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Selbstmedikation bei Reizdarmsyndrom

Patienten stoßen vielfach auf Unverständnis

24.04.2008  09:11 Uhr

Selbstmedikation bei Patienten stoßen vielfach auf Unverständnis

Andrea Hämmerlein, Berlin

Immer häufiger klagen Patienten über Beschwerden ihres Magen-Darm-Traktes, für die der Arzt keine organische Ursache finden kann. An solchen funktionellen Verdauungsbeschwerden, zu denen auch das Reizdarmsyndrom gehört, leiden fast 25 Prozent der Bevölkerung in den Industrienationen. Auch in diesen Fällen helfen Arzneimittel aus der Selbstmedikation.

Das Reizdarmsyndrom (RDS) bezeichnet eine Gruppe funktioneller Darmerkrankungen. Alle an der Nahrungsverwertung beteiligten Organe von der Speiseröhre über den Magen und Dünndarm bis zum Dickdarm können betroffen sein. Von einer funktionellen Erkrankung sprechen Fachleute, wenn sie mit konventionellen Untersuchungsmethoden keine organische Ursache für das Leiden nachweisen konnten. Andere Bezeichnungen für das RDS sind Irritables Darmsyndrom (IDS) oder die früher verwendeten Begriffe Reizkolon und Colon irritable. In der Facharztpraxis von Gastroenterologen gilt das RDS heute als die häufigste Diagnose. 

Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) geht von 5 bis 10 Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Rund 15 Prozent der Männer und bis zu 20 Prozent der Frauen leiden an RDS. Die Erkrankung betrifft vor allem die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen und damit diejenigen, die unter der größten Stressbelastung stehen. Doch nur etwa ein Fünftel der Betroffenen sucht wegen der Beschwerden einen Arzt auf. Das liegt vermutlich daran, dass sich die meisten nur leicht eingeschränkt fühlen. Außerdem sind rund 25 Prozent der Patienten innerhalb von fünf Jahren wieder symptomfrei. Bei nur 1 Prozent bewirkt das RDS einen derart großen Leidensdruck, dass diese relativ kleine Gruppe einer dauernden Behandlung bedarf. Zweifelsfrei ist heute nachgewiesen, dass das RDS den gesamten Alltag der Patienten beeinflusst, so die Ernährung, das Berufsleben und die Partnerschaft. Außerdem verursacht RDS bei manchen Betroffenen auch ständige Angst und Depressionen.

Typische Beschwerden 

Für das Krankheitsbild charakteristisch sind wiederkehrende krampfartige Bauchschmerzen unterschiedlicher Intensität, Stuhlunregelmäßigkeiten wie Diarrhoe und/oder Obstipation, ein Gefühl der unvollständigen Darmentleerung sowie Blähungen. Häufig treten die Symptome auch zeitgleich mit anderen Beschwerden auf, zum Beispiel mit Migräne. Wie intensiv sich die Probleme äußern, unterliegt starken Schwankungen: Nachts sind die meisten Patienten symptomfrei. Obwohl das individuelle Symptommuster wenig variabel ist, unterscheiden sich die Art und Weise der Beschwerden von Patient zu Patient. So macht sich bei dem einen der Reizdarm nur durch Verstopfung oder nur durch Durchfall bemerkbar, bei einem anderen wechseln sich Perioden mit Durchfall und Verstopfung ab. Je nach Leitsymptom wird das RDS in vier Untergruppen eingeteilt: 

  • RDS mit vorherrschender Obstipation,
  • RDS mit vorherrschender Diarrhoe,
  • RDS mit vorherrschendem Schmerz und/oder Meteorismus,
  • »Alternating« RDS, Kombination von Diarrhoe und Obstipation. 

Oberbauchbeschwerden, Aufstoßen und Übelkeit zeugen davon, dass das irritable Darmsyndrom manchmal auch mit einem Reizmagen, der funktionellen Dyspepsie, einhergeht. 

Bauchhirn aus dem Gleichgewicht

Die Ursachen des RDS sind bis heute nur unzureichend geklärt. Experten vermuten ein vielschichtiges Zusammenwirken physiologischer und psychischer Faktoren. Im Vordergrund steht die gestörte Motilität des Verdauungstraktes. Dabei spielt das Enterische Nervensystem (ENS) eine wesentliche Rolle. Das ENS ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht und über den Nervus vagus mit dem Zentralen Nervensystem (ZNS) verbunden ist. Es besitzt etwa 100 Millionen Nervenzellen, mehr als das Rückenmark. Dieses eigenständige Nervensystem befindet sich als dünne Schicht zwischen den Verdauungsmuskeln im Unterleib und beeinflusst den Verdauungsprozess. Die Darmnerven arbeiten nach dem Prinzip von hemmenden und aktivierenden Schaltkreisen, die mittels Neurotransmittern, vor allem Serotonin und Dopamin, miteinander kommunizieren. Beim RDS gerät diese Abstimmung durcheinander. Überwiegt das hemmende Schaltkreissystem, entspannt der Darm so sehr, dass es zur Obstipation kommt. Ist hingegen das erregende System zu stark, führt dies zu Diarrhoe. Auf Dauer können beide Erscheinungen die Darmflora verändern mit der Folge einer vermehrten Gasbildung und Meteorismus.

