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Schwangerschaft

Juckende Dermatosen

20.02.2012  13:54 Uhr

Von Ute Koch / Neun Monate Schwangerschaft gehen auch an der Haut nicht spurlos vorüber. Mitverantwortlich dafür sind gravierende Veränderungen des Hormonhaushalts und des Stoffwechsels sowie eine Überdehnung und stärkere Durchblutung der Haut. So macht Juckreiz mancher werdenden Mutter zu schaffen.

Als spezifische Schwangerschaftsdermatosen bezeichnen Dermatologen alle Hautprobleme, die mit der Schwangerschaft und/oder mit der Zeit unmittelbar nach der Entbindung assoziiert sind. Nicht unter diese Definition fallen bereits bestehende Hauterkrankungen, die sich in der Schwangerschaft verschlechtern, zum Beispiel eine Psoriasis. Ebenfalls nicht dazu gehören Dermatosen, die in der Schwangerschaft häufiger als in anderen Lebensabschnitten auftreten, beispielsweise Pilzinfektionen. Vier typische spezifische Schwangerschaftsdermatosen sind der Pruritus gravidarum, die Prurigo gestationis, das Pemphigoid gestationis und das polymorphe Exanthem (engl.: pruritic urticarial papules and plaques of pregnancy, PUPPP abgekürzt, deutsch pruritische urtikarielle Papeln und Plaques, kurz PUPP). Alle vier Krankheitsbilder gehen mit Juckreiz (Pruritus) unterschiedlicher Intensität einher. Dieser quält die betroffenen Frauen sehr, weil er über Wochen bis Monate anhält und überwiegend großflächig auftritt.

Das häufigste Hautleiden während der Schwangerschaft ist der Pruritus gravidarum. Etwa 2 bis 3 Prozent der Schwangeren sind davon betroffen, in der Regel im letzten Trimenon, manchmal schon früher. Das einzige Symptom ist der großflächig auftretende Juckreiz. Mit Ausnahme der juckenden, aufgekratzten Areale bleibt das Hautbild normal. Wenige Tage nach der Entbindung klingen die Beschwerden zumeist folgenlos ab. Schwere Verlaufsformen hinterlassen jedoch oft Narben. PTA oder Apotheker sollten die betroffenen Frauen darüber aufklären, dass sie bei jeder weiteren Schwangerschaft oder wenn sie später ein Kontrazep­tivum einnehmen, erneut mit Juckreiz rechnen müssen.

Ebenfalls relativ häufig tritt das polymorphe Exanthem der Schwangerschaft (PUPP, PUPPP) auf: Etwa eine von 200 werdenden Müttern ist betroffen, das heißt rund 0,5 Prozent. Das Exanthem erhielt seinen Namen aufgrund seiner vielgestaltigen Symptomatik. Auf der Haut sichtbar sind Rötungen, Bläschen, Knötchen und andere entzündliche Veränderungen. Juckreiz gehört ebenfalls zu dieser Dermatose. Meist beginnt die Erkrankung im Bereich der Schwangerschaftsstreifen (Striae distensae) des Bauches und breitet sich von dort über die Oberschenkel aus. Betroffen sind vor allem Erstgebärende in den letzten Schwangerschaftsmonaten, eher selten unmittelbar nach der Geburt. Eine Gefahr für das Ungeborene besteht nicht.

Folge einer Gelbsucht

Mit großflächigem Juckreiz geht auch ein Schwangerschaftsikterus (Icterus gravidarum) einher. Dieser setzt oftmals an den Fußsohlen und Handflächen ein. Durch den Übertritt von Gallenfarbstoffen in das Blut färben sich die Haut und die Lederhaut der Augen gelb. Als idiopathisch bezeichnen Mediziner einen Schwangerschaftsikterus, der durch die Schwangerschaft selbst ausgelöst wird – zumeist im letzten Trimenon. Die Ursache ist ein Stau von Gallensekret in den Gallenwegen der Leber. Mitunter begleiten Übelkeit und Erbrechen die Beschwerden. Bei einem Drittel der Frauen treten vorzeitig Wehen ein, was unter anderem das Risiko einer Frühgeburt erhöht. Binnen vier Wochen nach der Entbindung klingen Gelbsucht und Juckreiz wieder ab. Vom idiopathischen Schwangerschaftsikterus (Icterus e graviditate) abzugrenzen ist ein Ikterus in der Schwangerschaft (Icterus in graviditate), bei dem beispielsweise Gallensteine die Gallen­wege verschließen.

Die Prurigo gestationis (Prurigo gravidarum) entwickelt sich zumeist im zweiten Drittel einer Schwangerschaft. Typischerweise erscheinen zahlreiche, heftig juckende und teilweise verkrustete Knötchen vor allem am Bauch und an den Extremitäten. Auch hier bleibt die Haut – mit Ausnahme der aufgekratzten Stellen – völlig unverändert. Ein Risiko für das Ungeborene besteht nicht. Nach der Entbindung heilt die Krankheit üblicherweise wieder ab. Die Prurigo gestationis ist eine sehr seltene spezifische Schwangerschaftsdermatose: Sie betrifft etwa eine von 300 bis 450 werdenden Müttern.

Das Pemphigoid gestationis (Herpes gestationis) ist eine äußerst seltene Autoimmunkrankheit. Sie betrifft nur etwa eine von 60 000 Schwangeren und tritt zumeist in der Spätschwangerschaft auf, manchmal auch erst nach der Geburt. Leitsymptome sind heftig juckende, gruppiert angeordnete Bläschen und/oder große, pralle Blasen. Anfangs erscheinen sie nur am Bauch und seitlich am Rumpf, sie können sich aber auch über den gesamten Körper ausbreiten. Das Pemphigoid gestationes stellt ein Risiko für das heranwachsende Kind dar, denn es erhöht die Gefahr einer Frühgeburt. Nach der Geburt klingen die Hautveränderungen rasch wieder ab. Allerdings wiederholt sich auch dieses Hautproblem mit großer Wahrscheinlichkeit in der nächsten Schwangerschaft, ebenso bei der Einnahme von Kontrazeptiva.

