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Mangelernährung

Das unterschätzte Problem

01.05.2009
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Mangelernährung

Das unterschätzte Problem 

von Gudrun Heyn

Sogar in den reichen Industrieländern Europas sind Unter- und Mangelernährung weit verbreitet. Schlecht ernährte, vor allem ältere Patienten müssen nach Operationen doppelt so lange im Krankenhaus versorgt werden, leiden häufiger unter Komplikationen und sterben früher als gut ernährte Menschen. Endlich messen Mediziner dem bisher kaum wahrgenommenen Problem mehr Bedeutung zu.

Seit Jahren warnen Politiker, Medien und Ärzte vor den gravierenden Folgen von Übergewicht und Adipositas. Dagegen sind die medizinischen Auswirkungen und die finanziellen Folgen für das Gesundheitssystem durch Mangelernährung in der Öffentlichkeit kaum bekannt. »Selbst unter Medizinern wird die Mangelernährung immer noch erheblich unterschätzt«, sagte Professor Dr. André van Gossum vom Erasmus Hospital der Freien Universität Brüssel auf der Fortbildungsveranstaltung edi 2009 in Berlin.

Zahlen aus Großbritannien zeigen, dass Mangelernährung das Gesundheitssystem vor ebenso große finanzielle Herausforderungen stellt wie das viel beachtete Übergewicht. Mehr als 10 Milliarden Euro werden auf den britischen Inseln jedes Jahr zur Behandlung mangelernährter Menschen ausgegeben. Auf Deutschland übertragen entspricht dies rund 13 Milliarden Euro pro Jahr.

Inzwischen belegen europaweite Untersuchungen, wie viele Menschen mangelernährt sind: So sind bei der Entlassung aus dem Krankenhaus bis zu 20 Prozent der Patienten unterernährt. Sogar bis zu 40 Prozent der chronisch Kranken haben ein deutliches Ernährungsdefizit, wenn sie entsprechende Einrichtungen wie Rehabilitationszentren verlassen. Aber auch außerhalb von Kliniken ist Mangelernährung relativ häufig. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 5 Prozent der Bevölkerung in Europa mangelernährt sind, vor allem ältere Menschen und Kranke. Studien zeigen, dass mehr als 10 Prozent der über 65-Jährigen unter einem Nahrungsdefizit leiden.

Zahlen aus Deutschland belegen, dass jeder vierte Patient bereits mit einem schlechten Ernährungszustand in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Dagegen variieren die Angaben zu Betroffenen aus deutschen Seniorenheimen stark: Mehreren Studien zufolge sind bis zu Dreiviertel aller Heimbewohner nicht ausreichend ernährt.

Keine Lust auf Essen

Die Ursachen für eine Mangelernährung sind vielfältig. Viele schwere Infektionen oder Erkrankungen wie Krebs und Magen-Darm-Störungen führen zu Appetitlosigkeit. Wer zu wenig isst, deckt seinen Bedarf an Energie und Eiweiß nicht mehr ausreichend. Auch Arzneimittel können zu einer Mangelernährung beitragen, wenn sie Appetitlosigkeit und Übelkeit verursachen oder den Geschmacks- und Geruchssinn verändern.

Im Alter lassen der Geschmacksinn, das Sättigungs- und Durstgefühl generell nach. Daher haben viele ältere Menschen weniger Appetit und nehmen kleinere Mahlzeiten zu sich. Dies kann besonders während eines Krankenhausaufenthalts zum Problem werden. Dort erhalten sie meist nur drei Mahlzeiten am Tag. Wenn dann noch das angebotene Gemüse eine geringe Nährstoffdichte aufweist und die Patienten davon nur einen kleinen Happen probieren, ist eine ausreichende Nährstoffversorgung kaum möglich. 

So gut wie programmiert ist die Mangelernährung bei Patienten mit Demenz. Die Betroffenen vergessen einfach, dass sie essen müssen. Aber auch Einsamkeit, fehlende Aufmerksamkeit in der Familie oder im Heim sowie finanzielle Probleme können in eine Mangelernährung münden.

Heilungsprozess verzögert

Mangelernährte Menschen leiden unter einem Defizit an Energie, Eiweiß und anderen notwendigen Nahrungsbestandteilen wie Vitaminen und Mineralstoffen. Von einer schweren Unterernährung sprechen Mediziner, wenn ein Mensch innerhalb eines Monats mehr als 10 Prozent seines Körpergewichts verliert oder innerhalb von sechs Monaten mehr als 15 Prozent abnimmt. Auch ein Body-Mass-Index unter 18 kg/m2 gilt als schwere Unterernährung. Außerdem sinkt der Serumalbumin-Spiegel im Blut typischerweise unter 30 g/l.

Doch schon bei einer Mangelernährung leidet die Leistungsfähigkeit des Körpers. So sind die Betroffenen bei einer Erkrankung länger bettlägerig, schwächer und anfälliger als andere Patienten. Der Heilungsprozess verläuft langsamer, und die Gefahr einer zusätzlichen Infektion oder von Komplikationen ist deutlich erhöht. In der Regel benötigen mangelernährte Patienten in Krankenhäusern daher eine intensivere Pflege und müssen im Vergleich zu gut ernährten Menschen zumeist eine doppelt so lange Zeit im Krankenhaus verbringen. Außerdem steigt bei einer Mangelernährung das Risiko, früher zu sterben. »Bekannt ist dies vor allem von mangelernährten Patienten, die mit einer Lungenentzündung in eine Klinik eingewiesen werden«, sagte van Gossum. 

