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Mistel

Vom Mythos zur Heilpflanze

25.02.2014
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Von Monika Schulte-Löbbert / Um kaum eine andere heimische Pflanze ranken sich so viele Mythen wie um die Mistel. Den Germanen galt sie als heilig, den Kelten diente sie als Zauberpflanze mit übernatürlichen Kräften. In England und den USA ist sie ein beliebter Glücksbringer zur Weihnachtszeit. Als Heilpflanze wird die Mistel heute nicht ganz unumstritten in der Therapie von Krebserkrankungen eingesetzt.

Im Winter hat die Mistel ihren großen Auftritt: Wenn die Bäume ihr Laub verlieren, fällt die immergrüne Pflanze hoch oben in den Baumkronen erst richtig auf. Sie lebt dort als Parasit auf den Ästen der Bäume. Ihre Wurzeln treibt sie in das Holz der Wirtsbäume und versorgt sich über deren Leitungsbahnen mit Wasser und den darin gelösten Mineralsalzen. Nährstoffe kann sie dank ihrer immergrünen Blätter mittels Photosynthese selbst herstellen. Deshalb zählt die Mistel zu den Halbschmarotzern. Im Laufe der Jahre wachsen die Pflanzen zu kugeligen Büschen heran, die bis zu einem Meter Durchmesser erreichen können.

Die Gattung Mistel ist weltweit auch in tropischen Zonen verbreitet, die pharmazeutisch genutzte Weißbeerige Mistel, Viscum album L., wächst nur in den gemäßigten Regionen, von Südskandinavien bis nach Mittel- und Südeuropa. Dort gedeiht sie überwiegend auf Laubbäumen an basenreichen Standorten. Um 1900 wurde die Mistel in die Vereinigten Staaten eingeschleppt und hat sich nördlich von San Francisco verbreitet.

Ein Frühblüher

Viscum album gehört zur Familie der Mistelgewächse (Viscaceae) und ist zweihäusig (diözisch). Es gibt entweder rein weibliche oder rein männliche Pflanzen. Sie blühen bereits früh im Jahr, bei günstiger Witterung von Mitte Januar bis Anfang April. Die unscheinbaren Blüten stehen in den obersten Blattachseln. Nach der Bestäubung durch Insekten reifen die weiblichen Blüten im Spätherbst zu weißen, leicht durchscheinenden Beeren heran. In ihnen befinden sich je einzelne Samen, eingehüllt von einer zähen, schleimig klebrigen Schicht, die als Viscin bezeichnet wird.

Aus den klebrigen Scheinbeeren stellten die Römer sogenannten Vogelleim her, den sie auf Zweige strichen, um Singvögel zu fangen. Diese Verwendung gab der Mistel ihren Gattungsnamen »Viscum«, das im Lateinischen »Leim« bedeutet. Auch der Begriff »Viskosität« geht auf den klebrigen Schleim der Mistelbeere zurück.

Die Verbreitung der Pflanze erfolgt überwiegend durch Vögel. Specht und Eichelhäher, vor allem aber die Mistel­drossel, fressen die weißen Früchte, können aber die Samen nicht verdauen. So werden diese zusammen mit dem Kot und Resten des klebrigen Fruchtfleisches wieder ausgeschieden und bleiben an der Rinde von Ästen des künftigen Wirtsbaumes haften.

Beginnt der Same dort zu keimen, bildet sich zunächst eine Haftscheibe, die der Jungpflanze Halt gibt. Aus dieser Haftscheibe entwickelt sich eine Primärwurzel, die immer weiter in das Wirtsgewebe eindringt. Bis die Wurzel endlich die Leitungsbahnen des Wirtsbaumes erreicht, vergeht etwa ein Jahr. Die Mistel wächst also recht langsam. Erst im zweiten Jahr bildet sich der erste verzweigte Spross mit den schmalen, lederartigen gelbgrünen Blättern. Weitere Jahre vergehen, bis die Pflanze zu ihrer typischen kugeligen Form herangewachsen ist. Da die Mistel in jedem Jahr ein Sprosselement entwickelt, ist es möglich, das Alter eines Mistelbusches durch Zählen der Knoten zu bestimmen. Mistel­büsche mit einem halben Meter Durchmesser sind durchaus 30 Jahre alt.

Innerhalb der pharmazeutisch genutzten Art Viscum album gibt es drei Unterarten, die sich äußerlich kaum unterscheiden, jedoch nur auf bestimmten Bäumen wachsen. Hoch spezialisiert auf jeweils nur einen Wirt sind die Kiefernmistel (Viscum album ssp. austriacum) und die Tannenmistel (Viscum album ssp. abietis). Dagegen schmarotzt die Laubholzmistel (Viscum album ssp. album) auf vielen verschiedenen Laubbäumen, auf Pappeln und Weiden genauso wie auf Apfelbäumen, Linden, Robinien oder Ahorn. Buchen und Eichen sind ganz selten befallen. Vermutlich ist ihr Holz zu hart für die Wurzeln der Mistel.

