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Heuschnupfen

Keine Bagatelle

08.02.2016
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Von Ulrike Viegener / Auch in diesem Winter belasten Frühblüher wieder die Luft mit Pollen. Daher müssen eine laufende Nase und Niesanfälle nicht unbedingt durch einen grippalen Infekt verursacht sein, hinter den Symptomen könnte sich auch ein Heuschnupfen verbergen.

In der Wintersaison 2014/2015 und ebenso im Dezember 2015 waren Haselpollen bereits in der Weihnachtszeit unterwegs und bescherten Allergikern die typischen Symptome einer Rhinitis beziehungsweise Rhinokonjunktivitis: Schnupfen, Niesattacken, gerötete und tränende Augen, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit.

Grundsätzlich beobachteten Experten in den vergangenen Jahren, dass sich die Blütezeiten etlicher Pflanzen vorverlagern. Frühblüher wie Erle und Hasel stäuben laut aktuellem Pollenflugkalender schon ab Januar bis in den April hinein, und mit Birkenpollen ist von März bis Mai zu rechnen.

Bei sensibilisierten Personen reichen bereits kleinste Pollenmengen aus, um Heuschnupfen auszulösen. Zwar ähneln die Beschwerden sehr den Erkältungssymptomen, doch einige gezielte Fragen helfen auf die richtige Spur. Für die allergische Rhinitis sprechen wässriges Sekret, Juckreiz sowie der plötzliche Beginn stärkerer Beschwerden. Dagegen deuten Fieber und geschwollene Lymphknoten auf einen viralen Infekt hin.

Heuschnupfen auf Platz 1

Rund 15 Prozent aller erwachsenen Deutschen leiden an Heuschnupfen, der häufigsten aller allergischen Erkrankungen. Die Zahlen der Erkrankten sind in den letzten Jahren weitgehend stabil geblieben, wohingegen Experten beim allergischen Asthma eine steigende Tendenz beobachten. Aktuell liegt die Zahl bei knapp 9 Prozent. Nicht selten geht Heuschnupfen im Laufe der Zeit in ein Asthma bronchiale über, das heißt, die Allergie vollzieht einen sogenannten Etagenwechsel von den oberen in die unteren Atemwege.

Allergien beruhen auf einem Irrtum des Immunsystems: Es stuft völlig harmlose Umweltbestandteile als bedrohlich ein und greift sie – unter Freisetzung großer Mengen von Entzündungsmediatoren – an. Beim Heuschnupfen leiten bestimmte Eiweißstrukturen auf der Oberfläche der Blütenpollen das Immunsystem in die Irre und führen zur Sensibilisierung. Dabei entstehen zunächst spezifische IgE-Antikörper, und in der Folge veranlasst jeder erneute Kontakt mit dem Allergen die körpereigene Abwehr, die verdächtigen Blütenpollen unter Antikörper-Beschuss zu nehmen. Kommen Nasenschleimhaut beziehungsweise Augenbindehaut mit den allergenen Pollen in Berührung, löst dies innerhalb von Sekunden bis Minuten eine aller­gische Reaktion vom Soforttyp aus.

Die IgE-Antikörper docken an sogenannte Mastzellen an, die auf ihrer Oberfläche IgE-Rezeptoren tragen. In den Schleimhäuten der Atemwege sind Mastzellen in besonders hoher Dichte anzutreffen. Inhaliert ein Pollenaller­giker den kritischen Blütenstaub, dann binden die Pollen an die passenden IgE-Antikörper auf den Mastzellen und lösen so eine massive Mastzelldegranulation aus. Das heißt: Die Mastzellen setzen in großen Mengen Histamin und andere Entzündungsmediatoren frei, die dazu führen, dass die Nasenschleimhaut anschwillt und vermehrt Sekret gebildet wird.

Kreuzallergien mit Nüssen

In vielen Fällen nimmt der Schweregrad einer Allergie mit der Zeit zu. Oft bleibt die Allergie nicht auf eine Pollenart beschränkt, sodass sich die Beschwerden über Monate hinziehen beziehungs­weise mehrmals im Jahr auftreten. Zudem entwickeln Pollen­allergiker nicht selten eine Nahrungsmittelallergie. Eine solche Kreuzallergie, die auf ähnlichen Oberflächenstrukturen der Allergene beruht, kommt zum Beispiel oft zwischen Birkenpollen und Haselnüssen vor, aber auch gegen Kern- und Steinobst kann eine solche Kreuzallergie entstehen.

