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Heuschnupfenprävention

Flucht vor den Pollen

26.01.2015  11:34 Uhr

Von Inga Richter / Etwa die Hälfte aller Allergiker reagiert übersensibel auf Blütenpollen. Einige Maßnahmen können helfen, die Allergene weitgehend zu meiden. Darüber hinaus schützt eine frühzeitige und zielgerichtete Behandlung vor Folgeerkrankungen.

Von einer Sekunde auf die andere läuft die Nase, die Augen jucken und brennen, heftige Nies­attacken, manchmal sogar Fieber begleiten diese Symptome. Die Betroffenen fühlen sich müde, abgeschlagen und krank. Treten die Beschwerden erstmals auf, liegt der Gedanke an eine Erkältung nahe. Doch insbesondere der plötzliche Ausbruch könnte darauf hindeuten, dass die körpereigene Abwehr keine Viren oder Bakterien bekämpft, sondern harmlose Partikel in der Atemluft. »Heuschnupfen ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine allergische Rhinitis«, sagt die Biologin Anja Schwalfenberg vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) e. V. Auch Tierhaare und Hausstaubmilben rufen eine allergische Rhinitis hervor. Doch im Großteil aller Fälle führen Pollen das Immunsystem der Betroffenen in die Irre. Daher verwenden viele Menschen die Begriffe Heuschnupfen und Pollenallergie oftmals synonym.

Die Häufigkeit von Allergien hat in den letzten Jahrzehnten in vielen Regionen der Welt dramatisch zugenommen. Laut Informationen der »Lungenärzte im Netz« lebten 1960 in Deutschland lediglich 3 Prozent Allergiker, 1995 bereits 30 Prozent. Diesen Trend bestätigen mehrere Untersuchungen, unter anderem die »Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland« (DEGS1) der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2013. Bei knapp einem Drittel der 7988 Befragten zwischen 18 und 79 Jahren hatte ein Arzt bis zum Zeitpunkt der Umfrage mindestens eine Allergie diagnostiziert. Die Hälfte dieser Allergiker, also 14,8 Prozent der befragten Teilnehmer, litten an Heuschnupfen.

Über mögliche Ursachen für diesen dramatischen Anstieg wird viel spekuliert. Für die Pollenallergie könnte der Klimawandel von Bedeutung sein, da steigende Temperaturen zu längeren Blütezeiten und somit zu einem Vielfachen an Allergen-Belastung führen. Einige Experten sehen einen Zusammenhang zwischen den steigenden Allergikerzahlen und dem Ausmaß der Umweltverschmutzung, den Schadstoffen in der Luft und in Wohnräumen. Für diese These spricht, dass in den Entwicklungsländern Allergien bislang nahezu unbekannt sind.

Die Hygiene-Hypothese

Ein anderer Erklärungsansatz macht den heutigen Lebenswandel der Menschen in den Industrieländern für die Entwicklung verantwortlich. Der sogenannten Hygiene-Hypothese zufolge spielen Kinder in der Zeit, in der sich ihr Immunsystem entwickelt, zu selten draußen, haben kaum Kontakt mit der Natur, anderen Kindern oder Tieren und deren potenziellen Krankheitserregern. Zumal Eltern aufkeimende Infektionen ihrer Kleinen oft rasch mit Antibiotika unterdrücken und in der Wohnung vorhandene Erreger mit Hygiene-Reinigern oder Desinfektions­mitteln bekämpfen. Dadurch, so die Hypothese, würde das Immunsystem der Kinder nicht ausreichend trainiert und stufe in der Folge ungefährliche Substanzen als Feinde ein. Gestützt wird diese Ansicht unter anderem durch Vergleiche der Allergikerzahlen in städtischen und ländlichen Gebieten, endgültige Beweise fehlen jedoch auch in diesem Fall. »Was sollte ich empfehlen?«, fragt daher Sonja Lämmel, Ernährungsexpertin beim DAAB. »Lasst die Kinder im Dreck spielen oder auf dem Bauernhof aufwachsen?« Eindeutig erwiesen ist hingegen, dass eine Atopie, also die Neigung, eine Allergie zu entwickeln, vererbt wird. Ist ein Elternteil Allergiker, liegt das Risiko für den Nachwuchs zwischen 40 und 60 Prozent, leiden beide Eltern an derselben Allergie sogar zwischen 60 und 80 Prozent.

Eine solche genetische Disposition zu umgehen, ist unmöglich. »Doch Eltern, insbesondere wenn sie selbst Allergi­ker sind, können versuchen, das Risiko für die Kinder zu minimieren«, erläutert die Ökotrophologin. In erster Linie sei wichtig, während und nach der Schwangerschaft die Belastung durch Tabakrauch zu vermeiden. »Außerdem sollte die Mutter das Kind die ersten vier Monate ausschließlich stillen.« Denn der Darm Neugeborener wird durch zu frühe Erstkontakte mit Fremd­eiweißen überlastet. Durch die Muttermilch kann das Immunsystem zunächst unbehelligt reifen. Ab dem fünften Monat sorgt die schrittweise Einführung von Beikost schließlich dafür, dass der Säugling eine Toleranz gegenüber den jeweiligen Lebensmittelinhaltsstoffen und somit Fremdeiweißen entwickelt. Die Eltern sollten besonders beachten, wie ihr Baby auf Weizen, Milchprodukte und Fisch reagiert.

