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Kongress

Detektivarbeit wie Sherlock Holmes

25.02.2013  08:11 Uhr

Von Christiane Berg, Travemünde / Beim Deuten von Blutwerten müssen PTA wie Meisterdetektiv Sherlock Holmes detailgenau ermitteln. Das zeigte der 7. PTA-Kongress der Apothekerkammer Schleswig-Holstein.

Spezifische Blut-Laborparameter spielen eine wichtige Rolle bei der Prävention, Diagnose, Therapie und Verlaufskontrolle zahlreicher Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Infektionen oder der koronaren Herzkrankheit. PTA und Apotheker sollten die Norm- und Referenzbereiche wichtiger Blutwerte kennen und dabei Schlussfolgerungen aus den über- oder unterschrittenen Blutparametern ziehen, ähnlich wie ein Detektiv aus offensichtlichen Indizien.

Kompetenz im Fokus

»Wir müssen wissen, worüber wir reden. Nur so können wir unseren Patientinnen und Patienten hilfreich zur Seite stehen«, sagte Kammerpräsident Gerd Ehmen bei der Eröffnung des Kongresses. Angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen werde der Apotheke in Zukunft in jeder Hinsicht mehr Kompetenz als bisher abverlangt werden, zeigte sich der Kammerpräsident überzeugt. Umso erfreuter sei er über das große Fortbildungs-Engagement der PTA, das die hohe Teilnehmerzahl demonstriere. »So ist die Apotheke für die Zukunft gerüstet«, sagte Ehmen.

Laborwerte als Indizien

Sherlock Holmes löste seine Fälle dank rationaler Analyse und zielgerichteter Interpretation von Fakten. Fähigkeiten, über die auch PTA und Apotheker ebenfalls verfügen müssen. Gerade Blutwerte geben Auskunft über den aktuellen Zustand des Körpers, seiner Organe und/oder seiner Stoff­wechselaktivitäten, sagte Apothekerin Susanne Hahn in dem Vortrag »Laborwerte als Indizien«.

Blutwerte werden nicht nur von Stress, Geschlecht und Alter, sondern auch von Erbfaktoren, falscher Ernährung und übermäßigem Alkohol- und Nikotinkonsum beeinflusst, betonte die Referentin. Als »Fingerzeig« wiesen sie unter anderem auf Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, des Immunsystems oder des Fettstoffwechsels hin. Warnzeichen für Krankheiten der Niere, die zum Beispiel durch Entzündungen, Infektionen, Tumore, Vergiftungen oder Diabetes mellitus hervorgerufen werden, sei unter anderem ein erhöhter Kreatinin-Spiegel (Normbereich Frauen: <0,9mg/dl (80µmol/l); Männer: <1,1mg/dl (97µmol/l).

Da der Kreatinin-Wert erst ansteigt, wenn mehr als 50 Prozent der Niere »arbeitsunfähig« sind, diene er nur als Maß für eine fortgeschrittene Nierenfunktionsstörung, betonte Hahn. Genauer können Mediziner die Filtrationsleistung der Niere anhand der Kreatinin-Clearance erfassen. Hierfür müssten die Kreatinin-Konzentrationen im 24-Stunden-Urin und im Blut gemessen werden, so die Referentin. Daneben sei es zur Funktionsüberprüfung der Niere auch wichtig, Harnstoff, Harnsäure, Glucose, Erythrozyten oder Protein im Urin zu bestimmen.

Sherlock Holmes suchte und fand stets logische Erklärungen für den Hergang des Tatgeschehens. Ebenso müssten Blutparameter gedeutet werden, so Hahn. Dafür sei es hilfreich, sich die vielfältigen Aufgaben der menschlichen Organe in Erinnerung zu rufen und somit sensibler für das Krankheitsgeschehen, Risikofaktoren und Gefährdungspotenziale zu werden.

So reguliert die Niere unter anderem den Wasserhaushalt, den Blutdruck oder den Säure-Basenhaushalt sowie die Ausscheidung harnpflichtiger und giftiger Substanzen, die Bildung von Hormonen und den Elektrolythaushalt. Ab dem 20. Lebensjahr aber verliert das Organ jährlich circa 1 Prozent seiner Funktion, weil die Zahl der Glomeruli und der renale Durchfluss abnehmen. Besonders bei renal ausgeschiedenen Medikamenten kann deshalb in vielen Fällen eine Dosisanpassung nötig sein.

Scharfsinn und Detailwissen

Wie die paarig angelegte Niere ist auch die aus zwei schmetterlingsförmigen Lappen bestehende Schilddrüse Ausgangs- und Zielpunkt zahlreicher Erkrankungen. Als Anhaltspunkte für mögliche Störungen des Hormonstoffwechsels hob Hahn die für die Schilddrüsenunterfunktion charak­teristischen fallenden T3(Trijodthyronin)- beziehungsweise T4(Thyroxin)-Spiegel hervor, wobei gleichzeitig der TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)-Spiegel ansteige. Bei einer Überfunktion der Schilddrüse fallen hingegen die TSH-Spiegel und die T3- und T4-Spiegel steigen an.

