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Impfschutz

Vor der Reise nicht vergessen!

20.02.2012  14:35 Uhr

Von Marion Hofmann-Aßmus / Der Winter ist noch nicht vorbei, da planen viele Menschen bereits ihre Sommerferien. Zur gründlichen Vorbereitung sollten sie dabei auch einen Blick in den Impfpass werfen. Die Auffrischung der Tetanus-, Diphtherie- oder Masernimpfung schützt vor bösen Überraschungen nicht nur im Urlaub. Darüber hinaus sind selbst bei Reisen ins nähere Ausland weitere Impfungen sinnvoll.

Gehen Säuglinge und Kleinkinder mit auf die Reise, sind sie gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten meist gut geschützt. Dazu zählen Poliomyelitis, Diphtherie, Mumps, Masern, Röteln und Keuchhusten (Pertussis). Außerdem empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut bis zum Alter von zwei Jahren die Grundimmunisierung gegen Tetanus, Haemophilus influenzae Typ b, Hepatitis B, Pneumokokken, Meningokokken und Varizellen (siehe Tabelle 1). In den Folgejahren sind für Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten und Poliomyelitis Auf­frischimpfungen nötig (siehe Tabelle 2).

Doch Jugendliche und erst recht Erwachsene vernachlässigen häufig den empfohlenen Impfschutz: Die Termine für die Auffrischungen geraten in Vergessenheit. Diphtherie und Poliomyelitis halten viele Menschen irrtümlicherweise für Krankheiten, die der Vergangenheit angehören. Vor allem die Masern werden in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt und als harmlose Kinderkrankheit abgetan. Die Vorbereitung auf eine Reise bietet eine gute Gelegenheit für PTA und Apotheker, diese Irrtümer zu korrigieren und im Beratungsgespräch an Auffrischungsimpfungen zu erinnern.

Warum impfen?

Nach wie vor zählen Impfungen zu den wirksamsten Maßnahmen, Krankheiten zu verhindern. Die modernen Impfstoffe sind gut verträglich, bleibende unerwünschte Arzneimittelwirkungen äußerst selten. Darüber hinaus kommt jede Impfung nicht nur dem Geimpften zugute. Sind sehr viele Menschen gegen einen bestimmten Erreger immun, kann sich dieser nur schwer ausbreiten. Dadurch sind Personen, die sich nicht impfen lassen können, zum Beispiel aufgrund von Unverträglichkeiten oder Erkrankungen wie Aids ebenso wie Säuglinge, die das Impfalter noch nicht erreicht haben, ebenfalls geschützt (Herdenimmunität).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte durch konsequente Impfkampagnen eine möglichst weitreichende Immunität erzielen und dadurch Krankheiten wie Masern, Röteln oder Poliomyelitis ausrotten. Im Falle des Polio-Virus sind bereits beträchtliche Fortschritte zu verzeichnen. Bei der Ausrottung von Masern und Röteln hat die WHO ihr Ziel dagegen noch nicht erreicht.

Reisen ins nahe Ausland

Sehr viele Deutsche planen ihren Urlaub in einer deutschen Ferienregion oder in einem Mittelmeerland. Innerhalb Deutschlands sollten sie sich vorab informieren, ob für das gewählte Gebiet eine Impfung gegen die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) empfohlen wird. Zu diesen zählen unter anderem Bayern und Baden-Württemberg sowie einzelne Risikogebiete in Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Im Ausland gelten die baltischen Länder, Österreich, Russland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Südschweden, Slowenien und Albanien als Risikogebiete für FSME. Geringere Infektionsgefahr besteht in Frankreich, Italien, Griechenland und Dänemark. Insgesamt erkrankten in Europa in den letzten Jahren immer mehr Menschen an FSME, jährlich steigt die Zahl der Fälle um bis zu 12 000.

