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Fortbildung

Schwangerschaft und Stillzeit

25.02.2014
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Von Christiane Berg, Travemünde / Schwanger! Damit beginnt eine spannende Zeit für die werdenden Eltern. Zur Freude gesellen sich oft auch Sorgen und Bedenken, heißt es doch jetzt, Verantwortung für einen neuen Menschen zu übernehmen.

Gerade beim ersten Kind ergeben sich viele Fragen rund um die Lebensführung, sowohl vor der Geburt als auch in den ersten Lebenswochen des Neugeborenen. Mütter und Väter suchen Beratung und Information in der Apotheke insbesondere, wenn Schwangere oder Stillende Medikamente einnehmen müssen. Allopathische und homöopathische Arzneien standen daher im Fokus des achten PTA-Praxisworkshops der Apothekerkammer Schleswig-Holstein. Zu dieser Fortbildung konnten Kammer-Vizepräsident Volker Thode und Jutta Clement, die Leiterin der Akademie für Pharmazeutische Fortbildung und Qualitätssicherung, 102 Teilnehmerinnen begrüßen.

Als typische Beschwerden zu Beginn einer Schwangerschaft nannte Dörte Schröder-Dumke, Hamburg, unter anderem Übelkeit und Erbrechen, häufigen Harndrang, Sodbrennen, Durchfall, Obstipation, Hämorrhoiden oder Vaginalmykosen. »Selbstverständlich sind zunächst stets nicht medikamentöse Behandlungsoptionen in Erwägung zu ziehen«, sagte sie.

Ist eine medikamentöse Therapie unumgänglich, so sollten die Schwangeren nur Arzneimittel einnehmen, die sich bereits lange bewährt haben – am besten mit einem einzigen Wirkstoff, betonte die Referentin. Dabei sollte die Dosis so »niedrig wie möglich, aber so hoch wie nötig« sein. PTA und Apotheker können werdenden Müttern während dieser besonderen Zeit mit professionellen Tipps hilfreich zur Seite stehen.

Das Symptom Übelkeit könne ein Zeichen dafür sein, dass die werdende Mutter sich mehr Ruhe gönnen soll, so Schröder-Dumke. Jetzt seien kleine Mahlzeiten angezeigt. Gegen die Übelkeit helfe Schwangeren warmer Hirsebrei, Nüsse oder Ingwer sowie ein Tee aus Kamillenblüten, Melissenblättern und Pfefferminzblättern, empfahl die Referentin.

Bei andauernden Beschwerden erwägen Ärzte die Gabe von Pyridoxin (Vitamin B6) beziehungsweise auf einer nächsten Stufe die von Meclozin (Import aus Frankreich oder Österreich), von Doxylamin oder Dimenhydrinat beziehungsweise Diphenhydramin. Allerdings sind letztere im dritten Trimenon kontraindiziert.

Obstipation und Allergie

Stichwort Obstipation: Die Hormon­umstellung führe oftmals auch zu Darmträgheit und somit Verstopfung, so Schröder-Dumke. Schaffen hier körperliche Bewegung, ballaststoffreiche Ernährung und eine Trinkmenge von zwei Litern Flüssigkeit am Tag keine Abhilfe, so seien Mittel der ersten Wahl Füll- und Quellstoffe, Flohsamenschalen und Leinsamen beziehungsweise Klistiere. Erst danach sollten PTA oder Apotheker Lactulose und Macrogole sowie – bei deren Versagen – Diphe­nole empfehlen. Schröder-Dumke betonte, salinische Abführmittel, Anthrachinone sowie Paraffin- und Rizinusöl seien absolut kontraindiziert.

Bei Allergien können PTA oder Apotheker den Frauen im Beratungs­gespräch empfehlen, sich jeden Abend die Haare zu waschen sowie regelmäßig eine Nasendusche anzuwenden, so die Pharmazeutin. Für die lokale Anwendung in der Schwangerschaft eigneten sich Glucocorticoide (Beclomethason, Budesonid), Cromoglicinsäure, Imidazole und Antihistaminika wie Azelastin und Levocabastin. Systemisch einsetzbar, so Schröder-Dumke, sind Dimetinden, Clemastin, Loratadin und Cetirizin. Da die Erfahrungen mit neueren Antihistaminika wie Ebastin und Desloratadin begrenzt sind, sollten diese gemieden werden. Eine Hyposensibilisierung könnten Schwangere fortsetzen, jedoch nicht in der Schwangerschaft beginnen.

