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Reportage

Stärker als der Sturm

24.04.2008  08:49 Uhr

Reportage

Stärker als der Sturm

Andreas Meyer, Lübeck

Seit ihrer Geburt leidet Stefanie Ollenschläger an Mukoviszidose. Sie hat keinen festen Freund, keinen festen Arbeitsplatz und lässt sich dennoch nicht entmutigen. 

Der Wind bläst kräftig aus Nordost. Er hat das Meer aufgewühlt und jagt lose Sandkörner über den beigebraunen Strand. Kleine Körnchen werden zu winzigen Geschossen. Sie schmerzen auf der Haut. Die Ostsee vor Travemünde zeigt ihr widriges Winter-Gesicht. Nur eine junge Frau stemmt sich gegen den Sturm. Weit und breit sind Stefanie Ollenschläger und Vasco die Einzigen. Der schwarze Mischling zerrt an der Leine. So kräftig er kann, so wie der Wind an Stefanies Haaren. Das kostet Kraft. Doch umdrehen kommt nicht in Frage. Umdrehen hieße aufgeben. Und aufgegeben hat Stefanie noch nie. 

19 Jahre ist sie alt, bald wird sie 20. Das allein kommt einem kleinen Wunder gleich: Vier Wochen zu früh kam sie zur Welt, sie war zu klein, zu leicht und krank. Noch im Brutkasten ließen ihre Eltern sie taufen, weil sie kaum Hoffnung hatten. »Aber ich habe überlebt«, sagt sie. Die Worte klingen wie eine Kampfansage. Früher oder später wird die Erbkrankheit aber auch über Stefanie siegen. Ihre Organe werden kapitulieren. Vielleicht schon in wenigen Jahren. Gerade ist eine Bekannte gestorben. Mit 26. »So ist das«, sagt Stefanie. Sie verzieht keine Miene, lässt das alles nicht an sich ran. »Wenn ich immer Angst vor morgen hätte, könnte ich mich gleich aufhängen.« Ihre Worte verhallen im Wind, trotzig stapft sie durch den weichen Sand. 

Krankheit macht Männern Angst

Die Krankheit ist in alle Bereiche ihres Lebens vorgedrungen. In die Liebe etwa. Stefanie sieht gut aus. Groß, schlank, dunkelblaue Augen. Blonde, schulterlange Haare, in die sie modische braune Strähnen gefärbt hat. Stefanie ist der Typ Frau, den Männer an der Bar gerne zu einem Drink einladen – und mehr. Doch einen Freund hat sie nicht. Wieder verzieht sie keine Miene. Die Mukoviszidose wirke auf Männer wie ein unübersehbarer, optischer Makel. »Die meisten Männer kommen mit der Krankheit nicht klar«, sagt Stefanie. »Sie wollen gesunde Frauen, nicht jeden Tag an Leid und Krankheit erinnert werden.« Ein Ex-Freund hat ihr das ins Gesicht gesagt. Die anderen waren zu feige. Die Krankheit macht es nicht schwer, sich zu verlieben – aber schwerer, geliebt zu werden. Auch ihr momentaner Schwarm scheut sich vor einer festen Beziehung mit ihr. Ihre taffe Art, ihr Aussehen mag er sehr. Aber die Krankheit schreckt ihn ab. Die Wolken werden dunkler, der Wind stärker. Er bringt die Flaggen an der Promenade zum Knattern. Ein unheimliches Geräusch. Vasco entdeckt am Horizont Möwen, will jagen und toben. Stefanie hat Mühe, ihn zu halten. Doch sie kämpft weiter – gegen Vasco, gegen den Sturm.  

Kurz nach dem 18. Geburtstag ist sie in ihre eigene Wohnung gezogen, zwei Minuten von der Doppelhaushälfte ihrer Eltern entfernt. »Falls was ist«, lautet ihre lapidare Erklärung. Die Familie hilft, wo nötig. Beim Einkaufen trägt der Vater die schweren Sachen. Eine Getränkekiste könnte sie nicht heben. Stefanie lebt von 347 Euro im Monat, die der Staat ihr zahlt. Das reicht kaum fürs Essen. Weil ihr Stoffwechsel nicht richtig funktioniert, braucht sie mehr Nahrung als Gesunde. Stefanie malt mit ihren Händen Hügel in die Luft: »Fünf, sechs riesige Portionen Nudeln pro Tag. Nur um das Gewicht zu halten.« Die Menge würde reichen, um eine vierköpfige Familie satt zu machen. »Ich esse nicht, ich fresse!« Am liebsten Nudeln mit Tomatensauce und Parmesan. 

Seit sie die Schule beendet hat, ist sie arbeitslos. »Weißt Du«, sagt sie plötzlich leise und herab zu den Muscheln, die bei jedem Schritt unter den Füßen knacken. »Ich will eine Chance, kriege aber keine. Das ist ungerecht.« Beworben hat sie sich oft. »Ich muss nichts sagen. Die Leute merken, dass ich krank bin.« Sie hören es an ihrer Stimme. Nasal und krächzend klingt sie. Stefanie hustet viel und schwer, hat Diabetes und in den Knien Arthritis. Auch das lässt sich nicht verbergen. Alle drei Monate geht sie für einige Zeit ins Krankenhaus. Einen halben Liter einer Antibiotika-haltigen Lösung pumpen sie ihr dann jeden Tag in den Körper.