Tabelle 1: Impfkalender der Standardimpfungen für Säuglinge und Kleinkinder bis zwei Jahre

Impfung Alter in Monaten
2 3 4 11 bis 14 15 bis 23
Tetanus G1 G2 G3 G4
Diphtherie G1 G2 G3 G4
Keuchhusten G1 G2 G3 G4
Pneumokokken G1 G2 G3 G4
Haemophilus influenzae Typ b G1 G2a) G3 G4
Poliomyelitis G1 G2a) G3 G4
Hepatitis B G1 G2a) G3 G4
Meningokokken G1 (ab 12 Monaten) 4
Masern, Mumps, Röteln||||G1|G2
Varizellen||||G1|G2

G: Grundimmunisierung in bis zu vier Teilimpfungen (G1 bis G4); Quelle: Epidemiologisches Bulletin Nr. 30 vom 1. August 2011

Bei Reisen ans Mittelmeer sollten PTA oder Apotheker an eine Impfung gegen Hepatitis A erinnern. Dies gilt insbesondere für Süditalien und die Türkei, da hier das Ansteckungs-Risiko durch verunreinigte Nahrungsmittel teilweise erheblich höher ist als in Deutschland. Liegt das Reiseziel in Ägypten, Marokko oder ländlichen Gebieten der Türkei, ist außerdem eine Impfung gegen Typhus sinnvoll.

Eine mögliche Gefahr durch Tollwut besteht in Ost- und Südeuropa, aber auch in Asien und Afrika. Die durch Tierbisse übertragene Krankheit verläuft in der Regel tödlich. Da der Impfschutz erst zehn Tage nach der dritten Impfung eintritt, ist ausreichend Zeit einzuplanen. Je nach Ziel gehören weitere Impfungen zur guten Reisevorbereitung, beispielsweise gegen Gelbfieber, Japanische Enzephalitis oder Cholera. Über Webadressen mit aktuellen Informationen über empfohlene Impfungen im In- und Ausland informiert der Kasten.

Impfschutz auffrischen

Nach der zweiten Impfung im Alter zwischen 9 und 17 Jahren sollte jeder Erwachsene alle zehn Jahre seinen Impfschutz gegen Tetanus und Diphtherie auffrischen. Bei dieser Gelegenheit ist auch die Impfung gegen Keuchhusten zu wiederholen. Die Impfung gegen Poliomyelitis kann er – falls nötig – vervollständigen eventuell sogar nachholen. Die Kosten der Impfungen übernimmt die Gesetzliche Krankenversicherung.

Wundstarrkrampf wird durch das Bakterium Clostridium tetani verursacht, dessen Sporen in der Erde oder im Straßenstaub vorkommen. Bereits kleinste Verletzungen, zum Beispiel bei der Gartenarbeit, können als Eintrittspforte für eine Infektion dienen. Das Bakterium vermehrt sich im Körper und bildet Toxine, welche die muskelsteuernden Nervenzellen schädigen und zu Lähmungen und Krämpfen führen. Trotz der modernen Intensivtherapie sterben auch heute noch zwischen ­ 10 und 20 Prozent an der Infektion. Insbesondere in feuchtwarmen Ländern mit niedrigen Impfquoten und mangelnder ärztlicher Betreuung erkranken und sterben noch mehr Menschen an Tetanus. Nach Angaben der WHO waren es im Jahr 2006 weltweit etwa 290 000 Menschen, meist Neugeborene und Säuglinge in Entwicklungsländern.

Nützliche Adressen im Internet

Aktuelle Informationen über empfohlene Impfungen im In- und Ausland bieten folgende Internetseiten: www.crm.de (Zentrum für Reisemedizin) oder www.dtg.org (Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e. V.) sowie www.rki.de (Robert-Koch-Institut), hier zunächst »Infektionsschutz« und dann »Impfen« anwählen.