Bei Sodbrennen sollten werdende Mütter ihren Kaffee- und Teekonsum reduzieren und saure Speisen meiden. Geschälte Mandeln, Heilerde (ultrafein) und – obwohl »ganz eklig« – Kartoffelsaft lindern oft die Beschwerden. Als Medikamente der ersten Wahl kommen Schichtgittersilikate, Magnesium/Aluminiumhydroxid-Kombinationen und Filmbildner zum Einsatz, so die Apothekerin. Versagen die Möglichkeiten der Selbstmedikation, muss die Schwangere einen Arzt aufsuchen.

Stichwort: Erkältungen

Bei Schnupfen nannte Schröder-Dumke als Mittel der ersten Wahl Sprays zum Befeuchten der Nasenschleimhaut mit Meerwasser, Kochsalz und/oder Dexpanthenol. Auch entsprechende Inhalationen und Nasenduschen beziehungsweise ansteigende Fuß- und Armbäder mit Zusätzen von Eukalyptus- oder Pfefferminzöl sowie Thymian lindern die Symptome. Keinesfalls sollten Schwangere ätherische Öle direkt auf die Haut auftragen, etwa groß­flächig auf den Bauch. Xylo- oder Oxymetazolin-haltige Sprays hätten als Medikamente der zweiten Wahl kurzfristig ihre Berechtigung.

Beim Thema Husten betonte die Referentin die Bedeutung pflanzlicher Antitussiva wie Eibischwurzel, Spitzwegerichkraut oder Isländisch Moos. Als Hustenstiller kämen zunächst Dextromethorphan-, bei Therapieversagen Codein-Präparate zum Einsatz. Zum Lösen von Husten und Schleim können PTA oder Apotheker Thymian- und Efeu-Präparate sowie alternativ Acetylcystein, Ambroxol oder Bromhexin empfehlen.

Hals- und Kopfschmerzen

Klagen Schwangere über Halsschmerzen, sollten sie zunächst versuchen, die Beschwerden mit Arzneimitteln zum Gurgeln, Sprühen oder Lutschen zu lindern. Als Lokalanästhetika nannte die Referentin Ambroxol und Lidocain, als Desinfizienzien Hexitidin und Dequaliniumchlorid, des Weiteren Hyaluronsäure, Panthenol sowie Kamille- oder Salbeiblättertee.

Schröder-Dumke betonte, dass Schwangere – mehr noch als andere Erkältete – sich viel Schlaf, Ruhe und Bewegung an der frischen Luft gönnen sollten. Leicht erhöhte Temperaturen können kalte Wadenwickel senken.

Bei (Kopf)Schmerzen sollten sich die Frauen ebenfalls körperlich schonen, ihren Flüssigkeitskonsum erhöhen und gegebenenfalls Kühlkompressen anwenden. Bis zur 28. Schwangerschaftswoche seien Paracetamol und Ibuprofen einsetzbar, als Mittel der zweiten Wahl Diclofenac.

Chronische Erkrankungen

Das Vorgehen bei der Therapie chronischer oder schwangerschaftsbedingter Erkrankungen ist selbstverständlich alleinige Aufgabe des behandelnden Arztes. »Die Praxis zeigt jedoch, dass Patientinnen – oft verunsichert durch Beipackzettel – sich mit vielen Fragen an PTA oder Apotheker wenden. Diese Fragen müssen Sie beantworten können«, wandte sich Anne Vicktor, Bielefeld, an das Auditorium.

Häufig sei es notwendig, der Patientin im Beratungsgespräch zu ver­deut­lichen, dass eine unbehandelte Erkrankung in der Schwangerschaft größere Gefahren für das Ungeborene mit sich bringt als das vom Arzt verordnete Arzneimittel. So erweise sich beispielsweise ein unbehandelter Harnwegsinfekt als risikoreicher als die oft un­um­gäng­liche Pharmakotherapie.