Ihren Wirtsbäumen fügt die Mistel trotz des Wasser- und Mineralienentzugs in der Regel keinen dauerhaften Schaden zu. Besonders dichter Befall führt allerdings meist zu vermindertem Wuchs.

Entgegen landläufiger Meinung steht die Mistel nicht unter Naturschutz. Wer größere Mengen zu gewerblichen Zwecken sammeln möchte, benötigt dazu jedoch eine behördliche Genehmigung. Alle anderen Pflücker müssen stets darauf achten, dass der Wirtsbaum keinen Schaden nimmt. Bisher hat die stärker gewordene Nachfrage als Weihnachtsschmuck den Bestand noch nicht messbar gefährdet.

Im Zaubertrank

Die Pflanze, die zwischen Himmel und Erde gedeiht, hat die Menschen in allen Jahrhunderten fasziniert. Sie galt nicht nur als Wundermittel gegen Krankheiten aller Art, sondern wurde auch als Zeichen immerwährenden Lebens verehrt. Die Germanen betrachteten die Mistel als Geschenk des Himmels, deren Samen die Götter in die Bäume streuen. Die gallischen Priester, die Druiden, schätzten keine Pflanze heiliger als die Mistel und ihren Wirtsbaum. Mit einer goldenen Sichel ernteten die weiß gekleideten Druiden die Mistel in einer besonderen Zeremonie, wobei die Pflanze nie den Boden berühren durfte. Sie ist auch Bestandteil des vom Druiden Miraculix (aus den Asterix-Comics) gebrauten Zaubertranks. Erst die Mistel verleiht dem Trank und damit den tapferen Galliern überirdische Kräfte, um sich gegen die übermäch­tigen Römer zu verteidigen.

Die Verehrung der Mistel hielt über Jahrhunderte an. Bald galt sie als friedensstiftende Pflanze, unter der die Menschen sich versöhnten und sich den Friedenskuss gaben. Aus dem Friedenskuss wurde schließlich der Liebeskuss, den sich die Paare in angelsäch­sischen Ländern schon vor der Ehe unter einem Mistelzweig geben durften. Lange bevor der Christbaum in Mode kam, war die Mistel auch in Mitteleuropa ein beliebter Weihnachtsschmuck.

Beliebtes Motiv

Die mit der Mistel assoziierten geheimnisvollen Vorstellungen spiegeln sich in den volkstümlichen Namen wie Donnerbesen, Hexenkraut oder Druidenfuß wider. Ihre Tradition als Glücksbringer überwiegt aber bei Weitem die ihr zugeschriebenen negativen Wirkungen. In Kunst und Kunsthandwerk erlebte die Mistel vor allem im Jugendstil ihre große Zeit. Um die vorletzte Jahrhundertwende zierte das Misteldekor Schmuckstücke sowie Gebrauchsgegenstände.

Auch als Arzneipflanze hat die Mistel eine lange Tradition. Schon Hippokrates (um 400 v. Chr.) empfahl die Pflanze gegen die Milzsucht. Der römische Gelehrte Plinius (um 60 n. Chr.) beschrieb sie in seiner »Naturalis historia« als wirksam bei Fallsucht. Die Mistel fehlt in keinem der im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen Kräuterbücher. Aufgrund der vielen Mythen, die sich um die Mistel ranken, galt sie als beste Heilpflanze gegen unerklär­liche Krankheiten wie Epilepsie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung der Mistel als Heilmittel stark ab. Lediglich ein aus den Beeren hergestellter hautfreundlicher Klebstoff für Pflaster wurde noch verwendet.

Anfang des 20. Jahrhunderts führte Rudolf Steiner (1861–1925), der Begründer der Anthroposophie, die Mistel in die Tumortherapie ein. Er sah Ähnlichkeiten zwischen der Mistel und einer Krebsgeschwulst, da sich zum Beispiel beide von einem Wirtsorganismus ernähren. Gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegmann (1876–1943) entwickelte er das erste wässrige Mistelpräparat zur Injektion.

Lektine und Viscotoxine

Für die immunstimulierende und zytostatische Wirkung der Mistel sind vor allem zwei Stoffgruppen verantwortlich: die Lektine und die Viscotoxine. Lektine sind Verbindungen aus Aminosäuren und Zucker, sogenannte Glycoproteine. Ihr Gehalt in der Pflanze ist im Winter am höchsten. Im Unterschied zum strukturverwandten Ricin wirken die Mistellektine bei oraler Aufnahme nicht toxisch, da sie praktisch nicht resorbiert werden.