Hahn führte aus, dass sich das System der Schilddrüsenhormone selbst über einen Regelkreis reguliere. T3 und T4 sind an Transporteiweiße gebunden. Nur ungebundenes T3/T4 sei stoffwechselaktiv und bestimme, ob der Körper auf »Hochtouren« oder »Sparflamme« läuft.

Für die Bildung von T3 und T4 benötigt der Körper Iod. Iodmangel kann eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) hervorrufen, die mit Schilddrüsenhormonen therapiert wird. Bei der Behandlung der Überfunktion (Hyperthyreose) kommen Thyreostatika zum Einsatz, die die Funktion der Schilddrüse drosseln.

Die Therapie mit Schilddrüsenhormonen, so Hahn, sei jedoch sehr störanfällig, da zum Beispiel die Nahrung oder andere Arzneimittel deren Bioverfügbarkeit beeinflussen können. So kann L-Thyroxin bei der gleichzeitigen Einnahme von Colestyramin, Rifampicin, Aluminium, Eisen und Calcium­carbonat-haltigen Produkten nur vermindert wirken.

Doch auch L-Thyroxin ist in der Lage, die Wirkung anderer Arzneimittel zu beeinflussen. So wurde durch L-Thyroxin eine verstärkte Wirkung von Cumarin beobachtet, während die blutzuckersenkende Wirkung von Antidiabetika vermindert war. Um solche Wechselwirkungen zu vermeiden, so Hahn, sollten die Patienten L-Thyroxin ein bis drei Stunden vor anderen Arzneimitteln einnehmen. Gegebenfalls müsse die Dosis der Begleitmedikation angepasst werden.

Eindeutige Korrelation

Um Herzmuskelschäden beispielsweise durch Herzinfarkt oder Myokarditis zu identifizieren, bestimmen Experten die Werte der Enzyme Creatinkinase (CK), Aspartat-Aminotransferase (AST) und Laktat-Dehydrogenase (LDH). Dabei gilt: Je höher die CK- beziehungsweise LDH-Werte liegen, desto schwerwiegender ist der Infarkt. Da man aber aus der Aktivität der CK schwer zwischen Herz- und anderen Muskelzerstörungen unterscheiden könne, werden heute immer häufiger die »kardialen Troponine« Troponin I und Troponin T sowie das Enzym Glykogenphosphorylase BB (GPBB) als Biomarker herangezogen, so Hahn. Nach einer Schädigung der Herzmuskelzellen ließen sich die zwei Proteine und das Enzym innerhalb kurzer Zeit im Blut nachweisen, erläuterte die Referentin.

Als Hinweis auf Leber-Erkrankungen bewerten Ärzte die Erhöhung des Enzyms GGT (Gamma-Glutamattransferase, Gamma-GT). Dieser Blutparameter gilt als eines der empfindlichsten Zeichen für eine Schädigung von Leberzellen, die durch Virusinfektionen, überhöhten Alkoholkonsum oder auch Tumore bedingt sein kann.

Je nach Art der Erkrankung seien auch erhöhte Konzentrationen von Alkalischer Phosphatase (AP), Alanin-Aminotransferase (ALT = GPT) oder Aspartat-Aminotransferase AST = GOT) nachzuweisen, wobei auch hier die Höhe des Enzymanstiegs dem Ausmaß der Leberschädigung entspricht.

Kleines und großes Blutbild

Um einer Krankheit auf die Spur zu kommen, kann der Arzt zusätzlich ein Differentialblutbild erstellen lassen. Dafür wird ein Tropfen Blut unter dem Mikroskop angefärbt und so Form, Größe und Häufigkeit der weißen Blutkörperchen (Leukozyten): Granulozyten, Lymphozyten und Monozyten, ermittelt. Ursache für erhöhte Leukozytenwerte können unter anderem bakterielle Infektionen, Krebs sowie chronisch-entzündliche Erkrankungen sein, so Hahn. Eine niedrige Leukozytenzahl werde durch Viruserkrankungen, Pilzinfektionen, aber auch durch Chemo- oder Strahlentherapie verursacht.

Das kleine Blutbild enthält Daten zur Form und Quantität aller zellulären Blutbestandteile, nicht nur der Leukozyten, sondern auch der roten Blutzellen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten). Es gibt zudem Auskunft über das mittlere Erythrozytenvolumen (MCV), den mittleren Hämoglobin­gehalt der Erythrozyten (MCH), der mittleren korpuskulären Hämoglobinkonzentration (MCHC) sowie den Hämatokrit, also den Anteil der zellu­lären Bestandteile am Gesamtvolumen der Probe. Dieser beträgt in der Regel bei Männern 43 bis 50 Prozent und bei Frauen 37 bis 45 Prozent.