Unbehandelte Depressionen, so die Referentin, erhöhen das Risiko einer Frühgeburt. Auch ein zu niedriges Geburtsgewicht oder ein verzögertes Wachstum des Kindes werden mit Depressionen in Zusammenhang gebracht. Zumeist verordne der behandelnde Arzt der Frau einen gut untersuchten Wirkstoff. Die peripartale Depression betreffe 18 bis 20 Prozent der Schwangeren. Möchte die Frau ihr Baby stillen, sei Sertralin das Mittel der Wahl oder auch Citalopram. Paroxetin gilt als kontraindiziert, da eine erhöhte Rate an Herzfehlbildungen auf diesen Wirkstoff zurückgeführt wird.

Erste Wochen mit dem Baby

»Das Kind ist da, die Freude ist groß. Doch auch die Stillzeit kann von Beschwerden wie Wochenfluss, Brustdrüsenschwellungen, einem schmerzenden Damm, Harninkontinenz, Schwangerschaftsstreifen, Haarausfall und extremer Erschöpfung geprägt sein«, betonte Dr. Susanne Hahn, Travemünde. Im anschließenden Work­shop nannte sie Hinweise und Empfehlungen, die PTA oder Apotheker jungen Müttern mit auf den Weg geben können.

In den »Flitterwochen mit dem Neugeborenen« sollten diese stets »ihr Bauchgefühl walten« lassen. Hahn: »Es gibt mehr als einen richtigen Weg, um mit einem Kind zu leben. Raten Sie den Müttern, auf ihre Instinkte zu achten und sich nicht durch irgendwelche, oft überholte Regeln und Theorien von sich und ihrem Baby zu entfernen.«

Gemäß Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten Frauen ihren Säugling sechs Monate ausschließlich stillen und danach bis zu zwei Jahre lang dem Alter adäquate Kost beifüttern, so die Pharmazeutin. Auf diese Weise werde die Sterblichkeit der Kleinkinder vermindert, ihre kognitiven Fähigkeiten werden gefördert und die Mutter-Kind-Beziehung wird gestärkt.

Hahn betonte, dass Arzneiverordnungen in der Stillzeit die Mütter oftmals verunsichern, ihre Compliance verschlechtern oder sogar zum Abstillen führen. Wählt ein erfahrener Arzt die Medikamente aus, erfordere die Einnahme jedoch nur selten eine Stillpause. »Jungen Müttern sollte im Beratungsgespräch vermittelt werden, dass die Vorteile der Muttermilch durch Weiterführen des Stillens im Vergleich zur möglichen Gefährdung durch eine Arzneimitteltherapie bei Weitem überwiegen«, betonte Hahn.

Aus Umfragen sei bekannt, dass etwa 90 Prozent der Stillenden in den westlichen Industrienationen unter anderem Schmerz-, Husten-, Schnupfen-, Abführ-, Schlaf- oder Beruhigungsmittel zur Behandlung sogenannter »banaler« Erkrankungen einnehmen. Daher wissen Mediziner heute, dass bei diesen Medikamenten lediglich 1 bis 2 Prozent der eingenommenen Dosis in die Milch übergeht und somit keine Gefahr für das Kind besteht.

Größte Sorgfalt angezeigt

Dennoch sei auch bei relativ »banalen« Medikamenten größte Sorgfalt angezeigt und die Frau gegebenenfalls an den Arzt zu verweisen. Dieser allein entscheide über (Kontra-)Indikationen. Außerdem bestehe bei wiederholter Einnahme scheinbar unbedenklicher Arzneimittel die Gefahr kumulativer Effekte beim Säugling.

So ist zum Beispiel die Halbwertszeit von Acetylsalicylsäure beim Säugling doppelt so lang wie bei der Mutter, zudem ist die Gefahr eines Reye-Syndroms gegeben. Auch Diclofenac, so Hahn, bedürfe der strengen Indikationsstellung und sollte nicht längerfristig eingesetzt werden. Bei Naproxen mache dessen extrem lange Halbwertszeit von 12 bis 15 Stunden die ärztliche Beobachtung unerlässlich.

