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Venenleiden

Phytotherapie als Alternative zur Kompression

02.05.2009
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Venenleiden

Phytotherapie als Alternative zur Kompression 

von Ernst-Albert Meyer

Am 19. April fand bundesweit der vierte Deutsche Venentag statt. Er soll mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken, dass sich jeder um die Durchblutung seiner Beine kümmern muss. Diesen Tag nutzten Apotheken für einen besonderen Service: Sie boten ihren Kunden an, den Druck in den unteren Beinvenen zu messen. Anschließend folgte selbstverständlich die Beratung über Venenleiden und deren Therapie.

Der Begriff »chronisch-venöse Insuffizienz« (CVI) fasst alle sichtbaren Veränderungen und Symptome zusammen, die Folgen einer chronischen Rückflussstörung des Blutes sind. Unbehandelt verschlimmert sich die CVI langsam. Der Fachbegriff für einen solchen fortschreitenden Prozess lautet Progredienz. Die Erkrankung beginnt mit den als harmlos geltenden Besenreisern, quält den Betroffenen mit Krampfadern und endet unbehandelt mit den gefürchteten und behandlungsaufwendigen »offenen Beinen«, dem Ulcus cruris. 

Die Beschwerden der CVI empfinden die Betroffenen häufig als sehr belastend. Ihre Beine und Füße sind schwer und geschwollen, vor allem abends, und die Haut spannt unangenehm, hinzu kommen Missempfindungen wie Ameisenlaufen auf der Haut, Juckreiz und Schmerzen. Im weiteren Krankheitsverlauf verfärbt sich die Haut im Bereich der Ödeme, daraus entstehen Ekzeme und letztendlich die Unterschenkelgeschwüre. Deshalb sollten PTA und Apotheker betroffenen Patienten erklären, wie wichtig es ist, auch leichte Beschwerden so früh wie möglich mit Phytopharmaka aus der Selbstmedikation effektiv zu behandeln. 

Zu schwaches Bindegewebe

Über 80 Prozent der Venenpatienten hat die Hauptursache der CVI, die Bindegewebsschwäche, geerbt. Ihr Bindegewebe, das die Venen umgibt und ihnen Festigkeit und Halt verleiht, ist zu schwach ausgebildet. Oft sind auch zu wenig Venenklappen vorhanden, die den Rückfluss des venösen Blutes regulieren. Frauen leiden deutlich häufiger als Männer an der CVI, weil Östrogene (auch die »Pille«) das Bindegewebe auflockern.

Kommen dann noch äußere Faktoren hinzu wie das Tragen von Schuhen mit hohen Absätzen, einseitig belastende Berufe mit vorwiegend im Sitzen oder Stehen ausgeführten Tätigkeiten, Übergewicht oder Wärme, zum Beispiel aus Fußbodenheizungen, steigt der Druck in den Venen, und sie erweitern sich zu Krampfadern. Diese tun viele Betroffene fälschlicherweise noch als kosmetisches Problem ab und missachten mögliche Folgen. Aber wenn die äußeren Venenbereits sichtbar hervortreten, sind meist schon die tiefen Leitvenen im Inneren des Beines geschädigt.

Lysosomale Enzyme als Übeltäter

Für Krampfadern ist die Überdehnung der Venenwände typisch. Dabei werden die Venenwände durchlässiger, Proteine treten aus dem Blut ins umgebende Gewebe und ziehen osmotisch bedingt Flüssigkeit aus den Venen nach. Flüssigkeit sammelt sich im Gewebe, es entstehen Ödeme. 

Die erweiterten Venenwände setzen Lysosomen frei. Das sind kleine Bläschen in der Zelle, die eine wichtige Rolle beim Abbau von zellfremden und eigenen Stoffen spielen und zu diesem Zweck lysosomale Enzyme enthalten. Bei der CVI treten diese Enzyme aus den Lysosomen aus, greifen das Kollagenstützgeflecht im Bindegewebe der Venenwände an und bauen es teilweise ab. Dieser Prozess findet vor allem in den kleinsten Venen, den Kapillargefäßen, statt. Dadurch werden die Venenwände noch durchlässiger, ihre Elastizität nimmt weiter ab, und die Ödembildung wird gefördert. Bei Venenkranken liegt die Konzentration lysosomaler Enzyme im Blut 60 bis 120 Prozent über dem Normalwert.

Möglichkeiten der Phytotherapie

Phytopharmaka führen ebenso wie die Kompression zu keiner Heilung, das heißt, aus einer Krampfader wird keine gesunde Vene mehr. Aber beide Behandlungen stoppen die Progredienz und lindern deutlich die Beschwerden. In Deutschland sind Phytopharmaka aus Trockenextrakten der Heilpflanzen Rosskastanie, Weinlaub, Mäusedorn, Buchweizen und Steinklee im Handel (siehe Kasten. Weitere Präparate enthalten die isolierten Wirkstoffe Troxerutin, Diosmin oder Rutoside.