Viscotoxine sind hochmolekulare toxische Polypeptide, die Zellen zerstören können. Ihre Konzentration in der Pflanze ist im Sommer am höchsten. Die toxischen Proteine sind vor allem in den Blättern und Stängeln enthalten, in den Beeren sollen Viscotoxine fehlen. Deshalb gelten die Beeren nur als gering giftig. Außerdem enthält Viscum album wasserlösliche Polysaccharide sowie Flavonoide, Triterpene und Amine.

Zur Reiztherapie

In der Volksmedizin wird dem Teeaufguss aus Mistelkraut – Visci herba (DAB 2008) – oder einem Fertigpräparat mit Mistelextrakten zur peroralen Anwendung eine blutdrucksenkende Wirkung zugeschrieben. Als weitere Einsatz­gebiete gelten Asthma, Arteriosklerose und Schwindelanfälle. Allerdings existiert für diese Indikationen bisher kein wissenschaftlich gesicherter Nachweis. Nur die parenterale Applikation von Mistelextrakt senkt vorübergehend den Blutdruck. Für diese Wirkung sind vermutlich die biogenen Amine verantwortlich. Zur Therapie des Bluthochdrucks kann Mistelextrakt aber nicht genutzt werden, da die Injektion des Extrakts Haut und Gewebe reizt. Diese Effekte werden andererseits genutzt, indem wässrige Extrakte intracutan zur lokalen Reizkörpertherapie gespritzt werden. Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes bewertete 1984 deshalb die Segmenttherapie bei degenerativ entzündlichen Gelenk­erkrankungen positiv.

Ebenso positiv bewerteten die Experten der Kommission die Mistel zur Palliativtherapie im Sinne einer unspe­zifischen Reiztherapie bei Patienten mit malignen Tumoren. Die begleitende parenterale Misteltherapie kann die Lebensqualität und die Stimmungslage der Tumorpatienten verbessern, Müdigkeit, Übelkeit und Infektanfälligkeit lindern. Allerdings gehört die Injektionstherapie in die Hände von erfahrenen Ärzten, denn sie müssen aus den Mistel­extrakten der verschiedenen Wirtsbäume die für ihren Patienten richtige individuelle Behandlung auswählen. Die Injektionslösungen werden stets aus Auszügen der ganzen Frischpflanze bereitet. Die Extrakte von Sommer- und Wintermisteln werden gemischt, um ein möglichst breites Wirkspektrum zu erhalten. Auch wird darauf geachtet, auf welchem Wirtsbaum die Pflanze wächst. Das lässt sich leicht an den Präparate­namen erkennen: Die Bezeichnung P steht für Pini (die Kiefernmistel), M für Mali (die Apfelbaummistel), Qu für Quercus (die Eichenmistel) oder A für Abietis (die Tannenmistel). Die Injek­tions­lösungen Helixor® oder Iscador® seien beispielhaft für diese Misteltherapie genannt.

Die Anwendung der Mistel in der Krebsbehandlung ist trotz umfangreicher Literatur und zahlreicher Studien weiterhin umstritten. Neuere klinische Daten scheinen die Wirksamkeit der Misteltherapie als adjuvante Maßnahme zu bestätigen. Sie stärkt das Immunsystem, steigert den Appetit und weckt neue Lebensgeister. So erleben viele Patienten während der Mistel­therapie, dass sich ihr Allgemeinbefinden schnell bessert und damit auch ihre Lebensqualität. Eine Alternative zu Operation, Chemotherapie, Bestrahlung oder modernen Zytostatika ist die Misteltherapie in keinem Fall.

Allergische Reaktionen

Unerwünschte Wirkungen sind nach oraler Gabe von Mistelpräparaten kaum zu erwarten, in seltenen Fällen sind allergische Reaktionen möglich. Dagegen nennt die Kommission E als Nebenwirkungen bei parenteraler Applikation Schüttelfrost, hohes Fieber, Kopfschmerzen, pektanginöse Beschwerden, orthostatische Kreislaufstörungen und allergische Reaktionen.

Bei der Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln kommt es auf das Ziel der Anwendung an. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) ist deshalb der Auffassung, dass Mistelpräparate nur zur Linderung der Beschwerden unheilbarer Tumorpatienten – also in der Palliativtherapie – zulasten der Krankenkasse verordnet werden können. /

Informationen im Internet

Weitere Informationen zur Mistel­therapie finden Interessierte beim Krebsinformationsdienst am Deutschen Krebsforschungszentrum (dkfz) im Internet unter
www.krebs­informationsdienst.de/behandlung/mistel.php

E-Mail-Adresse der Verfasserin
schulte-loebbert(at)t-online.de