PTA-Forum online
Verbandmaterial

Wunde ist nicht gleich Wunde

20.02.2012  12:53 Uhr

Von Daniela Biermann / Vom aufgeschürftem Knie bis zum offenen Bein: In der Apotheke erwarten Menschen mit den verschiedensten Wunden kompetenten Rat. Kenntnisse der unterschiedlichen Wundauflagen bilden dann die Basis einer guten Beratung.

»Wundversorgung ist ein wichtiges Thema in der Apotheke«, sagte Apotheker Werner Sellmer während einer ­Veranstaltung der Apothekerkammer Hamburg. Doch käme dieses Thema sowohl in der Ausbildung der Pharmazeuten als auch der Mediziner viel zu kurz. Hier liegt eine wichtige Aufgabe für PTA und Apotheker, denn sie können viel mehr zur Besserung der Situation, vor allem der Patienten mit chronischen Wunden, beitragen. Zum einen kennen die Apothekenmitarbeiter gerade Patienten mit chronischen Erkrankungen sowie ihre Medikation und Lebensumstände meist gut. Zum anderen kennen sie sich mit Material und Preisen aus. »Wunden kosten Geld, Ressourcen und Lebensqualität«, so der Fachapotheker für Klinische Pharmazie.

Welche Wunden kann der Patient selbst behandeln? Leichte Schnitte, Schürfwunden und Verbrennungen gelten als Bagatellverletzungen. Sie heilen bei gesunden Kindern und Erwachsenen rasch und ohne Komplikationen ab. Um das Risiko einer Infektion möglichst gering zu halten, empfahl der Experte: »Kleine Wunden sollte man zunächst bluten lassen, um die Keime herauszubekommen«. Zusätzlich kann ein Desinfektionsmittel eingesetzt werden, bevor die Wunde mit einer geeigneten Wundauflage versorgt wird. Ist die Verletzung jedoch tief und blutet nicht oder trifft auf funktionelles Gewebe wie Knochen, Muskeln und Sehnen, muss der Betroffene sofort den Arzt aufsuchen. Solche Wunden sollten nach Möglichkeit jedoch direkt steril abgedeckt werden.

Kleinflächige Verbrennungen und Verätzungen rät Sellmer mit handwarmem, fließendem Wasser längere Zeit zu kühlen. Verbrennungen und Verätzungen, die größer sind als die Handfläche des Verletzten, sollten jedoch unbedingt ärztlich versorgt werden.

Unabhängig von der Größe der Wunde sollte immer an das Tetanusrisiko gedacht werden. Liegt die letzte Tetanusimpfung mehr als zehn Jahre zurück oder ist der Impfstatus unbekannt, sollte eine Auffrischung erfolgen.

Ebenfalls den Arzt aufsuchen müssen Verletzte mit Bisswunden, vor allem, wenn Tollwutgefahr besteht. Bisswunden müssen immer desinfiziert werden, so der Referent.

Trotz guter Erstversorgung entzündet sich manche Wunde. Typische Zeichen der Infektion sind Eiter, übler Geruch, ein Abszess oder eine Rötung und Schwellung. Um weiteren Komplikationen vorzubeugen, ist ein Arztbesuch notwendig. Auf keinen Fall sollten die Betroffenen entzündete Wunden ohne ärztlichen Rat mit Desinfektionsmitteln, Puder, Salben oder Sprays selbst behandeln.

Was ist nicht mehr zeitgemäß?

  • Farbstofflösungen wie Ethacridinlactat (Rivanol®), Povidon-Iod (Mercuchrom®), Kaliumpermanganat
  • Lokalantibiotika in Form von ­Salben, Pudern etc.
  • Hausmittel wie Honig, Kohlblätter oder Zitronensaft
  • Nicht steril gefiltertes Leitungswasser (Verkeimungsrisiko – ersatzweise sterile isotone Kochsalz- oder Ringerlösung sowie konservierte Wundspüllösungen einsetzen)
  • Homöopathika und Phytopharmaka (höchstens bei minimalen Bagatellverletzungen)
  • Zinkpaste
  • Panthenol bei offenen, blutenden Wunden
  • Enzymreiniger wie Iruxol® und Varidase®
  • Wundbäder, zum Beispiel für die Füße
  • Verbände antrocknen lassen

Wunden, die nach acht Wochen nicht ausgeheilt sind, sollte ebenfalls ein Arzt untersuchen. Die Ursachen für Wundheilungsstörungen sind vielfältig. Oft stört eine Erkrankung den Heilungsprozess. Als Beispiele für Krankheiten, die eine chronische Wunde am Bein verursachen und fördern können, nannte Sellmer Diabetes, die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), Venenschwäche, Autoimmun- oder Tumorerkrankungen. Um eine erfolgreiche Behandlung der Wunde zu gewährleisten, müssen die Grunderkrankungen therapiert werden. Daher sei es wichtig, den Patienten zum Facharzt zu schicken, so Sellmer.

