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Rabattverträge

Ortskrankenkassen gehenjetzt getrennte Wege

24.04.2008  09:54 Uhr

Rabattverträge

Ortskrankenkassen gehen jetzt getrennte Wege

Daniel Rücker, Eschborn

Die Zeiten ändern sich. Vor einem Jahr gingen nur kleinere Generikahersteller auf die Rabattforderungen der Allgemeinen Ortskrankenkassen ein. Aktuell geben sich die Pharmafirmen bei den Ortskrankenkassen die Klinke in die Hand. Die nehmen die Angebote gerne an – allerdings jeder Landesverband für sich.

In fast allen Bundesländern bieten Generikahersteller den AOK-Landesverbänden Rabatte über das gesamte Sortiment oder große Teile davon an. Abgesehen von Baden-Württemberg und Bayern melden inzwischen fast alle AOK-Landesverbände Verträge mit Generikafirmen.

Juristische Probleme befürchten die Kassen nicht. So sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz, Walter Bockemühl, dem PTA-Forum: „Alle Verträge sind Sortimentsverträge, wie sie Ersatz- oder Betriebskrankenkassen auch abgeschlossen haben.“ Diese Verträge seien vom Urteil des Landessozialgerichts (LSG) Baden-Württemberg nicht betroffen. 

Die neue Stoßrichtung der AOK-Landesverbände bei Rabattverträgen – landesweit statt bundesweit und für das gesamte Sortiment statt für einzelne Wirkstoffe – war notwendig geworden, weil das LSG im März die bundesweiten Rabattvereinbarungen wegen vergabe- und wettbewerbsrechtlicher Verstöße gekippt hatte. Der Zusammenschluss der AOK benachteilige mittelständische Pharmaunternehmen, schrieben die Richter in der Urteilsbegründung. Für die neuen Verträge treffe dies nicht zu, sagt Bockemühl. Kein Pharmaunternehmen werde ausgeschlossen: „Wir sprechen mit jedem, der dies wünscht.“

Obwohl sich ihre Mitgliedsunternehmen scharenweise anbieten, sind die Pharmaverbände mit dieser Entwicklung nicht zufrieden. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, Henning Fahrenkamp, hat in einer Pressemeldung einigen AOK-Landesverbänden vorgeworfen, sie hätten mit ihren neuen Rabattverträgen „die aktuelle Rechtsprechung vorsätzlich verletzt“. Die AOK wiesen diesen Vorwurf scharf zurück. Es gebe keine exklusiven Vereinbarungen mit einzelnen Herstellern, betonen sie. Jeder Hersteller, der einen angemessenen Rabatt biete, erhalte den Zuschlag.

Ganz unberechtigt sind die Vorwürfe des BPI dennoch nicht, denn die Sortimentsverträge schmälern den Gewinn der Hersteller deutlich. Kleinere Unternehmen könnten da langfristig nicht mithalten, warnen Experten. 

Die neue Runde der Rabattverträge hat dem von den Apothekern entwickelten Zielpreiskonzept vorerst einen Dämpfer verpasst. Bei den Zielpreisvereinbarungen legen Krankenkassen und Apotheker für jeden Wirkstoff einen einheitlichen Preis fest, der unter dem entsprechenden Festbetrag liegt. Die Patienten erhalten in den Apotheken dann in der Regel ein Präparat, das billiger ist als der Zielpreis. 

Beerdigt haben die AOK die Zielpreise aber nicht. Zielpreise könnten vor allem dann zum Zug kommen, wenn die Ersatzkassen in der juristischen Auseinandersetzung über die Sortimentsverträge unterliegen. 

Für die Apotheken dürften die AOK-Sortimentsverträge kein allzu großes logistisches Problem darstellen. Da die meisten Kassen mit einer ganzen Reihe von Herstellern Verträge abgeschlossen haben, dürften die Präparate in der Regel gut verfügbar sein.

Der Ärger rund um die Rabattverträge ist damit für die Apotheken jedoch nicht beendet. Schuld daran sind die Ersatzkassen, die seit einigen Wochen bundesweit Rezepte retaxieren, bei denen sich Apotheken angeblich über die Rabattvereinbarungen hinweggesetzt haben. Im Fokus der Retaxierungen standen die Rezepte der Sommermonate 2007 nach dem Ende der Friedenspflicht. Höchst umstritten ist dabei auch die Praxis der Kassen, die Rezepte auf Null zu retaxieren, obwohl ein Medikament abgegeben wurde.

Dabei haben die Krankenkassen einige schwarze Schafe unter den Apothekern erwischt, die sich nicht an die gesetzlichen Vorgaben gehalten hatten. In vielen Fällen sind die Retaxierungen jedoch unberechtigt. Der DAV geht davon aus, dass die Kassen in mehr als der Hälfte der Fälle falsch liegen. Die Barmer hat dies mittlerweile eingesehen und will die Retaxierungen überarbeiten.

Für die meisten Apotheker und PTA muss die Aktion der Ersatzkassen wie ein Affront wirken, denn zu Beginn der Rabattverträge war in den Apotheken der Teufel los: Viele Medikamente waren nicht lieferbar, Patienten mussten wieder nach Hause geschickt werden, Apothekenmitarbeiter verbrachten Tage am Telefon, um den raren Rabattarzneimitteln hinterher zu telefonieren. Dass in dieser Zeit auch in den Apotheken Fehler gemacht wurden, liegt auf der Hand. In den meisten Apotheken wurden die Verträge jedoch bestmöglich umgesetzt. Das haben Kassenvertreter wie der AOK-Verhandlungsführer Dr. Christopher Hermann auch bestätigt und Apothekern und PTA für ihr Engagement gedankt. Die Ersatzkassen halten dies offensichtlich nicht für notwendig.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
ruecker(at)govi.de

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