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Selbstmedikation

Chronische Obstipation konsequent behandeln

26.01.2015  11:34 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Früher oft als Bagatelle abgetan, ist lang dauernde Verstopfung heute als Erkrankung anerkannt. Vor allem älteren Menschen macht dieses Problem oft zu schaffen. PTA und Apotheker können den Betroffenen ein wirkungsvolles Medikament empfehlen. Doch zunächst muss die Ursache der Beschwerden abgeklärt werden.

Chronische Verstopfung ist ein Problem, mit dem viele Menschen zu kämpfen haben. Schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen, vor allem Frauen sind betroffen. PTA und Apotheker sind allerdings in der Beratung oft auch mit falschen Vorstellungen ihrer Kunden konfrontiert und müssen diese gerade­rücken. Denn nicht wenige Menschen glauben,   sie müssten täglich Stuhlgang haben – andernfalls halten sie sich für verstopft. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die indi­viduellen Unterschiede bei der Darmentleerung sind enorm groß. Erst wenn Patienten seltener als alle drei Tage Stuhlgang haben, sprechen Ärzte von Obstipa­tion.

Chronische Obstipation ist grundsätzlich von der akut auftretenden Verstopfung zu unterscheiden. Diese beruht meist auf einer Änderung der Lebens­gewohnheiten, beispielsweise eine Umstellung der Ernährung, eine Urlaubsreise, mehrtägige Bettruhe oder Fieber. Wenn sich die Situation wieder normalisiert, verschwinden die Beschwerden meist von selbst. Es spricht allerdings nichts dagegen, kurzfristig Laxanzien anzuwenden, um das Wohlbefinden wieder herzustellen.

Problem ernst nehmen

Mediziner sprechen dann von chronischer Obstipation, wenn Patienten seit mindestens drei Monaten unter Verstopfung leiden und zwei weitere sogenannte Leitsymptome hinzukommen. Dazu zählen beispielsweise starkes Pressen, klumpiger, harter Stuhl oder subjektiv empfundene unvollständige Entleerung. Typisch sind außerdem Blähbauch, Völlegefühl, Übelkeit und Schmerzen bei der Darmentleerung. Dies belastet die Betroffenen oft stark.

Im Unterschied zu früher erkennt die Medizin heute den Krankheitswert der chronischen Obstipation an. Außerdem haben Fachleute festgestellt, dass faser­arme Kost, geringe Flüssigkeitsaufnahme und mangelnde Bewegung nur selten die wirklichen Ursachen für chronische Obstipation sind.

Ärzte unterscheiden bei der Obstipation zwischen Passage- und Entleerungsstörungen. Bei Passage-Störungen gelingt es dem Darm nur unzureichend, den Darminhalt weiterzutransportieren. Den Entleerungsstörungen liegen oft mechanische Ursachen zugrunde, wie eine Senkung des Beckenbodens oder Ausstülpungen im Inneren des Enddarms. Zudem können Funktionsstörungen der Darmmuskulatur die Entleerung behindern.

Obstipation tritt außerdem sehr häufig als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auf, insbesondere bei Opiaten (siehe Kasten). Auch verschiedene Erkrankungen des Nerven- oder des Hormonsystems können zu Obstipation führen. Dazu zählen Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Querschnittslähmung oder Hypothyreose.

Therapie je nach Ursache

Ist eine Entleerungsstörung Ursache der Obstipation, so liegt der Schwerpunkt der Behandlung bei Methoden wie Beckenbodengymnastik oder Biofeedback. Ergänzend werden Gleitmittel in Form von Klistieren oder Suppositorien eingesetzt. Deren Wirkung tritt nach zehn bis zwanzig Minuten ein.

