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Unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Medikamente als Unfallursache

27.04.2010
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Unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Medikamente als Unfallursache

von Ursula Sellerberg

Nach vorsichtigen Schätzungen sind Arzneimittel die alleinige Ursache für 3 bis 10 Prozent der Verkehrsunfälle oder zumindest dafür mitverantwortlich. Dieses Risiko unterschätzen die meisten Autofahrer.

Medikamente wirken sich ist recht unterschiedlich auf die Fahrtüchtigkeit aus: Manche machen Autofahrer müde, andere leichtsinnig. Einige beeinträchtigen das Sehvermögen, wieder andere die Reak­tionsschnelligkeit. Auf diese Gefahren sollte das Apothekenteam die Patienten hinweisen. Für die sichere Teilnahme am Straßenverkehr und in gleicher Weise für das Bedienen gefährlicher Maschinen sind verschiedene Fähigkeiten wichtig: Man muss die Situation richtig einschätzen, stets wachsam sein sowie Augen, Hände und im Fahrzeug auch die Füße gleichzeitig koordinieren. Praktisch jedes Arzneimittel, das auf das Zentralnervensystem wirkt, kann diese kognitiven Leistungen einschränken. Gefährlich sind zudem Arzneimittel, die die Sehstärke beeinträchtigen. 

Sowohl die erwünschten Wirkungen eines Medikaments als auch seine unerwünschten Wirkungen können die Verkehrssicherheit beeinträchtigen. Einige Autofahrer unterschätzen, wie sehr ihre Leistung vermindert ist, wenn sie beispielsweise aufgrund einer ambulanten Opera­tion Lokalanästhetika gespritzt bekamen. Wie stark ein Medikament die Verkehrstüchtigkeit einschränkt, hängt zum einen vom Arzneistoff selbst ab: der Dosis, der Darreichungsform und der Zeitspanne zwischen Anwendung und Fahrtbeginn. Zum anderen spielen auch Alter, Geschlecht und Gewicht des Patienten eine Rolle ebenso wie Grund- oder Begleiterkrankungen: So schädigen ein Glaukom, Diabetes oder Bluthochdruck langfristig die Augen, wenn sie nicht oder nicht adäquat behandelt werden. Zu hohe Blutzuckerwerte können zu einer metabolischen Acidose und damit zur Bewusstlosigkeit führen.

Keine Grenzwerte für Arzneimittel

Für Alkohol hat der Gesetzgeber genau festgelegt, wann die Fahrtüchtigkeit als eingeschränkt gilt (»Promillegrenzen« siehe Kasten). Wesentlich komplizierter ist die Beurteilung der Fahrtauglichkeit nach der Einnahme von Medikamenten, weil bislang keine Grenzwerte für Arzneistoffe im Blut existieren. Zumindest wenn ein Patient ein Arzneimittel erstmalig einnimmt, sollten PTA und Apotheker ihn auf mögliche Gefahren hinweisen. Die dazu nötigen Informationen entnehmen sie am besten der ABDA-Datenbank oder den Packungsbeilagen der Arzneimittel. 

Promillegrenze für Alkohol

Misst die Polizei bei einer Kontrolle in der Atemluft des Autofahrers mehr als 0,5 Promille Ethanol, kann sie ihm den Führerschein entziehen. Fällt ihnen der Fahrer durch Fahrfehler auf oder ist er an einem Unfall beteiligt, gilt der Grenzwert von 0,3 Promille. Fahranfänger müssen sich an die Null-Promille-Grenze halten.

Beispiele für Arzneimittel, die die Fähigkeit zum Autofahren oder Bedienen einer Maschine besonders einschränken, enthält die Tabelle rechts. Die Wirkstoffe innerhalb der einzelnen Gruppen besitzen ein sehr unterschiedliches Gefährdungspotenzial. Bei einigen ist die Fahrtüchtigkeit nur zu Therapiebeginn eingeschränkt. Je nach Arzneistoff ist sie so stark herabgesetzt, als hätte man über 0,5 Promille Alkohol im Blut.

Bleierne Müdigkeit

Logischerweise verzögern Beruhigungs- und Schlafmittel immer die Reaktionszeit. Benzodiazepine gehören daher auch zu den Arzneimitteln, die am häufigsten zu Verkehrsunfällen führen. Setzen sich Benzodiazepin-Patienten hinter das Steuer eines Autos, ist das Unfallrisiko dadurch bis zu fünffach erhöht. Im Beratungsgespräch sollten PTA und Apotheker dem Patienten den wichtigen Hinweis geben, dass er sein Schlafmittel frühzeitig am Abend einnehmen soll und nicht erst mitten in der Nacht. Wie lange die Sedierung als »hang-over« am nächsten Morgen noch anhält, hängt von der Halbwertszeit des Wirkstoffs und der eingenommenen Dosis ab. Für länger wirkende Substanzen wie Flunitrazepam (zum Beispiel Rohypnol®) gilt, dass Patienten 24 Stunden nach der letzten Einnahme kein Fahrzeug führen dürfen. 

