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Arzneimitteltherapie

Neue Wirkstoffe im April 2009

01.05.2009
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Arzneimitteltherapie

Neue Wirkstoffe im April 2009

von Sven Siebenand

Drei neue Arzneistoffe kamen im vergangenen Monat auf den Markt. Darunter befindet sich ein Antidepressivum mit einem zweifachen Wirkprinzip, ein weiterer Thrombozytenaggregationshemmer und ein Orphan Drug gegen Störungen im Stoffwechsel der Aminosäure Phenylalanin.

Mit Agomelatin (Valdoxan® 25 mg Filmtabletten, Servier Deutschland GmbH) ist Anfang April ein Wirkstoff zur Behandlung von Episoden einer Major Depression bei Erwachsenen auf den deutschen Markt gekommen. Das verschreibungspflichtige Antidepressivum wirkt zweifach: Zum einen stimuliert es die Melatonin-Rezeptoren, zum anderen blockiert es bestimmte Serotonin-Rezeptoren. Dadurch sollen die Spiegel von Dopamin und Noradrenalin in den Hirnbereichen ansteigen, die an der Steuerung der Stimmung beteiligt sind, und die Symptome der Depression gelindert werden. Zudem kann Agomelatin dazu beitragen, den bei depressiven Patienten häufig gestörten Schlaf zu normalisieren.

Patienten nehmen eine Tablette vor dem Schlafengehen ein. Diese Dosis kann der Arzt auf zwei Tabletten erhöhen, wenn sich die Symptome nach zwei Wochen noch nicht gebessert haben. Insgesamt sollte die Behandlungsdauer mindestens ein halbes Jahr betragen, um sicherzustellen, dass die Patienten symptomfrei sind. 

Bei Menschen, die über 65 Jahre alt sind, und bei Patienten  mit mittelschweren oder schweren Nierenproblemen sollte Agomelatin nur vorsichtig eingesetzt werden. Kontraindiziert ist der Wirkstoff bei älteren Patienten mit Demenz oder einer Lebererkrankung. Sicherheitshalber sollte der Arzt zu Beginn und auch während der Behandlung regelmäßig die Leberfunktion der Patienten mithilfe von Bluttests kontrollieren. Sind die Leberenzymwerte auffällig, so ist die Behandlung zu unterbrechen. Erst wenn sich die Werte wieder normalisiert haben, kann die Therapie fortgesetzt werden. 

Agomelatin wird hauptsächlich durch das Cytochrom-P450-Enzym CYP1A2 metabolisiert. Wirkstoffe, die mit diesem Isoenzym interagieren, vermindern oder verstärken die Bioverfügbarkeit von Agomelatin. Daher ist die gleichzeitige Anwendung von Agomelatin und starken CYP1A2-Inhibitoren wie dem Antibiotikum Ciprofloxacin kontraindiziert. Bei der Kombination von Agomelatin mit mäßigen CYP1A2-Inhibitoren wie Propranolol, Grepafloxacin und Enoxacin ist Vorsicht geboten. Gleiches gilt übrigens auch für die Anwendung in der Schwangerschaft.

Die in Studien beobachteten Nebenwirkungen waren meist leicht bis mittelstark und traten innerhalb der ersten zwei Behandlungswochen auf. Am häufigsten klagten die Probanden über Kopfschmerz, Schwindel, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit, Migräne, Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Schmerzen im Oberbauch, vermehrtes Schwitzen, Rückenschmerzen, Erschöpfung und Angst. Einige der Nebenwirkungen stehen vermutlich eher mit der Depression des Patienten in Zusammenhang als mit dem Wirkstoff selbst. 

Der Ausschuss für Humanarzneimittel der europäischen Zulassungsbehörde EMEA stellte fest, dass Agomelatin bei der Behandlung einer Depression möglicherweise weniger Vorteile bringt als andere Antidepressiva. Da der neue Arzneistoff aber einen neuen Wirkmechanismus und ein anderes Sicherheitsprofil als die bereits etablierten Antidepressiva besitzt, beurteilt der Ausschuss das Mittel dennoch als wertvoll für manche Patienten, solange deren Leberfunktion häufig kontrolliert wird.

Neuer Thrombozytenhemmer

Mit Prasugrel (Efient™ 5 und 10 mg Filmtabletten, Lilly Deutschland) ist im April ein neuer oraler Thrombozytenaggregationshemmer auf den Markt gekommen. Zusammen mit Acetylsalicylsäure (ASS) wird Prasugel angewendet, um atherothrombotische Ereignisse bei erwachsenen Patienten mit akutem Koronarsyndrom zu verhindern, die sich einer sogenannten perkutanen Koronarintervention (PCI) unterziehen. Bei diesem operativen Eingriff öffnet der Chirurg verengte Blutgefäße.

Zu Therapiebeginn erhalten die Patienten einmalig 60 mg des verschreibungspflichtigen Wirkstoffes, danach nehmen sie unabhängig von einer Mahlzeit täglich 10 mg ein (bei einem Körpergewicht unter 60 kg nur 5 mg). Empfohlen wird, die Behandlung mit Prasugrel und ASS bis zu einem Jahr lang durchzuführen. PTA und Apotheker sollten die Patienten darauf hinweisen, dass sie ihren Arzt oder Zahnarzt über die Einnahme informieren, bevor dieser einen operativen Eingriff vornimmt und ein neues Arzneimittel verordnet.