Hierzulande ist der Impfschutz für ältere Menschen mit schlechter Durchblutung, Diabetiker und Menschen mit Hauterkrankungen wie Ulcus cruris besonders wichtig. Die Impfung wird meist als Kombination mit Diphtherie (Td für Erwachsene, Dt für Kinder) oder zusätzlich mit Pertussis verabreicht (Tetanus-Diphtherie-Pertussis-Schutzimpfung = TdaP-IPV). Wurde eine Verletzung mit Erde verunreinigt und besteht kein ausreichender oder gar kein Impfschutz, ist die Gabe von Tetanus-Immunglobulin dringend erforderlich.

In Europa selten geworden

Die Diphtherie wurde vor 100 Jahren noch als »Todesengel der Kinder« bezeichnet. Durch die Grundimmunisierung im Kindesalter sind die Infektionen in Europa selten geworden. Laut RKI scheint das Ziel der Ausrottung in Europa derzeit »greifbar nahe«. Als ausgerottet beziehungsweise »eliminiert« gilt eine Krankheit, wenn weniger als ein Mensch pro eine Million Einwohner erkrankt. Doch warnen die Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) davor, die nötigen Impfungen sowie die Auffrischungen zu vernachlässigen. Die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass die Zahl der Erkrankten sehr schnell wieder zunimmt, sobald die Zahl der Geimpften unter einen bestimmten Wert sinkt. Auch besteht in anderen Ländern durchaus die Gefahr, sich mit den Erregern der Diphtherie zu infizieren, allen voran in Indien und Nepal, Indonesien, den Philippinen und im Iran. Aus diesen Ländern können Reisende die Erreger zudem jederzeit wieder nach Deutschland einschleppen.

Tabelle 2: Impfkalender der Standardimpfungen für ­Kinder ab 5 Jahren, Jugendliche und Erwachsene

Impfung Alter in Jahren
5 bis 6 9 bis 11 12 bis 17 ab 18 ab 60
Tetanus A1 A2 A (gegebenenfalls N) Auffrischimpfung jeweils 10 Jahre nach der letzten vorangegangenen Dosis. Die nächste fällige Tetanus/Diphtherie-Impfung einmalig zusammen mit Keuchhusten, bzw. bei entsprechender Indikation zusätzlich mit Polio als Kombinationsimpfung. dito
Diphtherie A1 A2
Keuchhusten A1 A2
Poliomyelitis A1 ggf. N
Hepatitis B N
Meningokokken N
Masern N1
Mumps, Röteln N
Varizellen N
Pneumokokken S (einmalig)
Influenza S (jährlich)
Humanes ­Papillomvirus G1 bis G3 für Mädchen

A: Auffrischung S: Standardimpfung N: Nachholimpfung (Grundimmunisierung bei nicht Geimpften bzw. Vervollständigung bei unvollständiger Impfung) a): Impfung kann entfallen, wenn ein monovalenter (mit nur einem Erregertyp oder dessen Stoffwechselprodukten hergestellter) Impfstoff verwendet wurde N1: Die STIKO rät zu einer einmaligen Impfung gegen Masern für alle nach 1970 geborenen, über 18-Jährigen mit unklarem Impfstatus oder bei nur einer Impfung in der Kindheit. Quelle: Epidemiologisches Bulletin Nr. 30 vom 1. August 2011

Der Haupterreger, das Corynebacterium diphtheriae, wird durch Tröpfchen- oder Schmierinfektionen übertragen und befällt die oberen Atemwege. Die schwere Entzündung im Halsbereich kann Atemnot und Erstickungsanfälle auslösen. Das Toxin des Bakteriums schädigt zudem Nerven, Herz und Nieren. Akute Erkrankungen werden heute mit Antibiotika sowie einem Gegengift behandelt und enden nur noch selten tödlich.

Impfschutz nur begrenzt

Bei Keuchhusten (Pertussis) ist die Auffrischimpfung besonders wichtig, da der Impfschutz nur begrenzt anhält. Dies gilt sowohl für Menschen, die bereits eine Erkrankung durchgemacht haben, als auch für Personen mit vollständiger Grundimmunisierung. Ohne Auffrischung können sich auch immunisierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene nach einer gewissen Zeit erneut infizieren. Zudem beobachten die Experten der STIKO, dass immer mehr Jugendliche und Erwachsene an Keuchhusten erkranken. Während das Durchschnittsalter der Erkrankten im Jahr 1995 noch bei 15,1 Jahren lag, stieg es bis zum Jahr 2008 auf 41,7 Jahre an.