In welchem Zeitraum der Heuschnupfen auftritt, erlaubt bereits gewisse Rückschlüsse auf diejenigen Pollen, die eventuell für die allergischen Reaktionen verantwortlich sind. Genauere Aussagen ermöglicht der sogenannte Pricktest. Dazu trägt der Arzt verschiedene Pollenextrakte auf die Haut des Allergikers auf und ritzt diese an. Die kritischen Pollen führen innerhalb kurzer Zeit zu einer Schwellung und Rötung der Haut und lassen sich so identifizieren.

Das Apothekenteam sollte denjenigen Heuschnupfen-Patienten einen Test beim Arzt empfehlen, die in der Apotheke nach einem Präparat zur Selbstmedikation fragen und ihre Allergene nicht kennen.

Tipps zur Allergenkarenz

Die sogenannte Allergenkarenz – also die Vermeidung des Allergenkontakts – ist die Basismaßnahme bei jeder Allergie. Menschen mit einer Nahrungsmittel- oder Kontaktallergie können das Problem manchmal auf diese Weise komplett aus der Welt schaffen, bei Pollenallergikern allerdings sind die Möglichkeiten der Allergenkarenz naturgemäß begrenzt. Dennoch lässt auch in diesen Fällen die Allergenexposition effektiv reduzieren.

Dazu zählen folgende Tipps: Pollen­allergiker sollten

  • die regionalen Pollenflugvorhersagen beachten,
  • nach einem Aufenthalt im Freien die Kleider wechseln und die Brille putzen,
  • täglich vor dem Schlafengehen die Haare waschen,
  • Kleider, die sie draußen getragen haben, nicht im Schlafzimmer aus­ziehen und ablegen,
  • im Auto den Einbau eines Luftfilters erwägen.

Pollenflugvorhersage

Die Pollenflugvorhersage für Deutschland, ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst, finden Sie auf der Website der Pharmazeutischen Zeitung: gruppiert nach Bundesländern und Regionen. Dieser Service ist auch verfügbar über die App «PZ Info».

Pollenallergien sind oft mit einem erheblichen Leidensdruck verbunden. Die Betroffenen fühlen sich schlapp und müde. Weil die Nase ständig verstopft ist, dröhnt ihnen der Kopf, und ihre Konzentrationsfähigkeit ist herabgesetzt.

Die Lichtempfindlichkeit infolge der Konjunktivitis trägt ebenfalls dazu bei, dass viele Pollenallergiker Frühling und Sommer nur sehr eingeschränkt genießen können.

Langwierige Prozedur

Bei ausgeprägten und lang anhaltenden Beschwerden sollten Pollenallergiker eine Hyposensibilisierung erwägen. Dies ist die einzige Therapieoption, die sie eventuell von ihrer Allergie befreit. Da den Patienten bei dieser Prozedur steigende Allergendosen verabreicht werden, ist sie zeitaufwändig und langwierig. Am besten stehen die Erfolgschancen in jungen Jahren und bei kurzer Krankheitsdauer.

In der Regel injiziert ein Allergologe dem Patienten subkutan das jeweilige Allergen (subkutane Immuntherapie SCIT). Für verschiedene Pollen stehen inzwischen aber auch sublinguale Tabletten oder Tropfen zur Verfügung (sub­linguale Immuntherapie SLIT). So werden regel­mäßige Arzttermine überflüssig, was diese Behandlungsstrategie deutlich komfortabler macht.

Etagenwechsel verhindern

Viele Heuschnupfenpatienten wählen jedoch eine symptomatische Therapie. Leichte Beschwerden lassen sich meist durch lokal anzuwendende Arzneimittel in den Griff bekommen, eine ausgeprägte Symptomatik erfordert dagegen eine systemische Therapie.

