PTA-Forum online
Fortbildungstage

Rund ums Alter

20.02.2012  15:05 Uhr

Von Kurt Grillenberger / Im Jahr 2050 soll in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung älter als 50 Jahre sein. Grund ­genug, alle ­Aspekte rund ums Alter zum Thema der 34. Isnyer Fortbildungs­tage am PTA-Berufskolleg in Isny zu machen und die Chancen zu beleuchten, die sich speziell für PTA aus den zu ­erwartenden demografischen Veränderungen ergeben.

Welche Chancen bietet die geriatrische Pharmazie für PTA? Ungefähr ein Drittel aller betreuungsbedürftigen älteren Patienten lebt in Altenheimen, zwei Drittel jedoch in der eigenen Wohnung. Diese geriatrischen Patienten müssen ambulant versorgt werden und genau hier sieht Apothekerin Elisabeth Thesing-Bleck aus Aachen die Lücke für PTA. Diese Generation der über 60-Jährigen gibt ihr Geld vor allem für Produkte rund um ihre Gesundheit aus und legt dabei besonderen Wert auf eine qualitativ gute Beratung. Die öffent­liche Apotheke sollte ein Profil entwickeln, das dieser neuen Kundengeneration Rechnung trägt, so Thesing-Bleck im Eröffnungsvortrag. Der Wettbewerbsvorteil der Apotheke »vor Ort« gegenüber Versandhandel und anderen Vertriebswegen liegt vor allem in der individuellen und fachgerechten Beratung – auch und im Besonderen durch die PTA. Um diese Beratungs­leistung altersgerecht durchführen zu können, forderte die Referentin eine entsprechende Schwerpunkt-Weiter­bil­dung für PTA.

Thesing-Bleck berichtete, dass die Apothekerkammer Nordrhein bereits vor fünf Jahren ein Weiterbildungsangebot für Apotheker unter dem Titel »Geriatrische Pharmazie« konzipiert hat. Geriatrisch weitergebildete Pharmazeuten nehmen die Pharmakotherapie älterer Menschen in den Blickpunkt, um chronisch kranke Senioren besser zu betreuen, aber auch deren Angehörige fachspezifisch zu beraten.

Laut einer Berliner Studie nehmen multimorbide ältere Patienten in Altenpflegeeinrichtungen mindestens 5 bis 6, manchmal aber auch bis zu 20 Medikamente gleichzeitig ein. Die weitergebildeten Apotheker sehen ihre Aufgabe darin, in Zusammenarbeit mit behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal die Risiken einer solchen Medikation aufzudecken. Auch prüfen sie, ob die Medikation dem Alter adäquat ist. Dazu arbeiten geriatrische Pharmazeuten mit an der Erstellung eines Medikationsprofils, führen Interaktions- und Kontraindikations-Checks durch und detektieren unerwünschte Arzneimittelwirkungen.

Pflege ambulant möglich

Mit dem Thema Pflegeversicherungen und Pflegestufen und zahlreichen damit verbundenen praktischen Hinweisen für pflegende Angehörige befasste sich Petra Eberle-Dittus aus Sindelfingen. Seit ihrer Einführung im Jahr 1995 wurde die Pflegeversicherung ständig den aktuellen Erfordernissen angepasst. Grundsätzlich verfolgt die Pflegeversicherung das Prinzip »ambulant vor stationär« und fordert angemessene Leistungen. So wurde 2008 mit dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz ein unabhängiges Benotungssystem für alle Pflegedienste eingeführt. Interessierte können unter »www.pflegelot se.de« jede Pflegeeinrichtung und ­jeden Pflegedienst kennenlernen. Voraussetzung für Leistungen aus der Pflegeversicherung ist ein entsprechender Antrag bei der jeweiligen Pflegekasse. Ein eventueller Leistungsanspruch gilt ab dem Datum der Antragstellung.

Im nächsten Schritt stufen Gutachter an Ort und Stelle die Pflegebedürftigkeit ein. Begleitend werden Angehörige aufgefordert, ein Pflegetagebuch zu führen, in dem sie den zeitlichen Bedarf für alle täglichen Verrichtungen festhalten sollen. Das gesamte Einstufungsverfahren basiert auf allen Tätigkeiten, zu denen der Senior nicht mehr in der Lage ist. Demnach werden 3 Pflegestufen unterschieden. Nach der jeweiligen Pflegestufe richten sich die monatlichen Leistungen für das Pflegegeld bei häuslicher Pflege beziehungsweise für Kurzzeit- und stationäre Pflege.

