend. Demnach gibt es bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren Hinweise auf eine Essstörung.

Achtsamkeit gefragt

Hier sind auch die Eltern gefordert. Sie sollten nicht nur auf die Ernährung ihrer Kinder, sondern auch auf deren Medienkonsum achten. Deutschland sucht permanent den Superstar, das Top-Model oder das Supertalent. Die mediale Welt berieselt uns ständig mit den schönen, schlanken und erfolgreichen Promis und deren Lebensphilosophien.

Orientieren sich Heranwachsende an den verschrobenen Idealen, werden Pickel zu einer Katastrophe und Essen zur Falle! Die Eltern sollten das Essverhalten ihrer Kinder beobachten, sich mit ihnen austauschen und möglichst ein gesundes, bewusstes Dasein vorleben. Das ist keine leichte Aufgabe. Doch kleine Ziele schützen vor Überforderung und Dramen.

Ein Tag computerfrei

In Anlehnung an den autofreien Sonntag in den 1970er Jahren, plädiere ich in meiner Familie gerade für einen computerfreien Tag (CfT) in der Woche, eine Art Light-Version zur radikalen Mediendiät, zum totalen Verzicht auf Fernsehen und Radio. Die Begeisterung hält sich in Grenzen, doch meinen CfT haben Tochter und Mann murrend akzeptiert. Dafür spielen wir beispielsweise an diesem Tag zusammen oder kochen gemeinsam. Genussvolles Essen muss ja nicht zwanghaft zum Übergewicht führen, finde ich.

Unter- wie Übergewicht, beides hat gesundheitliche Folgen. Bekanntermaßen ernähren sich Adipöse nicht nur falsch, sie bewegen sich auch zu wenig. Nach aktuellen Zahlen sind mehr als die Hälfte der Deutschen übergewichtig und über 20 Prozent gelten als adipös. Wie aber findet jeder Mensch sein gesundes Mittelmaß?

Schlank im Schlaf

»Jedes Jahr das Gleiche«, meint meine Freundin Jana beim Kaffee. Sie plagt sich seit Weihnachten mit 3 Kilo mehr herum. Wie ihr ergeht es vielen, die zu den Feiertagen geschlemmt haben. Nicht von ungefähr stürzen sich zu Beginn des Frühjahrs Heerscharen auf die neuesten, viel versprechenden Diäten. »Schlank in 6 Tagen und trotzdem alles essen«, oder »3 Kilo in 3 Tagen«, versprechen die Billigblätter am Kiosk. Meine Freundin möchte sich bei den »Weight Watchers« anmelden.

Seit Prominente wie die Moderatorin Bärbel Schäfer oder die Schauspielerin Christine Neubauer viele Kilos durch »bewusstes Essen« verloren haben, ist das Konzept des Punkte-zählens einer der Renner unter den »Diäten«. Neubauer gestand in zahlreichen Interviews »Ich war ein Diät-Junkie«. Sie sei jahrelang süchtig nach Abnehmen gewesen und grausam zu sich selbst, wenn aus dem Traumgewicht wieder nichts wurde. Durch die Weight-Watchers-Methode und ein Sportprogramm hat sie in einem halben Jahr 10 Kilo abgenommen.

Von Hau-Ruck-Diäten raten Experten aufgrund des frustrierenden Jojo-Effektes dringend ab. Erfahrene Frauen wissen längst, dass nur die anhaltende Umstellung ihrer Ernährung in Kombination mit viel Bewegung zur dauerhaft schlanken Linie verhilft. Ein paar Tricks helfen, das Abnehmen etwas leichter zu machen. Üppiges, fettreiches Essen in den Abendstunden ist nach der »Schlank im Schlaf«-Methode ein Tabu, denn das verhindert die Fettverbrennung. Der Erfinder der Methode, Detlef Pape empfiehlt, morgens kohlenhydratreich sowie Gemüse, aber kein tierisches Eiweiß zu essen. Mittags darf es Mischkost und abends Eiweiß und viel Gemüse sein. Die Methode ist nicht schwer und sorgt ohne viel Mühe tatsächlich für weniger Pfunde.

Ich will bleiben, wie ich bin

Ein anderes Wohlfühlkonzept vertritt der Schauspieler Rainer Hunold in seinem Buch »Ich bin nun mal dick«. Hunold plädiert für einen respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper und mit dicken Menschen. Viele Dicke glaubten, sich für ihr Dicksein rechtfertigen und entschuldigen zu müssen, so der Schauspieler. Spaß und Anerkennung gäbe es in unserer Gesellschaft nur für Ranke und Schlanke. Dicke gelten als »antriebsschwach, unbeweglich, langsam, verfressen und unsexy.« Karl Lagerfeld zeigte gerade wenig Sensibilität, als er die füllige Sängerin Adele als »etwas zu fett« bezeichnete. Diese konterte allerdings selbstbewusst: »Ich wollte nie wie ein Model von einem Cover aussehen, ich repräsentiere die Mehrheit der Frauen und bin sehr stolz darauf.«

Dicke Menschen werden häufig diskriminiert. Letztlich sollte jeder so sein dürfen, wie er sich in seiner Haut wohl fühlt. Etwas entspannter sollten wir mit uns und unseren Mitmenschen, unabhängig von ein paar Kilo mehr oder weniger, schon umgehen. /

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blaubehr(at)gmx.net