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Selbstmedikation

Das Auge sieht rot

25.02.2014
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Von Ulrike Viegener / Tränen fließen ohne Unterlass, die Augen sind gerötet und fühlen sich an, als wäre Sand hinein geraten – alles Anzeichen für gereizte Augen. Haben eher harmlose Faktoren wie Überanstrengung oder Zugluft die Reizung verursacht, ist eine Selbstmedikation vertretbar.

Tränen sind nicht nur dazu da, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Der salzige Tränenfilm erfüllt verschiedene wich­tige Aufgaben: Er schützt das Auge vor Austrocknung und versorgt die Hornhaut mit Sauerstoff und Nährstoffen. Außerdem spült die Tränenflüssigkeit eingedrungene Fremdpartikel aus dem Auge und wehrt mit bakteriziden Stoffen Infekte ab. Auch für die Sehschärfe ist ein intakter Tränenfilm von essen­zieller Bedeutung.

Tränensee läuft trocken

Die Tränendrüse im oberen äußeren Augenwinkel produziert pro Minute 5 bis 7 Kubikmillimeter Flüssigkeit. Mit jedem Lidschlag wird der Tränenfilm über das gesamte Auge verteilt.

Normalerweise stehen Tränenproduktion und Tränenabfluss im Gleichgewicht: Die Tränenpünktchen – zwei winzige Öffnungen am oberen und unteren Lidrand im inneren Augenwinkel – nehmen laufend Tränenflüssigkeit auf. Durch die Tränenpünktchen, die vom Tränensee im Bindehautsack umspült werden, gelangt die Tränenflüssigkeit in den Tränensack und von dort in die Nasenhöhle.

Der hauchdünne Tränenfilm besteht aus drei Schichten: Die mittlere wässrige Schicht stammt aus der Haupttränendrüse. Sie optimiert die Sehfunktion. Die äußere Lipidschicht sowie die innere Mucinschicht werden von akzessorischen Drüsen produziert. Die schleimige Mucinschicht sorgt für die Haftung des Tränenfilms auf der Hornhaut, und die äußere Lipidschicht dient als Verdunstungsschutz für die wässrige Phase (siehe auch Grafik auf Seite 23). Das Zusammenspiel der an der Tränenproduktion beteiligten Drüsen wird durch das vegetative Nervensystem gesteuert.

Sind die Augen zu trocken, liegt das entweder daran, dass insgesamt Tränenflüssigkeit fehlt oder dass die fein austarierte Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit gestört ist. Das Resultat ist dasselbe: Der Tränenfilm reißt, Hornhaut und Bindehaut sind teilweise unbenetzt, und das Auge rötet sich. Je nach Ursache tritt die Reizung nur an einem Auge oder beidseitig auf.

Trockene Augen machen sich häufig durch eine Art Schmirgelgefühl bemerkbar, so als ob sich Sand im Auge befindet. Juckreiz, Brennen, Rötung sowie erhöhte Lichtempfindlichkeit und schnelle Ermüdung der Augen sind weitere Symptome. Auch die Sehfähigkeit ist meist durch mangelhafte Befeuchtung der Augen beeinträchtigt. Wenn das gereizte Auge ständig tränt, verschwimmt das Bild regelrecht vor den Augen. In schweren Fällen entzündet sich die obere Hornhautschicht sogar chronisch.

An Nebenwirkung denken

Trockene Augen – der Fachterminus lautet Keratoconjunctivitis sicca oder Sicca-Syndrom – zählen zu den häufigsten Diagnosen, die Augenärzte stellen. Ältere Menschen leiden häufiger an einem Sicca-Syndrom als jüngere, Frauen sind aus hormonellen Gründen öfter betroffen als Männer. Die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern nimmt mit den Wechseljahren noch zu.

Hormonpräparate zur Behandlung klimakterischer Beschwerden oder zur Verhütung können ebenfalls trockene Augen verursachen. Dasselbe gilt für eine Reihe weiterer Medikamente wie Beta-Blocker, trizyklische Antidepressiva Antihistaminika, Parasympatholy­tika, sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel. Auch manche Augentropfen, beispielsweise Cortison-haltige, führen als Nebenwirkung zu trockenen Augen.

Ein zunehmendes Problem ist der Missbrauch sogenannter Weißmacher. Gemeint sind Augentropfen mit den Wirkstoffen Tetryzolin, Tramazolin, Naphazolin, Xylometazolin und Phenylephrin. Die freiverkäuflichen Präparate machen gerötete Augen durch Engstellung der Bindehautgefäße schnell wieder schön weiß. Sie wirken abschwellend und reduzieren bei Reizzuständen Brennen und Fremdkörpergefühl. Der gefäßverengende Effekt hält allerdings nur wenige Stunden an. Anschließend wird die Durchblutung der Bindehaut eher verstärkt, weil der Körper deren Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen sicherstellen will.