Erster Schritt

Macht sich eine Allergie erstmals bemerkbar, lautet die oberste Priorität, den oder die Auslöser möglichst schnell zu finden und zukünftig zu meiden. Während die Symptome bei einer Allergie gegen Hausstaubmilben vorwiegend in den Innenräumen auftreten, vor allem nachts, beginnen die Beschwerden der Pollenallergiker zumeist draußen. Zur groben Einschätzung der vermutlichen Auslöser dient in diesem Fall ein Blick auf den Pollenflugkalen­der. Im Januar oder Februar beispielsweise könnten Frühblüher wie Hasel oder Erle für die Symptome verantwortlich sein, wie das dieses Jahr der Fall ist. Im April blüht die Birke, gefolgt von Gräsern im Sommer und Kräutern im Spätsommer.

Die wichtigste Vermeidungsstrategie sei, in der jeweiligen Zeit den Schlafraum möglichst pollenfrei zu halten, sagt Lämmel. »Das beginnt damit, sich abends vor dem Zubettgehen die Haare zu waschen, um anhaftende Pollen zu entfernen.« Außerdem: Getragene Kleidung auf keinen Fall mit ins Schlafzimmer nehmen, die Fenster mit Pollenschutzgittern versehen und nur lüften, wenn die Pollenbelastung der Luft gering ist. Das ist auf dem Lande zwischen 19 und 24 Uhr und in der Stadt zwischen 6 und 8 Uhr der Fall. Weiterhin sollte die Wäsche nicht draußen trocknen, sondern im Keller oder im Trockner.

In den Wohnräumen sollten idealerweise die Nicht-Allergiker des jewei­ligen Haushalts den mit Pollen belasteten Staub regelmäßig mit einem feuchten Tuch von Möbeln und blanken Fußböden wischen und für Staub­sauger spezielle Filter verwenden. Für die Belüftung sowie die Klimaanlage in Autos gibt es im Handel Pollenschutzfilter, die jedoch regelmäßig gewechselt werden müssen.

Zur Prophylaxe beziehungsweise Abmilderung der Beschwerden eignen sich die sogenannten Cromone wie Cromoglicinsäure (DNCG) und Nedocromil. Die Wirkungsweise ist noch nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem Wissensstand blockieren diese Arzneisubstanzen die Chloridionenkanäle aktivierter Mastzellen und verhindern so, dass diese Entzündungsmediatoren wie Histamin freisetzen.

Allerdings muss sich die Wirkung der Arzneistoffe erst einige Tage aufbauen, durchschnittlich bemerken Pa­tienten nach etwa 48 Stunden die erste Linderung, vor allem der Augensymptome. Die beiden Arzneistoffe werden ausschließlich als Augentropfen oder Nasenspray angewendet und müssen regelmäßig zwei- bis viermal täglich appliziert werden. Am besten beginnen Heuschnupfen-Patienten mit der Thera­pie bereits eine Woche vor der erwarteten Flugzeit der jeweiligen Pollen.

In der Blühphase der jeweiligen Pflanzen sind Aktivitäten im Freien für viele der von Heuschnupfen Geplagten ohnehin kaum möglich. Ihr Körper befindet sich im Alarmmodus und sollte nicht zusätzlich traktiert werden, empfiehlt Lämmel. Sport sei zwar wichtig, auch für die Lungenfunktion. Doch: »Als Pollenallergiker würde ich nicht gerade im März joggen gehen.« Durch körperliche Anstrengungen würden die Allergene noch tiefer in die Atemwege gelangen. Alternativ können die Betroffenen in der brisanten Zeit auf Indoor-Sport umsteigen oder den nächsten Regenschauer abwarten, der die Pollen sozusagen aus der Luft wäscht. Ähnliches gilt für die Gartenarbeit. Alle Pflanzen, gegen deren Pollen die Allergie besteht, müssten aus dem Garten entfernt werden. So soll beispielsweise eine Birke auf dem Grundstück eines Birkenpollenallergikers die Pollenbelastung um das zehnfache erhöhen. Idealerweise sollte auch hier ein Nicht-Allergiker den Rasen mähen.