Bei der Beurteilung der Fahrtauglichkeit spielt die Gewöhnung des Patienten ebenfalls eine Rolle. Nimmt er trotz der bekannten Abhängigkeitsgefahr Benzodiazepine längerfristig ein, kann der Patient nach Abklärung durch den Arzt während der Therapie durchaus fahrtauglich sein. Ohne Rücksprache mit dem Arzt sollte er das Benzodiazepin nicht abrupt absetzen, denn auch dies kann sein Fahrverhalten verändern.

Rezeptfreie Schlafmittel können die Reaktionsfähigkeit ebenso einschränken wie die stärker wirksamen verschreibungspflichtigen. Das gilt besonders zu Beginn der Einnahme und vor allem für Antihistaminika wie Diphenhydramin (zum Beispiel Betadorm®-D) oder Doxylamin (zum Beispiel Hoggar® Night). Beide Arzneistoffe baut der Körper mit zunehmendem Alter langsamer ab. Darüber sollten PTA und Apotheker vor allem ältere Kunden gezielt informieren. Die gegen Allergien eingesetzten »neueren« Antihistaminika wirken nicht sedierend und beeinflussen das Reaktionsvermögen nicht.

Sedierende Phytopharmaka

Auch pflanzliche Schlafmittel können zu einem hang-over führen. Hochdosierter Baldrianextrakt (zum Beispiel Baldriparan® stark für die Nacht) kann das Reaktionsvermögen bis zu zwei Stunden nach der Einnahme einschränken. Nimmt der Patient Baldrian frühzeitig abends ein, muss er am nächsten Morgen nicht mit Schläfrigkeit rechnen. Alle Schlafmittel, rezeptpflichtig oder frei verkäuflich, verbieten den gleichzeitigen Genuss von Alkohol, denn die gegenseitige Wirkungsverstärkung kann zu starken Leistungseinbußen führen. 

Auch Medikamente, die nicht zum Schlafen oder Beruhigen dienen, haben sedierende Nebenwirkungen und schränken die Reaktionsfähigkeit ein. Dazu gehören starke Schmerzmittel und Psychopharmaka. PTA und Apotheker sollten Patienten, die erstmals ein entsprechendes Rezept vorlegen, gezielt auf diese Nebenwirkung hinweisen. 

Generell muss der Patient nach Einnahme eines Psychopharmakons damit rechnen, dass seine Aufmerksamkeit beeinträchtigt ist. Dies kann entweder ein Symptom der Erkrankung, eine Nebenwirkung oder die Kombination aus beidem sein. Zum Beratungsgespräch gehört auch der Hinweis auf mögliche Wechselwirkungen mit Alkohol. 

Für Patienten, die Fahrzeuge oder Maschinen bedienen, sind die SSRI (selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer) wie Fluoxetin (zum Beispiel Fluctin®), Paroxetin (zum Beispiel Seroxat®) oder Citalopram (zum Beispiel Cipramil®) besser geeignet als tri- oder tetrazyklische Antidepressiva. Auch während einer ärztlich überwachten Dauertherapie mit Neuroleptika ist die Teilnahme am Straßenverkehr oft möglich. Hier unterscheiden sich die Wirkstoffe ebenfalls hinsichtlich des Risikopotenzials: Stark sedierend wirken Clozapin (zum Beispiel Leponex®) oder Olanzapin (zum Beispiel Zyprexa®).

Schlechte Sicht

Starke Schmerzmittel erfordern in der Einstellungsphase meist ein vollständiges Fahrverbot. Nimmt der Patient die Arzneimittel längerfristig ein, muss der Arzt entscheiden, ob er aktiv am Straßenverkehr teilnehmen darf. Opioide können zusätzlich die Pupillen verengen, was das Sehen bei nächtlichen Autofahrten erschwert. 

Relevante Arzneimittelgruppen (Beispiele)

  • Hypnotika und Sedativa (teilweise rezeptfrei) 
  • Psychopharmaka wie Antidepressiva, Neuroleptika oder Stimulanzien
  • Antiepileptika 
  • Parkinsonmittel
  • Opioide Analgetika 
  • Ophthalmika 

Parkinsonpatienten sind schon krankheitsbedingt tagsüber oft müde. Einige Parkinsonmittel wie Pramipexol (zum Beispiel Sifrol®) oder Ropinirol (zum Beispiel Requip®) können Einschlafattacken hervorrufen, was bereits in der Vergangenheit zu Aufsehen erregenden Unfällen geführt hat. Patienten, die plötzlich schläfrig werden oder sogar einschlafen, ist das Autofahren verboten. Dasselbe gilt für Arbeiten, bei denen sie sich verletzen könnten. Diese Einschränkung gilt so lange, bis die Episoden plötzlicher Schläfrigkeit ausbleiben. Der Patient muss dann mit dem Arzt besprechen, ab wann er wieder Autofahren darf. 