Vorsicht bei Weißmachern

Die Konsequenz: Weißmacher müssen in kurzen Zeitabständen nachgetropft werden, und es besteht die Gefahr einer unkontrollierten Dosissteigerung. Außerdem nutzen einige Anwender Weißmacher zu rein kosmetischen Zwecken. Hier sind PTA und Apotheker gefordert: Sie sollten Benutzer immer auf die begrenzte Anwendungszeit von maximal einer Woche hinweisen. Ein längerer Einsatz ist mit dem hohen Risiko verbunden, dass die Augen austrocknen und die Bindehaut sich chronisch entzündet und verhornt.

Abgesehen von Nebenwirkungen einzelner Arzneimittel sollten PTA oder Apotheker bei Patienten mit trockenen Augen an die Möglichkeit systemischer Erkrankungen denken. So gehen Diabetes mellitus und Schilddrüsenerkrankungen mit Benetzungsstörungen einher, aber auch rheumatische Immunerkrankungen wie Polyarthritis und Lupus erythematodes sowie Hauterkrankungen wie Rosacea. Außerdem treten trockene Augen als Folge von Nerven­irritationen auf, zum Beispiel bei Trigeminusneuralgie.

Aufgrund dieser Aspekte sollten PTA und Apotheker Kunden im Beratungsgespräch darauf hinweisen, bei länger bestehender Augentrockenheit den Facharzt zu konsultieren. Eine Selbstmedikation sollte allenfalls kurzfristig erfolgen. Vertretbar ist sie dann, wenn eher harmlose äußere Ursachen wie Zugluft oder Überanstrengung vorliegen.

Office-Eye-Syndrom

Eine Vielzahl äußerer Einflüsse setzt die Befeuchtung des Auges herab. Ein Hauptgrund für trockene Augen ist heutzutage langes Arbeiten am Computerbildschirm. Im Amerikanischen wurde dafür bereits ein spezieller Begriff geprägt: das »Office-Eye-Syndrom«. Beim langen Arbeiten am Computer werden die Augen nicht ausreichend benetzt, da die Frequenz des Lidschlags beim starren Blick auf den Bildschirm deutlich abnimmt. Die Blinzelfrequenz beträgt normalerweise 10 bis 15 Lidschläge pro Minute, bei der Arbeit am Computer sinkt die Rate im Extrem bis auf einen Schlag pro Minute ab.

Auf keinen Fall sollte der Monitor im Gegenlicht vor dem Fenster stehen, weil das die Augen noch zusätzlich belastet. Außerdem hat es sich als augenschonend erwiesen, wenn der obere Rand des Bildschirms etwas unterhalb der Augenhöhe positioniert wird. Regelmäßige kurze Pausen bei der Arbeit am Computer sollten zudem selbstverständlich sein.

Viele Störfaktoren

Oft kommen bei der Büroarbeit gleich mehrere Störeinflüsse zusammen: So beschleunigt zu trockene Heizungsluft und eine Klimaanlage die Verdunstung des Tränenfilms. Auch wer beim Autofahren das Gebläse auf sein Gesicht richtet oder einen sonnigen Tag mit einem Spaziergang – ohne gute Sonnenbrille – genießen möchte, riskiert einen Feuchtigkeitsverlust der Augen.

Eine zunehmende Rolle spielen stoffliche Umweltreize, die an den Augen sowohl allergische als auch nicht-allergische Reaktionen auslösen können. Reizstoffe sind zum Beispiel in Kosmetika oder im Tabakrauch enthalten. Größere Fremdpartikel, die ins Auge geraten, lösen auf mechanischem Weg Reizzustände aus. Ein spezielles Problem sind Reizungen durch Kontaktlinsen, über deren Prävention und Therapie sich Kontaktlinsenträger beim Augenarzt und Optiker ausführlich beraten lassen sollten.

Künstliche Tränen

Lässt sich eindeutig der Auslöser ermitteln, besteht die Chance, diesen auszuschalten und damit die Benetzungsstörung dauerhaft zu beseitigen. Das ist allerdings relativ selten möglich. In den meisten Fällen muss das Sicca-Syndrom – in Abhängigkeit von Schweregrad und Leidensdruck – dauerhaft behandelt werden. Auch eine ausreichende Trinkmenge ist wichtig, denn die Tränenflüssigkeit wird letztlich auf diesem Weg gespeist.

Mittel der Wahl bei trockenen Augen sind künstliche Tränen. Es gibt eine Vielzahl von Tränenersatzmitteln, deren Wirksamkeit und Verträglichkeit individuell sehr unterschiedlich sind. Deshalb wird empfohlen, bei nicht optimalem Ergebnis ein anderes Präparat zu testen. Grundsätzlich ist eine Dauermedikation mit künstlichen Tränen bedenkenlos möglich.