Heuschnupfen ist keine Bagatelle, sondern sollte konsequent behandelt werden. In erster Linie gilt es, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Aber es geht auch darum, ein Fortschreiten der allergischen Erkrankung zu verhindern. Die frühzeitige, konsequente Behandlung beugt einem Etagenwechsel der allergischen Rhinitis hin zum Asthma bronchiale nachweislich vor. Ohne effektive Therapie ist fast jeder dritte Pollenallergiker von dieser Komplikation betroffen.

Zellmembran stabilisieren, Rezeptor blockieren

Als Therapieprinzipien stehen Mast­zellstabilisatoren und Antihistaminika zur Verfügung. Mastzellstabilisatoren hemmen die Ausschüttung von Histamin und anderen Entzündungsmediatoren. Der Wirkmechanismus ist nicht abschließend geklärt, wahrscheinlich blockieren Substanzen wie Cromoglicinsäure und Nedocromil Chloridkanäle in der Membran der Mastzellen. Darüber hinaus wurde beobachtet, dass im Verlauf der Therapie die Zahl aktivierter Mastzellen abnimmt. Mastzellstabilisatoren werden vor allem lokal als Nasenspray oder Augentropfen angewendet, und zwar regelmäßig viermal täglich. Idealerweise sollten Pollenallergiker mit der Behandlung – in Abhängigkeit von der Pollenvorhersage – bereits rund eine Woche vor den zu erwartenden Beschwerden beginnen.

Zur systemischen Therapie des Heuschnupfens kommen bevorzugt Antihistaminika der zweiten Generation zum Einsatz. Diese Arzneistoffe blockieren den peripheren H1-Rezeptor und verhindern, dass Histamin an den Rezeptor andocken und Entzündungssignale setzen kann. Die zweite Antihistaminika-Generation hat die Therapiemöglichkeiten deutlich verbessert: Zum einen wirken sie selektiver am peripheren H1-Rezeptor, und zum anderen passieren sie die Blut-Hirn-Schranke allenfalls in geringen Mengen. Der Vorteil für Pollenallergiker: Diese Antihistaminika wirken deutlich weniger sedierend.

Mittel der ersten Wahl ist Loratadin, das so gut wie keine sedierende Wirkung besitzt. Das zeigte sich unter anderem in sogenannten Piloten-Studien, in denen die Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit der Probanden unter simulierten Flugbedingungen getestet wurden. Besonders für Pollenallergiker, denen der Beruf ein sehr hohes Konzentrationsvermögen abverlangt, bietet sich Loratadin an. Ein weiteres viel verwendetes Antihistaminikum der zweiten Generation ist Cetirizin. Diese Substanz macht eventuell etwas müde, sodass sich die Einnahme vor dem Schlafengehen empfiehlt. Auf Alkohol sollten Pollenallergiker während der Therapie mit Antihistaminika möglichst verzichten.

Bei beiden Substanzen setzt die Wirkung rasch ein, und es reicht die einmal tägliche Gabe der Standard­dosis von 10 Milligramm. Loratadin wird in der Leber über das Cytochrom-Isoenzym CYP3A4 verstoffwechselt, Cetirizin wird zum Großteil unverändert über Leber und Nieren ausgeschieden. Bei Patienten mit schweren Leberschäden ist eine Dosisanpassung erforderlich, bei Cetirizin auch im Fall einer Niereninsuffizienz. Das Risiko für Herzrhythmusstörungen, wie sie unter dem lipophilen Antihistaminikum Terfenadin auftraten, scheint bei hydrophilen Substanzen wie Loratadin und Cetirizin nicht zu bestehen – die sachgerechte Anwendung vorausgesetzt. Pollenallergiker sollten Cetirizin nicht gleichzeitig mit Wirkstoffen anwenden, welche die CYP3A4-Aktivität herabsetzen wie Ketoconazol und Makrolide. Für Schwangere sind beide Medikamente nicht zugelassen.

Inzwischen wurde eine dritte Antihistaminika-Generation synthetisiert. Alle sind verschreibungspflichtig und nur für solche Pollenallergiker eine Option, denen die Standardsubstanzen der zweiten Generation nicht ausreichend helfen. /