Keine Arbeitsstelle in Sicht

Drei Stunden täglich dürfte Stefanie arbeiten. Mehr nicht. »Da spielt kein Arbeitgeber mit.« Diese Erfahrung musste sie oft machen. Höflich, aber bestimmt wurde sie nach Hause geschickt und meist gerieten die Vorgesetzten dabei ins Stottern. Es fiel ihnen schwer zuzugeben, dass der Grund für die Absage nicht in Stefanies Qualifikation liegt. Dass es allein um die Krankheit geht, dass sie gesunde Mitarbeiter bevorzugen. Stefanie hat sich an Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten gewöhnt. Sie nimmt das alles hin und macht das Beste daraus. Vermutlich hat sie keine Wahl.

Gerne wäre Stefanie Polizistin geworden. Das passe zu ihrem Gerechtigkeitssinn. »Oder etwas mit Tieren.« Vasco legt eine Pause ein, ist erschöpft. Der Mischling fordert sie jeden Tag. »Ich bin oft müde. Doch der Hund muss nun mal laufen.« Stefanie beugt sie über ihn, streichelt das wuschelige Fell. Sie hat noch Kraft. »Ich komme mit Tieren besser klar. Vasco merkt sofort, wenn es mir nicht gut geht.« 

Medikamente gehören zum Alltag

Sie atmet durch den Mund. Das fällt ihr leichter. Wenn sie sich anstrengt, keucht sie leise. »Ich habe viele Träume«, sagt Stefanie. Einen zweiten Hund hätte sie gerne. Und einen Porsche, ein Symbol für Energie und Kraft. Seit eineinhalb Jahren ist sie dabei, den Führerschein zu machen. Immer wenn sie viele Medikamente nimmt, darf sie aber nicht ans Steuer. »Natürlich möchte ich noch viel älter werden.« Doch das liegt nicht allein an ihr. »Deshalb genieße ich jede Sekunde.« Sie sagt oft solche Sätze und wer sie nicht kennt, dem fällt es schwer, das zu glauben. 

In der Ferne sind schemenhaft die Umrisse einer Familie zu sehen. Mutter, Vater, Kinderwagen, Hund. Durch den einsetzenden Nieselregen wirkt das Bild wie aus einem Traum, aus Stefanies Traum. »Ich hätte gerne Kinder«, sagt sie. Möglich wäre es. »Aber ich möchte die Kleinen auch aufwachsen sehen. Wer weiß, wie lange das geht?« Eine Lungentransplantation könnte ihr Leben verlängern. Doch die lehnt Stefanie ab. »Ich käme damit nicht klar, das Organ eines Toten in mir zu haben.« 

Ihre Wangen sind gerötet, die salzige Luft brennt in den Augen. »Komm’, Vasco. Es wird Zeit.« Nur wenige 100 Meter sind es vom Strand bis zu Stefanies Wohnung. Sie wohnt in einem Altbau, im Souterrain. Eine Wohnung weiter oben kam nicht in Frage. Beim Treppensteigen schmerzen ihr die Knie. Auf hellen Holzregalen im lichtdurchfluteten Wohnzimmer stehen Bilderrahmen: Eltern, Geschwister, Neffen und Freunde sind auf Fotos zu sehen. In einer Ecke steht ein Inhalator. Sie soll ihn jeden Tag nutzen, tut es aber nicht: »Nach dem Inhalieren huste ich mehr, es kratzt im Hals.« Ihre Arzneimittel nimmt sie aber regelmäßig, an schlechten Tagen über 60Tabletten. 

Heute ist ein guter Tag. Stefanie will abends weg, unter Menschen. Sie steht vorm Spiegel, trägt Lidschatten auf, macht sich hübsch. Viele Freunde hat sie nicht. »Ich suche mir meine ganz genau aus.« Ein Freund muss zuhören. Viele in ihrem Alter können das nicht. »Meine Probleme sind vielen wohl zu hart«, sagt Stefanie. Sie hingegen ist oft genervt, wenn andere vom Streit mit dem Freund oder Ärger auf der Arbeit erzählen. »Die wissen gar nicht, was Probleme sind. Ich würde gerne tauschen.« Neid? »Nein, ich ticke nur anders. Das war immer so, das muss wohl auch so sein.«

Stefanie hat kein Problem damit, über ihre Krankheit zu sprechen. Vor Weihnachten war sie in einer Möllner Schule. Die Schüler hatten Geld für den Mukoviszidose-Verein gesammelt. Stefanie stellte sich vor die Klasse. Als die Frage nach der Lebenserwartung kam, zuckte ihre Mutter zusammen. Und auch der Lehrer. Doch in Stefanies Augen blitzten Mut und Kampfeswille. »Die einen sterben früher, die anderen später«, hatte sie geantwortet. Da zuckten auch die Jungen und Mädchen. Stefanie will später sterben. Dafür wird sie kämpfen. So wie bisher. Jeden Tag.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
andreas.meyer(at)ln-luebeck.de