Auf einen Blick: Phytopharmaka für die Venen

PTA-Forum / Pflanzliche Ödemprotektiva hemmen lysosomale Enzyme. Dadurch verbessern sie die Dichtigkeit der Venenwände. Das verhindert, dass Flüssigkeit durch die porösen Venenwände ins umliegende Gewebe austritt. Außerdem helfen sie, Ödeme auszuschwemmen, und fördern die Durchblutung und damit die Versorgung der Gewebe mit Sauerstoff. Unterschiedliche Substanzen oder Substanzgemische aus den verwendeten -Arznei-pflanzen sind für die beschriebenen Effekte verantwortlich und besitzen zusätzliche Wirkungen, die die Wirksamkeit der Extrakte gegen chronisch venöse Insuffizienz noch verstärken.

Die Flavonoide im Roten Weinlaub und im Japanischen Schnurbaum fangen Sauerstoffradikale ab und machen diese unschädlich. Das Gemisch aus Triterpensaponinen der Rosskastanie hemmt darüber hinaus die Leukozytenaktivität bei Entzündungsreaktionen. Cumarine aus dem Steinklee wirken entzündungshemmend, spasmolytisch und fördern den Blutfluss. Am besten untersucht sind die Wirkungen der Extrakte von Rosskastaniensamen und Rotem Weinlaub. Für Steinkleekraut, Mäusedornwurzelstock sowie Rosskastaniensamen existieren positive Monographien der Kommission E. Ein Einsatz der Pflanzenextrakte ist sinnvoll

  • im Anfangsstadium der CVI,
  • unterstützend zur Therapie mit Kompressionsverbänden oder -strümpfen,
  • zur Entlastung der Venen in der warmen Jahreszeit,
  • für gefährdete Personen, die tagsüber überwiegend stehen oder sitzen.

Heilpflanzen bei venöser Insuffizienz

Arzneipflanze Beispiele für Inhaltsstoffe empfohlene Tagesdosis Handelspräparate (Beispiele)
Buchweizen (Fagopyrum esculentum) Rutin 750 bis 1500 mg Troxerutin, 3000 mg Buchweizenkraut Fagorutin® Buchweizentabletten N
Japanischer Schnurbaum (Sophora japonica) Rutoside 500 bis 1000 mg Oxerutin Venoruton® intens
Mäusedorn (Ruscus aculeatus) Steroidsaponine 7 bis 11 mg Gesamtruscogenin Fagorutin® Ruscus
Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) Triterpensaponine 100 mg Aescin Venostasin® retard, Aescusan® retard, Venoplant® retard S
Rotes Weinlaub (Vitis vinifera) Flavonoide 360 mg Trockenextrakt Antistax® extra
Steinklee (Melilotum officinale) Cumarin 30 mg Cumarin Venalot® Depot

Fertigarzneimittel mit Rosskastaniensamen-Extrakt bezeichnen die Autoren des Standardwerks »Leitfaden Phytotherapie« Professor Dr. Heinz Schilcher, Dr. Susanne Kammerer und Dr. Tankred Wegener als »Präparate der ersten Wahl«. So belegen beispielsweise zehn klinische Studien die Wirksamkeit des Präparates Venostasin® retard. Aufgrund ihres guten therapeutischen Effektes bei CVI wählte der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg die Rosskastanie zur Arzneipflanze des Jahres 2008. 

Im Rahmen der evidenzbasierten Medizin (Nachweis gestützte Medizin), die sich immer mehr durchsetzt, sollten PTA und Apotheker sich bei ihrer Empfehlung von Phytopharmaka verstärkt daran orientieren, ob klinische Studien zum Wirksamkeitsnachweis vorliegen.

Der Samen der Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.) enthält zwischen 3 und 10 Prozent Aescin, ein Saponingemisch vom Triterpenglykosid-Typ. Aescin zeichnet sich durch zwei Eigenschaften aus: ödemprotektive (abdichtende Effekte auf die geschädigten Venenwände) und  antiexsudative (Einschränkung des Übertritts von Flüssigkeit aus dem venösen Blut ins Gewebe).

Diese Wirkungen kommen dadurch zustande, dass Aescin mit körpereigenem Cholesterol Komplexe bildet. Cholesterol ist unter anderem Bestandteil der Wände von Venen und Lysosomen. In den Lysosomen dichten die Aescin-Cholesterol-Komplexe die Membranen ab und reduzieren nachweisbar die Freisetzung der lysosomalen Enzyme ins Blut. In den Venenwänden sorgen diese Komplexe dafür, dass weniger Proteine und Flüssigkeit aus dem Blut ins Gewebe übertreten, was die Ödembildung deutlich verringert. 

Wichtig für den Therapieerfolg ist die Anwendung von Rosskastaniensamen-Gesamtextrakt, denn weitere Inhaltsstoffe der Samen wie die Flavonoide unterstützen die Wirkung des Aescins. Sie erhöhen dessen Resorption, verbessern die Mikrozirkulation, wirken venentonisierend und entzündungshemmend.