Die Ökotrophologin Dr. Eva Schrader vom Institut für Biomedizin des Alterns an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen referierte über das Problem der Mangelernährung im Alter. Definiert wird diese als Ungleichgewicht zwischen Energiebedarf und Energiezufuhr. Mangelernährung führt in der Regel zu unbeabsichtigtem Gewichtsverlust. Eine Studie aus dem Jahr 2010 mit über 4500 älteren Menschen mit einem Durchschnittsalter von 82,3 Jahren lieferte folgende Ergebnisse: Etwa 50 Prozent der Bewohner von Rehabilitationseinrichtungen waren mangelernährt, aber nur etwa 6 Prozent aller im privaten Haushalt lebenden Senioren. Dennoch sollte auch bei der zweiten Gruppe das Risiko einer unzureichenden Ernährung nicht zu gering eingeschätzt werden, so die Referentin. Im Alter nimmt das Geruchs- und Geschmacksempfinden ab, viele ältere Menschen leiden unter Kau- oder Schluckproblemen. Durch Bewegungseinschränkungen sind viele Ältere außerdem nicht mehr in der Lage, regelmäßig Essen einzukaufen, zuzubereiten und zu sich zu nehmen. Auch kognitive oder psychische Einschränkungen wie Demenz oder Depressionen, zum Beispiel nach dem Verlust des Partners, sind Ursachen für eine Mangelernährung. Nicht zu unterschätzen sind auch Erkrankungen und Arzneimittel, die den Appetit verringern.

Hier kommt der Prävention eine große Rolle zu, denn in höherem Alter fällt es in der Regel schwer, verlorenes Gewicht wieder zuzunehmen. Zur Diagnostik der Mangelernährung ist eine ausführliche Anamnese wichtig. Unterstützt wird diese durch die Messung des Body Mass Index oder bestimmter Körperumfänge, die Bestimmung der Körperzusammensetzung durch Bioimpedanzmessung oder das Heranziehen bestimmter Laborparameter wie die Werte des Plasma-Albumins, Cholesterols oder von Mikronährstoffen. Zahlreiche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Mangelernährung und Muskelschwund (Sarkopenie) sowie Gebrechlichkeit, was die Gefahr von Stürzen und Frakturen erhöht. Durch das geschwächte Immunsystem ist die Wundheilung gestört und die Rekonvaleszenz nach Krankheiten verlängert.

Mit fortschreitender Mangelernährung nimmt sowohl die Häufigkeit von Komplikationen als auch die Mortalität zu. Die Therapie erfolgt in einem individuell angepassten Stufenplan. Den Grundstein bilden stabile Lebensbedingungen und pflegerische Maßnahmen. ­

Darauf aufbauend erhalten die Mangel­ernährten entweder Normalkost, Trinknahrung, enterale Ernährung über Magensonden oder parenterale Ernährung. Die Ernährungsrichtlinien der DGE für die Normalkost von Senioren unterscheiden sich nicht wesentlich von denen jüngerer Erwachsener. Bei Trinknahrung handelt es sich um bilanzierte Diäten, die Nährstoffe in einem bestimmten Verhältnis enthalten. Der Einsatz von enteraler und parenteraler Ernährung erfolgt nach genauen Leit­linien. Im Alter ist eine adäquate Versorgung mit Proteinen besonders wichtig, um den Verlust von Muskelmasse zu verhindern. Außerdem sollten Senioren oder ihre Betreuer auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D zum Knochenaufbau und -erhalt sowie von Calcium achten, das für die Blutgerinnung und die Nerven- und Muskeltätigkeit essenziell ist. Besonders wichtig: Gerade ältere Menschen sollten mindestens 1,5 Liter täglich trinken.