Urlaub immer im Sommer

»Wenn irgend möglich, planen Betroffene ihren Urlaub in der jeweiligen Pollenhochsaison«, rät Lämmel. Am Meer, im Hochgebirge oder auf einem Kreuzfahrtschiff geht die Allergenbelastung gegen Null. Für andere Urlaubsziele hilft es bisher nur bedingt, sich auf die Pollenflugvorhersage zu verlassen. »In Deutschland gibt es nur 14 Messstationen«, informiert Lämmel, also längst nicht für jedes Gebiet. Abhilfe schaffen soll in Zukunft das Heuschnupfen-Meldesystem des DAAB. Dort können Betroffene angeben, wo sie wann durch welche Pflanzen Symptome verspüren. Auf Dauer soll so ein flächendeckendes Orientierungssystem für Pollenaller­giker entstehen, das diese selbst mit­gestalten.

Allergiker sollten sich allerdings nicht damit begnügen, den Allergenen aus dem Wege zu gehen, erklärt Schwalfenberg. Eine gute Allergiediagnostik sei das Fundament, um die Erkrankung rechtzeitig und zielgerichtet zu behandeln, bevor sich der Zustand verschlimmert. Denn falsch oder unbehandelt führt eine allergische Rhinitis bei etwa einem Drittel der Betroffenen zu allergischem Asthma, über die Hälfte entwickelt im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte Kreuzallergien mit bestimmten Lebensmitteln (siehe Kasten).

Kreuzallergie

Bei bis zu 60 Prozent aller Pollen­allergiker entwickelt sich mit der Zeit eine pollenassoziierte Nahrungsmittel-Allergie: eine Kreuzallergie. Dabei erkennt das Immunsystem Ähnlichkeiten zwischen den betreffenden Pollen und Strukturen in Nahrungsmitteln. Neben den typischen Beschwerden der Pollenallergie können Lippen und Zunge anschwellen, gastro­intestinale Probleme auftreten sowie asthmatische Beschwerden bis hin zur Atemnot. Dennoch ist laut DAAB weder der vorbeugende Verzicht auf entsprechende Nahrungsmittel sinnvoll, noch der Verzicht aufgrund des positiven Ergebnisses eines Allergietestes – sofern bislang eine allergische Reaktion ausblieb.

Mögliche Kreuzreaktionen

  • Birkenpollen Frische Äpfel, Nüsse, vor allem Hasel- und Walnüsse sowie daraus hergestellte Produkte, Anis, Karotte, rohes Kern- und Steinobst, Kiwi, Koriander, Kümmel, Sellerie, Soja
  • Beifußpollen Kamille, Koriander, Melone, Paprika, Sellerie, Tomate, diverse Gewürze
  • Gräserpollen Getreide (roh), Hülsenfrüchte (Soja, Lupinenmehl, Erdnuss), Tomate
  • Traubenkrautpollen Banane, Gurke, Melone, Zucchini

Ungeachtet dessen würde die allergische Rhinitis beziehungsweise der Heuschnupfen nach wie vor von den Patienten selbst und von manchen Ärzten bagatellisiert. Erschwerend komme hinzu, dass sich Allergologen meist nur unter den Hautärzten finden lassen, sagt die Biologin, seltener unter Lungenfachärzten. Auch die Verantwort­lichen in der Gesundheitspolitik nehmen die Erkrankung offensichtlich nicht ernst oder es gibt andere Gründe, weshalb die Krankenkassen sowohl Diagnos­tik als auch Behandlungen von Allergien nur bedingt erstatten. »Nur 10 Prozent der Allergiker werden richtig therapiert«, so Schwalfenberg.

Spezifische Immuntherapie

Pollen- und Hausstaubmilbenaller­gikern empfiehlt sie dringend die spezifische Immuntherapie, meist als Hyposensibilisierung bekannt. Bei der subkutanen spezifischen Immuntherapie (SCIT) werden den Betroffenen in der allergiefreien Zeit und in regelmäßigen Abständen drei Jahre lang verdünnte Lösungen der jeweiligen Allergene unter die Haut, meist in den Oberarm, gespritzt. So lernt das Immunsystem, mit den Allergenen umzugehen. Es sei ganz wichtig, diese Therapie konsequent fortzuführen, um den Erfolg nicht zu gefährden, so Schwalfenberg. Die Metho­de führt erfahrungsgemäß bei etwa 80 Prozent der Patienten zu einer Ausheilung beziehungsweise zum Abklingen der Symptome.

Eine neuere Entwicklung ist die sublinguale spezifische Immuntherapie (SLIT), bei der die Patienten die Allergene in Form von Tropfen oder Tabletten einnehmen. Bei Erwachsenen mit einer allergischen Rhinokonjunktivitis setzen Ärzte die SLIT mit Pollenallergenen dann ein, wenn für diese aufgrund terminlicher Probleme die SCIT nicht in­frage kommt. /

Weitere Informationen

www.daab.de

Hier können Interessierte auch ein umfassendes Informationspaket, den Pollenallergie-Ratgeber, kostenlos anfordern.

www.pollentrend.de

Meldesystem von und für Heuschnupfen-Patienten.