PTA-Forum online
Darmerkrankungen

Künstlicher Stuhl wirkt

25.02.2013  08:04 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Mit neuartigen Konzepten erzielen Mediziner manchmal einen unerwartet großen Therapieerfolg. So erging es niederländischen Wissenschaftlern, die Patienten mit chronischen Darminfektionen ein ungewöhnliches »Medikament« verabreichten: eine Mixtur aus Fäkalkeimen. Ein kanadisches Forscherteam erzielte erste gute Ergebnisse mit künstlichem Stuhl.

Schon seit einigen Jahren macht die sogenannte Stuhl-Transplantation von sich reden. Patienten mit chronischen Darminfektionen, denen eine Antibiotika-Therapie nicht hilft, erhalten dabei verdünnten Stuhl eines Spenders direkt in den Darm. Die Idee: Die Darmflora des gesunden Spenders soll sich im Dickdarm des Empfängers ansiedeln und die schädlichen Keime verdrängen. Die Methode erwies sich bei einzelnen Patienten immer wieder als erfolgreich. Angesichts der positiven Ergebnisse wagten Forscher um Els van Nood von der Universität Amsterdam eine systematische Studie, um die Therapie weiter auf die Probe zu stellen. Sie führten die Studie mit Patienten durch, die an einer wiederkehrenden Clostridien-Infektion litten. Das Bakterium Clostridium difficile kann schwer behandelbare Darmentzündungen mit chronischem Durchfall hervorrufen.

Zunächst sammelten die Forscher Stuhl von 15 vorher sorgfältig auf Parasiten und Infek­tions­krankheiten untersuchten gesunden Spendern. Ihre »Ausbeute« verdünnten sie mit Salzlösung und injizierten die Mixtur dann über eine Nasensonde direkt in den Dünndarm von 17 Patienten. Die Patienten der Kontrollgruppe erhielten stattdessen das Antibiotikum Vancomycin. Das Ergebnis beeindruckte selbst die Forscher: Die Stuhl-Transplantation war gegenüber der medikamentösen Therapie so viel wirksamer, dass die zuständige Ethik-Kommission den vorzeitigen Abbruch der Studie empfahl, damit auch die Patienten der Antibiotika-Gruppe die wirksamere Stuhl-Therapie erhalten konnten.

Trotz der geringen Teilnehmerzahl war die bessere Wirkung der Stuhl-Transplantation statistisch eindeutig belegt. Die meisten Patienten wurden dauerhaft geheilt. Als Nebenwirkungen traten nur bei einigen Patienten kurzzeitig Durchfall und Krämpfe auf.

Doch so erfolgreich das neue Konzept auch sein mag, es gibt ein erhebliches Problem: Die Sache ist recht unappetitlich. Die meisten Patienten müssen sich für eine solche Therapie sehr über­winden. Das gilt sicher auch für das medizinische Personal, das das Transplantat zubereitet und verabreicht. Zudem bleibt ein gewisses Risiko. Letztlich ist nicht auszuschließen, dass auch krankmachende Keime übertragen werden, die in der Stuhlprobe des Spenders unerkannt blieben.

Was liegt da näher, als einen künstlichen Stuhl herzustellen? Die Zusammensetzung der Bakterien-Mischung wäre bekannt, standardisierbar und reproduzierbar. Und die Behandlung wäre sehr viel hygienischer.

Ein Forscherteam um Emma Allen-Vercoe von der Guelph University in Kanada machte sich tatsächlich an die Arbeit und entwickelte künstlichen Stuhl. Dazu hatten sie zunächst geeignete Stuhlproben im Detail analysiert und die enthaltenen Bakterienarten und deren Mischungsverhältnis identifiziert. Anschließend züchteten sie die gefundenen 33 Bakterienarten in Reinkulturen und stellten daraus einen Mikrobenmix her. In ersten klinischen Versuchen testeten die Forscher den künstlichen Stuhl an zwei Patienten, deren Darmflora nach einer Clostridien-Infektion mit anschließender Antibiotikatherapie zerstört war. Das Ergebnis lässt hoffen: Die Patienten waren nach wenigen Tagen geheilt. Auch in den folgenden sechs Monaten erlebten sie keinen Rückfall – im Darm hatte sich wieder eine gesunde Darmflora gebildet.

Nun müssen die Forscher wichtige Fragen klären: Eignet sich das getestete Bakteriengemisch für jeden Patienten? Oder sollte die Zusammensetzung individuell maßgeschneidert werden? Ist künstlicher Stuhl auch bei anderen Darmerkrankungen wirksam? Aufgrund der offenen Fragen werden die Wissenschaftler in nächster Zeit zahlreiche Labor- und Tierversuche durchführen, bevor sie eine Studie mit Menschen beginnen. Bis PTA und Apotheker Präparate mit künstlichem Stuhl abgeben, wird sicherlich noch einige Zeit vergehen. /

Quellen: New England Journal of Medicine, Spektrum der Wissenschaft