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Babys erstes Jahr

Frühe Verdauungsprobleme

Kaum etwas bewegt junge Eltern mehr, als die Verdauung ihres Säuglings. In Farbe, Form und Frequenz von Babys Stuhlgang interpretieren sie so einiges hinein. Doch was ist normal, was deutet auf eine Erkrankung hin und wie werden Störungen behandelt?
Daniela Hüttemann
26.01.2015
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Bei Erwachsenen gilt ein Stuhlgang alle drei Tage bis dreimal am Tag als normal. Die Frequenz kann bei Säuglingen viel stärker variieren: Während manche sich nach jeder Mahlzeit erleichtern, haben andere Babys nur alle zehn Tage Stuhlgang, ohne dass sie dabei unter Bauchweh oder anderen Beschwerden leiden. Dementsprechend unterschiedlich ist auch die Konsistenz des Faeces. Bei gestillten Säuglingen ist er in der Regel eher flüssig bis breiig, bei Flaschenkindern meist fester. Generell kann der Stuhlgang bei jedem Kind immer wieder in Häufigkeit und Farbe wechseln.

 

Babyglück und Kindspech

In den ersten ein bis drei Lebenstagen scheiden Neugeborene Mekonium aus, das sogenannte Kindspech. Die zähe, schwarz-grünliche Masse ist kein normaler Stuhl, sondern besteht aus abgeschilfertem Epithel der Schleimhäute, eingedickter Galle und den eigenen Haaren und Hautzellen, die das Baby im Mutterleib mit dem Fruchtwasser geschluckt hat. Auch Toxine können sich im Mekonium angesammelt haben.

 

Normalerweise scheidet das Neu­geborene das Kindspech erst nach der Geburt aus. Falls es doch bereits in der Fruchtblase passiert, färbt sich das farblose Fruchtwasser grünlich. Verschluckt sich das Baby vor oder während der Geburt daran, kann dies lebensgefährlich werden (Mekonium-Aspirations-Syndrom). Bleibt das Mekonium aus, könnte der Säugling unter einem Darmverschluss (Ileus), einer Passagestörung oder der seltenen Erkrankung Morbus Hirschsprung (siehe unten) leiden.

 

In den ersten Lebenstagen bildet sich der erste Faeces, der vor allem bei Stillkindern meist gelb-orange-bräunlich aussieht, relativ flüssig ist und eher süßlich riecht. Mit Beginn der Beikost wird der Stuhlgang in der Regel fester, seltener, dunkler und riecht zunehmend wie bei Erwachsenen, was insbesondere nach dem ersten Fleischkonsum auffällt. Manche Beikost beeinflusst die Farbe stark, beispielsweise Spinat, Möhren oder Blaubeeren, was natürlich nicht pathologisch ist. Auch unzerkaute Nahrungsstücke können als Ganzes wieder auftauchen und für Irritationen sorgen. Bei Blut in der Windel sollten Eltern mit dem Baby sofort einen Arzt auf­suchen, insbesondere wenn es dunkelrot bis schwarz ist. Das deutet darauf hin, dass das Blut aus höheren Abschnitten im Gastro-Intestinal-Trakt stammt, zum Beispiel aus dem Magen. Hellrot gefärbtes Blut ist frischer und stammt vermutlich vom After, zum Beispiel bei einem wunden Po oder Analfissuren (Einrissen der Analschleimhaut). Außerdem sollen die Eltern bei Schleimfäden im Kot umgehend einen Arzt konsultieren.

Bei Durchfall zum Arzt

  • wenn der Durchfall seit sechs Stunden anhält.
  • wenn das Kind gestillt wird und die Stuhlfarbe weiß ist.
  • wenn es den Eltern nicht gelingt, ihr Kind zum Trinken zu bewegen.
  • wenn das Baby Brechdurchfall hat.
  • wenn Fieber und/oder gleichzeitig Bauchschmerzen hinzukommen.
  • wenn die Bauchdecke sehr angespannt ist.