Buch-Empfehlungen

Wundmanagement – Ein illustrierter Leitfaden für Ärzte und Apotheker

Probst, Wiltrud; Vasel-Biergans, Anette, 2. Auflage 2010

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3-8047-2413-6

89,00 EUR

Wundauflagen für die Kitteltasche

Vasel-Biergans, Anette, 3. Auflage 2010, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3-8047-2584-3

54,00 EUR

Wundfibel – Wunden versorgen, behandeln, heilen

Asklepios Praxisbibliothek

Sellmer, Werner; Bültemann, Anke; Tigges, Wolfgang; 2. Auflage 2010

Medizinisch-Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-941468-14-6, 24,95 EUR

Als Desinfektionsmittel empfahl der Apotheker die farblosen Wirkstoffe Octenidin (Octenisept®) und Polihexanid (Lavasept®, Serasept®). Beide wirken gegen ein breites Erregerspektrum und verursachen keine Resistenzen. Sehr positiv empfinden die Patienten die schmerzfreie Anwendung. Auch Allergien treten selten auf. Antiseptika sollten grundsätzlich nicht gemischt oder verdünnt werden, sonst können sie ihre optimale Wirkung nicht entfalten. Wichtig ist die jeweilige Einwirkzeit. Bei Octenidin beträgt diese nur zwei Minuten, bei Polihexanid mindestens 15 Minuten. Octenidin darf nach Gebrauchsanweisung maximal 14 Tage lang hintereinander angewendet werden und ist nach Anbruch drei Jahre verwendbar. Achtung: Octenidin darf nicht in sehr tiefe Wunden eingebracht werden und dort verbleiben. Darauf weisen die Hersteller in Fach- und Gebrauchsinformationen sowie mehreren Rote-Hand-Briefen hin. Polihexanid-Zubereitungen eignen sich zur Daueranwendung und können auch als Rezeptur hergestellt werden (siehe NRF-Vorschriften 11.128, 11.131 und 11.137). Iod ist bei Kindern, Schwangeren und Schilddrüsenpatienten kontraindiziert und gilt als Desinfektionsmittel heute nicht mehr als zeitgemäß.

Auf Artikelnamen achten

Das Sortiment an Wundauflagen umfasst mehr als 1000 Produkte und ­unterliegt einem ständigen Wandel. Hy­drogele, Hydrokolloide, Alginate, ­Aktivkohleverbände, Schäume, Superabsorber und andere mehr stehen zur Auswahl. Ein Preisvergleich zwischen den Produkten der verschiedenen Anbieter lohnt sich. Die Firma Draco bietet zum Beispiel einen solchen Service auf ihrer Website an. »Achten Sie bei der Bestellung auf jeden einzelnen Buchstaben des Artikelnamens«, warnte Sellmer und nannte als Beispiel Zusätze wie »plus« oder »ultra«.

Auch für die Selbstmedikation gibt es mittlerweile hochmoderne Wundauflagen, zum Beispiel Hydrogel-, Hydrokolloid und Folienverbände. Bei silberhaltigen Produkten riet Sellmer zur Vorsicht, da Angaben zu Wirksamkeit, Freisetzung und Toxikologie fehlten. Generell gilt, die Wunde feucht und möglichst dicht abschließend bedeckt zu halten. Das beschleunigt die Wundheilung und vermindert die Schorf- und Narbenbildung. Wundauflagen müssen zudem nicht täglich gewechselt werden. Das vermindert die Gefahr von Mikroverletzungen des sich neu bildenden Gewebes durch den Verbandwechsel. Einige moderne Wundauflagen für Bagatellverletzungen sind wasserfest. Als Alternative bieten sich Fettgazen unter Kompressen an. Wichtig ist, dass der Verband keine zusätzlichen Schmerzen verursacht.

Die Vielfalt der Produktpalette sollte niemanden abschrecken, sondern zu einer individuellen Beratung führen. »Das optimale Produkt für die Versorgung aller Wunden gibt es derzeit nicht«, so Sellmers Fazit. /

Das Wundzentrum Hamburg

Sellmer ist Mitbegründer des Wundzentrums Hamburg. In diesem überregionalen Netzwerk sind Fachärzte, Apotheker, Podologen, Krankenhäuser, Pflegedienste und weitere Dienstleister zusammengeschlossen. Unter www.wundzentrum-hamburg.de finden Interessierte zum Beispiel Therapiestandards für verschiedene Wundarten. Bundesweit agiert die Initiative Chronische Wunden (www.icwunden.de). Aktuelle Informationen bietet Sellmer auch unter www.werner-sellmer.de

E-Mail-Adresse der Verfasserin

biermann(at)govi.de