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Restless-Legs-Syndrom

Ruhe für die Beine

25.02.2014
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Von Michael van den Heuvel / Patienten mit dem Restless-Legs-Syndrom leiden vor allem nachts an Missempfindungen und finden daher häufig keinen Schlaf. Die Symptome der Krankheit lassen sich mit zahlreichen Medikamenten lindern, doch in vielen Fällen wird erst spät die Ursache der nächtlichen Unruhe erkannt.

Starker Bewegungsdrang in den Beinen, seltener in den Armen, kann auf ein Restless-Legs-Syndrom (RLS) hinweisen. Der englische Begriff bedeutet: ruhelose Beine. Bei den meisten Patienten gesellen sich Kribbeln, Ziehen, Stechen, Reißen oder generelle Schmerzen noch mit hinzu. Typischerweise treten die Symptome in Phasen der Entspannung auf, also meist nachts. Deshalb können Betroffene nicht erholsam schlafen.

Stehen sie während einer RLS-Phase auf und bewegen ihre Beine beziehungsweise ihre Muskeln, verschwinden die Beschwerden in relativ kurzer Zeit. Doch sobald sich die Betroffenen wieder hinlegen und entspannen, kehren die Symptome zurück.

Messungen im Schlaflabor haben ergeben, dass Menschen mit RLS durch kurze Zuckungen aufwachen. Auch diejenigen, die relativ schnell wieder einschlafen, fühlen sich am nächsten Morgen wie gerädert. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Partner, leiden unter der starken Einschränkung ihrer Lebensqualität. Ohne gezielte Behandlung führt RLS zu starker Müdigkeit, Leistungsschwäche, Konzentra­tionsstörungen, und psychosoma­tischen Beschwerden.

Hinter jeder fünften Schlafstörung verbirgt sich in Wirklichkeit ein unentdecktes RLS, vermuten Wissenschaftler. Sie schätzen, dass vom Restless-Legs-Syndrom 5 bis 10 Prozent aller Menschen in Deutschland betroffen sind. Die Erkrankung zählt damit zu den häufigsten neurologischen Leiden. Einer britischen Studie zufolge wird nur bei 7 Prozent aller Patienten die richtige Diagnose gestellt. Schildern Menschen in der Apotheke die für RLS typischen Beschwerden, sollten PTA oder Apotheker diese bitten, umgehend einen Arzt aufzusuchen.

Komplexes Geschehen

Mediziner zählen das primäre (idio­pathische) RLS zu den neurologischen Erkrankungen, die vererbt werden. Bei circa jedem zweiten Patienten ist die Familien­anamnese positiv. Mittlerweile konnten Forscher einige Regionen im Erbgut identifizieren, die sie mit dem Erkrankungsrisiko in Verbindung bringen. Dank zahlreicher Arzneimittel lassen sich die Symptome des idiopathischen RLS behandeln. Eine Heilung ist derzeit nicht möglich. Bereits vor Jahren haben Neurologen die zentrale Bedeutung des Neurotransmitters Dopamin erkannt und Hypothesen über die Entstehung der Krankheit entwickelt. Sie diskutieren Stoffwechselvorgänge in verschiedenen Hirnarealen. Keines der Modelle erklärt jedoch das ganze komplexe Geschehen.

Hinweise auf RLS

Stimmen Patienten bei einer oder bei mehreren Fragen zu, sollten sie sich neurologisch untersuchen lassen:

  • Schlafen Sie schlecht, ohne dass es dafür ersichtliche körperliche oder seelische Gründe gibt?
  • Verspüren Sie starken Bewegungsdrang in den Beinen, wenn Sie sich entspannen?
  • Haben Sie in den Beinen weitere Missempfindungen wie Brennen, Kribbeln, Stechen, Ziehen oder Jucken?
  • Verschwinden die Beschwerden, sobald Sie aufstehen und sich bewegen?
  • Sind Sie tagsüber völlig beschwerdefrei?