Ibuprofen gilt in der Stillzeit als Mittel der ersten Wahl bei Schmerzen, denn der Wirkstoff erscheine »so gut wie überhaupt nicht« in der Muttermilch. Paracetamol nannte die Referentin als Mittel der zweiten Wahl, da dieser Wirkstoff aufgrund der hohen Plasmaproteinbindung »mit hoher Sicherheit an das Kind weitergegeben wird«.

Stichwort Antiallergika in der Stillzeit: Cetirizin können Stillende unbedenklich einnehmen, so Hahn. Ist ein sedierender Effekt unerwünscht, sollten sie Clemastin bevorzugen. Loratadin sei ungeeignet, da es in Folge der unreifen Leberfunktion des Kindes in dessen Körper kumulieren könnte. Lokale Antihistaminika könnten Stillende bedenkenlos anwenden.

Als sicher, so Hahn, gelten auch vom Arzt verordnete Antibiotika. Allerdings müsse die Mutter damit rechnen, dass die Magen-Darm-Flora des Säuglings beeinträchtigt wird und es dadurch zu Pilzbefall, Diarrhö oder Überempfindlichkeitsreaktionen kommt. Toxische Effekte seien aber nicht zu befürchten.

Stichwort Antitussiva und Expektorantien in der Stillzeit: Pentoxyverin sei wegen der Gefahr des Atemstillstands des Säuglings bei Stillenden kontraindiziert. Hingegen gäbe es keine Anhaltspunkte für Risiken bei der Einnahme von Präparaten mit ätherischen Ölen wie Eucalyptus-, Lavendel- oder Melissenöl. Da diese jedoch in die Muttermilch übergehen, spucken manche Säuglinge die Milch aus, weil sie ihnen nicht schmeckt. Dann müssen die Mütter die Milch abpumpen und verwerfen.

Hahn warnte vor Substanzen »außerhalb der Roten Liste« und hier unter anderem vor chinesischen Kräutern und Mitteln aus der Ayurveda-Medizin. Diese könnten mit Blei, Arsen oder Quecksilber belastet sein und sollten unbedingt gemieden werden.

Individuelle Ansprache

Auf die Möglichkeiten der Homöopathie bei Beschwerden in der Schwangerschaft und Stillzeit verwies Daniela Haverland, Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie mit Zusatzbezeichnung Homöopathie und Naturheilverfahren. Sie betonte, dass die Empfehlung von Homöopathika viel Erfahrung und Kenntnisse in Anamnese, Potenzwahl und Dosierung erfordert. »Wenn Sie ein geeignetes Mittel in geeigneter Dosierung finden wollen, müssen Sie fragen, fragen, fragen. Gemäß der Lehre von Samuel Hahnemann ist der jeweilige Konstitutionstyp der Patientin entscheidend.«, so die Apothekerin. Beispielsweise sei auch »Übelkeit nicht gleich Übelkeit.« Zu den wichtigen Fragen gehören: »Reagieren Sie überempfindlich auf Gerüche? Unter welchen Umständen geht es Ihnen besser oder schlechter? Wie ist Ihre momentane Stimmung?«

Ob Colchicum oder Sepia D 12, ob Ipecacuanha, Nux vomica oder Pulsatilla: Die Wahl des Mittels richte sich nach den individuellen Gegebenheiten, die das Befinden der werdenden Mutter prägen, führte Haverland aus.

Das gelte auch für die Wahl eines homöopathischen Mittels gegen Sodbrennen (Iris, Nux vomica oder Robinia pseudacacia), Obstipation (Opium, Collinsonia), Rückenschmerzen (Rhus toxicodendron, Aesculus), Schlafstörungen (Aconitum, Ignatia, Cimicifuga, Coffea), Rhagaden (Arnica, Calendula) oder Mastitis (Belladonna, Apis, Bryonia oder Phytolacca). Wer in der Lehre der Homöopathie bewandert ist, kann Frauen sowohl in Schwangerschaft als auch Stillzeit hilfreich zur Seite stehen. /

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