Als Hauptbestandteil des Blutes dienen die Erythrozyten dem Sauerstofftransport. Ihr Normbereich liegt bei Frauen bei 4,1 bis 5,1 Mio/mm2, bei Männern bei 4,5 bis 5,9 Mio/mm2. Niedrigere Werte lassen auf eine Anämie, erhöhte Werte auf eine Polyglobulie schließen. Eine erniedrigte Thrombo­zyten-Zahl wird durch Karzinome, chronische Lebererkrankungen, Strahlenschäden oder aber durch Medikamente wie Antibiotika, Chinidin und Analgetika hervorgerufen. Mit erhöhten Werten gehen unter anderem Knochenmark-Erkrankungen, Tuberkulose oder entzündliche Erkrankungen einher.

Ein hoher Hämatokrit, so Hahn, sei meist durch einen hohen Erythrozyten-Anteil (Polyglobulie) oder einen Mangel an Flüssigkeit (Dehydratation) bedingt. Aufenthalte in großen Höhen können zu einem Maximalwert von über 70 Prozent führen. Niedrige Hämatokrit-Werte sprechen hingegen für eine »Überwässerung« des Patienten, zum Beispiel nach Ersatz von Blutverlusten. Auch dieser Wert könne auf eine Anämie hinweisen.

Welche Fortschritte die Wissenschaft beim Verständnis der Pathophysiologie des Diabetes gemacht hat, zeigten die Ausführungen von Matthias Bastigkeit. Der Fachdozent für Pharmakologie stellte aktuelle Erkenntnisse zur Bedeutung von Blutzucker- sowie HbA1c-Werten bei der Diagnose von Diabetes mellitus vor und erklärte, worauf PTA Diabetiker bei der Abgabe oraler Antidiabetika hinweisen sollten.

Spezifische Diabetesformen

Diabetes mellitus nur in Typ-1- und Typ-2- Diabetes aufzuteilen, sei veraltet, so Bastigkeit. Heute werde der Typ-1-Diabetes mellitus, als absoluter Insulinmangel aufgrund meist autoimmunologisch bedingter Zerstörung der Inselzellen des Pankreas, weiter unterteilt in Typ 1a, die immunologische Form, und Typ 1b, die idiopathische Form mit unbekannter Ursache. Der Diabetes vom Typ 2, früher auch als Altersdiabetes bezeichnet, führt zu einer Resistenz gegenüber Insulin, oft im Zusammen­hang mit Übergewicht und dem metabolischen Syndrom. Diabetes vom Typ 3 umfasse alle anderen spezifischen Diabetesformen: Typ 3a (genetische Defekte der Betazellfunktion), Typ 3b (genetische Defekte der Insulinwirkung), Typ 3c (zerstörte oder erkrankte Bauchspeicheldrüse), Typ 3d (Diabetes durch hormonelle Störung), Typ 3e (Diabetes durch Chemikalien oder Drogen), Typ 3f (Diabetes durch Infektionen), Typ 3g (seltene Formen des immunvermittelten Diabetes), Typ 3h (mit Diabetes assoziierte genetische Syndrome wie Down- oder Turner-Syndrom). Unter Typ-4-Diabetes verstehen Experten den Schwangerschaftsdiabetes.

Kompaktes Beratungswissen

Apothekerin Gerda Riedel beschrieb welche Bedeutung Über- beziehungsweise Unterschreitungen der Lipidparameter Gesamtcholesterol (<200 mg/dl), HDL (¹ 40 mg/dl), Triglyceride (150 mg/dl) und LDL (<160 mg/dl) haben. Auslöser einer sekundären Hypercholsterolämie seien unter anderem Magersucht, Hypothyreose und Niereninsuffizienz oder bestimmte Medikamente wie Amiodaron, Betablocker oder Glucocorticoide. Hier therapiere der Arzt immer zunächst die Grunderkrankung.

Bei familiär bedingter Hypercholesterolämie sei die Dauertherapie mit Statinen meist unumgänglich. Ist sie hingegen ernährungsbedingt, reicht manchmal bereits eine verringerte Cholesterolzufuhr durch fettarme Nahrung gegebenenfalls mit begleitender Statineinnahme aus.

Auch der Vortrag über die Therapiemöglichkeiten bei Menschen mit Blutgerinnungsstörungen von Dr. Andrea Liekweg zeigte, wie viel Fingerspitzengefühl und Know how, unter anderem über die Funktionen der Gerinnungsfaktoren und-kaskaden, in der Beratung erforderlich sind. Schon Sherlock Holmes hat es gewusst: »Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken. Konzentrieren Sie sich auf Details.« /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

chris-berg(at)t-online.de