Diagnose Durchfall

Auch Durchfall bei Kindern unter einem Jahr, der länger als sechs Stunden anhält, ist ein Anlass zur Sorge. Dann sollte ein Kinderarzt das Baby unter­suchen, da Säuglinge sehr schnell austrocknen können (siehe Kasten). Bei Durchfall riecht der Stuhl unangenehmer und wird erheblich häufiger oder flüssiger ausgeschieden als gewohnt. Die Harnbildung lässt dagegen nach, sodass die Windel vorne trocken bleibt. Entscheidend ist vor allem der All­gemeinzustand des Kindes.

 

Durchfall-Auslöser sind meist Infektionen mit Rotaviren, Noroviren, verschiedenen Enteroviren oder auch Bakterien wie Escherichia coli oder Salmonellen. Zudem können verdorbene Lebens­mittel, Unverträglichkeiten (zum Beispiel gegenüber Kuhmilch-Proteinen) oder Medikamente Durchfall auslösen. Zahnen gehört entgegen weit verbreiteter Meinung nicht zu den möglichen Ursachen. Beide Beschwerden treten jedoch häufig parallel auf, wenn der Nestschutz durch die Mutter nach ein paar Monaten nachlässt.

 

Stillende sollten ihrem Baby mit Durchfall weiterhin häufig die Brust geben. Bei Flaschenkindern können die Eltern sechs bis acht Stunden lang die Säuglingsmilch durch Fenchel- oder Kamillentee mit einer Prise Salz und einem Teelöffel Traubenzucker ersetzen. In ernsten Fällen muss dem Säugling die verlorene Flüssigkeit per Infusion im Krankenhaus zugeführt werden.

Echte Verstopfung

Häufiger als Durchfall tritt bei Babys jedoch Verstopfung auf. Insbesondere in den ersten drei Monaten ist das Verdauungssystem noch nicht voll ausgebildet. Ob allerdings eine Obstipation tatsächlich Ursache der sogenannten Drei-Monats-Koliken ist, zweifeln mittlerweile viele Experten an. Nach aktuellem Forschungsstand leiden diese Babys vermutlich unter einer Regulationsstörung.

 

Eine echte Verstopfung führt natürlich dazu, dass das Baby häufig schreit, sehr unruhig ist und sich krampfartig bewegt. In leichten Fällen lindert eine sanfte Bauchmassage im Uhrzeigersinn um den Nabel herum die Beschwerden. Auf diese Weise wird die Darmbewegung vom aufsteigenden Teil des Dickdarms über den horizontalen Part hin zum absteigenden Arm und Enddarm unterstützt. Viele Babys fühlen sich im Fliegergriff, also mit dem Bauch auf dem Unterarm der Mutter oder des Vaters, wohler. Bei Flaschenkindern kann ein Grund für die Verstopfung darin liegen, dass die Eltern das Fläschchen mit zu viel Milchpulver zubereiten. Die Dosierung sollte nach Körpergewicht gemäß der Packungsangabe erfolgen. Bei Stillkindern ohne sonstige Beschwerden spricht man von Scheinverstopfung, die sich in der Regel im Laufe von ein bis zwei Wochen von selbst erledigt – möglicherweise explosionsartig.

 

Eine echte Verstopfung führt zu hartem Stuhl und weiteren Symptomen wie Bauchschmerzen, Appetit­losigkeit, Analfissuren, offensichtlichen Schmerzen beim Stuhlgang, anhaltendem Schreien und eventuell Blut in der Windel. Bei diesen Beschwerden sollten Eltern mit ihrem Baby den Arzt aufsuchen.