Arzneistoffe, die als Nebenwirkung Obstipation hervorrufen können

  • Anticholinergika
  • Antiepileptika
  • Antihistaminika
  • Antihypertensiva
  • Calciumhaltige Antazida
  • Colestyramin
  • Diuretika
  • Monoaminooxidase-Hemmer
  • Neuroleptika
  • Opiate
  • Spasmolytika
  • Sympathomimetika
  • Trizyklische Antidepressiva

Zur Behandlung der chronischen Obstipation aufgrund einer Passage-Störung empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), es zunächst mit einfachen Änderungen des Lebensstils zu versuchen. Der Patient sollte sich ballaststoffreicher ernähren, täglich eineinhalb bis zwei Liter trinken und sich mehr bewegen. Viel ist von diesen Maßnahmen nicht zu erwarten, doch dem ein oder anderen mögen sie helfen. Was die Bewegung angeht, so stoßen die Patienten hier oft an ihre natürlichen Grenzen. Gerade ältere Menschen sind häufig nicht in der Lage, so aktiv zu sein, dass die Bewegung ihren Darm in Schwung bringt.

Bessern sich die Beschwerden also nicht, können PTA und Apotheker dem Kunden ein Ballaststoffpräparat empfehlen. Ballaststoffe erhöhen das Stuhlvolumen durch Wasserbindung und regen über eine Wanddehnung die Darmbewegungen an. In Frage kommen beispielsweise Weizenkleie, Leinsamen (Semen Lini) oder Flohsamen (Semen Psyllii). Da allerdings – besonders zu Beginn – Blähungen auftreten, setzen Patienten nicht selten das Präparat ab. Ein Tipp für die Praxis: Mit einer niedrigen Menge beginnen und die Dosis langsam steigern. Auf diese Weise lassen sich Blähungen oft vermeiden. Auch die Präparate-Auswahl ist von Bedeutung: Lösliche Ballaststoffe wie in Flohsamenschalen verursachen weniger Blähungen als unlösliche.

Außerdem sollten die Kunden wissen, dass die Wirkung oft erst nach einigen Tagen eintritt. Denn es braucht ein bisschen Zeit, bis der Darm reagiert. Ballaststoffe müssen immer mit einer großen Flüssigkeitsmenge eingenommen werden, da sie ansonsten verklumpen und einen Darmverschluss verursachen können. Verschwinden die Blähungen nicht innerhalb weniger Tage, ist der Wechsel auf eine andere Wirkstoffgruppe sinnvoll.

Langzeiteinnahme möglich

Wirken Ballaststoffe nicht ausreichend oder sind die Nebenwirkungen nicht akzeptabel, sind Makrogol, Bisacodyl oder Natriumpicosulfat Mittel der ersten Wahl. Die Präparate können ohne Bedenken langfristig eingesetzt werden – auch während der Schwangerschaft. Bei chronischer Obstipation richten sich Dosierung und Einnahmefrequenz nach dem individuellen Bedarf. Macrogol ist ein Polyethylenglycol, das über Wasserstoffbrücken sehr viel Wasser im Darm binden kann. Es ist sehr gut verträglich und führt nicht zu Blähungen. Bisacodyl wird erst im Dickdarm in die Wirkform umgewandelt. Diese stimuliert direkt die Darmmuskulatur zur Kontraktion und damit zum Weitertransport des Darminhaltes. Darüber hinaus strömt Wasser in den Darm ein. Dadurch nimmt das Volumen des Stuhls zu und die Darmperistaltik wird angeregt. Die Wirkung des Arzneistoffs tritt innerhalb von fünf bis zehn Stunden ein. Zäpfchen wirken wesentlich schneller, innerhalb von zehn bis zwanzig Minuten. Auch das analoge Natriumpicosulfat wird erst dort durch die Darmbakterien im Dickdarm in die Wirkform überführt und wirkt nach acht bis zwölf Stunden. Aufgrund der guten Verträglichkeit und chemischen Stabilität gibt es Natriumpicosulfat auch als Tropfen. Diese erlauben eine sehr individuelle Dosierung.