Medikamentenabhängig

Zum Thema Suchtproblematik im Alter referierte der Psychologe Hartwig von Kutschenbach aus Esslingen. Laut einer Umfrage in den Pflegeeinrichtungen des Landkreises Esslingen gaben 10 bis 15 Prozent der betreuten alten Menschen an, ein Suchtproblem zu haben. Im Alter spielen vor allem Alkohol, Nikotin und Medikamente als Suchtstoffe eine Rolle. Etwa 3 Prozent aller über 60-jährigen Männer haben ein Alkohol-Suchtproblem. Fast 12 Prozent der 65- bis 70-Jährigen rauchen regelmäßig. Etwa 75 Prozent aller Heimbewohner erhalten Psychopharmaka, häufig Benzodiazepine als Dauermedikation. Allgemein nehmen Menschen in Alten- und Pflegeheimen deutlich mehr Medikamente ein als Menschen in Privathaushalten. Suchtfördernde Faktoren sind unter anderem der Verlust von nahestehenden Menschen und von sozialen Kontakten.

Etwa 20 Prozent aller suchtkranken älteren Menschen sind erst im Alter abhängig geworden. 60 Prozent waren bereits vorher süchtig, die restlichen 20 Prozent sind ehemals „trockene“ Suchtkranke, die wieder rückfällig wurden. Ein intaktes soziales Umfeld und eine sinnvolle Aufgabe schützen vor der Sucht. Eine Altersgrenze zur Behandlung Suchtkranker gäbe es nicht, so der Psychologe. Der zentrale Aspekt zur Motivation älterer Suchtkranker ist die Aussicht, die eigene Würde wieder zu erlangen und die Lebensqualität zu erhöhen.

Impfungen auffrischen

Mit der Frage, welche speziellen Impfempfehlungen Senioren beachten sollten, beschäftigte sich Apotheker Dr. Fritz Grasberger aus Miesbach. Senioren erkranken häufiger an Infektionskrankheiten und diese verlaufen auch komplizierter. Da die Fähigkeit des Körpers, Antikörper zu produzieren, ab dem 50. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt, sollten sich Senioren durch rechtzeitige Impfungen vor schweren Infektionen schützen, insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen. Doch auch die Effektivität von Impfungen nimmt ab. So ist es schwierig, bei alten Menschen ausreichend hohe Antikörperspiegel zu erzeugen. Nebenwirkungen nach einer Impfung treten im Alter hingegen äußerst selten auf. Gemäß dem Impfkalender der Ständigen Impfkommission STIKO sind für Personen ab dem 60. Lebensjahr Auffrischimpfungen vor allem gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis jeweils 10 Jahre nach der voran gegangenen Dosis wichtig (siehe Tabelle Seite 31). Da die Infektion mit Influenza-Viren oft einen wesentlich schlimmeren Krankheitsverlauf nimmt, sollten Senioren sich jedes Jahr impfen lassen.

Über die Palliativversorgung und Sterbebegleitung von alten Menschen referierte Constanze Remi, Krankenhausapothekerin am Klinikum Großhadern in München. Ziel der Palliativmedizin ist der Grundsatz »Lebensqualität vor Lebensquantität«. Versorgt und begleitet werden sowohl die Sterbenden als auch deren Angehörige, unter anderem mit dem Ziel, das Sterben zuhause zu ermöglichen. Ein ganzheitlicher Ansatz ist nur durch die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen möglich.

Dazu gehören neben Ärzten und Pflegenden, Seelsorgern, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten oder Sozialarbeitern auch die Apothekenmitarbeiter, die die adäquate Versorgung mit Arzneimitteln und Hilfsmitteln sicherstellen. Engagieren sich Apothekenteams in der Palliativversorgung, sind ihre Aufgaben auf den ersten Blick die gleichen wie in anderen Bereichen: pharmazeutische Betreuung und Versorgung, Herstellung von individuellen Rezepturen, Arzneimittelinformation sowie Schulung und Fortbildung. Als konkretes Beispiel nannte die Referentin verschiedene Fentanyl-Zubereitungen, die sowohl kindersicher als auch zum Teil »patientensicher« sein müssen. Hier besteht ein besonderer Beratungsbedarf.