Alle diese Phänomene tragen üblicherweise zu einer schmerzhaften Verdauungstätigkeit, unter anderem zu Bauchschmerzen, bei. Die Schmerzen sind bedingt durch die erhöhte Empfindlichkeit des Darms gegenüber Dehnungsreizen. Bei RDS-Patienten sinkt die Reizschwelle der aufsteigenden (afferenten) Nerven, die Informationen vom Darm an das Gehirn liefern. Dies verursacht Fehlmeldungen. Tatsächlich konnten Wissenschaftler bei den Patienten in der Region des limbischen Systems, welches unter anderem Emotionen verarbeitet, eine erhöhte Aktivität messen. Solche Menschen reagieren auf äußeren Stress besonders stark. Der Stress setzt eine Kaskade von Neurotransmittern in Gang, die ihrerseits für die Ausschüttung von Histaminen und Entzündungsmediatoren im Darmkanal sorgen. So entsteht ein Teufelskreis aus exogenen und endogenen Reizfaktoren, die das Krankheitsgeschehen unterhalten und dazu führen, dass es sich verselbständigt. 

Bei etwa einem Drittel der Patienten vermuten Experten, dass das RDS durch eine Darminfektion ausgelöst wurde. Außerdem beeinflusst die Ernährung (Nahrungsmittel, Essverhalten) die Symptome der RDS. Die Mechanismen sind allerdings noch unklar.  

Jahrelange Odyssee

Der typische RDS-Patient hat meist eine Odyssee hinter sich: Im Durchschnitt dauert es 2,7 Jahre, bis ein Arzt das RDS erkennt. Der endgültigen Diagnose gehen oft Jahre der Fehldiagnose und der falschen Behandlung voraus. Oft hat der Patient verschiedene Ärzte konsultiert und alle denkbaren Untersuchungen über sich ergehen lassen, zum Beispiel Magen- und Darmspiegelung, Ultraschall, verschiedene Bluttests, Urin- und Stuhluntersuchungen. Im Anschluss hörte er immer wieder dasselbe: »Wir haben nichts Auffälliges entdeckt. Sie sind organisch gesund.« Das führt nicht selten dazu, dass Hilfesuchende verzweifeln, denn sie fühlen sich nicht ernst genommen und fragen sich schließlich, ob sie sich alles nur einbilden. Die kompetente Beratung durch PTA oder Apotheker kann hier Betroffenen eine wichtige Hilfestellung  sein.

Da es sich bei RDS um ein Leiden handelt, dessen Nachweis ohne objektiv auswertbare Laborparameter erfolgen muss, erfordert die Diagnose meist einen Arzt, der mit dem Krankheitsbild Erfahrung hat. Grundlage der Diagnostik sind die genaue Anamnese und die gründliche körperliche Untersuchung. In der Regel wird der Arzt verschiedene Bluttests durchführen und den Stuhl untersuchen. So kann er Infektionen und unbemerkte Blutungen nachweisen. Je nach Alter, Allgemeinzustand und medizinischer Vorgeschichte des Patienten können weitere Untersuchungen sinnvoll und notwendig sein. Dazu zählen beispielsweise die Darmspiegelung sowie die Ultraschall- oder auch Röntgenuntersuchung. Schwere organische Erkrankungen wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn oder Darmkrebs lassen sich damit ausschließen. Die Rom-Kriterien werden von Gastroenterologen im Rahmen einer Konsensus-Konferenz in Rom festgelegt und helfen das RDS von anderen Erkrankungen abzugrenzen.

RDS-Diagnose nach Rom-III-Kriterien (2006)

Hauptkriterien sind Schmerzen im Bauchbereich oder Unwohlsein an mindestens drei Tagen pro Monat in den letzten drei Monaten mit zwei der drei Eigenschaften:

  • Linderung durch Stuhlgang,
  • Veränderung der Stuhlhäufigkeit,
  • Veränderung der Stuhlkonsistenz.

Nebenkriterien, die die Diagnose unterstützen, sind:

  • abnormale Stuhlhäufigkeit, zum Beispiel mehr als 3 Stühle pro Tag oder weniger als 3 Stühle pro Woche,
  • abnormale Stuhlkonsistenz, 
  • abnormales Absetzen von Stuhl, zum Beispiel starkes Pressen, Gefühl der unvollständigen Entleerung, 
  • schleimiger Stuhl, 
  • Blähungen und Gefühl des Aufgeblähtseins.