Prasugrel hemmt die Aktivierung der Blutplättchen (Thrombozyten) und damit deren Zusammenklumpen (Aggregation), indem es den sogenannten Adenosindiphosphat-Rezeptor P2Y12 an der Oberfläche der Blutplättchen besetzt und blockiert. Indem Prasugel das Risiko von Blutgerinnseln reduziert, wirkt es prophylaktisch gegen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Prasugrel zählen Blutergüsse, Nasenbluten, Magen- oder Darmblutungen und Blut im Urin. Aufgrund des Blutungsrisikos darf der Wirkstoff deshalb nicht bei Patienten mit einer Erkrankung angewendet werden, die mit extrem starken Blutungen verbunden ist. Kontraindiziert ist die Substanz auch bei Patienten, die einen Schlaganfall oder eine vorübergehende Durchblutungsstörung eines Teils des Gehirns (transitorische ischämische Attacke, TIA) erlitten haben oder die an schweren Leberproblemen leiden. Ferner wird die Gabe von Prasugrel nicht bei Patienten im Alter über 75 Jahre empfohlen. Hält der Arzt die Therapie dennoch für erforderlich, sollten die Patienten nach der Eingangsdosis von 60 mg nur die 5-mg-Tagesdosis erhalten.

Neues Orphan Drug

Mit Sapropterin (Kuvan® 100 mg Tabletten zur Herstellung einer Lösung zum Einnehmen, Merck KGaA) kam ein Orphan Drug zur oralen Therapie der Hyperphenylalaninämie (HPA) bei Patienten mit Phenylketonurie (PKU) oder Mangel an  Tetrahydrobiopterin (BH4) auf den Markt. Die seltenen Erkrankungen PKU und BH4-Mangel haben ihre Ursache in genetisch bedingten Störungen im Stoffwechsel der Aminosäure Phenylalanin. Die Patienten können die Aminosäure Phenylalanin nicht zur Aminosäure Tyrosin umwandeln. Dies führt dazu, dass sich Phenylalanin im Blut ansammelt. Eine HPA verursacht bei Säuglingen und Kindern schwere Schädigungen des Gehirns, bei Jugendlichen und Erwachsenen neurokognitive Funktionsstörungen. 

Bei Patienten mit PKU liegen fehlerhafte Versionen des Enzyms Phenylalaninhydroxylase vor, das aus Phenylalanin Tyrosin herstellt. BH4 ist ein Co-Faktor dieses Enzyms. Bei Patienten mit BH4-Mangel kann die Hydroxylase daher nicht  ordnungsgemäß arbeiten. Der neue Arzneistoff Sapropterin ist die synthetisch hergestellte Kopie von BH4. Bei PKU verstärkt er die Aktivität des fehlerhaften Enzyms und bei BH4-Mangel ersetzt er den fehlenden Co-Faktor. Dadurch kann Tyrosin wieder produziert werden. Als Folge davon sinkt der Phenylalaninspiegel.

Sapropterin kommt bei Erwachsenen und Kindern zum Einsatz. Kinder mit HPA infolge einer PKU können den Arzneistoff ab einem Alter von vier Jahren erhalten. Bei Kindern mit HPA infolge eines BH4-Mangels kann der Wirkstoff in jedem Lebensalter gegeben werden. Der verschreibungspflichtige Arzneistoff ist zur Langzeitanwendung angezeigt. Trotz Behandlung mit Sapropterin müssen sich die Patienten weiterhin Phenylalanin-arm ernähren.

Die Dosis des neuen Wirkstoffes richtet sich nach dem Körpergewicht. Die übliche Anfangsdosis beträgt bei PKU einmal täglich 10 mg je Kilogramm Körpergewicht und bei BH4-Mangel 2 bis 5 mg je Kilogramm Körpergewicht. Die Patienten sollen das Arzneimittel in einem Glas Wasser auflösen und zusammen mit einer Mahlzeit immer zur gleichen Tageszeit einnehmen, am besten morgens. PTA und Apotheker sollten die Patienten darauf hinweisen, dass die Flasche eine Kapsel mit Trockenmittel enthält. 

Vorsicht ist geboten, wenn Patienten gleichzeitig Levodopa oder Dihydrofolat-Reduktase-Hemmer wie Methotrexat und Trimethoprim einnehmen. Gleiches gilt für Mittel, die die Gefäße erweitern, indem sie den Stickstoffmonoxid-Abbau beeinflussen (zum Beispiel ISDN, Minoxidil, Molsidomin), einschließlich solcher Mittel, die äußerlich angewendet werden. Auch bei der Behandlung von über 65-Jährigen und Patienten mit Leber- oder Nierenproblemen ist Vorsicht angezeigt. Die häufigsten Nebenwirkungen von Sapropterin sind Kopfschmerzen und laufende Nase.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
sieband(at)govi.de