Sind die Patienten wieder zu Hause, erholen sie sich sehr viel langsamer von ihrer Erkrankung. Weil ihnen Kraft und Leistungsfähigkeit fehlen, können manche nur noch in einem Pflegeheim versorgt werden.

Essen als Therapie

Wie wichtig eine gute Ernährung für die Gesundheit sei, zeigten inzwischen viele Untersuchungen, informierte Professor Dr. Herbert Lochs von der Charité auf der Fortbildungsveranstaltung. Der Krankheitsverlauf ließe sich positiv beeinflussen, besonders deutlich sei dies bei Patienten mit Dickdarmkrebs. In der Regel verlieren die Patienten nach der Operation etwa sechs Monate lang an Gewicht und sind eingeschränkt leistungsfähig. Erhalten die Krebspatienten bereits vor der Operation eine ausgewogene Ernährung, zum Beispiel spezielle Präparate mit hoher Energiedichte, sind die Betroffenen bereits drei Monate danach wieder auf dem Stand ihrer alten Leistungsfähigkeit. Außerdem bricht die Erkrankung seltener wieder aus als ohne Ernährungstherapie, und das Überleben wird verlängert. 

Wie positiv eine gute Ernährung den Krankheitsverlauf beeinflusst, zeigt sich auch bei Rheumapatienten. Wird die medikamentöse Therapie von diätetischen Maßnahmen begleitet, können sich die Patienten besser bewegen und haben weniger Schmerzen. 

Mediziner des Projektes »nutritionDay in Europe« untersuchen jährlich, wie sich das Essen auf die Genesung der Patienten im Krankenhaus oder im Pflegeheim auswirkt. Die Studie ist eine der größten Untersuchungen, die je zur Unterernährung gemacht wurden. Seit dem Projektstart im Jahr 2006 haben mehr als 53.000 Patienten und Heimbewohner daran teilgenommen. Auch in diesem Jahr wurden am 29. Januar 2009 Daten in Krankenhäusern inklusive Intensivstationen und in Pflegeheimen erhoben.

Das Ergebnis: Nicht einmal jeder zweite Patient aß das angebotene Mittagessen vollständig auf. Ein Viertel der Patienten verzehrt nur die Hälfte, die anderen noch weniger. Das Risiko zu sterben war bei den Krankenhauspatienten, die das Essen verweigern, im Vergleich zu den Patienten, die sich gut ernähren, um den Faktor acht erhöht. Bei denjenigen, die nur ein Viertel aßen, war das Risiko noch viermal höher, und selbst bei denjenigen, die die Hälfte aßen, um den Faktor zwei erhöht. Wie sich die schlechte Ernährung auf die Dauer des Krankenhausaufenthaltes auswirkte, wurde ebenfalls erfasst: So gingen ältere Patienten statt nach 8 erst nach rund 12 Tagen nach Hause. 

Schon die Teilnahme an der Studie sorgte für eine Verbesserung der Situation. Sie machte Patienten, Heimbewohner, Leiter der Krankenhäuser und Pflegeheime auf das Problem der Mangelernährung aufmerksam. Außerdem erhält jede Station die Auswertung der eigenen Daten. Jeder Arzt und jede Pflegekraft kann daher sehen, wie die eigene Einrichtung im europäischen Vergleich da steht. »Wir haben festgestellt, dass viele beteiligte Institutionen von Jahr zu Jahr besser abschneiden«, sagte der Initiator der Studie Professor Dr. Michael Hiesmayr von der Medizinischen Universität Wien. Dass die Idee aufgeht, zeigt sich auch darin, dass sich immer mehr Krankenhäuser in der ganzen Welt an der Studie beteiligen. Jetzt neu dabei sind die Länder Japan, Südafrika und die USA.

Mangelernährung begegnen

Aber auch praktische Empfehlungen leiten die Initiatoren der Studie aus den Ergebnissen ab. So sollten Diätassistenten in jedem Krankenhaus den individuellen Ernährungsbedarf eines Patienten ermitteln, dessen Vorlieben und Abneigungen erfragen und den Speiseplan an die Bedürfnisse der Patienten anpassen.

Schon der Anblick des Essens sollte ansprechend sein und bereits der erste Bissen schmecken. Manche Caterer nutzen beispielsweise einen alten Hausfrauentrick und geben eine Prise Zucker zur Soße und zum Gemüse, um deren Geschmack zu steigern. Menschen mit Demenz oder Schlaganfallpatienten mit motorischen Defiziten können besser Fingerfood essen als mit Besteck umgehen. Auch Zwischenmahlzeiten sollten regelmäßig angeboten werden, vor allem abends. Das Essen für mangelernährte Menschen sollte mit Nährstoffen angereichert sein. Geeignet sind beispielsweise hochwertiges Proteinpulver in Süßspeisen oder Soßen. Außerdem geben eine zusätzliche Portion Butter, Öl oder Sahne Energie. Wohingegen die beliebten fettarmen Joghurts eine Mangelernährung unterstützen. 

Inzwischen hat der Europarat in einem Aktionsplan detaillierte Empfehlungen ausgesprochen, um die Ernährungssituation von Menschen zu verbessern, die alleine zu Hause oder in Pflegeheimen leben. Der Plan ist das Ergebnis eines Treffens von mehr als 30 Medizinern, Ernährungsexperten, Politikern und Patientenvertretern, die sich im Jahr 2007 auf Einladung des Belgischen Gesundheitsministeriums in Brüssel trafen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
gheyn(at)gmx.de