Arztbesuch erforderlich

Da Hautausschlag und Juckreiz viele Ursachen haben können, sollte unbedingt ein Arzt das Beschwerdebild diagnostisch und differentialdiagnostisch abklären. Auch kann nur der Arzt entscheiden, ob die Dermatose mit einem gesundheitlichen Risiko für Mutter und/oder Kind verbunden ist. Ein weiterer Grund, den Arzt zu befragen, ist die Unsicherheit von Schwangeren, welche Medikamente sie bedenkenlos oder mit vertretbarem Risiko einnehmen können und welche nicht. Die Autoren der Fach- und Gebrauchsinformationen sowie einschlägiger Datenbanken und Fachpublikationen schätzen dieses Risiko sehr widersprüchlich ein. Viele Gründe sprechen also dafür, Schwangere zum Thema Selbstmedikation eher restriktiv zu beraten. Trotzdem können PTA oder Apotheker den Betroffenen nicht-medikamentöse Maßnahmen empfehlen, die den Juckreiz lindern.

Juck-Kratz-Zyklus stoppen

Bereits ein mit kaltem Wasser getränktes Baumwolltuch lindert den Juckreiz. Für denselben Zweck sind auch spezielle Kühlakkus oder -gele im Handel, die im normalen Kühlfach aufbewahrt werden können. Auch hilft leichter Druck auf das juckende Areal statt zu kratzen oder zu reiben. Wärme fördert die Durchblutung und damit den Juckreiz oder erhöht dessen Intensität. Auf diesen Zusammenhang sollten PTA oder Apotheker Schwangere unbedingt hinweisen. Auch sollten die Schwangeren wissen, dass der Aufenthalt in überheizten Räumen oder in der Sauna ihr Hautproblem verschlimmert. Dies gilt ebenso für den Genuss großer Mengen heißer Getränke. Ebenso kann Stress den Juckreiz verschlimmern.

Ein weiterer Aspekt, bei dem das Apothekenteam Kompetenz zeigen kann, sind Tipps zur richtigen Hautpflege. Da trockene Haut den Kreislauf aus Jucken und Kratzen stimuliert, sollten die Frauen auf jeden Fall alle Maßnahmen meiden, die ihre Haut austrocknen. Statt ausgedehnt und insbesondere heiß zu baden, sollten sie nur kurz duschen und ihre Haut mit Syndets, rückfettenden Duschlotionen oder -ölen reinigen. Nach jedem Duschen müssen sie die Haut gründlich eincremen, idealerweise mit rückfettenden und Feuchtigkeit spendenden Produkten. Sehr günstig sind Zusätze von Harnstoff (3 bis 10 Prozent), Dexpanthenol, Nachtkerzenöl und andere Bestandteile, die die Regeneration der Haut fördern. Harnstoff wirkt außerdem leicht juckreizstillend.

Antihistaminika auch oral

Laut Fachliteratur können Schwangere Dermatika mit Menthol, Gerbstoffen oder Polidocanol (= Macrogollaurylether) problemlos anwenden. Unter den topisch einsetzbaren H1-Antihis­taminika gilt Dimetinden als sicher – und das in allen Schwangerschafts­dritteln. Als H1-Antihstaminikum der ersten Generation liegen für die Substanz bereits langjährige Erfahrungswerte vor.

Alle H1-Antihistaminika sind dem Histamin strukturell ähnlich. Dadurch können sie dessen Angriffspunkte, die H1-Rezeptoren, in den Geweben blockieren und dort das Andocken von Histamin behindern. So unterbinden die Vertreter dieser Substanzklasse unerwünschte Histaminwirkungen, zu denen der Juckreiz gehört. Dimetinden gilt laut Angaben des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie auch bei oraler Applikation während der gesamten Schwangerschaft als sicher. Seine sedierenden Eigenschaften sind tagsüber von Nachteil, nachts jedoch ein oft erwünschter Begleiteffekt. Als erprobte orale Alternativen stufen die Experten des genannten Beratungszentrums insbesondere Loratadin sowie Cetirizin ein, zu Loratadin liegen etwa 5000 dokumentierte Schwangerschaften, zu Cetirizin etwa 1000 vor. Auch diese beiden Arzneistoffe können PTA oder Apotheker Schwangeren empfehlen. Cetirizin und Loratadin sind H1-Antihistaminika der zweiten Generation. Im Gegensatz zu den Vertretern der ersten Generation machen sie nicht müde und müssen nur einmal täglich eingenommen werden.

Je nach Schweregrad des Juckreizes, insbesondere bei der Prurigo gestationis, dem Pemphigoid gestationis und dem polymorphem Exanthem, sind Glucocorticoide zur topischen oder systemischen Anwendung indiziert. Prednisolon und Prednison gelten als Mittel der Wahl. Beide werden in der Plazenta enzymatisch inaktiviert, sodass nur wenig Wirksubstanz den Fetus erreicht. Da trotzdem Risiken wie Gaumenspalten und Wachstumsstörungen für das Ungeborene nicht auszuschließen sind, setzen Ärzte die Glucocorticoide nur nach strenger Indikationsstellung ein. Dies gilt besonders für die Schwangerschaftswochen acht bis elf. /

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