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Acerola

Powerfrucht aus der Karibik

25.02.2013  09:00 Uhr

Von Gerhard Gensthaler / Die Indios des Amazonas-Gebietes und in Mittelamerika sammelten als Erste Erfahrungen mit den besonderen Kräften der Acerolakirsche. Vermutlich wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehalts nutzten sie die Pflanze gegen allerlei Krankheiten und Beschwerden und gaben ihr den Namen »Baum der Gesundheit«. Die Früchte nannten sie »azarole«, was hübsche, kleine und nützliche Frucht bedeuten sollte.

Neben dem hierzulande gebräuch­lichen Namen Acerolakirsche gibt es sehr viele Synonyme, zum Beispiel Ahornkirsche, Antillenkirsche, Barbardoskirsche, Jamaikakirsche, Puerto-­Rico-Kirsche oder westindische Kirsche. Die letzte Bezeichnung weist auf die Herkunft der für den Vitaminhaushalt so wichtigen Frucht hin.

Botanisch keine Kirsche

Die Heimat der Acerolakirsche ist die mexikanische Halbinsel Yucatan. Heute wird die immergrüne Pflanze hauptsächlich in Zentral- und Südamerika angebaut, vor allem in Brasilien, aber auch in der Karibik.

Der offizinelle Name ist Malpighia punicifolia L. aus der Familie der Malpighiaceae. Interessant mag sein, warum der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707 bis 1778) der Pflanze aus der Karibik diesen Namen gab. Er ehrte damit den italienischen Arzt Marcello Malpighi (1628 bis 1694). Dieser lehrte als Professor der Medizin, Anatomie und Physiologie an der Universität Bologna, war gleichzeitig auch Leibarzt des Papstes Innozenz XII. (1615 bis 1700). Malpighis mikroskopischen Untersuchungen zur Anatomie und zur Physiologie der Pflanzen haben ihn weltberühmt gemacht.

Acerola wächst bodennah niederliegend als Strauch oder als kleiner Baum bis zu 3 Meter hoch. Die immergrüne Pflanze bevorzugt Regionen mit feuchtem und subtropischem Klima mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von mindestens 26 °C. Dort findet sie sich an verschiedenen Standorten: an Flussufern, Straßenrändern, in feuchten Wäldern, aber auch auf felsigen Berg­hängen. Junge Äste sind von einer grüne Rinde bedeckt, ältere von einer glatten Borke. Die ledrigen Laubblätter haben meist eine ovale-längliche Form.

Acerola bildet Blütenstände mit vier bis sechs exotisch aussehenden, etwas gefransten rosa­violetten Blüten. Die Blüten produzieren keinen Nektar, stattdessen tragen die Blütenblätter Öldrüsen, sogenannte Elaiophoren. Ihr öliges Sekret scheint die Bienen anzulocken. Die Früchte reifen in knapp einem Monat. Ein Strauch kann in einem Jahr bis zu 30 Kilogramm Früchte produzieren, die drei- bis viermal geerntet werden. Da die Pflanze gleichzeitig Blüten trägt, gestaltet sich die Ernte als relativ schwierig. Um die Blüten nicht zu schädigen, werden daher keine Maschinen eingesetzt.

Auch wenn sich die verschiedenen Namen immer wieder auf die Kirsche beziehen, ist Acerola botanisch gesehen nicht mit der heimischen Kirsche (Prunus avium) aus der Familie der Rosaceae verwandt. Die kleinen, roten, sehr sauren, 1 bis 3 Zentimeter großen Acerolafrüchte sehen auf den ersten Blick tatsächlich wie intensiv rote Kirschen aus. Ihr Geschmack ähnelt dem von Äpfeln. Das Innere ist von hellen Einschlüssen durchzogen, in denen sich drei Steinsamen befinden.

Vitaminbombe

Die Acerolafrüchte enthalten Vitamin C, Vitamin B1, B2, B6, Provitamin A, Eisen, Calcium, Magnesium, Thiamin, Riboflavin, Niacin und Flavonoide. Lange Zeit galt Acerola als die Frucht mit dem höchsten Vitamin-C-Gehalt. Die ebenfalls in den Tropen heimische Camu Camu-Frucht hat Acerola aber auf den zweiten Platz verdrängt. 100 Gramm reife Acerola-Früchte enthalten durchschnittlich 1700 bis 2100 Milligramm Vitamin C. Zum Vergleich: 100 Gramm einer Orange enthalten gerade 50 Milli­gramm. Dieses natürliche Vitamin C kann der menschliche Körper viel schneller und besser aufnehmen als synthetisches Vitamin C in Reinform. Diese bessere Bioverfügbarkeit ergibt sich aus den übrigen Inhaltsstoffen, vor allem den Flavonoiden, die zusätzlich schmerzstillend und entzündungs­hemmend wirken.

Mit ihrem extrem hohen Vitamin-C-Gehalt eignet sich die Acerola-Frucht ideal zur Unterstützung der körpereigenen Abwehrkräfte. Vitamin C gehört zu den wichtigen Antioxidanzien, die freie Radikale einfangen. Als reaktive und aggressive Verbindungen schädigen freie Radikale unter anderem die Zellstrukturen. Vitamin C entfaltet daher eine hohe zellschützende Wirkung.

Ein besonderes Obst

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die tägliche Zufuhr von 100 Milligramm Vitamin C. Also würden nur wenige Acerola-Früchte genügen, um den täglichen Bedarf an Vitamin C zu decken. In ihrer Heimat werden die Früchte wahrscheinlich allein deswegen als besonderes Obst geschätzt.

Reife Früchte verderben allerdings rasch und sind bereits drei bis fünf Tage nach der Ernte nicht mehr zu genießen. Das Fruchtfleisch der reifen Acerola besteht zu 80 Prozent aus Saft, ist sehr weich und die Fruchthaut sehr dünn. Daher kann die Frucht nur sehr schwierig und kostspielig exportiert beziehungs­weise transportiert werden. Aus diesem Grund kommt Acerola hierzulande in verarbeiteter Form als Pulver oder als Saft in den Handel.

Frischex­trakte und auch Fruchtsaftkonzentrate werden industriell anderen Fruchtsäften, zum Beispiel Apfelsaft, zugesetzt, um dessen Vitamin-C-Gehalt zu erhöhen und den Geschmack zu verbessern. Gerade für Menschen mit einer Zitrusfruchtallergie sind Acerolapräparate zur Vitaminzufuhr geeignet. Vorsicht ist allerdings bei Latex-Allergikern geboten: Es liegen Berichte über eine Latex-Acerola-Kreuzreaktivität vor.

Derzeit gewinnt die Acerolakirsche weltweit eine immer größere Bedeutung. Das Trockenpulver enthält noch immer 17 Prozent an reinem Vitamin C und ist eine gute Grundsubstanz zur Weiter­verarbeitung, beispielsweise als Kautabletten, in Müslis und Fruchtschnitten, Kaugummis, Trockenobst zur Deckung des täglichen Vitaminbedarfes. Aber zur Vorbeugung und Heilung verschiedener Krankheiten, die manche Anbieter anpreisen, müssen erst aussagekräftige Studien folgen. /

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