Die sekundäre Form ist durch andere Krankheiten, Stoffwechselprozesse oder -funktionsstörungen bedingt, beispielsweise Neuropathien oder chronische Nierenerkrankungen. Verursacht ein Eisenmangel mit Ferritinwerten unter 50 µg pro Liter die Beschwerden, reicht bereits die einmalige, intravenöse Gabe von 500 mg Eisencarboxymaltose aus, um die Symptome drastisch zu bessern. Oft leiden Schwangere unter RLS-Beschwerden. Außerdem kann ein Krankheitsschub durch Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sowie trizyklische beziehungsweise tetrazyklische Antidepressiva ausgelöst werden. Dann muss der Arzt die Therapie umstellen. Darüber hinaus leiden manche Parkinson-Patienten mit wechselnden Episoden von Beweglichkeit und Starre, sogenannten On-Off-Phasen, in der Off-Phase an typischen RLS-Beschwerden. In diesem Fall versucht der Neurologe, die Medikation zu optimieren.

Dopaminerge Behandlung

In Deutschland erhalten rund zwei Millionen Menschen eine Pharmakotherapie, um die Symptome zu lindern. Die meisten Patienten sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Gegen leichte bis mittelstarke Beschwerden verordnen Neurologen L-Dopa (Levodopa) zusammen mit Benserazid oder Carbidopa. Beide Pharmaka hemmen das Enym Dopadecarboxylase peripher. Levodopa soll die Blut-Hirn-Schranke passieren und erst dort zu Dopamin umgesetzt werden. Ohne die Arzneimittel würde Levodopa größtenteils außerhalb des Gehirns verstoffwechselt und könnte seinen Wirkort nicht mehr erreichen. Verschwinden die Beschwerden nach der Arzneistoffgabe plötzlich, gilt das als starker Hinweis auf RLS. PTA und Apotheker sollten den Patienten empfehlen, das Kombinationspräparat eine Stunde vor dem Schlafengehen einzunehmen. Die Wirkung hält maximal fünf Stunden an. Wird eine längere Wirkdauer gewünscht, stehen retardierte Formulierungen zur Verfügung.

Bei manchen Patienten führen die Präparate dazu, dass sich die Beschwerden verschlimmern und tagsüber auf­treten beziehungsweise andere Körperbereiche erfassen. Dieses Phänomen nennen Ärzte Augmentation. Es gilt als eines der stärksten Probleme und führt meist zur Umstellung der Therapie. Als Alternativen kommen die Dopaminagonisten Cabergolin, Pramipexol, Ropinirol oder Rotigotin infrage. Sie stimulieren Dopaminrezeptoren und haben im Vergleich zu L-Dopa eine längere Halbwertszeit. Außerdem sind unter dieser Therapie Augmentationen seltener: Unter L-Dopa sind es bis zu 60 Prozent, unter Rotigotin, transdermal angewandt, 5 Prozent und unter Pramipexol 8,5 Prozent.

Neben einzelnen Arzneistoffen verschreiben Ärzte auch Kombinationen aus L-Dopa mit Dopaminagonisten. Um einen kontinuierlichen Wirkstoffspiegel zu erzielen, stehen nicht nur retardierte Formulierungen zur Verfügung, sondern auch transdermale Pflaster mit Rotigotin. Die Pflaster müssen bei 2 bis 8 Grad Celsius gelagert und vor der Anwendung auf Zimmertemperatur gebracht werden. Die Patienten können selbst wählen, ob sie das Pflaster auf Oberarm, Oberschenkel, Bauch oder Schultern kleben. Allerdings sollte das Hautareal sauber und intakt sein, also frei von Verletzungen oder Reizungen. Wichtig ist, dass die Patienten das Pflaster jeden Tag zur gleichen Zeit wechseln.

Mögliche Alternativen

Zeigen Dopaminergika nicht den gewünschten Effekt, sind Opioide wie Codein, Oxycodon und Tilidin eine mög­liche Alternative. Die Kombination aus Oxycodon plus Naloxon in retardier­ter Galenik besserte RLS-Beschwerden rasch, wie Neurologen kürzlich berichteten. Der Schweregrad der Erkrankung veränderte sich von »sehr schwer« über »moderat« bis hin zu »mild«. Auch die Lebens- und die Schlafqualität der Pa­tienten verbesserten sich. Allerdings traten die von Opioiden bekannten Nebenwirkungen auf wie Obstipation, Übelkeit oder Müdigkeit. Da RLS eine langfristige Behandlungsstrategie erfordert, sollten PTA oder Apotheker die Patienten auf diese unerwünschten Effekte hinweisen. So können sie dazu beitragen, dass die Patienten die The­rapie nicht abbrechen.