 

Erhält das Kind bereits erste Beikost, können die Eltern dem Brei einen zusätzlichen Schuss Öl zugeben oder einen Teelöffel Pflaumen- oder Birnensaft verabreichen. Sie müssen zudem auf eine ausreichende Trinkmenge Wasser achten. Weiter fortgeschrittenen Essern können die Eltern mehr faserreiche Kost wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte wie Haferflocken anbieten (Leinsamen und Weizenkleie eignen sich noch nicht). Auch in Wasser gequollenes, klein gehacktes Trockenobst im Brei wirkt abführend.

Mit Obst und Gemüse gezielt helfen

Stopfende und abführende Obst- und Gemüsesorten für Babys:

bei Verstopfung (je nach Stand der Beikost-Einführung): für Essanfänger Birne, Apfel (gekocht), Pastinake, Kürbis; später auch Pflaume, Kirsche, Aprikose, Nektarine, Pfirsich, Melone, Feige, Blaubeere, Trockenobst, Artischocke

bei Durchfall: Apfel (gerieben), Banane, Möhre, Blaubeere

Laxans nach Absprache

Helfen diese Maßnahmen nicht, können die Eltern nach Absprache mit dem Arzt auf Arzneimittel zurückgreifen. Viele Abführmittel für Erwachsene wie Bisacodyl (Laxoberal® und andere), Natriumpicosulfat (Dulcolax® und andere), Macrogol (Movicol® und andere) oder Paraffin (Obstinol®) sind nicht für Kleinkinder zugelassen. Für Babys eignet sich zur Stuhlregulierung oft Milchzucker (Lactose), der dem Milch- oder Teefläschchen beigesetzt wird. Stärker abführend wirkt die verwandte Lactulose, die als Sirup erhältlich ist.

 

Zusätzlich kann die Darment­leerung von hinten angeregt werden, zum Beispiel mit einem Mikroklistier wie Microlax®, das für Säuglinge zugelassen ist. Die Wirkstoffe wie Natriumcitrat, Natriumlaurylsulfoacetat und Sorbitol verflüssigen den Stuhl laut Herstellerangaben innerhalb von 5 bis 20 Minuten. Solche Rektalkanülen dürfen Eltern bei Babys nur bis zur Hälfte einführen. Bei der Anwendung drückt man das Klistier zusammen und zieht den Applikator bei zusammengedrückter Tube heraus, sodass die Lösung nicht in die Tube zurückgezogen wird.

 

Eine Alternative sind Suppositorien mit Glycerol wie Glycilax® für Kinder oder Kohlendioxid-freisetzende Zäpfchen wie Lecicarbon® S für Säuglinge (maximal zwei am Tag). Beliebt bei Eltern sind Suppositorien mit Kümmelextrakt (Carum carvi von Weleda). Für Säuglinge und Kleinkinder muss das Zäpfchen der Länge nach mit einem scharfen, eventuell erwärmten Messer geteilt werden. Die Variante von Wala enthält zusätzlich in homöopathischer Zubereitung Kamille (Chamomilla), Tollkirsche (Atropa belladona) und Tabak (Nico­tiana tabacum).

 

Nicht vergessen: Der harte Stuhl strapaziert die Haut im Analbereich. Daher sollten die Eltern bei jedem Windelwechsel Babys Po dünn mit einer Wundschutzcreme eincremen, die Zink und pflegende Stoffe wie Panthenol enthält.

Problemfall: Blähungen

Es gibt wohl kaum ein Baby, das um Blähungen herumkommt. Um die Bauchschmerzen ihres Babys zu lindern, stehen den Eltern als Arzneistoffe Dimeticon und Simeticon in flüssiger Form für Säuglinge zur Verfügung. Beim Stillen oder Fläschchen geben sollte die Mutter darauf achten, dass der Säugling möglichst wenig Luft schluckt, was sich aber nicht immer ganz verhindern lässt. Ruhe während der Mahlzeit, die richtige Anlegetechnik oder Sauger mit einer kleinen Öffnung können hier helfen. Tees mit Fenchel, Anis und Kümmel können die Beschwerden auch schon bei jungen Babys lindern, ebenso wie Körnersäckchen, die aber auf keinen Fall zu heiß sein dürfen.