Viele Alternativen

Des Weiteren kommen sogenannte Osmolaxanzien, wie Lactulose, Lactitol oder Lactose, in Betracht, die ebenfalls für Schwangere geeignet sind. Die im Dickdarm daraus entstehenden Stoffwechselprodukte sind osmotisch aktiv. Sie führen zu einer Verflüssigung des Darminhaltes mit entsprechender Volumenvermehrung. Von Nachteil ist manchmal die Gasbildung im Darm, die zu unangenehmen Blähungen führen kann.

Die Wirkung der klassischen Abführdrogen wie Aloe, Faulbaumrinde, Sennesblätter und -früchte, Kreuzdornbeere oder Rhabarberwurzel beruht auf ihrem Gehalt an Anthranoiden. Erst die Bakterien im Dickdarm überführen diese Substanzen in die abführend wirkende Form. Wegen dieser notwendigen Aktivierung tritt die Wirkung erst nach acht bis zehn Stunden ein.

Auch bestimmte Probiotika haben sich zur Behandlung der chronischen Obstipation bewährt, Studien zeigten dies beispielsweise für den Stamm E.-coli-Stamm Nissle 1917.

Alte Hausmittel wie Glaubersalz, Bittersalz und Paraffinöl werden dagegen bei chronischer Obstipation nicht empfohlen. Die möglichen Nebenwirkungen sind hier größer als der Nutzen.

Die optimale Therapie finden

Menschen sprechen sehr verschieden auf die unterschiedlichen Laxanzien an. Das sollten PTA und Apotheker berücksichtigen, wenn ein Kunde darüber klagt, dass das empfohlene Präparat bei ihm nicht gewirkt hat. In diesem Fall sollten die Patienten auf ein Präparat aus einer anderen Wirkklasse wechseln oder zwei Laxanzien mit unterschiedlichen Wirkmechanismen kombinieren. Ist der Effekt weiterhin unbefriedigend, kann der Arzt ein Prokinetikum wie Prucaloprid verordnen. Dieses wirkt als selektiver Serotonin-Rezeptor-Agonist und fördert gezielt die Darmbewegungen.

Patienten, die aufgrund einer anderen Erkrankung Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide erhalten, entwickeln vor allem bei hohen Dosierungen eine Obstipation. Sie benötigen dann eines der oben genannten Laxanzien. Alternativ verordnen manche Ärzte Methylnaltrexoniumbromid, einen selektiven Antagonisten bei Opioid-induzierter Obstipation. Diesen Wirkstoff verschreiben Ärzte meist Patienten in fortgeschrittenen Krankheitsstadien, etwa bei einer Krebserkrankung.

Grundsätzlich gilt für jede Selbstmedikation einer länger dauernden Obstipation oder bei starken Beschwerden, dass zunächst ein Arzt deren Ursache abklären muss. PTA und Apotheker sollten Ratsuchende, die über chronische Obstipation klagen, immer zunächst an den Arzt verweisen, damit keine schwerwiegende Erkrankung übersehen wird.

Ergibt sich in der Beratung, dass ein anderes Medikament, das der Patient dauerhaft einnimmt, möglicherweise die Verstopfung verursacht, sollten PTA und Apotheker ihn auf diesen Zusammenhang hinweisen. Gegebenenfalls verordnet der Arzt dann einen anderen Arzneistoff oder ändert die Dosierung.

Auf Dosierung achten

Die Bewertung der Laxanzien hat sich in den letzten Jahren erheblich geändert. Während Mediziner früher aus Furcht vor den Nebenwirkungen einer dauerhaften Laxanzien-Anwendung dringend abrieten, gilt die Langzeit­anwendung in bestimmungsgemäßer Dosierung heute als unproblematisch. Die Dosis ist so zu wählen, dass es alle ein bis drei Tage zu einer beschwerdefreien Darm- Entleerung kommt. Entgleisungen des Elektrolytstoffwechsels sind bei einer solchen Dosierung nicht zu befürchten. /

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