Auch können PTA oder Apotheker Patienten oder deren Angehörige deutlich unterstützen, indem sie die Handhabung verschiedener Applikationshilfen wie beispielsweise Sprühfläschchen oder Klysmen erklären. Zur unkomplizierten nasalen Applikation von Arzneistofflösungen, zum Beispiel mit Diazepam, eignen sich spezielle Systeme wie das MAD®-System (mucosal atomization device). Neben starken Schmerzen quält Sterbende oft vor ­allem die Atemnot. Hier helfen verschiedene Therapieoptionen. Zu den nicht-medikamentösen Maßnahmen zählen ein Ventilator bei Atemnot-Attacken, atemstimulierende Einreibungen oder Luftbefeuchtung. Medikamentös können Opioide verabreicht werden, die in geringeren Dosen atemstimulierend wirken. Der genaue Wirkmechanismus hierzu ist nicht exakt bekannt. Gegen die mit der Atemnot verbundene Angst sind Benzodiazepine wie Lorazepam indiziert.

Alzheimerrisiko steigt

Zu den Aspekten demenzieller Erkrankungen und des Sturzsyndroms referierte Dr. Markus Rupprecht aus Stuttgart. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. So liegt die Häufigkeit bei den 60- bis 64-Jährigen bei etwa 1 Prozent, bei den 80- bis 84-Jährigen bei etwa 15 Prozent und bei den über 90-Jährigen bei rund 30 Prozent. Als eine Ursache der Enstehung von Morbus Alzheimer, der häufigsten Demenz­erkrankung, gilt eine Veränderung der Proteinverteilung im Gehirn. Die Konzentration sogenannter Tau-Proteine im Liquor nimmt zu, ein Indiz für den Untergang von Nervenzellen. Die Konzentration von Beta-Amyloidpeptiden nimmt hingegen ab. Die Amyloide bilden Plaques, was zu einer gestörten Kommunikation zwischen einzelnen Neuronen führt. Die klassische Form der Alzheimer-Demenz beginnt typischerweise zwischen dem 50. und 90. Lebensjahr und verläuft schleichend. Neben der bekannten Alzheimer-Demenz unterscheidet man noch eine Reihe weiterer Demenzformen wie vaskuläre Demenzen, die auf Durchblutungsstörungen beruhen, die ebenfalls auf der Bildung von Eiweißkörperchen basierende Lewy-Body-Demenz oder Parkinson-assoziierte Demenzformen.

Ein weiteres häufiges Problem älterer Patienten sind Stürze. Diese ziehen häufig Frakturen im Bereich der Hüfte nach sich. 30 Prozent der Menschen ab dem 65. Lebensjahr und 40 Prozent der über 80-jährigen Menschen stürzen einmal pro Jahr in ihrer eigenen Wohnung, so der Referent. Ursachen für die Stürze sind häufig Gang- und Gleichgewichtsstörungen, oftmals verbunden mit der Angst zu stürzen und sich dabei zu verletzen. Wer einmal gestürzt ist, stürzt mit 17-fach höherer Wahrscheinlichkeit erneut. ­Weitere Risikofaktoren sind Schwindel, Sehstörungen, eine eingeschränkte Alltagsmobilität, Untergewicht, mehrere chronischer Erkrankungen und die Einnahme von Psychopharmaka, insbesondere eines Benzodiazepins. Zur Sturzprophylaxe sind Bettgitter eher ungeeignet. Sinnvoller sind Sensormatten vor den Betten, die beim Betreten Alarm auslösen, informierte Rupprecht. Außerdem können viele weitere Maßnahmen dazu beitragen, das Sturz- und Verletzungsrisiko zu verringern, beispielsweise der Erhalt oder Aufbau der Muskelkraft, die Überwachung und Stärkung der Knochendichte, zum Beispiel mit Vitamin D und Bisphosphonaten, Übungen zum Training des Gleichgewichtssinnes, Maßnahmen zur Polsterung des Skeletts mit Hilfe von Hüftprotektoren (»Airbags«, Safehips®), eine entsprechende Gestaltung der Wohnumgebung und eine Medikamentenanamnese zur Vermeidung von Nebenwirkungen, die das Sturzrisiko erhöhen.

Wie in jedem Jahr stellte Professor Dr. Hartmut Morck, Honorarprofessor an der Philipps-Universität in Marburg, auch in diesem Jahr über das Kongressthema hinaus wieder eine kritische Bewertung der neuen Arzneistoffe des Jahres 2011 vor. /

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Die 35. Fortbildungstage für pharmazeutisch-technische Assistentinnen finden vom 19. 11. 2012 bis zum 20. 11. 2012 in Isny statt. Das Fortbildungsthema wird in Kürze bekanntgegeben.

E-Mail-Adresse des Verfassers

grillenberger(at)nta-isny.de

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