Tabelle 3: Benötigte Zeit für Impfungen vor der Reise

Impfung Zeit bis zur Abreise
Poliomyelitis bis Abreisetag möglich
Tetanus/Diphtherie bis Abreisetag möglich
Hepatitis A bis Abreisetag möglich
Tollwut 4 bis 5 Wochen
Hepatitis B (oder Kombination A+B) 4 Wochen
FSME 3 bis 6 Wochen
Typhus 1 bis 2 Wochen

Da eine Ausrottung nicht möglich scheint, lautet das Ziel daher, die Zahl der Erkrankten durch eine möglichst hohe Durchimpfungsrate zu minimieren. Keuchhusten wird durch das Bakterium Bordetella pertussis ausgelöst und kann insbesondere bei Säuglingen zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Bei Erwachsenen äußert sich die Krankheit mit lang anhaltendem, oft anfallsartigem Husten. Bei etwa ­ 25 Prozent der erwachsenen Patienten kommen Komplikationen wie Mittelohrentzündungen, Inkontinenz oder Rippenbrüche durch heftige Hustenanfälle hinzu, bei den über 60-jährigen Patienten beträgt die Komplikationsrate sogar rund 40 Prozent. Todesfälle sind jedoch selten.

Die Zahl der weltweit registrierten Fälle der an Poliomyelitis (Kinderlähmung) Erkrankten ist dank der Impfkampagnen stark zurückgegangen und sank insgesamt um 99,5 Prozent. So zählte man beispielsweise im Jahr 2009 weltweit noch 1165 Poliofälle, im vergleichbaren Zeitraum 2010 dagegen nur noch 717. Als poliofrei gelten laut WHO Amerika (seit 1994), der Westpazifik (seit 2000) und Europa (seit 2002). Allerdings besteht in verschiedenen Ländern weiterhin Ansteckungsgefahr. Dazu gehören vor allem Pakistan, Nepal, Angola, Senegal, Mauretanien, Tadschikistan, Tschad und die Demokratische Republik Kongo.

Das Polio-Virus greift das zentrale Nervensystem an und führt zu Lähmungen und Gehbehinderung durch Deformationen der Extremitäten. Meist sind Kinder zwischen drei und acht Jahren betroffen. Den einzigen Schutz bietet die Impfung, eine ursächliche Behandlung gibt es nicht.

Risiko auch in Europa

Mit dem Masern-Virus können sich Kinder und Erwachsene in fast jedem Land der Erde infizieren. Die Ansteckungsgefahr ist nicht nur in Afrika, vor allem in Südafrika und Nigeria, und Südostasien, insbesondere in Indonesien und auf den Philippinen, hoch. Auch in Europa, vor allem in Frankreich, erkrankten im Jahr 2011 mehr als 25 800 Menschen an Masern.

Die Infektion ist für Erwachsene keineswegs harmlos: Vor allem bei jungen Erwachsenen treten häufig Komplikationen wie Mittelohrentzündung, Bronchitis oder Lungenentzündung auf, selten eine Hirnhautentzündung, die in Einzelfällen tödlich verläuft. Daher empfiehlt die STIKO allen nach 1970 geborenen nicht oder nur einmal geimpften Erwachsenen eine einmalige Impfung gegen Masern. Wer schon einmal an Masern erkrankt war, ist geschützt.

Auch die Infektion mit Varizellen, den Erregern der Windpocken, verläuft bei Erwachsenen häufig schwerer und ist mit Komplikationen wie Lungen-, Leber- oder Hirnhautentzündung verbunden. Daher rät die STIKO allen ungeimpften unter 18-Jährigen zu einer Nachholimpfung. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

hofmann_assmus(at)t-online.de