Wichtig für die Beratung: Für Epileptiker kann sogar ein Präparatewechsel trotz identischen Wirkstoffs kritisch werden, wenn beispielsweise ein Rabattvertrag dies vorschreibt. Hier kann der Apotheker im Einzelfall pharmazeutische Bedenken gegen die Substitution geltend machen.

Im Straßenverkehr ist gutes Sehen eine Grundvoraussetzung. Folglich sollten Auto­fahrer Augensalben oder ölige Augen­tropfen unabhängig vom Wirkstoff nicht direkt vor Antritt einer Fahrt anwenden, weil die Arzneiträger den Blick verschleiern. Die Fahrsicherheit verringern außerdem Arzneistoffe, die die Pupillen erweitern oder verengen. Patienten, die häufig nachts fahren müssen, sind durch diese besonders gefährdet.

Pupillenerweiternd wirken unter an­derem Atropin und Cyclopentolat. Der ­Augenarzt setzt sie lokal vor allem zur ­Diagnose ein. Solange sie wirken, gilt ein Fahrverbot, denn sie vermindern die Sehschärfe und erhöhen die Blendungsgefahr. 

Für das Beratungsgespräch in der Apotheke ist wichtig: Auch rezeptfreie Augentropfen mit den Wirkstoffen Tetryzolin (zum Beispiel Berberil®) oder Naphazolin (zum Beispiel Proculin®) sollten nur maximal sieben bis zehn Tage eingesetzt werden. Auch sie erweitern in seltenen Fällen die Pupillen (Mydriasis), sodass die Patienten nur noch verschwommen sehen. 

Arzneimittel gegen erhöhten Augeninnendruck (Glaukom) verengen die Pupillen. Dazu gehören Pilocarpin (zum Beispiel Pilomann®) oder Carbachol (Isopto Carbachol®). Auch einige Opioide bewirken eine Pupillenverengung. Durch den verminderten Lichteinfall sehen Patienten in der Dämmerung oder nachts schlechter. Diese Arzneistoffe stören auch das räumliche Sehen. Nach einer Einstellungsphase können die Patienten dennoch Auto fahren.

Die Carboanhydrasehemmer Brinzolamid (zum Beispiel Azopt®) und Dorzolamid (zum Beispiel Trusopt®) können vorübergehend die Sicht verschwimmen lassen. In diesem Fall sollte der Patient mit dem Autofahren warten, bis die Beeinträchtigung verschwunden ist. 

Alkohol in Arzneimitteln

Flüssige Darreichungsformen und auch viele Rezepturen enthalten Alkohol, zum Beispiel als Lösungs- oder Konservierungsmittel. Auch der Alkoholgehalt einiger frei verkäuflicher »Stärkungs- und Nervenmittel« ist teilweise beträchtlich. Die Einnahme eines alkoholhaltigen Medikaments ist grundsätzlich kritisch im Hinblick auf die Fahrtüchtigkeit. Je nach Alkoholmenge müssen diese Arzneimittel entsprechend der Arzneimittelwarnhinweis-Verordnung gekennzeichnet sein: Ab 0,5 Gramm Alkohol pro oraler Einzeldosis müssen die Hersteller Warnhinweise in die Packungsbeilage aufnehmen. Allerdings ist die in einer Arzneimitteldosis enthaltene Alkoholmenge meist deutlich geringer als in einem Glas Wein oder Bier. Doch manchmal wirken sich auch schon kleine Mengen Alkohol durch Wechselwirkungen mit verschiedenen Medikamenten fatal aus. Alkohol kann die Wirkung von Arzneimitteln abschwächen oder verstärken, umgekehrt können diese die Wirkung des Alkohols erhöhen. Diese Effekte sind oft kaum vorhersehbar. Alkohol verstärkt zum Beispiel die dämpfenden Nebenwirkungen von Psychopharmaka und Schmerzmitteln. Umgekehrt hemmen Arzneistoffe wie Metronidazol das Enzym Aldehyd­dehydrogenase (ADH), das für den Abbau von Alkohol wichtig ist. Dann führen auch geringe Mengen Alkohol bei den Patienten am nächsten Tag zu einem furchtbaren »Kater« (»Antabus®-Effekt«).

Fazit

Arzneimittel sind aus ganz unterschiedlichen Gründen ein Risiko für die Verkehrssicherheit. Die ausführliche Beratung durch PTA oder Apotheker ist daher eine wichtige Ergänzung zur Packungsbeilage, die manche Patienten gar nicht lesen. Grundsätzlich gilt: Jeder muss seine Leistungsfähigkeit vor Fahrtantritt selbst einschätzen. Wer Zweifel hegt, sollte sich nicht ans Steuer setzen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de