Monographie der Kommission E  

Das besondere an der Monographie »Hippocastani semen« ist, dass sie sich nicht auf die Heilpflanze bezieht, sondern auf den auf Aescin standardisierten Rosskastaniensamen-Extrakt. Sowohl die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes als auch die Europäische Kooperative, die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapie) empfehlen Rosskastaniensamen zur Behandlung von chronisch venösen Insuffizienzen unterschiedlicher Genese. Als Tagesdosis nennt die Kommission E 100 mg Aescin und empfiehlt die Anwendung von Retard-Präparaten. Diese galenische Formulierung garantiert, dass der Wirkstoff gleichmäßig verzögert aus der Arzneiform vor allem im Dünndarm abgegeben wird. Der Blutspiegel des Wirkstoffes ist dadurch über eine lange Zeit konstant, was bei der Behandlung der CVI wichtig ist. 

Da nur unzureichende Prüfungen und Erfahrungen vorliegen, sollten Schwangere und Stillende Präparate mit Rosskastaniensamen-Extrakt nicht ohne Anweisung des Arztes anwenden. Als sehr seltene Nebenwirkungen sind Juckreiz, Schwindel, Kopfschmerzen und allergische Reaktionen möglich. Weil auch Übelkeit und Magenbeschwerden auftreten können, sollte der Patient sein Arzneimittel immer zu den Mahlzeiten einnehmen. Außerdem darf der Hinweis nicht fehlen, dass etwas Geduld erforderlich ist. Frühestens vier bis sechs Tage nach Einnahmebeginn bessern sich die Beschwerden deutlich. Die medikamentöse Venentherapie ist immer eine Langzeittherapie. Deshalb sollten PTA und Apotheker den Patienten motivieren, sein Venentherapeutikum mindestens über drei Monate regelmäßig einzunehmen. Auch eine Dauertherapie ist problemlos möglich und gut verträglich. 

Die äußerliche Anwendung von Rosskastaniensamen-Extrakt in Form von Salben, Cremes oder Gelen bringt vielen Patienten eine spürbare Erleichterung, wenn sie diese herzwärts in die gesunde Haut einmassieren.

Rosskastanie oder Kompression

Nach wie vor halten Ärzte und Patienten die Kompressionstherapie für die wirksamste Art der Behandlung der CVI. Kompressionsstrümpfe und -verbände stützen das Bindegewebe tatsächlich effektiv von außen. Aber rund 53 Prozent der Patienten brechen ihre Therapie ab, weil sie das Wickeln und den Druck als unangenehm und aufwendig empfinden. Vor allem in der warmen Jahreszeit, wenn die Beschwerden meist am stärksten sind, ist ihnen diese Behandlung lästig. Hinzu kommt, dass viele Patienten sich ihre Kompressionsstrümpfe selbst nicht fachgerecht anlegen können, zum Beispiel wenn sie zusätzlich unter rheumatischen Erkrankungen oder Ischialgie leiden. Bei Patienten mit Durchblutungsstörungen der Beine wie der als »Schaufensterkrankheit« bezeichneten Claudicatio intermittens oder allergischen Hautreaktionen ist die Kompressionstherapie sogar kontraindiziert. Die Einnahme von Rosskastaniensamen-Extrakt ist eine wirksame Alternative zur Kompressionstherapie.

Die Effizienz der Therapie mit Rosskastaniensamen-Extrakt wies unter anderem Professor Dr. Curt Diehm am SRH-Klinikum Karlsbad-Langensteinbach nach. Diehm führte im Jahr 1996 eine Studie mit 240 Probanden durch. Alle litten an CVI entweder im Stadium I (erweiterte kleine Venengeflechte an den Fußknöcheln) oder im Stadium II (verschiedene Hautveränderungen wie Ekzeme oder Verhärtungen). Er bildete drei Gruppen: Die erste erhielt morgens und abends jeweils Rosskastaniensamen-Trockenextrakt in einer Dosierung von 50 mg Aescin (Venostasin retard®). Die zweite Gruppe erhielt Placebo, und die dritte trug nur Kompressionsstrümpfe der Klasse 2. Die dritte Gruppe erhielt vor Studienbeginn eine Woche lang ein Diuretikum, wie es auch in der Startphase der Kompressionstherapie üblich ist. Die Studie dauerte 12 Wochen.

Das Studienergebnis: Mit Ausnahme der Placebogruppe nahm in beiden anderen Probandengruppen das Unterschenkelvolumen, als Maß für die Ödembildung, annähernd gleich ab, in der Aescin-Gruppe um 43 ml, in der Kompressions-Gruppe um 46 ml. Beide Therapien waren damit Placebo signifikant überlegen. In Auswertung der Studie empfiehlt Diehm, die CVI zuerst mit Rosskastaniensamen-Trockenextrakt zu behandeln. Erst wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt, sollte die Kompression zum Einsatz kommen. Auch sei es möglich, beide Verfahren zu kombinieren, wenn der Effekt der Einzeltherapien zu gering sei, so Diehm.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de