Experimentelle Ansätze

Darüber hinaus untersuchen Ärzte die positiven Effekte weiterer Arzneistoffe. So gibt es beispielsweise Hinweise, dass Antikonvulsiva wie Clonazepam, Gabapentin oder Pregabalin die Symptome des RLS lindern. Einzelne Patienten sprechen auf Antiepileptika wie Carbamazepin und Valproinsäure an. Clonidin, ein Arzneistoff gegen arterielle Hypertonie, verbesserte ebenfalls die Beschwerden. Wissenschaftler der Universität Freiburg befassten sich mit der Frage, ob Magnesium RLS-Patienten hilft. Im Vergleich zur Placebogruppe trat bei Patienten keine deutliche Besserung auf. Psychotherapeutische Ansätze erwiesen sich gegen das Leiden ebenfalls als ungeeignet.

Wissenschaftler aus den USA bewerteten RLS als Risikofaktor für eine erektile Dysfunktion. Ihr Ergebnis: Der Stellenwert des RLS sei durchaus vergleichbar mit bekannten Risikofak­toren wie starkes Rauchen, übermä­ßiger Alkoholkonsum, Adipositas, Depressionen, kardiovaskuläre Leiden oder Diabetes mellitus.

Über die Pharmakotherapie hinaus möchten Patienten oft selbst gegen ihre Krankheit aktiv werden. Trotz der Aussagen mancher Hersteller sollten PTA und Apotheker interessierte Patienten darauf hinweisen, dass im Gegensatz zu Arzneistoffen für die beworbenen Präparate meist keine qualitativ hochwertigen Studien vorliegen. Beobachten RLS-Patienten, dass ihre Beschwerden durch größere Mengen an Coffein stärker werden, sollten sie versuchsweise ganz auf Tee, Kaffee, Cola oder Energy-Drinks und ebenso auf Alkohol und Tabak verzichten. Zur Wirksamkeit von Chinin bei RLS-Patienten fehlen ebenfalls wissenschaftliche Untersuchungen.

Weitere Strategien

Fragen Patienten nach einer Empfehlung aus der Alternativmedizin, können PTA oder Apotheker ihnen raten Schüßler-Salze einzunehmen. Hier bieten sich vor allem die Nummer 7 (Magnesium phosphoricum D6), Nummer 14 (Kalium bromatum D6) und die Nummer 21 (Zincum chloratum D6) an. Aus dem Bereich der klassischen Homöopathie lohnt ein Versuch mit Arsenicum album, Rhus toxicodendron, Sepia, Sulfur oder Zincum.

Obwohl Entspannungsübungen wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson bei RLS nicht durchgängig den gewünschten Effekt brachten, profitieren manche Patienten von entsprechenden Verfahren. Wer aus Angst vor erneuten Beschwerden abends nicht einschläft, sollte Maßnahmen zur Verbesserung der Schlafhygiene ausprobieren. Nicht zuletzt bieten Selbsthilfegruppen die Möglichkeit, von den Erfahrungen anderer Menschen mit der gleichen Erkrankung zu profitieren. /

Die International Restless Legs Scale (IRLS)

Die IRLS ist ein Fragebogen, um den Schweregrad von RLS-Symptomen zu bestimmen. Die Patienten müssen folgende zehn Fragen im Verlauf ihrer Therapie mehrfach beantworten. Anhand der Antworten können Ärzte auch den Erfolg einer Pharmakotherapie beurteilen.

  • Wie stark würden Sie die RLS-Beschwerden einschätzen?
  • Wie stark würden Sie Ihren Drang einschätzen, sich wegen Ihrer RLS-Beschwerden bewegen zu müssen?
  • Wie sehr wurden die RLS-Beschwerden in Ihren Beinen oder Armen durch Bewegung gelindert?
  • Wie sehr wurde Ihr Schlaf durch Ihre RLS-Beschwerden gestört?
  • Wie müde oder schläfrig waren Sie tagsüber wegen Ihrer RLS-Beschwerden?
  • Wie stark waren Ihre RLS-Beschwerden insgesamt?
  • Wie oft sind Ihre RLS-Beschwerden aufgetreten?
  • Wenn Sie RLS-Beschwerden hatten, wie stark waren diese durchschnittlich?
  • Wie sehr haben sich Ihre RLS-Beschwerden auf Ihre Fähigkeit ausgewirkt, Ihren Alltagstätigkeiten nachzugehen?
  • Wie stark haben Ihre RLS-Beschwerden Ihre Stimmung beeinträchtigt?

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