Die drei Säulen der Therapie

Nach den Therapierichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) stützt sich die Behandlung von Patienten mit RDS auf drei Säulen:

  •  Allgemeinmaßnahmen,
  •  symptomorientierte medikamentöse Therapie,
  •  psychosomatische Grundversorgung und Psychotherapie.

Allgemeinmaßnahmen bilden die Basis der Behandlung. Dazu zählt die Aufklärung des Patienten über die Erkrankung, deren physiologische Voraussetzungen und die Bedeutung des Faktors Stress. Die ausführliche Information soll die eigenverantwortliche Mitarbeit des Patienten fördern. So soll er motiviert werden beispielsweise Entspannungsübungen zu erlernen oder seine Ernährung umzustellen. Dies ist wichtig, da Arzneimittel allein die Beschwerden der RDS-Patienten häufig nicht beseitigen. Eine Ernährungsumstellung ist in vielen Fällen sinnvoll, da Lebensmittelunverträglichkeiten das Krankheitsbild wesentlich fördern. Solche Unverträglichkeiten muss der Patient durch gezielte Auslassversuche aufdecken. Dazu streicht er Nahrungsmittel, die er möglicherweise nicht verträgt, für mindestens einen Monat vom Speiseplan; sinnvollerweise sollte er die Auslassversuche mit »verdächtigen« Lebensmitteln jeweils einzeln nacheinander durchführen. Zu den häufig problematischen Nahrungsmitteln oder -bestandteilen gehören Kaffee, Schokolade und Zuckerersatzstoffe wie Sorbitol und Fructose. 

Vor allem Patienten mit Obstipation sollten versuchen, sich ballaststoffreicher zu ernähren. Empfohlen wird die Einnahme von quellfähigen Ballaststoffen wie Flohsamenschalen (zum Beispiel Mucofalk®). Abführmittel sind nur dann indiziert, wenn Ballaststoffe nicht den gewünschten Erfolg bringen. Die Therapierichtlinien sehen Lactulose (zum Beispiel Bifiteral®), Macrogol (zum Beispiel Movicol®) oder Lecicarbon®-Suppositorien vor. Auch motilitätsanregende Phytopharmaka, zum Beispiel das Kombinationspräparat Iberogast® mit Extrakten aus der Schleifenblume (Iberis amara), Schöllkraut, Kümmel und Pfefferminze, eignen sich für diese Patienten.

Quellstoffe können auch eine Diarrhoe lindern, weil sie Flüssigkeit im Darm binden und so den Stuhl verfestigen. Manchen Patienten helfen Gerbstoffe, die die Darmschleimhaut abdichten (zum Beispiel Tannacomp®, Diarrhoesan®). Ist der Durchfall sehr stark, stellt Loperamid (zum Beispiel Imodium®) die Darmperistaltik ruhig. Allerdings dürfen die Patienten Loperamid in der Selbstmedikation nur kurzfristig einnehmen. Bei häufigen und heftigen Durchfällen gleichen Elektrolytpräparate (zum Beispiel Oralpädon®) den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust aus.

An Phytopharmaka denken

Für Patienten mit Meteorismus und Blähungen eignen sich so genannte Schaumhemmer, (zum Beispiel Sab simplex®, Lefax®), ferner auch Probiotika (zum Beispiel Mutaflor®) oder pflanzliche Präparate mit Pfefferminze, Anis, Fenchel, Kümmel und Kamille. Die ätherischen Öle von Pfefferminze und Kümmel wirken zudem spasmolytisch (zum Beispiel Enteroplant®, Medacalm®). Bei stärkeren Schmerzen und Krämpfen finden Arzneistoffe wie Butylscopolamin (zum Beispiel Buscopan®) oder Mebeverin (Duspatal® retard) Anwendung. Lindern diese Arzneimittel den Schmerz nicht ausreichend, verordnen Ärzte auch trizyklische Antidepressiva oder selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, zum Beispiel Amitryptilin (wie Saroten®) und Fuoxetin (wie Fluctin®). 

Die Psychotherapie ist das dritte Standbein der Therapie. Bei einer klinisch relevanten psychischen Störung, zum Beispiel bei einer Angsterkrankung oder Depression, muss selbstverständlich der Facharzt helfen. Außerdem ist die Hilfe eines Psychotherapeuten erforderlich, wenn diätetische und medikamentöse Maßnahmen nicht oder nur unzureichend wirken, die Beschwerden jahrelang bestehen und/oder einen großen Leidensdruck bei den Patienten verursachen.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
A.Haemmerlein(at)abda.aponet.de