Bei leichteren und vorübergehenden Beschwerden sind dünnflüssige Präparate zu bevorzugen, bei ausgeprägteren und chronischen Beschwerden dagegen haben sich dickflüssige Zubereitungen bewährt, die länger an der Augenoberfläche haften. Allerdings steigt mit der Viskosität das Risiko, dass die Sehschärfe beeinträchtigt wird.

Ohne Konservierungsstoffe

Bei häufiger beziehungsweise langfristiger Anwendung sollten die eingesetzten Tränenersatzmittel keine Konservierungsstoffe enthalten. Das gilt besonders für Allergiker sowie für Kontaktlinsenträger.

Reagieren die Augen nur leicht allergisch, helfen künstliche Tränen oft gut. Diese Präparate können PTA oder Apotheker statt Antihistaminika empfehlen, die einen austrocknenden Effekt haben. Außerdem haben Tränenersatzmittel den zusätzlichen Vorteil, dass sie Allergene wie Pollen aus dem Auge herausspülen. Zubereitungen ohne Konservierungsstoffe sind in der Regel in Einmal-Ophtiolen abgepackt und mit den Kennzeichen EDO (Ein-Dosis-Opthtiolen), SE (sterile Einzeldosen) beziehungsweise DU markiert.

Sechs Stoffklassen kommen als Tränenersatzmittel zur Anwendung: Polyvinylalkohole, Polyvidone, Cellulose-Derivate, Carbomere, Hyaluronsäure und Dexpanthenol. In aller Regel lassen sich Benetzungsstörungen des Auges mit dieser Wirkstoffpalette erfolgreich behandeln. Hyaluronsäure gilt als Rolls Royce unter den Tränenersatzmitteln. Das natürliche Polymer besitzt aufgrund seiner hohen Wasserbindungskapazität und der viskoelastischen Verformbarkeit nahezu ideale Eigenschaften. Andererseits sind Hyaluronsäure-Präparate deutlich teurer als herkömmliche Tränenersatzmittel und kommen deshalb vor allem bei ausgeprägten Benetzungsstörungen zum Einsatz.

Für ganz schwere Fälle gibt es darüber hinaus eine nicht-medikamentöse Therapieoption: Dabei werden die Tränenpünktchen mit Ministöpseln aus Plastik oder Silikon reversibel verschlossen, um die Tränenflüssigkeit im Auge zu stauen.

Sofort zum Arzt

Im Unterschied zum Sicca-Syndrom handelt es sich bei der Bindehautentzündung (Konjunktivitis) um ein akutes Krankheitsbild. Nicht-infektiöse Formen werden durch äußere Störeinflüsse wie Zugluft, Chlorwasser oder Kosmetika ausgelöst. Die Beschwerden sind ähnlich wie beim Sicca-Syndrom: gerötete, lichtempfindliche Augen, Brennen, Jucken und ständiger Tränenfluss.

Die nicht-infektiöse Konjunktivitis heilt innerhalb einiger Tage von selbst wieder aus. Gefäßverengende Augentropfen vom Weißmacher-Typ werden dabei kurzfristig eingesetzt, um die Symptome zu lindern. Bei Anzeichen einer Infektion – vor allem bei einer stärkeren Sekretabsonderung – muss ein Arzt konsultiert werden.

Schmerzen sind sowohl beim Sicca-Syndrom als auch bei der akuten Konjunktivitis äußerst selten. Generell handelt es sich bei Schmerzen am Auge um ein Alarmsymptom, das ein Arzt umgehend abklären sollte, weil das Sehvermögen akut bedroht sein kann. /

Tipps für das Beratungsgespräch

Um das Risiko von Anwendungsfehlern beim Gebrauch von Augentropfen zu minimieren, sollten PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch folgende Punkte ansprechen:

  • Vor der Anwendung von Augentropfen sollten unbedingt die Hände gewaschen werden, um eine Keimübertragung auf das Auge zu verhindern.
  • Manche Augentropfen müssen vor Gebrauch geschüttelt werden.
  • Mit einer Hand wird das Augenlid heruntergezogen, mit der anderen wird das Medikament in den äußeren Augenwinkel getropft.
  • Der Applikator muss nahe ans Auge geführt werden, ein Kontakt mit dem Auge und den Wimpern sollte jedoch vermieden werden. Anschließend wird der Wirkstoff durch sanftes Augenrollen verteilt.
  • Werden verschiedene Augentropfen benutzt, sollten zwischen den Anwendungen mindestens zehn Minuten liegen.
  • Augentropfen-Applikatoren dürfen nicht von mehreren Personen gemeinsam benutzt werden.

E-Mail-Adresse der Verfasserin
Ulrike.Viegener(at)gmx.de