 

Blähende Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Zwiebeln und Kohlsorten können stillende Mütter versuchsweise von ihrem Speiseplan streichen und sie während der Beikost-Eingewöhnung langsam und jeweils einzeln einführen. Der oft gehörte Ratschlag für Stillende, auf kohlensäurehaltige Getränke zu verzichten, ist dagegen Unsinn, da die Kohlensäure aus Getränken nicht in die Muttermilch übergeht.

 

Eine Lactose-Intoleranz wie bei älteren Kindern und Erwachsenen ist als Verursacher bei Babys äußerst unwahrscheinlich. Eine seltene, aber mögliche Ursache kann eine Kuhmilch-Allergie sein (etwa bei 3 bis 4 Prozent aller Babys), bei der das Baby allergisch auf Proteine, nicht auf die Lactose der tierischen Milch reagiert.

Ernste Erkrankungen

Manchmal verursachen ernste Erkrankungen das Bauchweh, Blähungen und Verstopfung, zum Beispiel ein Darmverschluss (Ileus) oder eine Darmeinstülpung (Invagination). Wenn das Baby über Stunden ohne erkennbare Ursache schreit, mehrmals hintereinander erbricht oder apathisch wirkt, müssen die Eltern mit ihm sofort einen Arzt aufsuchen.

 

Ursachen für einen Darmverschluss bei Neugeborenen sind meist Fehl­bildungen oder ein zähes Mekonium, wie es nicht selten bei Mukoviszidose-Patienten vorkommt. Auch eine Darm­einstülpung, bei der der Darm während der Entwicklung im Mutterleib eine falsche Lage eingenommen hat, kann Ursache eines Ileus sein. Bei mechanischen Ursachen hören die Eltern meist ein lautes Rumoren, da sich der Darm zunächst heftig bewegt, was zu Koliken führt. Nach Stunden bis Tagen kann sich der Darm erschöpfen und eine Lähmung eintreten. Sind Entzündungen im Bauchraum oder stumpfe, äußere Gewalteinwirkung der Grund für den Darmverschluss, sind dagegen keinerlei Darmgeräusche zu vernehmen. Je nach Ursache muss das Kind dann operiert werden. Unbehandelt kann ein Teil des Darms absterben und das Bauchfell sich entzünden.

 

Auch ein Leistenbruch (Hernie) kann zu Darmverschluss führen. Dabei wölben sich Eingeweide durch eine Lücke in der Bauchwand und klemmen sich dort fest.

 

Morbus Hirschsprung

Lang anhaltende Verstopfung kann durch Morbus Hirschsprung bedingt sein. Dabei handelt es sich um eine seltene, angeborene Erkrankung, die etwa bei einem von 5000 Kindern auftritt. Bei den Betroffenen ist durch fehlende Darmnerven meist der Mastdarm krampfartig eng gestellt, sodass sich der Faeces staut.

 

Bei manchen Babys fällt die Erkrankung kurz nach der Geburt auf, wenn das Mekonium nur verhalten abgeht. Bei Stillkindern bemerken Eltern das Problem häufig erst, wenn sie die Beikost einführen. Oft leiden die Säuglinge abwechselnd unter Durchfall und Verstopfung. Leichte Formen des Morbus Hirschsprung werden manchmal erst im Kleinkindalter diagnostiziert. Eine Operation behebt in der Regel das Problem.

 

Tatsächlich reden viele Erwachsene erst über die Verdauung, wenn sie selbst Eltern werden. Hier gilt es, einen Mittelweg zu finden, dem Windelinhalt ihrer Babys nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Beachtung zu schenken. Die Apotheke ist ein guter Ort, um ohne Tabus über Sorgen und Ängste der Eltern zu sprechen. /